Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Auf nach «Blockadia» gegen den Raubbau

«Die Skeptiker des Klimawandels haben recht», sagt Naomi Klein in ihrem lesenswerten neuen Buch: Echten Klimaschutz gebe es nur, wenn der Kapitalismus grundlegend verändert werde.

Von Bernhard Pötter

Es war nur ein kleines Zeitfenster für das Klima, und es verstrich ungenutzt: 2009, im Jahr vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, wurde in den USA die neoliberale Ideologie durch die Finanzkrise entzaubert, die Banken waren am Boden, die Autoindustrie praktisch verstaatlicht. Die Obama-Regierung war mit ökologischem Schwung ins Amt gelangt und legte ein milliardenschweres Investitionsprogramm auf. Warum wurde daraus nichts? Naomi Klein hat eine Antwort: «Obama wurde durch die mächtige Ideologie gestoppt, die ihn und alle anderen überzeugt hatte, dass es falsch sei, Unternehmen zu sagen, wie sie handeln sollen, selbst wenn sie die Firma gegen die Wand fahren. Und dass es etwas zutiefst Böses sei, wenn man einen Plan für eine Wirtschaft hat, wie wir sie brauchen, selbst in einer existenziellen Krise.»

Fünf Jahre liess sich Naomi Klein, die kanadische Journalistin und Ikone der globalisierungskritischen Bewegung, für ihr neues Buch Zeit. Nach den Bestsellern «No Logo» (2000) und «Die Schock-Strategie» (2007), in denen sie die Wirkungsweisen von multinationalen Konzernen und neokonservativen IdeologInnen skandalisierte, beschreibt Klein in «This Changes Everything. Capitalism vs. the Climate», dass wirksamer Klimaschutz ohne eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems nicht zu haben sei – und dass der Kampf fürs Klima der gleiche sei wie für Arbeitnehmerrechte und einen funktionierenden Staat. «Nur eine massenhafte soziale Bewegung kann uns noch retten.»

Alles beginnt mit Neinsagen

«Die Skeptiker des Klimawandels haben recht», provoziert Klein – zwar nicht mit der realitätsblinden Verneinung des Klimawandels, sondern mit der Analyse, echte Klimapolitik führe zu massiver Umverteilung und zum Ende des jetzigen Kapitalismus. Das habe verhindert, dass es mit dem Klimaschutz vorangehe. Selbst WissenschaftlerInnen würden einfacher akzeptieren, die Erde zu verwüsten, «als dass wir die fundamentale wachstumsbasierte und profitorientierte Logik des Kapitalismus ändern».

Klein untermauert ihre Analysen mit sorgfältiger Recherche. Sie befreit die Klimadebatte aus den Diskussionen über Emissionsreduzierungen und UN-Konferenzen. Für sie ist klar: Eine Ökonomie, die nicht auf brutale Rohstoffextraktion um jeden Preis setzt und nicht noch das letzte Öl aus der Tiefsee und der Arktis presst, müsste wieder für Menschen statt für Profite gemacht werden. Sie müsste Regierungen haben, die nicht durch Grossspenden der Industrie korrumpiert sind. Und sie bräuchte starke Gewerkschaften und eine Bevölkerung, der an öffentlichen Schulen und dank einer allgemeinen Krankenversicherung die Angst vor Veränderung genommen wird. «Eine kleine Kohlenstoffsteuer kann deshalb viel weniger bewirken als ein Mindestlohn.»

Vor allem, so Klein, müsste eine Regierung in der Lage sein, Nein zu sagen, wenn InvestorInnen anklopfen, um die letzten Gasreserven zu fracken. Da hat sie die Internationale Energieagentur auf ihrer Seite, die feststellt, dass zwei Drittel der weltweiten Reserven an Öl und Kohle im Boden bleiben müssen, wenn der Klimaschutz eine Chance haben soll.

Die Systemfrage stellen

Klein versteht es, die Abläufe im internationalen US-dominierten Rohstoffkapitalismus packend zu schildern und ihre weiten Reisen als Reportagefarbtupfer einzusetzen. Nebenbei rechnet sie noch mit dem einen oder anderen «grünen Messias» ab – mit Microsoft-Gründer Bill Gates etwa oder mit jenen grossen US-Umweltverbänden, die eng mit der Wirtschaft verflochten sind. Für Klein sind sie Teile des Problems, nicht der Lösung.

Lösungsansätze findet sie in einem Bereich, den sie «Blockadia» nennt – ein Kunstwort, das alle Formen des Widerstands gegen den Raubbau an den menschlichen und ökologischen Ressourcen einschliesst: vom Widerstand gegen eine Goldmine in Griechenland über die Occupy-Bewegung bis zu den juristischen Kämpfen der UreinwohnerInnen Nordamerikas oder der «Divestment»-Bewegung, die überall ihr Geld aus den Rohstoffindustrien abzieht. Die KlimaschützerInnen müssten das «unerledigte Geschäft der Freiheitsbewegungen» aufnehmen, um ein Katalysator zu werden für den «Aufbau einer Welt, die uns allen Sicherheit bietet. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel, und die Zeit ist zu kurz, um sich mit weniger zufriedenzugeben.»

«This Changes Everything» hat auch blinde Flecken. Klein sieht das Thema trotz aller Reisen vorwiegend aus nordamerikanischer Sicht. Schuld tragen für sie vor allem die gierigen privaten Konzerne – doch ein Grossteil der fossilen Reserven und der Emissionen kommen inzwischen aus den staatlichen und halbstaatlichen Energiekombinaten in China, Indien, Südafrika oder Russland. Klein übersieht die Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut, die durch die Ausbeutung der Rohstoffe überall erreicht werden. Und sie ignoriert die Rolle, die die Schwellenländer inzwischen in der Welt spielen.

Doch das sind Details. Naomi Klein hat ein Buch geschrieben, das die zentralen Probleme aufnimmt und endlich auch beim Klima die Systemfrage stellt. Wer beim Klimawandel mitreden will, wird darum nicht herumkommen.

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