Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

«Wir brauchen dringend staatliche Unterstützung»

Während die Schweiz auf einen möglichen Ebolafall gut vorbereitet ist, bleibt die Lage in Sierra Leone, Liberia und Guinea prekär. Die Schweiz hat ihr Engagement endlich intensiviert – und schickt ausgerechnet Militär nach Westafrika.

Von Corina Fistarol und Jan Jirát

Es braucht mehr Material, es braucht mehr Geld, vor allem braucht es mehr medizinisch ausgebildetes Personal: In Kenema im Süden von Sierra Leone werden Menschen vor dem Spitalbesuch desinfiziert. Foto: Luigi Baldelli, Echo Photo Agency

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt in Westafrika bereits 10 000 Ebolaerkrankungen und knapp 5000 Tote; ExpertInnen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Die internationale Gemeinschaft unter Federführung der WHO hat viel zu lange zögerlich reagiert. Seit sich eine US-amerikanische und eine spanische Krankenschwester infizierten, wird Ebola aber endlich als globale Herausforderung wahrgenommen. Mittlerweile ist sogar ein Impfstoff in Aussicht gestellt worden (vgl. «Jemand muss jetzt verflixt noch mal die Sache richtig organisieren!»).

Auch die Schweiz engagiert sich zunehmend. So hat das Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zusätzliche SicherheitsexpertInnen, einen Nothilfekoordinator und einen Logistiker in ihr Büro in Liberias Hauptstadt Monrovia geschickt. Bereits im September organisierte das Deza eine Abklärungsmission in Liberia und definierte Schwerpunkte für die Ebolabekämpfung, zudem unterstützte es die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mit 1,5 Millionen Franken. Insgesamt hat die Schweizer Regierung bisher rund neun Millionen Franken gesprochen: für die Unterstützung von Hilfsorganisationen, aber auch für den Kauf von Schutzanzügen und medizinischem Material sowie für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.

Militärlogistische Unterstützung?

Nun möchte der Bundesrat zusätzlich die Schweizer Armee einsetzen. Denn die Uno hat um Unterstützung der Mission «Ebola Emergency Response» gebeten. «Es wird abgeklärt, ob die Armee einen Beitrag im Bereich der Lufttransporte für humanitäres Personal und Hilfsgüter in Liberia leisten kann. Zudem wird der Einsatz von freiwilligem Armeepersonal geprüft.» So eine Mitteilung des Deza vom 15. Oktober. Derzeit ist eine «Erkundungsmission» unterwegs.

Wer was, wie und wo in Erfahrung bringen möchte, darüber will das Verteidigungsdepartement (VBS) erst Auskunft geben, «wenn der Bundesrat nach Abschluss der Erkundung einen Entscheid gefällt hat», so der VBS-Sprecher Renato Kalbermatten.

Zahlreiche NGOs lehnen die Militarisierung der Entwicklungshilfe eigentlich ab. Doch momentan sei «eine militärlogistische Unterstützung angesichts des massiven und sofortigen Bedarfs an Personal und Logistikkapazitäten unerlässlich», sagt Martin Leschhorn vom Netzwerk Medicus Mundi Schweiz.

Lob für Kubas ÄrztInnen

Während die internationale Gemeinschaft noch zögerte, schlug MSF bereits im Frühling Alarm: Die Seuche drohe sich auszuweiten, es brauche mehr Material und Geld, vor allem aber mehr medizinisch ausgebildetes Personal. Hugues Robert, Leiter der Katastrophenhilfe von MSF Schweiz, ist kürzlich aus Liberia zurückgekehrt. «Ich bin froh, dass die internationale Gemeinschaft endlich eingesehen hat, dass diese hoch ansteckende Krankheit weite Kreise ziehen kann», sagt er gegenüber der WOZ. Nach wie vor mangle es in erster Linie an ausgebildeten Leuten vor Ort. MSF ist mit 3018 inländischen und 270 ausländischen Fachpersonen, davon zurzeit 3 aus der Schweiz, in den betroffenen Ländern aktiv. Aber noch immer fehlen vorwiegend ÄrztInnen, Pflegepersonal und medizinisch ausgebildete Leute. Lokale Hilfe sei kaum mehr zu erwarten: Im kriegsversehrten Liberia mussten sich schon vor dem ersten Ebolaausbruch knapp vier Millionen Menschen mit weniger als fünfzig ÄrztInnen zufriedengeben.

Das Engagement von verschiedenen nichtstaatlichen Organisationen in den betroffenen westafrikanischen Ländern reiche aber nicht. «Wir brauchen dringend staatliche Unterstützung», fordert Hugues Robert. Er lobt Kuba, das ÄrztInnen schickt, erwähnt Britannien, das seine ehemalige Kolonie Sierra Leone finanziell und materiell unterstützt, und die USA, die Liberia mit militärischen Mitteln unter die Arme greifen.

Auch die afrikanischen Staaten reagieren mittlerweile. Sie wollen gemeinsam tausend medizinische HelferInnen und Fachkräfte in die betroffenen Länder senden. Das verkündete die Afrikanische Union vergangene Woche. Vor Ort sind bisher aber weniger als hundert Helfende eingetroffen, die restlichen müssen zuerst noch von der WHO geschult werden.

Mit dem Auftauchen von Ebolafällen in Europa und den USA hat dort auch die Angst vor dem Virus zugenommen. Doch die westlichen Staaten sind gut vorbereitet, um auf Ebolafälle zu reagieren (vgl. «Was Behörden und Spitäler planen» im Anschluss an diesen Text). Das Virus wird sich hier voraussichtlich nicht ausbreiten. Ganz anders als in den drei westafrikanischen Staaten, wo die vorhandenen Gesundheitssysteme praktisch zusammengebrochen sind und sich eine humanitäre Katastrophe abspielt.

Vor diesem Hintergrund ist der Versuch von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, mit seinem Hirngespinst einer Massenflucht vor dem Virus politisch Kapital zu schlagen, einfach nur zynisch. Solche Äusserungen führen höchstens dazu, dass MSF und WHO Schwierigkeiten haben, qualifizierte Menschen zu finden, die bereit sind, vor Ort zu arbeiten – und zwar nicht hier, sondern dort, wo die Krankheit wütet.

Ebola-Szenario

Was Behörden und Spitäler planen

«Es kann auch in der Schweiz einmal einen Ebolafall geben. Dass sich das Virus hier ausbreitet, ist hingegen praktisch ausgeschlossen», sagt Daniel Koch, der beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Abteilung Übertragbare Krankheiten leitet.

Das derzeit wahrscheinlichste Szenario ist gemäss Koch, dass sich ein Helfer in Westafrika mit Ebola ansteckt. Wie alle Personen, die einen Einsatz im Krisengebiet geleistet haben, würde der Infizierte nach seiner Rückkehr beim BAG erfasst, und er wäre verpflichtet, innerhalb der Inkubationszeit von 21 Tagen täglich Fieber zu messen. Bei einer erhöhten Temperatur würde das BAG in Absprache mit SpezialistInnen und dem zuständigen kantonsärztlichen Dienst umgehend entscheiden, in welches Spital der angesteckte Helfer unter allen Sicherheitsvorkehrungen gebracht wird. Die Schweizer Unispitäler und weitere grössere Krankenhäuser sind auf ein solches Szenario vorbereitet. Die nötigen Isolationsplätze stehen bereit, das Personal ist geschult. 

Fiele der Ebolatest positiv aus, bliebe der Helfer in Isolation und erhielte intensive Pflege. «Die Heilungschancen im Westen sind hoch», sagt Koch. «Dies dank der intensiven Pflege, die beispielsweise der Dehydration vorbeugt, das Fieber senkt oder Atmung und Ernährung künstlich unterstützt.»

Die Ansteckungsgefahr für das Pflegepersonal liege praktisch bei null, auch weil man aus den einzelnen Ansteckungen in Spanien und den USA gelernt habe. «Ganz wichtig ist etwa das vorsichtige Abziehen des Ganzkörperschutzanzugs.» Für Angehörige wäre es dank dieses Anzugs sogar möglich, den Kranken zu besuchen. 

Sollte der kranke Helfer wider Erwarten am Ebolavirus sterben, sei allerdings keine normale Beerdigung möglich, sagt Daniel Koch. «Der Leichnam müsste kremiert und das Material, mit dem der Helfer zuvor in Kontakt kam, vernichtet werden.»

Die Öffentlichkeit würde nach einem positiven Ebolatest umgehend und umfassend informiert. «In so einer Situation ist es sehr wichtig, frühzeitig und transparent zu informieren, um keine unnötigen Ängste zu schüren», so Koch.

Jan Jirát

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