Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

«Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir handeln müssen»

Ist die Welt noch zu retten? Der eben veröffentliche Synthesebericht des Weltklimarats IPCC zeichnet ein scharfes Bild der drohenden Gefahren. Der Vorsitzende Rajendra Pachauri bleibt optimistisch.

Interview: Franziska Meister

Rajendra Pachauri. Foto: T. Reufer, Universität Bern

WOZ: Herr Pachauri, Sie müssen müde sein – eine Woche Marathonverhandlungen über die Schlussformulierungen im IPCC-Synthesebericht, gestern die Medienkonferenz in Kopenhagen, heute ein weiterer Vortrag in Bern …
Rajendra Pachauri: Eigentlich kamen wir letzte Woche gar nicht zum Schlafen – die Sessionen dauerten bis vier, manchmal bis sechs Uhr morgens. Für mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf hat es nie gereicht. Und als Chairman muss man immer voll konzentriert bei der Sache sein. Aber es hat Spass gemacht.

Spass? Sie arbeiten schon seit über zwanzig Jahren für den Weltklimarat – ist es nicht frustrierend zu beobachten, wie wenig auf der politischen Ebene tatsächlich getan wird, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?
Nicht wirklich. Um ein Bewusstsein zu entwickeln für ein so umfassendes und komplexes Phänomen wie den Klimawandel, braucht es einfach Zeit. Und ehrlich gesagt hat sich die Wissenschaftsgemeinschaft in der Vergangenheit auch nicht genügend darum gekümmert, ihre Erkenntnisse zu verbreiten. Das wollen wir jetzt besser machen. Ich bin zuversichtlich, dass sich das Verständnis heute auf ein Niveau zubewegt, das die Politiker zum Handeln zwingt. Denn natürlich sind bereits über zwanzig Jahre vergangen – aber die Menschen brauchen Zeit, um zu verstehen, ihre Haltung und schliesslich auch ihr Verhalten zu ändern.

Können wir uns weitere Verzögerungen überhaupt noch leisten?
Nein, diesen Luxus können wir uns nicht länger leisten. Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir handeln müssen; hinausschieben ist keine Option mehr.

Gleichzeitig, so scheint mir, wird gerade in Europa immer weniger über die wissenschaftlichen Resultate der Klimaforschung berichtet oder darüber, wie man die Klimaerwärmung noch rechtzeitig stoppen könnte.
Ihre Einschätzung überrascht mich! Ich habe ein grosses Medieninteresse wahrgenommen an jedem einzelnen unserer drei Teilreporte zum fünften Sachstandsbericht. Natürlich: Die Menschen beschäftigt die ökonomische Situation, sie haben Angst um ihren Job. Jetzt muss ihnen vermittelt werden, dass Massnahmen gegen den Klimawandel auch ökonomisches Potenzial bergen, dass dank ihnen die Wirtschaft wiederbelebt und neue Jobs geschaffen werden können.

Dass Massnahmen gegen den Klimawandel das ökonomische Wachstum nicht gefährden, sondern im Gegenteil fördern, streicht auch der Synthesebericht heraus. Kann denn diese Wachstumsideologie überhaupt nachhaltig sein?
Natürlich darf man das Ganze nicht einfach als Wachstums- oder Entwicklungsthema betrachten. Ethische Aspekte, Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Stabilität, Frieden – solche Themen müssen unbedingt berücksichtigt werden. All dies steht auf dem Spiel, wenn wir jetzt nicht aktiv werden.

Weil gerade die Ärmsten in den Regionen des Südens am stärksten vom Klimawandel betroffen sind?
In der Tat: Der Klimawandel wird Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertreiben – und das wird zu Problemen auf der ganzen Welt führen, vielleicht sogar die soziale Stabilität und den Frieden gefährden. Wir müssen uns dessen bewusst werden, dass wir alle auf einem Planeten leben und dass dieser Planet am Schrumpfen ist.

Der Synthesebericht macht unmissverständlich klar: Das fossile Zeitalter muss enden. Wie ist das zu schaffen angesichts zunehmender Abholzung des Regenwalds und wachsenden Kohleabbaus?
Beiden Entwicklungen müssen sich die Menschen entgegenstellen. Vor allem die Abholzung des Regenwalds muss gestoppt werden, sie hätte schon gestern aufhören sollen. Und wollen wir weiterhin mit Kohle Energie erzeugen, dann unter der Bedingung, dass das CO2 mittels CCS-Technologie im Boden gespeichert wird; ansonsten muss die Energieerzeugung bis ins Jahr 2100 frei von fossilen Brennstoffen sein. Je länger wir konkrete Massnahmen hinauszögern, desto höher werden die Kosten sein, um die Klimaerwärmung noch begrenzen zu können.

Bundesrätin Doris Leuthard hat die Schweiz als Vorzeigenation herausgestrichen, weil sie den Anteil fossiler Energien am Gesamtverbrauch von heute 79 auf 54 Prozent im Jahr 2035 senken will. Reicht das tatsächlich?
Das müssen die Schweizer entscheiden. Unsere Szenarien zeigen klar, dass sich die Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens die Hälfte verringern müssen. Eigentlich hoffe ich, dass sich die Schweiz als eine führende Nation hervortun wird, nicht zuletzt aufgrund der hohen technologischen Innovationskraft des Landes. Und was in der Schweiz an Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel entwickelt wird, kann weltweit positive Auswirkungen haben. Aber selbst das positivste Szenario ist kein Nirwana, kein Paradies – vor uns liegt eine sehr schwierige Zukunft mit steigendem Meeresspiegel, mehr und extremeren Überschwemmungen und Dürreperioden.

In vier Wochen beginnt der Klimagipfel in Lima. Glauben Sie persönlich daran, dass diese Klimakonferenzen politische Entscheidungsträger zu vereintem Handeln bringen können?
Nun, das ist «the only issue in town» – einen andern Weg gibt es nicht. Solange sich nicht alle Länder dieser Welt darin einig sind, konkrete Massnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen und am selben Strick zu ziehen, werden Einzelaktionen immer hinter dem zurückbleiben, was eigentlich nötig wäre. Und ein anderes Gremium als die Uno kann ich mir schlicht nicht als Rahmen vorstellen, innerhalb dessen ein solches Bündnis zustande kommen und wirksam werden könnte. Aber grundsätzlich wird jeder und jede einzelne von uns aktiv werden müssen im Kampf gegen den Klimawandel. Nur so kriegen wir ihn in den Griff.

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