Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Europa, made in Duisburg

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft kamen in den letzten Jahren Tausende Roma nach Duisburg. Dort trafen sie auf Menschen, die den sozialen Abstieg fürchten. Die Stadt ist überfordert.

Von Meret Michel (Text) und Dominik Asbach, Laif (Fotos)

Elvis Aurel ist 23. Mit seinem kantigen Gesicht sieht er aus wie Bushido. Zumindest könnte man ihn sich ohne weiteres als Rapper auf einer Bühne vorstellen: Graue Trainerhose, auf seinen Oberarmen lugen Tattoos unter den Shirt-Ärmeln hervor. Er sitzt mit verschränkten Armen in einer türkischen Imbissbude unweit seiner Wohnung im Duisburger Stadtteil Marxloh und wirkt abweisend. Auf einer Bühne ist Elvis vermutlich noch nie gestanden. Sein Geld verdient er nicht mit Musik, sondern mit Schrottsammeln. Seit fünf Jahren lebt er nun schon mit seiner Frau und seinen Kindern in Duisburg; ursprünglich kommt er aus der Kleinstadt Lugog im Westen Rumäniens. «Mein Land ist tot», sagt er. «Für jemanden wie mich gibt es dort keine Arbeit, keine Zukunft.»

Deutschland erlebt derzeit eine neue Form der Zuwanderung. Neben Ärzten und Ingenieurinnen und nebst Tausenden von Flüchtlingen migrierten in den letzten Jahren immer mehr Roma aus den EU-Oststaaten Rumänien und Bulgarien nach Deutschland. In ihren Heimatländern sehen sie keine Perspektive. Hier, so hoffen sie, gibt es auch für sie ein Stück Wohlstand. Die meisten Roma haben keine Berufsausbildung, viele nicht einmal die Schule abgeschlossen. Im Gegensatz zu den FacharbeiterInnen haben sie in Deutschland allerdings kaum Chancen, eine reguläre Arbeitsstelle zu finden; stattdessen versuchen viele, als Tagelöhner auf dem «Arbeiterstrich» wenigstens zwanzig Euro am Tag zu verdienen. Denn anders als bei AsylbewerberInnen fühlt sich für sie niemand verantwortlich.

Wer wissen will, wie Deutschland zurzeit mit der Armutszuwanderung umgeht, muss nach Marxloh fahren. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der in Duisburg lebenden rumänischen und bulgarischen MigrantInnen verdoppelt – mittlerweile leben in Marxloh über 2000 der insgesamt rund 10 000 ZuwanderInnen in Duisburg. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, denn viele sind nicht angemeldet. Auch Städte wie Dortmund oder Gelsenkirchen verzeichnen eine hohe Zuwanderung aus den EU-Oststaaten, doch wies Duisburg vergangenes Jahr den grössten Zuwachs auf.

Dabei ist die Zukunft der ZuwanderInnen hier höchst ungewiss: Wegen der Stahlkrise brachen im Ruhrgebiet Tausende Arbeitsplätze weg, mit über dreizehn Prozent liegt die Duisburger Arbeitslosenquote deutlich über dem deutschen Durchschnitt. Betroffen davon sind vor allem einzelne Stadtteile, darunter auch Marxloh. Im ehemaligen ArbeiterInnenviertel ist die Arbeitslosigkeit noch höher als in Duisburg insgesamt; viele Menschen ziehen weg und hinterlassen ganze Strassenzüge mit leer stehenden, sanierungsbedürftigen Häusern. Wer noch hier ist, arbeitet entweder beim angrenzenden Stahlwerk Thyssen-Krupp oder schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, meist schwarz. Und so treffen die Neuankömmlinge auf Menschen, die den sozialen Abstieg fürchten.

Kohle und Stahl, das war einmal

Sigi, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen will, sitzt am frühen Nachmittag mit einer Gruppe Leute vor der Pizzeria Pollmann in der Kaiser-Wilhelm-Strasse. Auf den Tischen stehen Pilsener-Flaschen. Sigi klagt über Rückenschmerzen, und darüber, dass Marxloh den Bach runtergehe. «Zu viel Multikulti», sagt er und zieht an einer Selbstgedrehten. «Wenn ich könnte, würde ich wegziehen.» Anderswo aber seien die Mieten zu hoch. Sigi hat sein ganzes Leben im nahe gelegenen Stahlwerk von Thyssen-Krupp gearbeitet – bis seine Bandscheiben den Strapazen nicht mehr standhielten. Seither sitzt er bei Pollmann und trinkt Pils.

«Früher kamen die Leute aus der Innenstadt zum Einkaufsbummel hierher», sagt Sigi. Nach dem Krieg war die Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet der Motor des deutschen Wirtschaftswunders. Bis in die siebziger Jahre galt Marxloh in Duisburg als Vorzeigeviertel, es gab Kneipen, in denen sich die ArbeiterInnen trafen, Trinkhallen – eine Art Kiosk mit Ladencharakter – Eisdielen, Kinos. Die Weseler Strasse, die Marxloh von Süden nach Norden durchschneidet, war die Einkaufsmeile der Stadt Duisburg. «Und jetzt? Schau dich mal um.» Auf der anderen Strassenseite sitzen ein paar Frauen auf einer Mauer, um sie herum rennen schreiende Kinder. Von der Häuserfassade dahinter bröckelt der Putz, die Fenster sind staubig, und bei der Hälfte der klapprigen Briefkästen im Eingang fehlt die Abdeckung.

Oben im vierten Stock lebt die Familie Marcu-Porumbità. Das Treppenhaus ist düster, im Hinterhof häuft sich Sperrgut. Die Vierzimmerwohnung ist spärlich möbliert. Ein kaputtes Regal steht im Eingang, im hintersten Schlafzimmer liegt eine Matratze am Boden, ein Baby liegt darauf und schläft. Die halb offene Tür des Kleiderschranks offenbart ein Gewühl von Kleidern, auf dem Schrank steht eine Metalldose mit dem Aufdruck einer 100-Euro-Note. «Im Moment leben 23 Leute hier», sagt Veronika Marcu, während ihre Tochter uns Kaffee bringt. Kinder wuseln herum, und ein paar Frauen schauen neugierig ins Zimmer. Vier Familien, die im Lauf der letzten zwei Jahre aus Bukarest nach Duisburg gekommen sind. «Wir sind Roma», sagt Marcu, «in Rumänien gibt uns niemand Arbeit.» Und vom Kindergeld könnten sie in Rumänien nicht leben: Zehn Euro erhalten sie pro Monat und Kind. «Wie soll ich davon meine Familie ernähren? In Deutschland erhalten wir das Zehnfache. Wir nehmen nur unser Recht als EU-Bürger in Anspruch.»

Roma wollen nicht weiterziehen

«Die Kommunen sind auf diese Art der Zuwanderung nicht vorbereitet», sagt Sebastian Kurtenbach, Soziologe und Experte für Romazuwanderung aus Südosteuropa an der Ruhruniversität in Bochum. «Der armutsgeprägte Teil der Zuwanderer, unter ihnen auch Roma, ist oft hilflos, sie können kein Deutsch und kennen die bürokratischen Abläufe in Deutschland nicht.» Doch für eine enge Betreuung der MigrantInnen fehlten die rechtlichen Grundlagen, denn sie kämen als freie EU-Bürger nach Deutschland. Auch haben sie keinen Anspruch auf Hartz IV, solange sie in einem Land nicht gearbeitet haben, wie der Europäische Gerichtshof vergangene Woche entschieden hat. Die Freizügigkeit ist geschaffen worden für jene, die arbeiten können.

«Natürlich wollen wir arbeiten», sagt Veronika Marcu. Doch weder sie noch ihr Mann Grigore Porumbità haben bisher Arbeit gefunden. Manchmal könne er als Tagelöhner ein paar Euro dazuverdienen. Denn auch wenn das Kindergeld um ein Vielfaches höher ist als in Rumänien, kann sich die Familie davon nur das Minimum leisten. Warme Kleidung für den Winter? Zu wenig Geld.

Einfach darauf zu hoffen, dass arme EU-MigrantInnen wieder gehen, wenn sie keine Arbeit fänden, sei der falsche Ansatz, sagt Kurtenbach. «Stellen Sie sich vor, einer kommt aus Rumänien nach Dortmund und findet nach einem halben Jahr keine Stelle. Er reist nach Holland, um dort in einem Gewächshaus anzuheuern, und dann weiter zur Tomatenernte nach Spanien. Danach kommt er zurück nach Deutschland, etwa nach Duisburg. Das sind vier Sozialarbeiter, die ihn betreuen, vier verschiedene Behörden, drei Sozialsysteme.» Diese transnationale Migration sei ein Fakt, den man nicht ignorieren könne. «Im Kern geht es um die Frage: Wie viel Europa wollen wir?» Oder anders: Wie viel Verantwortung trägt Deutschland für die armen MigrantInnen aus Rumänien und Bulgarien? «Im Moment müssen die Kommunen eine Antwort auf die offenen Fragen im Zusammenhang mit der europäischen Freizügigkeit finden», sagt Kurtenbach.

Duisburg hat die wachsende Zahl der EU-MigrantInnen jahrelang ignoriert. «Der ehemalige CDU-Bürgermeister Adolf Sauerland dachte, die Zuwanderer würden weiterziehen. Es seien schliesslich Roma», sagt Sarah Philipp, SPD-Landtagsabgeordnete der Stadt Duisburg. Sauerland irrte. Deswegen erhielten sie jedoch kaum Unterstützung von der Stadt. «Zeitweise waren um die hundert schulpflichtige Romakinder in Duisburg auf der Strasse, weil es zu wenig Schulplätze gab oder weil die Eltern nicht wussten, wie sie ihr Kind korrekt anmelden mussten.» UnternehmerInnen wiederum nutzen die Notlage aus, indem sie Roma für weniger als fünf Euro die Stunde arbeiten lassen, Frauen arbeiten als Prostituierte, um ihre Kinder ernähren zu können. Inzwischen erzielt das Duisburger Rotlichtviertel die höchsten Umsätze deutschlandweit und übertrifft damit sogar jene der Hamburger Reeperbahn.

ImmobilienbesitzerInnen haben ein lukratives Geschäft darin entdeckt, Häuser an Roma zu vermieten. SpekulantInnen kaufen ganze Häuserzeilen, die leer stehen und verkommen. Ohne Sanierung vermieten sie diese zu Wucherpreisen an die Roma, die das Angebot annehmen – denn alle anderen VermieterInnen lassen Roma nicht in ihre Häuser. Oft sind die Bauten in prekärem Zustand, manche Wohnungen verfügen nicht einmal über Strom. «Manchmal ziehen die BewohnerInnen die Leitungen quer durch das Treppenhaus», sagt Tomas Freitag vom Ordnungsamt der Stadt Duisburg. In Marxloh zählt die Stadt mittlerweile mindestens sechzig «Problemimmobilien». Gegen die SpekulantInnen hat sie kaum Handhabe, obwohl ein neues Wohnaufsichtsgesetz mittlerweile eine Höchstanzahl BewohnerInnen vorschreibt. Oft ist für die BeamtInnen auf ihren Kontrollgängen gar nicht ersichtlich, wie viele Menschen tatsächlich in einer Wohnung leben.

Brautmode statt Eisdielen

Als in einem Hochhaus im Duisburger Stadtteil Rheinhausen irgendwann rund 1400 Roma in 74 Wohnungen lebten, sind Lokal- und auch BundespolitikerInnen auf das Problem aufmerksam geworden. Das «Problemhaus» war wochenlang in den Schlagzeilen und machte Duisburg deutschlandweit zur «Stadt mit dem Zuwanderungsproblem». Inzwischen hat der Bund reagiert. Im August präsentierten die Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und der Innenminister Thomas de Maizière ein Massnahmenpaket gegen den angeblichen Sozialmissbrauch durch die MigrantInnen und zur Unterstützung der Kommunen. In Duisburg marschierten regelmässig RechtspopulistInnen vor dem Haus auf, stets begleitet von einer Gegendemonstration der Antifa, bis die Stadt diesen Sommer das Haus für unbewohnbar erklärte und räumen liess.

In Marxloh indes gelten die Menschen als tolerant, zumindest dem Ruf nach. Rund sechzig Prozent haben hier einen Migrationshintergrund, die meisten sind TürkInnen. In den sechziger und siebziger Jahren kamen sie als «Gastarbeiter» nach Duisburg, angezogen durch den Mangel an Arbeitskräften in den Stahlwerken. Sie waren nicht die Ersten. «Seit Jahrhunderten migrieren Menschen ins Ruhrgebiet, um hier zu arbeiten», sagt Theodor Grütter, Historiker am Ruhr-Museum in Essen. Der Pott ist den Umgang mit Neuankömmlingen gewohnt. Wie viele Ruhrgebietsstädte hat sich auch Duisburg Integration und Weltoffenheit als Attribute auf die Fahne geschrieben.

«Ich bin ja kein Rassist», sagt Mehmet Demir. Für die NeuzuzügerInnen aber hat er wenig übrig. Er sitzt in seinem Restaurant Pera an der Weseler Strasse. Heute säumen türkische Brautmodegeschäfte die Strasse, «Prestiye – Hochzeit und Festmoden», «Ceydal Bridal», «Alegöz Juwelier und Trauringstudio», dazwischen reihen sich Dönerbuden und türkische Supermärkte, auch die Namen der Rechtsanwälte sind türkisch. «Aber diese Leute haben keinen Anstand», sagt Demir über die Roma. «Sie schmeissen den Müll aus dem Fenster, sie sind laut, und viele betteln oder klauen.» Demir ist einer, der es geschafft hat. Sein Vater arbeitete im Stahlwerk, er selber besitzt neben dem Restaurant in Marxloh ein weiteres in Düsseldorf. In Marxloh lebt er nicht mehr. Er will nicht, dass seine Kinder hier aufwachsen, sagt er.

«Die Stimmung in Marxloh ist angespannt», sagt Heike Priebe vom Verein Runder Tisch Marxloh. Immer mehr Menschen würden sich über das drängende Müllproblem beklagen, bereits seien AnwohnerInnen deswegen weggezogen. «Es gibt Szenen, wo Kinder einen Bettler auf der Strasse mit Kisten bewerfen und ihn als ‹Zigeuner› beschimpfen.» Vereinzelt kam es schon zu Gewalttaten, etwa als Roma eine Frau vergewaltigten und daraufhin einige Dutzend türkische Jugendliche mit Baseballschlägern eine Gruppe von Roma verprügelten – darunter Frauen und Kinder.

«Die Türken haben Angst, die Roma könnten ihnen den Wohlstand streitig machen», sagt Halil Özet. Der Filmemacher beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Integration und Stadtentwicklung und hat schon verschiedene Filmprojekte mit Romakindern in Duisburg gemacht. «Früher», sagt er, «waren die Libanesen der Sündenbock für die Türken.» Und davor die Türken für die Deutschen. «Jetzt aber verbünden sich die Türken mit den Deutschen gegen die Roma.»

Als Teenager wollte Özet, Sohn türkischer MigrantInnen und gebürtiger Marxloher, eigentlich nur weg. «Ich hab mich geschämt, aus Marxloh zu kommen», sagt der heute Dreissigjährige. Mit achtzehn ging er weg, ein paar Jahre später zog er wieder zurück. «Hier sind meine Freunde und meine Familie», sagt Özet. Seither arbeitet er gegen das miserable Image von Marxloh an. Im obersten Stockwerk eines ehemaligen Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg richtete er sein Atelier ein, aus dem Fenster kann er die grösste Moschee Deutschlands im osmanischen Baustil sehen, auf der anderen Seite ragen die rostfarbenen Rohre von Thyssen-Krupp in den Himmel.

Auf dem Küchentisch steht eine Tasse mit dem Aufdruck «Made in Marxloh» – ein Überbleibsel der Werbeaktion, mit der er Marxloh den Kultstatus eines Multikultiviertels nach dem Vorbild Berlin Kreuzbergs verleihen wollte. Hundert Frauen in Brautkleidern habe er damals, als das Ruhrgebiet 2010 Europäische Kulturhauptstadt war, für eine Werbeaktion auf der gesperrten Autobahn A40 aufgeboten. Davor habe es in Marxloh gerade mal fünf Brautmodegeschäfte gegeben. «Heute macht die Weseler Strasse mehr Umsatz als die Duisburger Innenstadt. Jeden Samstag kommen Hunderte Heiratswillige aus dem nahen Ausland zum Einkaufen hierher», sagt Özet.

Auf der Weseler Strasse sind Özet die Roma zum ersten Mal aufgefallen. «Es gab plötzlich immer mehr Menschen, die an den Samstagen auf der Strasse standen und bettelten», sagt er. Vor nicht allzu langer Zeit seien gegenüber zahlreiche Romafamilien eingezogen; bald türmten sich ganze Müllberge in den Hinterhöfen. «Dafür konnten die Roma allerdings nichts», sagt Özet. Der Vermieter habe bei der Stadt weniger Menschen angemeldet, als tatsächlich dort wohnten, weshalb die Stadt zu wenige Mülltonnen hinstellte.

Doch es gibt auch jene, die sich der MigrantInnen annehmen. Die katholische Kirche bietet Deutschkurse an. In verschiedenen Stadtteilen wie Marxloh oder Rheinhausen haben sich runde Tische gebildet, die den Roma Unterstützung bieten. Annegret Keller-Steegmann, Lehrerin in Rheinhausen, gründete vergangenes Jahr einen Chor für Romakinder an ihrer Schule, unterstützt Roma bei der Wohnungssuche und hinterlegt dort die Kaution, wo den Roma das Geld dafür fehlt. Dieses Jahr hat sie die Wohnbaugenossenschaft Cher Neo gegründet. «Ich kann nicht mit ansehen, wie die Roma einfach links liegen gelassen werden», sagt Keller-Steegmann. Das Projekt wird durch SpenderInnen finanziert, die sich zu einem Mindestbetrag von hundert Euro einen Genossenschaftsanteil kaufen können. Mit dem Geld erwirbt Cher Neo leer stehende Liegenschaften und saniert sie selbstständig gemeinsam mit den BewohnerInnen. Zudem betreut Keller-Steegmann gemeinsam mit engagierten AnwohnerInnen die Roma im Kontakt mit Behörden, Schulen und der Nachbarschaft.

«Fünf Jahre hinterher» bei der Integration

Auch die Stadt versucht mittlerweile, die MigrantInnen zu integrieren. Nach der Wahl von Sören Link (SPD) zum Bürgermeister 2012 verabschiedete die Stadt Duisburg ein Zuwanderungskonzept, das MigrantInnen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, Bildung und Gesundheit ausbauen und den sozialen Frieden fördern will. Schulplätze werden geschaffen, Weiterbildungsprojekte aufgegleist; ausserdem sollen Integrationslotsen den Roma zeigen, wie man den Müll korrekt entsorgt. «Doch wie will man mit Integrationslotsen 10 000 Zuwanderer integrieren?», fragt Sarah Philipp.

Aber wie viele Ruhrgebietsstädte ist auch Duisburg wegen des Strukturwandels hoch verschuldet, für die nächsten zehn Jahre herrscht Haushaltssperre. Mit knapp 200 Millionen Euro wollen EU und Bund zwar die gebeutelten Kommunen unterstützen, doch für die Personalkosten müssen die Städte selber aufkommen. «Duisburg musste deshalb bereits Projekte einstellen oder konnte sie gar nicht erst beantragen, weil die Stadt das Personal nicht bezahlen konnte.» Duisburg, sagt Philipp, hinke bei der Integration derzeit fünf Jahre hinterher.

Elvis Aurel steht auf, es ist Freitagabend und er will mit seinen Kindern in den Park. Wenn er nicht arbeitet, verbringt er so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie. Eigentlich wäre seine älteste Tochter vor einem Monat in die erste Klasse gekommen. «Wir warten darauf, dass ein Schulplatz frei wird», sagt Elvis schulterzuckend. Er ist es gewohnt zu warten. Fest steht, dass er in Duisburg bleiben will. «Ich will, dass meine Kinder eine Ausbildung machen und eine bessere Zukunft haben als ich.»

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