Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Primär Mensch, sekundär Seconda

Früher spielte Edibe Gölgeli in einer kurdischen Frauenrockband Gitarre und politisierte in der CVP. Heute ist sie in der SP und sitzt in der Einbürgerungskommission der Stadt Basel. Gölgeli lässt sich nicht in eine Schublade stecken.

Von Nina Kunz (Text) und Ursula Häne (Foto)

Edibe Gölgeli: «Es ist okay, dass das Bürgerrecht an Bedingungen geknüpft ist.»

Edibe Gölgeli hält nichts von Labels. Sie sieht sich nicht als Kurdin, nicht als Schweizerin, nicht als Seconda. «Ich bin ein Mensch. Das ist mein Label.» 2011 wurde Gölgeli in den Bürgergemeinderat von Basel-Stadt gewählt. Seither sitzt die SP-Politikerin auch in der Einbürgerungskommission. Vor fünfzehn Jahren musste sie als Ausländerin noch selbst vor der Kommission vorsprechen, um den Schweizer Pass zu erhalten. Nun sitzt sie auf der anderen Seite.

Die Hürden, die es auf dem Weg zum BürgerInnenstatus zu bewältigen gibt, kennt Gölgeli also gut. Als sie sich als junge Frau einbürgern liess, fühlte sie sich angegriffen: Sie war hier geboren, sie sprach Basler Dialekt, sie hatte Schweizer FreundInnen – wo war das Problem? Mittlerweile sieht sie das anders. «Es ist okay, dass das Bürgerrecht an Bedingungen geknüpft ist.»

Was es für eine Einbürgerung braucht? Gölgeli sagt sofort: «Die Basics.» Und führt aus: «Wenn jemand einen Job hat, Deutsch spricht und nicht negativ auffällt, ist das für mich schon mehr als genug.» Aber Gölgeli hat auch schon negative Entscheide fällen müssen, etwa wenn sie das Gefühl hatte, jemand wolle den Staat nur ausbeuten. Es ist ihr wichtig, nicht falsch verstanden zu werden. Immer wieder wiederholt Gölgeli den einen Satz: «Aber ich will nicht pauschalisieren.»

Als Analphabet in die Schweiz

Edibe Gölgeli denkt bei gelungener Integration an ihre Eltern. Ihre Geschichte erzählt sie so: Ende der sechziger Jahre wollte ihr Vater raus aus seinem kurdischen Dorf in der Türkei. «Es gab keine Perspektiven für ihn dort. Deshalb wollte er in die Schweiz oder nach Amerika. Mein Vater hatte nie eine Schule besucht, konnte nicht lesen, aber er war ein Visionär.» In der Schweiz begann ihr Vater, als Transporteur für das Felix-Platter-Spital zu arbeiten, ihre Mutter erhielt eine Stelle in einer Wäscherei. Zwei Kinder hatte Gölgelis Vater bereits aus einer früheren Ehe, fünf weitere folgten. Eines von ihnen: Edibe Gölgeli, geboren 1978.

Als sie elf Jahre alt war, erkrankte ihr Vater an Demenz. «Das veränderte mich. Plötzlich hatte ich ganz andere Probleme als meine Klassenkameraden – ich musste früher reif werden.» Alle ihre Geschwister packten an, suchten sich einen Job. Fünfzehn Jahre lang pflegte Gölgelis Mutter ihren Mann und zog gleichzeitig sieben Kinder gross. Gölgeli erzählt die Geschichte mit gefasster Miene. Sie ist stolz, dass ihre Familie immer alle Herausforderungen gemeistert hat und nie auf Hilfe angewiesen war. Heute verdient Edibe Gölgeli ihr Geld bei der Telekomfirma Sunrise, wo sie GrosskundInnen betreut.

Keine unpolitischen KurdInnen

Ihre Eltern hätten sich so gut integriert, weil sie auf Gemeinsamkeiten gebaut hätten, nicht auf Unterschiede. So habe ihre Mutter mit den Nachbarn zum Beispiel über Kindererziehung gesprochen oder Rezepte ausgetauscht. «Solche Themen kennen keine Grenzen.»

Bei Migrationsthemen hat Edibe Gölgeli linke Ansichten, doch bei wirtschaftlichen Fragen fühlt sie sich von der Linken nicht immer vertreten. So war Gölgeli ursprünglich in der CVP. «Meine Vorstellungen von Familie sind eher konservativ.» Dies könnte erklären, weshalb sie nicht von Anfang an bei den Sozialdemokraten war. Aber als in Basel 2011 über das AusländerInnenstimmrecht diskutiert wurde, merkte Gölgeli, dass sie in ihrer Partei mit Integrationsthemen nicht ankam. Also trat sie aus der CVP aus und in die SP ein.

Wo sie politisiert wurde? Gölgeli lacht. Als Kurdin sei es fast unmöglich, unpolitisch zu sein. In ihrer Erziehung sei das Politische kaum vom Kulturellen zu trennen gewesen. «Ich habe mich immer in Vereinen engagiert, habe Folklore getanzt und später in einer kurdischen Frauenrockband Gitarre gespielt. Dort haben wir uns immer über aktuelle Geschehnisse ausgetauscht.» Heute vermeide sie es, sich die krassen Bilder aus Kobane anzusehen. Es schmerze zu sehr zu sehen, wie die anderen leiden.

Gölgeli fokussiert sich bei ihrem Engagement auf die KurdInnen in der Schweiz. Sie ist Präsidentin der SKG (Schweizerisch-kurdische Gemeinschaft), die regelmässig Veranstaltungen mit kurdischen KünstlerInnen in Basler Lokalen organisiert.

Sie persönlich brauche beide Kulturen, die schweizerische wie die kurdische, um glücklich zu sein. «Im Alltag bin ich die pünktliche und korrekte Edibe, in der Familie bin ich dann wieder die laute und ausgelassene Edibe. Wenn unsere Familie zusammenkommt, ist es immer lebendig.» In der Schweiz habe man fast alles, aber das seelische Wohl komme etwas zu kurz. «Dafür ist die Familie zuständig», sagt Gölgeli.

Seit zwei Jahren ist sie selbst Mutter. Welche Lektionen sie ihrem Sohn auf den Weg mitgeben möchte? Edibe Gölgeli überlegt. «Eigentlich nur Liebe. Alles andere ergibt sich dann.»

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