Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

«Wir müssen die Schlepper finden!»

243 Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan besteigen im Juni in Libyen ein Boot in Richtung Italien – und kommen nie an. Ihre Verwandten in ganz Europa machen sich auf die Suche. Auch in der Schweiz.

Von Noëmi Landolt (Text) und Ursula Häne (Foto)

Verzweifelte Suche: Michael Beraki mit Fotos seiner Nichten Helen Gidey und Frehiwet Luul; das Ehepaar Michael und Shewit Ghebreab mit einem Foto von Michaels Bruder Muluebrahan.

Im Sommer 2013 erhielt Michael Ghebreab eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Der Name des Manns sagte ihm nichts, das Gesicht auf dem Foto kam ihm jedoch bekannt vor – es war sein Bruder Muluebrahan, der sich unter einem Spitznamen bei Facebook angemeldet hatte. Sieben Jahre hatten sich die Brüder nicht gesehen, seit Michael Ghebreab aus Eritrea geflohen und vor sechs Jahren in die Schweiz gekommen war.

Muluebrahan schickte die Anfrage aus dem Sudan. Sechs Monate zuvor war auch er vor dem Regime Isaias Afewerkis geflohen. Der 21-Jährige sollte als einziger verbliebener Sohn der Familie – alle seine Brüder leben bereits im Ausland – in den Militärdienst eingezogen werden. Die Facebook-Anfrage war das erste Lebenszeichen seit der Flucht aus Eritrea. «Als ich ihn erkannte, schrieb ich ihm, dass er im Sudan bleiben solle. In Libyen ist es zu gefährlich», erzählt Michael Ghebreab. «Er hat nicht auf mich gehört.»

Das nächste Mal meldete sich Muluebrahan aus Tripolis, Libyen. Er brauchte Geld für die Überfahrt nach Italien. 1600 US-Dollar. Kurz darauf erhielt Michael Ghebreab einen Anruf von einer unterdrückten Nummer. Ein unbekannter Mann sagte ihm, er solle das Geld an den Zürcher Hauptbahnhof bringen. Michael Ghebreab fuhr von seinem Wohnort Bronschhofen bei Wil nach Zürich, 1600 Dollar in bar bei sich. Ein Mann in einem schwarzen Auto fuhr vor, forderte Michael auf, einzusteigen. Im Auto gab ihm Ghebreab das Geld. Der Unbekannte nahm sein Handy und bestätigte der Person am anderen Ende, dass Ghebreab bezahlt habe. Michael Ghebreab stieg wieder aus, und das Auto fuhr davon.

Am 26. Juni rief Muluebrahan wieder aus Tripolis an. Er habe ein Boot gefunden für die Überfahrt nach Italien. Bald gehe es los. Es war das letzte Mal, dass Michael die Stimme seines Bruders hörte.

Jedes Mal eine andere Geschichte

Ein halbes Jahr später steht Michael Ghebreab erneut am Hauptbahnhof Zürich. Er trifft sich mit einer Gruppe von Frauen und Männern aus Eritrea. Zum Teil sehen sie sich zum ersten Mal, über Facebook aber stehen sie schon seit Monaten täglich in Kontakt. Sie tauschen Informationen aus, erzählen sich, was sie wissen, was sie gehört haben, was sie vermuten, was sie hoffen.

Am 28. Juni ist ein Flüchtlingsboot vor der Küste Libyens verschwunden. An Bord 243 Flüchtlinge aus Eritrea und aus dem Sudan, darunter auch Michael Ghebreabs Bruder Muluebrahan. Auch die anderen gut zwanzig Frauen und Männer am Zürcher Hauptbahnhof vermissen Familienmitglieder, die sie an Bord jenes Boots vermuten. Sie möchten gemeinsam einen Brief an das Rote Kreuz schreiben und um Unterstützung bei der Suche nach ihren Verwandten bitten: «Wir wollen wissen, wo unsere Familienmitglieder sind», übersetzt ein Mann. «Werden Sie uns dabei helfen? Werden Sie mit uns kämpfen bis zum Ende?»

Michael Beraki, der ebenfalls seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, erzählt von seinen beiden Nichten. Siebzehn und neunzehn Jahre alt sind Helen Gidey und Frehiwet Luul, als sie die Flucht von Eritrea nach Europa antreten. Eines Nachts überqueren sie zu Fuss die Grenze nach Äthiopien. Schlepper versprechen ihnen, sie kostenlos nach Libyen zu bringen. Zu Fuss folgen sie ihnen in den Sudan, dann werden sie mit dem Jeep durch die Sahara nach Libyen gefahren und kommen in ein Lager im Landesinneren. Es gibt zwei verschiedene Lager: eines für die Neuankömmlinge und eines für jene, die demnächst die Überfahrt nach Italien antreten werden und deren Verwandte die Schlepper schon bezahlt haben.

Nach Frehiwets und Helens Ankunft in Libyen erhält Michael Beraki einen Anruf in der Schweiz. Er solle für die Reise seiner Nichten bezahlen: 1200 Dollar pro Kopf für die Strecke von Äthiopien in den Sudan, 1600 Dollar für die Fahrt durch die Sahara, weitere 1600 Dollar für die Überfahrt nach Italien. Hinzu kommen Kosten für Essen, Trinken und Kleidung. Michael Beraki verschuldet sich bei Verwandten in Israel, die die fast 10 000 Dollar zahlen.

Am 27. Juni telefoniert Michael Beraki ein letztes Mal mit seinen Nichten. Sie sagen ihm, dass sie am übernächsten Tag nach Italien fahren werden. Mehr nicht. Telefoniert wird stets über das Handy eines Manns namens Measho Tesfamariam. Am 28. Juni ruft Michael Beraki um sieben Uhr früh erneut auf das Handy des mutmasslichen Schleppers an. Aber Helen und Frehiwet sind bereits weg. Sobald ein Boot voll ist, fährt es los. Das Boot seiner Nichten soll um drei Uhr morgens mit 243 Personen an Bord, vornehmlich Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan, darunter auch Kinder und schwangere Frauen, am Strand von Homs in See gestochen sein, knapp zwei Stunden Autofahrt östlich von Tripolis.

Michael Beraki ruft nun täglich an. Jedes Mal erzählt ihm Tesfamariam eine andere Geschichte: Einmal befinden sich die 243 Flüchtlinge im Gefängnis im sizilianischen Pozzallo, ein anderes Mal sind sie noch immer in einem Lager in Libyen. Zuletzt sagt er, sie seien wahrscheinlich bei Ibrahim, seinem Vorgesetzten, «der verkauft die Menschen». Doch Ibrahim selbst halte sich im Sudan auf.

Die Reise nach Pozzallo

Auch Michael Ghebreab hat nichts über das Schicksal seines Bruders in Erfahrung bringen können. Er hält die Ungewissheit nicht mehr aus. Ende Juli nimmt er eine Woche Ferien und reist nach Pozzallo. Er geht zum streng bewachten Auffanglager, gibt den Wächtern eine Liste mit den Namen der Vermissten, übernachtet auf der Strasse, geht am nächsten Tag wieder hin und wird wieder weggeschickt. Unverrichteter Dinge kehrt er zurück nach Bronschhofen.

Gemeinsam mit Bekannten, die ebenfalls Verwandte suchen, die in jener Nacht vom 28. Juni an Bord gingen, gründet er eine Facebook-Gruppe. Sie sammeln die Namen der Vermissten, tauschen sich aus mit EritreerInnen in England, den USA, in Deutschland, Schweden, Israel, im Sudan und in Saudi-Arabien. Stück für Stück tragen sie Informationen zusammen. Die italienische Marine teilt ihnen mit, in jenen Tagen keine Bootsunglücke auf dem Mittelmeer registriert zu haben. Dafür können sie die Organisationsstruktur der mutmasslichen Schlepper rekonstruieren: Der Chef ist ein Libyer namens Hadschi Nasser, er besitzt die Boote. Ihm unterstellt ist ein Sudanese namens Ibrahim. Auf der untersten Stufe arbeiten die Eritreer Dschemal und Johannes sowie Measho Tesfamariam, mit dem Michael Beraki telefoniert hat. Ihre Aufgabe war es, die Leute für die Überfahrt anzuwerben. Die Schlepper sind die letzte Hoffnung für die Verwandten, je zu erfahren, was mit den Verschwundenen geschehen ist. Teils befinden sich diese Schlepper nun selbst in Europa. Johannes soll unlängst im bayerischen Eichstätt gesehen worden sein, wo er vermutlich unter einem falschen Namen lebt.

Der Schlepper in Deutschland

Der mutmassliche Schlepper Measho Tesfamariam ist inzwischen selbst vor den Bürgerkriegswirren in Libyen geflüchtet, er bestieg Mitte September ein Boot und wurde im Rahmen der Rettungsaktion Mare Nostrum in Brindisi an Land gebracht, von wo er unregistriert über Österreich nach Deutschland floh. Dort lebt er in Giessen in einer Asylunterkunft. In Schweden und in Italien haben Angehörige der Vermissten Strafanzeige gegen ihn erstattet. Sie beschuldigen ihn, am Tod der 243 Flüchtlinge beteiligt zu sein. In Deutschland wurde noch keine Anzeige eingereicht, weshalb die deutsche Polizei Tesfamariam nicht vorladen kann, obwohl sie von den Anschuldigungen weiss.

In der Schweiz wenden sich die Angehörigen der verschwundenen Flüchtlinge nun an den Personensuchdienst des Roten Kreuzes. Unterstützt werden sie von Mussie Zerai. Zerai stammt selbst aus Eritrea und ist katholischer Pfarrer im Aargau. Seit Jahren empfängt er Notrufe vom Mittelmeer auf seinem Handy und leitet sie an die italienische Marine weiter. Seine Telefonnummer, so erzählt man sich, soll an den Wänden der Flüchtlingsboote stehen. Für ihn besteht keine Hoffnung mehr, dass die 243 Vermissten noch am Leben sind. «Sie kamen wohl nicht einmal in internationalen Gewässern an», sagt er. «Kein Wunder, dass die italienische Marine das verunglückte Boot nicht bemerkte. Wenn wir erfahren wollen, was passiert ist, müssen wir die Schlepper finden.»

In Italien ist der Journalist Fabrizio Gatti dem Fall der vermissten Flüchtlinge nachgegangen. Gatti hat das preisgekrönte Buch «Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa» geschrieben. Letzte Woche führte er für das Magazin «L’Espresso» ein Interview mit Maesho Tesfamariam, der beharrlich abstreitet, ein Schlepper zu sein. Er habe nur Übersetzungsdienste geleistet. Er habe selbst einen Bruder auf besagtem Boot verloren und wisse nichts über dessen Schicksal. Nur Gott wisse, was mit dem Boot passiert sei. Gott, oder Ibrahim, der Menschenhändler.

Mitarbeit: Jan Jirát

Liste mit den Namen von 181 vermissten Personen, zusammengestellt aufgrund der Angaben ihrer Angehörigen

Nachtrag vom 11. Dezember 2014

Schlepper ins Netz gegangen

Und plötzlich ging alles ganz schnell: Am Morgen des 2. Dezember wurde im brandenburgischen Müncheberg ein 29-jähriger Eritreer durch die deutsche Bundespolizei verhaftet. Laut diversen Medien handelt es sich dabei um Measho Tesfamariam. Er wird verdächtigt, die Überfahrt jenes Boots organisiert zu haben, das am 28. Juni 2014 in der Nähe von Tripolis, Libyen, mit 243 Flüchtlingen aus Eritrea und dem Sudan in See stach und seither verschollen ist. Nur einen Tag vor seiner Verhaftung hatte die italienische Justiz über das Schengener Informationssystem (SIS) ein Fahndungsersuchen wegen Verdacht der Beihilfe zur illegalen Einreise nach Italien erlassen. «Wir hatten ihn schon länger auf dem Radar», erklärt der Sprecher der Bundespolizei, Ivo Priebe, den raschen Fahndungserfolg auf Anfrage der WOZ. Der italienische Journalist Fabrizio Gatti und Katharina Windmaisser von «Bild am Sonntag» hatten die deutsche Polizei schon vor Wochen auf Tesfamariam aufmerksam gemacht.

In Deutschland wartet man nun auf einen europäischen Haftbefehl vonseiten der italienischen Behörden. Nach dessen Prüfung entscheidet das Oberlandesgericht über die Auslieferung.

Ebenfalls am 2. Dezember verhaftete die italienische Staatspolizei zehn weitere Eritreer, einige knapp volljährig, im Rahmen der Operation «Tokhla» (Schakal). Sie sollen zusammen mit Tesfamariam zwischen Mai und September dieses Jahrs insgesamt 23 Überfahrten von Libyen nach Italien organisiert und dafür im Schnitt 2500 US-Dollar pro Kopf verlangt haben. Sie werden verdächtigt, Teil eines Schleppernetzes zu sein, das von Eritrea bis nach Europa tätig ist. Während «Tokhla» wurden auch neun minderjährige Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea befreit, die von einem der Verhafteten in Catania in einem Estrich festgehalten wurden. Das Schicksal der 243 Vermissten ist nach wie vor ungewiss.

Noëmi Landolt

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