Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Kein Thonsalat für Bedürftige

Jeden Abend bleiben Dutzende unverkaufte Sandwiches und Fertigsalate liegen. Die Grossverteiler bemühen sich, das Conveniencefood einigermassen sinnvoll zu entsorgen. Aber das eigentliche Problem ist damit nicht gelöst.

Von Nina Kunz*

Kurz vor Ladenschluss sind die Tresen im Migros-Take-away am Zürcher Limmatplatz noch voll. Der Käse auf der Pizza dampft, der Salat sieht so frisch aus, als wäre er eben erst gepflückt worden. Die Auswahl an Essen ist gross – nur ist niemand mehr da, der das alles kaufen könnte. Die Türen des Geschäfts sind geschlossen, einige Angestellte sind bereits mit dem Besen unterwegs. «Wir müssen nicht alles wegwerfen, was noch hier ist», erklärt ein Verkäufer. Die abgepackten Ananasstückchen zum Beispiel könne man noch einige Tage behalten. Die Wraps, die Sandwiches und das Gebäck werden zweimal pro Woche von den Sozialwerken Pfarrer Sieber abgeholt. «Aber heikle Produkte wie Thonsalat können wir nicht abgeben. Wir wissen ja nicht, wie die Ware dort gelagert wird, und wollen nicht, dass jemand Bauchweh bekommt.» Solche Produkte, vor allem die mit Ei oder Fisch drin sowie die Schöpfmenüs, würden entsorgt und schliesslich zu Biogas verarbeitet.

Strategische Entsorgung

Conveniencefood, das «bequeme» Essen zum Mitnehmen, wird bei allen Grossanbietern ähnlich entsorgt. Hauptsächlich wird zur Abfallvermeidung auf drei Strategien gesetzt: Essen an wohltätige Organisationen spenden, Essen zu Biogas verarbeiten und Essen nur der Nachfrage entsprechend produzieren, um eine Überproduktion zu verhindern.

So werden bei Coop nur 0,2 Prozent der Lebensmittel via Kehrichtverbrennung beseitigt. Der Rest wird gespendet, zu Tierfutter verarbeitet oder in Energie umgewandelt. Ähnlich tönt es bei Manor. In den Restaurants werde zudem darauf geachtet, dass die Menüs «progressiv» hergestellt werden, damit am Abend nicht zu viel übrig bleibe. McDonald’s setzt ausschliesslich auf die Verwertung zu Biogas. Bei Avec heisst es schlicht, die nicht verkauften Produkte würden «systematisch entsorgt». Die Hitzberger AG, die in ihren Filialen «natürliches Fastfood» anbietet, geht etwas innovativer mit dem Thema Lebensmittelvergeudung um. Wenn zum Beispiel ein bestimmter Wrap ausgeht, weist ein Täfelchen in der Vitrine darauf hin, dass dieser erst morgen wieder erhältlich ist. Anders als bei Migros oder Coop können die MitarbeiterInnen hier gratis nach Hause nehmen, was am Abend übrig bleibt.

«Food waste» oder Hygiene

Ist also alles in Ordnung mit der Entsorgung? Alle Anbieter unternehmen gewisse Anstrengungen, damit Conveniencefood nicht einfach im Müll landet. Damit ist es jedoch nicht getan. Denn erstens lenkt die Entsorgungsthematik vom Problem der Überproduktion ab, zweitens ist die Verarbeitung zu Biogas kein Allheilmittel, und drittens können wohltätige Organisationen das meiste unverpackte Essen nicht annehmen – aufgrund der Richtlinien des Lebensmittelgesetzes.

«Wir können keine Sandwiches mit Mayonnaise mitnehmen. Das Risiko ist zu gross, dass die Ware nicht mehr einwandfrei verteilt werden kann», sagt Daniela Rondelli, Geschäftsleiterin der Schweizer Tafel. Die Organisation sammelt täglich fast sechzehn Tonnen nicht mehr verkaufbares Essen ein, das dann an Gassenküchen oder Asylunterkünfte verteilt wird. Davon ist nur ein verschwindend kleiner Teil Conveniencefood. Auch die Organisation Tischlein deck dich bestätigt, dass sie keine Produkte aus dem Offenverkauf annimmt. Aber nicht nur dort sind die Regelungen streng. Auch ein Joghurt, das vor einem Tag abgelaufen ist, darf nicht mehr in die Verteilung kommen.

Dass es schwierig ist, Essen aus dem Offenverkauf zu spenden, musste auch das vegetarische Zürcher Restaurant Hiltl erfahren. «‹Food waste› ist auch eine Folge des hohen Hygienestandards», sagt Geschäftsführer Rolf Hiltl. Kaum eine Organisation sei bereit, die Verantwortung für die korrekte Handhabung der Ware zu übernehmen. «Die Lösung ist, mit lokalen Gruppen zusammenzuarbeiten, die das Essen noch am selben Abend verteilen», so Hiltl.

Heikler Boom um Biogas

Die immer strengeren Hygienevorschriften hätten die Möglichkeiten zur Vermeidung von Abfall tatsächlich verschlechtert, sagt Markus Hurschler vom Verein Foodwaste.ch, der sich gegen Lebensmittelverschwendung engagiert. «Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass die Gesundheit von Mensch und Tier an oberster Stelle steht. Gewisse Entwicklungen gilt es jedoch zu überdenken.» Seit der BSE-Krise werde nur noch wenig Abfall zu Tierfutter verarbeitet, dafür immer mehr zu Biogas. «Der Boom ist heikel, da die energetische Verwertung nicht sehr effizient ist und somit nicht als Sammelbecken für jegliche Abfälle dienen sollte. An erster Stelle muss die Abfallvermeidung stehen, nicht dessen Verwertung.»

Dass es auch anders geht, zeigt das Projekt von Mirko Buri. Der dreissigjährige Koch betreibt in Bern das Take-out Mein Küchenchef. Buris Konzept ist, überschüssige Nahrungsmittel zu lang haltbarem Conveniencefood zu verarbeiten. Auf der Karte steht zum Beispiel: «Quinoa-Gemüseburger mit roten Linsen, Lauch und Karotten, dazu Champignonrisotto». Das Menü kostet fünfzehn Franken. Die Lebensmittel, die Buri verwendet, hat er im Sommer auf Bauernhöfen zusammengesammelt. So hat er 1,5 Tonnen Kartoffeln gerettet, die für den Detailhändler zu unförmig waren.

Buri will die Nahrungsmittel zu hundert Prozent nutzen. Konkret sieht das so aus: «Ich verwende die Karottenschalen, um Gemüsefonds zuzubereiten. Danach lasse ich sie trocknen und zermahle sie zu einem aromatähnlichen Gewürz.» Dem Koch scheint es Spass zu machen, das Spiel mit der Verwertung an die Grenzen zu treiben. So sagt er stolz: «Pro 105 Kilogramm Essen habe ich nur 750 Gramm Abfall.»

In der Migros am Limmatplatz sieht es etwas anders aus. Dort liegt am Abend der Nudelauflauf auf der Pizza im Container. Im Abfall landet in der Schweiz jedoch nicht nur das Conveniencefood. Pro Jahr und Kopf werden rund 289 Kilogramm Esswaren weggeworfen. Dies bedeutet, dass ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet wird. Wer «schuld» ist an dieser Vergeudung – die verwöhnten KonsumentInnen oder die sich konkurrenzierenden Detailhändler – ist eine Frage, die niemand beantworten will. Hurschler meint: «Hier bewegen wir uns in einem leidigen Kreislauf.» Die Unternehmen stünden vor dem Dilemma, entweder weiterhin einen maximalen Umsatz zu erzeugen oder weniger Essen zu vergeuden. Beides zugleich sei schwierig.

* Wunsch von 
Bürogemeinschaft Schwanengasse 9, Bern: «Was geschieht mit 
all dem ungegessenen 
Fastfood?»

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