Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Kater nach dem Temporausch

Als müsste er bersten vor Verzweiflung: Max Hubacher spielt in «Driften» einen schuldgeplagten jungen Raser.

Von Florian Keller

Ein Schlüssel wird gedreht, dann ist er wieder draussen: Vier Jahre ist es her, seit Röbu (Max Hubacher) bei einem illegalen Autorennen ein Mädchen totgefahren hat, jetzt hat er seine Strafe abgesessen. Er lenkt sein Auto in die Waschanlage, aber die Schuld, die lässt sich so leicht nicht wegspülen. Also sucht er die Nähe von Alice (Sabine Timoteo), die er um ihre Tochter gebracht hat, erst im Geheimen und zögerlich, dann immer forscher – und unter falschem Namen. Er trifft sie in der Disco, danach landen die beiden miteinander im Bett: die Englischlehrerin, die ihr Kind verloren, und der junge Bursche, der es getötet hat.

Das Kino liebt die Figur des Autorasers, von Filmen wie «Vanishing Point» bis hin zum illegalen Rennzirkus der «Fast & Furious»-Reihe. Überhöhte Geschwindigkeit auf heissem Asphalt hat seit jeher die Fantasie des Kinos angeregt, und diese filmische Faszination für den Temporausch spiegelt sich auch in «Driften», dem ersten Langspielfilm von Karim Patwa. Der junge Raser hier ist aber gleichsam gegroundet in Schuld und Unheil: Röbu ist kein tollkühner Held am Steuer, sondern ein Gefallener, der nicht mehr weiss, wo er hingehört.

Sabine Timoteo spielt die trauernde Mutter wie ein ausgezehrtes Tier, aber es ist Max Hubacher, der diesen Film trägt, so eindrücklich, wie er das schon im «Verdingbub» getan hat. Oder wie man in Hollywood sagen würde: Die Kamera liebt sein Gesicht. In «Driften» heisst das: fiebrige Augen, trotziger Blick und eine Körpersprache, als könnte er jederzeit bersten vor Verzweiflung.

Was aber will dieser Röbu von der Mutter seines Opfers: Vergebung? Das weiss er womöglich selbst nicht so genau – und manövriert sich immer tiefer in ein verzweifeltes Rollenspiel hinein. Er nimmt Privatstunden bei Alice, weil er vorgeblich Englisch lernen will. Wie sie sich bei ihr daheim zur Konversation treffen, gipfelt das in einer Scharade mit vertauschten Rollen, die sich um das Unausgesprochene dreht: um ihre Trauer und seine Schuld, von der sie nichts weiss.

Das klingt nach dramatischem Konstrukt, und das ist es auch, bis in die unberechenbare Schlusswendung hinein. Aber wie Karim Patwa seine beiden Hauptfiguren ineinander verknotet, bis sie irgendwie nicht mehr voneinander loskommen – das ist ein Wagnis, das sich auszahlt. Am Ende sehen wir zwei Menschen auf offenem Feld, die nicht wissen, wohin mit sich: mit ihrer Schuld, ihrer Trauer, ihrer Wut.

«Driften» in Solothurn, Reithalle, Sa, 24. Januar 2015, 17 Uhr, und im Landhaus, Mo, 26. Januar 2015, 20.30 Uhr. Ab 5. März 2015 im Kino.

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