Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Baschar al-Assad zum Dessert

Zum gemeinsamen Abendessen mit Khaled, Tarek und Hischam: Martina Schmitz hat im letzten Oktober das Projekt «Gemeinsam Znacht» in der Schweiz lanciert.

Von Nina Kunz

Nach dem Poulet mit Granatäpfeln gibt es Monte-Generoso-Kuchen: Die Flüchtlinge Hischam, Khaled und Tarek zum Abendessen bei Markus und Martina Schmitz. Foto: Ursula Markus

«Danke für die Einladung. Es ist eine Ehre», sagt Khaled auf der Türschwelle. Khaled, sein Bruder Tarek und sein Kollege Hischam sind heute zum Nachtessen bei der Zürcherin Martina Schmitz eingeladen. Als diese ihre Gäste bittet, Platz zu nehmen, bestehen die drei darauf, dass Schmitz und ihr Mann Markus sich zuerst setzen. Ebenfalls dabei sind eine Journalistin vom Kirchenblatt «Forum» und eine Fotografin. Die Situation ist etwas künstlich, doch die Höflichkeit von Khaled, Tarek und Hischam ist nicht gespielt. Sie loben die Einrichtung mit den vielen Bildern. Markus ist beeindruckt vom guten Deutsch der jungen Syrer und fragt, wie lange sie schon hier seien. «Mein Bruder und ich ein Jahr und neun Monate», sagt Khaled akzentfrei. «Und ich etwas mehr als zwei Jahre», fügt Hischam ebenso fehlerfrei an.

Eigentlich ist es unpassend, dass die drei so fliessend Deutsch sprechen, denn das Projekt der gemeinsamen Abendessen von Einheimischen und Flüchtlingen wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um Sprachkenntnisse zu verbessern. Die Idee dazu hatte die 31-jährige Stockholmerin Ebba Akerman. Sie unterrichtete in ihrer Heimatstadt MigrantInnen. Als Akerman merkte, dass diese ihre Sprachkenntnisse ohne Kontakt zur Bevölkerung kaum erweitern können, begann sie die ersten Essen über Facebook zu organisieren. Bald entwickelte sich das Projekt zum Selbstläufer, sogar «New York Times» und «Zeit» berichteten darüber. Seit Oktober gibt es in Zürich «Gemeinsam Znacht» als Projekt des Vereins Solinetz, der sich für die Rechte von Flüchtlingen in der Schweiz einsetzt.

Unsere Gastgeberin Martina Schmitz holte das Projekt nach Zürich. Als sie letzten Sommer von Akerman las, wusste sie: «Das muss ich auch machen.» Familien und Einzelpersonen können sich bei Schmitz melden, wenn sie Flüchtlinge zu sich einladen wollen. Sie vermittelt dann Gäste. «Wir möchten die Einteilung sehr sorgfältig machen. Es geht darum, möglichst gute und nicht möglichst viele Znachts zu organisieren», sagt Schmitz. Sie achte etwa darauf, dass Gastgeberinnen nicht einfach männliche Gäste zugeteilt würden, ohne das vorher abzuklären. Mit dem Start des Projekts sei sie sehr zufrieden. «Bisher hat es rund fünfzig Vermittlungen gegeben, dreissig Gastgeber warten noch auf einen Znacht.» Nur Gäste habe es noch etwas wenige, man sei daran, mit Flüchtlingsorganisationen zusammenzuarbeiten.

Raclette in der Studi-WG

Die meisten GastgeberInnen würden sich aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus melden und mit dem Wunsch, selber etwas zu tun. «Man hört von den 57 Millionen Flüchtlingen auf der Welt und denkt sich: Irgendetwas muss ich doch tun können», sagt Schmitz. Die Fotos auf der Facebook-Seite von Solinetz zeigen, dass die «Gemeinsam Znacht»-Treffen unkompliziert sind. Einige studentische Wohngemeinschaften haben zum Raclette eingeladen, bei einem Paar gab es Risotto in der Küche.

Der heutige Abend findet in keiner WG statt und ist wohl nicht repräsentativ – mit zwei Journalistinnen im Raum. Immer, wenn so etwas wie ein normales Gespräch zustande kommt, unterbricht es die Kollegin vom «Forum» mit bohrenden Fragen: «Wie kamt ihr in die Schweiz?» oder «Wie habt ihr euch am ersten Tag gefühlt?» Martina Schmitz ist besorgt um ihre Gäste und versichert ihnen, dass sie ihre Geschichten nur erzählen sollen, wenn sie dies auch wollen. Khaled, Tarek und Hischam bleiben gelassen und erzählen so unaufgeregt von ihrer Flucht, als würden sie über einen Kinofilm sprechen: Bis der Krieg ausbrach, hatten die beiden Brüder in Damaskus Jus respektive Landwirtschaft studiert. Hischam hatte als Arzt in einem Militärspital gearbeitet, bevor er in die Schweiz kam. Zurzeit leben sie in der Zürcher Agglomeration in Wohngemeinschaften mit anderen Flüchtlingen. Als die Journalistin wissen will, was sie denn am meisten vermissen, sagt einer entwaffnend: «Die Sicherheit im Herz.»

Als Khaled und Tarek vor bald zwei Jahren in Zürich ankamen, erzählen sie, schickten die Beamten sie nach Basel. Dort fanden sie aber das Asylzentrum nicht auf Anhieb, und das Tor war schon verriegelt, als sie ankamen. So liefen sie zur Grenze, um bei der Polizei um Hilfe zu ersuchen. Der Beamte aber meinte, das sei nicht sein Problem, sie sollten doch zurück nach Syrien. Also schlugen sie sich die Nacht um die Ohren und meldeten sich am nächsten Morgen beim Zentrum. Dort waren sie dann zwei Wochen lang, bis man sie nach Zürich zurückbrachte. Jetzt warten sie seit bald zwei Jahren auf ihren Asylentscheid.

Angelpunkt Autonome Schule

Khaled und Tarek lernten Hischam erst in der Schweiz kennen – im Deutschkurs der Autonomen Schule in Zürich. Die meisten Flüchtlinge, die sich für «Gemeinsam Znacht» anmelden, sind dort SchülerInnen. Als die drei Gäste ihre Geschichten fertig erzählt haben, wird Profaneres besprochen – wie die Unterschiede bei den Versicherungen in der Schweiz und in Syrien. Als Martina Schmitz Tarek einen Kalender mit Karikaturen des syrischen Künstlers Ali Ferzat zeigt, wird er zum ersten Mal ernst. Während die anderen über das Dessert – Monte-Generoso-Kuchen – diskutieren, verharrt Tareks Blick lange auf einer Seite.

Sie zeigt Baschar al-Assad, wie er von einem Podest aus das Volk grüsst. Auf dem zweiten Bild sieht man, woraus das Podest besteht: aus Hunderten von Leichen. Tarek stösst seinen Bruder an: «Schau, genau so ist es doch.» Sein Bruder nickt und widmet sich wieder dem Gespräch über Dessertspezialitäten. «Baschar ist ein Mörder», murmelt Tarek. Mit seinem Smartphone fotografiert er das Bild. Dann sagt er seinem Bruder, es sei spät geworden. Khaled entschuldigt sich bei den Gastgebern – Zeit zu gehen. Hände werden geschüttelt, Nummern ausgetauscht – nur Tarek steht etwas abseits und betrachtet noch immer die Zeichnung.

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