Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

«Ich habe an einem Tag 78 Notrufe erhalten»

Seit über zehn Jahren hilft der eritreische Priester Mussie Zerai vom aargauischen Erlinsbach aus Menschen auf der Flucht. Sein Frust über die europäische Politik wächst, Zerai kommt an seine Grenzen.

Interview: Sarah Schmalz

Mussie Zerai

WOZ: Mussie Zerai, Sie erhalten seit Jahren Anrufe von in Seenot geratenen Flüchtlingen und deren Angehörigen. Die Belastung muss gross für Sie sein in diesen Tagen. Wie geht es Ihnen?
Mussie Zerai: Ich bin extrem müde. Es ist schlimm, von diesen schrecklichen Tragödien zu hören. Der Schmerz der Angehörigen belastet mich. Laufend rufen mich Menschen an, die wissen wollen, ob ihr Bruder, ihr Freund, ihre Frau von einem Unglück betroffen ist.

Können Sie diesen Menschen helfen?
Man bittet mich, mit den Behörden in Italien Kontakt aufzunehmen. Doch was die Katastrophen der vergangenen Tage angeht, ist es derzeit unmöglich, an genaue Informationen über die Opfer und die Überlebenden zu kommen. Wer gerettet wurde, ist noch unterwegs. Und niemand hat die Übersicht. Beim grossen Unglück vom Sonntag zum Beispiel wird mal von 700, dann wieder von 900 Bootsflüchtlingen gesprochen.

Haben Sie von den betreffenden Booten Anrufe erhalten?
Nein, von diesen Booten hat mich niemand angerufen.

Seit Anfang Jahr sind auf dem Mittelmeer so viele Personen ertrunken wie noch nie. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?
In der eritreischen Gemeinde herrscht eine grosse Hilflosigkeit. Bei mir gehen ständig mehr Anrufe ein. Vorletztes Wochenende habe ich beispielsweise an nur einem Tag 78 Anrufe erhalten – von Flüchtlingen in Not und von Angehörigen. Ich bin ständig in Kontakt mit den Einsatzkräften vor Ort, um möglichst viele Boote zu orten.

Sie setzen sich seit über zehn Jahren für Migrantinnen und Migranten ein. Wie sind Sie dazu gekommen?
Alles hat damit begonnen, dass mich ein Journalist bat, für ihn zu übersetzen. Er recherchierte in Libyen zu Flüchtlingsnetzwerken. Übers Telefon habe ich mit einigen eritreischen Flüchtlingen in Lagern gesprochen. Diese haben dann meine Telefonnummer weitergereicht. Sie kritzelten sie an die Wände ihrer Unterkünfte. So haben mir immer mehr Menschen auf der Flucht von ihrer Not berichtet. Und irgendwann konnte ich die Augen nicht mehr verschliessen.

Wie beurteilen Sie die Politik der EU-Staaten?
In Brüssel gibt es kein echtes Interesse daran, diese Menschen zu retten. Seit zehn Jahren wird geredet und geredet. Alles leere Versprechungen. Das Einzige, was beschlossen wird, sind Verschärfungen. Doch die Grenzen einfach zu schliessen, ist keine Lösung. Das Flüchtlingsproblem muss endlich an den Wurzeln gepackt werden.

Was heisst das?
Es herrscht doch eine ungeheuerliche Doppelmoral. Nehmen wir etwa den sudanesischen Diktator Umar al-Baschir. Wie lange ist der schon an der Macht? Zehn Jahre? Die Situation in Darfur hat sich seither nicht gebessert. Genauso wenig wie die Lage in Somalia, das im Chaos versinkt. Auch der Grenzkonflikt mit Eritrea ist noch nicht gelöst. Ich frage mich wirklich, wo die internationale Gemeinschaft bleibt. Wozu gibt es Organisationen wie die Uno, wenn Herrscher wie Baschir nicht verhaftet werden? Wirtschaftliche Interessen gehen offenbar immer vor.

Sie klingen sehr frustriert.
Ich bin erschöpft. Wir haben genug von all den Toten, vom Elend auf dem Meer und in der Wüste, von Menschen- und Organhandel. Es ist Jahr für Jahr dasselbe. 2013, nach der Katastrophe vor Lampedusa, hiess es: Nie wieder! Und was ist seither passiert? Nichts.

Haben Sie noch Hoffnung?
Ich muss mir Hoffnung bewahren. Sonst könnte ich nicht weiterleben. Aber ich bin zutiefst beschämt. Das Mittelmeer ist zum Friedhof Europas geworden. Das ist eine Schande.

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