Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

An den Grenzen der Biennale

Während sich die Kunstelite an der 56. Internationalen Biennale in Venedig selbst bestaunt, eröffnen ein paar kleine Graffiti abseits der offiziellen Ausstellung eine subversive künstlerische Praxis.

Von Stephanie Danner, Venedig

Am Anfang der Wanderung oder bereits am Ende? Klandestin aufgesprühter Wegweiser an einem Brückenkopf Venedigs. Foto: A.S.I.

Nur allzu leicht kann man sich verlieren in den engen Gassen Venedigs. Zweimal abgebogen, und schon hat man die TouristInnenmeilen mit ihren Geschäften und Ständen hinter sich gelassen. Es hat Charme, dieses Backsteinlabyrinth. Das Gefühl des Verlorenseins, ja der Verirrung kann einem angenehme Schauer über den Rücken jagen – sich einfach ziellos treiben zu lassen über Gassen und Brücken, planlos entlang der trüben Kanäle.

Doch wie weit würdest du in der Nacht gehen, voller Angst vor Gewalt, auf der Suche nach Zuflucht? Wohin gehst du, hetzt du durch diese engen Gassen, wissend, dass weder hinter noch vor dir ein wahres Obdach existiert?

Diese Fragen stellen seit 2011 schwarze Graffitiwegweiser rund um die Biennalemanegen Giardini und Arsenale, indem sie einen «Anonymous Stateless Immigrants Pavilion» ankündigen. Manche der aktuell vorhandenen Graffiti sind noch von 2011, andere wurden entfernt und anlässlich der folgenden Biennalen 2013 und 2015 wieder neu gesprayt. Anfang Mai dieses Jahres wurde der Weg durch einen nächtlichen, auf Video dokumentierten Performancemarsch nochmals neu beschritten. Jeweils mit Pfeilen versehen, führen die Stencils durch ruhige Strassen genauso wie an einigen TouristInnenhotspots der Biennale vorbei. Die wohligen Schauer bleiben auch hier nicht aus, wenn man aus der dunklen Calle del Forno doch wieder auf die strahlende Via Giuseppe Garibaldi hinaustritt. Man sucht die nächste enge Abzweigung, den nächsten Hinweis.

Das Netzwerk, das diesen Irrweg der Gegenwart mit Graffiti nachgezeichnet hat, bezeichnet sich selbst als Anonymous Stateless Immigrants (A. S. I.). Nach der Logik dieser Bewegung gibt es mindestens so viele Mitglieder, wie es anonyme, staatenlose ImmigrantInnen gibt. Auch nicht anonyme KünstlerInnen können teilhaben. Wenn sie bereit sind, sich aktiv zu positionieren und über pseudopolitische Spiele mit dem Ästhetischen hinaus tatsächlich künstlerisch-kämpferisch Stellung zu beziehen. Während die Besessenheit der Medien- und Kunstwelt von Identität und Individualität oft nur Ausschluss produziert, wollen die A. S. I. gerade nicht, dass es um Einzelne und ihre Anerkennung geht, sondern um die vielen, die um ihre Rechte, allen voran um dasjenige auf Bewegungsfreiheit, aufgrund von Identität, Nationalität und Klasse betrogen werden. Einige Mitglieder beschlossen 2011 – manche davon genau einer solchen Situation ausgesetzt: befristetes Bleiberecht, abgelaufene Visa, der Status «illegal» –, diesen Zustand sichtbar zu machen. Auf diesen Beschluss hin sprayten die Beteiligten die erste Anonymous-Stateless-Immigrants-Pavilion-Tour in Venedigs Gassen. Eine Tour, nahe den berühmten Pavillons, die einen schon mal vor grossen dunklen Türen innehalten und rätseln lässt, ob man nun schon am Ende der Wanderung oder gerade erst an ihrem Anfang ist.

Draussen vor den Pavillons

Dass die ersten Aktionen der A. S. I. im Kontext der Biennale Venedig stattfanden, verwundert kaum. Während die Elite der internationalen Kunstwelt sich selbst und ihren redlichen Weltverbesserungstrieb gern feiert, trägt schon die Struktur der weltweit ältesten Biennale zur Aufrechterhaltung von Diskriminierung und Ausschluss bei. Venedig hält, im Unterschied zur zweitältesten Biennale in São Paulo beispielsweise, am Konzept der Länderpavillons fest. Auch wenn bei jeder Biennale neue Nationen hinzukommen dürfen, schliesst diese Struktur von Anfang an kritische Stimmen und Minderheiten aus. Um RepräsentantIn einer Nation zu sein, muss der/die KandidatIn den Status quo im «eigenen Land», wie dessen Stellung im ungleichen globalen Kräfteverhältnis, befürworten: Offizielle Stellen müssen der Teilnahme zustimmen, Verträge unterschrieben werden. Die kompakt zentralisierte Kunstwelt auf der Insel wird durch einen strengen bürokratischen Apparat geregelt.

Gleichzeitig wollen alle hier ihren Intellekt, ihr grosses Engagement und ihr kritisches Bewusstsein zeigen. Dabei liegt der Effekt oft nur darin, zu einem Teil des Markts zu werden – zu wichtigen AkteurInnen jener ökonomischen Ordnung, die sich in der Biennale widerspiegelt und sie in dieser Form überhaupt ermöglicht. Während die Kunstwelt, wie die A. S. I. es ausdrücken, an der Biennale als ihrem «ältesten kulturellen Kanon den Nationalismus durch Kunst preist», wird das Mittelmeer zu einem immer grösseren Massengrab für jene, die das Pech hatten, in der falschen Nation geboren zu werden. Indem eine Versammlung von Künstlerinnen, Kunstkritikern, Kuratorinnen und Kunstliebhabern die Spielregeln macht und damit symbolische und materielle Grenzen setzt, werden die Chancen auf eine tatsächliche kulturelle und politische Revolution verunmöglicht oder negiert. Es ist ein farbenfrohes, oft kluges, oft auch grossartiges Lechzen nach der Partizipation an einem ökonomischen System, das kaum GewinnerInnen hervorbringt, weil es auf viele VerliererInnen und Verlorene aufbaut.

Anonym, staatenlos, ImmigrantIn – nicht mal, nein, schon gar nicht in der grossen internationalen Kunstwelt werden die Grenzen aufgelöst, die der Nationalismus einem Leben setzt. Kann man dem entgehen, wenn man Graffiti folgt und den Anonymous Stateless Immigrants Pavilion endlich findet? Hat man einen Hinweis übersehen? War man hier schon mal? Muss man jetzt an den Giardini vorbei oder wieder zurück?

Schwarmweise und dezentral

Die A. S. I. versuchen, diesen Strukturen schon von der Basis her zu entgehen. Ihre Aktionen und ihre Organisation sollen möglichst dezentralisiert, beweglich und offen bleiben: Als Schwarm, Netzwerk oder Multitude bezeichnen sie diese Formoffenheit, die keine AnführerInnen kennt und Repräsentation strikt ablehnt. Auch beim Anonymous Stateless Immigrants Pavilion boten Ansätze der Situationistischen Internationalen sowie die Bücher «Multitude. Krieg und Demokratie im Empire» von Antonio Negri und Michael Hardt oder «Schwarmweise. Was ist ein Schwarm?» des Gründers der schwedischen Piratenpartei Rick Falkvinge Inspiration und Konzepte.

Dabei gestaltet sich das Netzwerken für diese Multitude immer schwieriger. Mit dem Mittel der Onlinevernetzung sehen sich die Mitglieder zunehmend einem grossen Überwachungsapparat ausgesetzt. Tatsächlich weicht das Netzwerk nach eigener Aussage immer öfter auf alte Wege der Kommunikation aus. Nur die «Offlinewelt» scheint für sie noch halbwegs das Recht, sich auszudrücken und zu kommunizieren, zu gewährleisten, ohne dabei jederzeit sichtbar und verfolgbar zu sein. Kontrolle und Überwachung, Nationalismus und Identifikation, Kapitalismus und Neoliberalismus: Die A. S. I. kämpfen und mobilisieren an vielen Fronten für eine «Welt ohne Grenzen», für die Rede- und Bewegungsfreiheit, für andere Formen der Organisation, kurz, für andere Lebensweisen. In Bezug auf die Biennale Venedig wollen sie zu einer fundamentalen Diskussion anregen – über das Format und die zentralisierte Struktur, über den Standort, über mögliche Formen der künstlerischen Produktion ausserhalb des globalen Kapitals und nicht zuletzt darüber, für wen eine Biennale überhaupt gemacht werden sollte.

Auf und davon

Wo gelangt man hin, wenn man den Wegweisern der A. S. I. folgt, mit Blasen an den Füssen, weil man das erste Mal im Jahr wieder Flip-Flops trägt? Irgendwie wusste man es schon vorher: Es gibt ihn nicht, diesen Ort der anonymen staatenlosen ImmigrantInnen; weder ausserhalb noch innerhalb der Biennale, weder in der Kunstwelt noch in der Welt, die wir uns tagtäglich wieder erschaffen. Und die A. S. I. sind längst auf und davon.

Während Marx’ «Kapital» auf der Biennale 2015 in Dauerschleife vorgelesen wird und der diesjährige Kurator Okwui Enwezor mit dem Titel «All the World’s Futures» ein revolutionäres Potenzial verspricht, das schon durch das Format nicht eingehalten werden kann, sind Mitglieder der A. S. I. an den südlichen Grenzen Europas unterwegs, um mit Flüchtlingen zu sprechen, ihre Geschichten zu dokumentieren und ihr Netzwerk weiter auszubauen.

https://anonstatelessimmigrants.wordpress.com

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text An den Grenzen der Biennale aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr