Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

«Schwarze werden kriminalisiert»

Brian Jones ist Bürgerrechtsaktivist und Primarschullehrer in einer öffentlichen Schule in New York. Mit der WOZ sprach er über Polizeigewalt, die Bedeutung der Hautfarbe und über Barack Obama.

Interview: Corina Fistarol

Brian Jones.

WOZ: Brian Jones, bezeichnen Sie sich als schwarz?
Brian Jones: Ja. In den USA gilt nach wie vor die Regel, dass jeder schwarz ist, der einen Tropfen schwarzes Blut in den Adern hat.

Ist Ihre Identifikation als Schwarzer auch eine politische Entscheidung?
Auf jeden Fall. Ich bin in einer schwarzen Familie aufgewachsen, habe aber ein weisses Gymnasium besucht. Kulturell stehe ich irgendwo dazwischen. Ein Polizist wird mich immer als schwarz wahrnehmen – und behandeln.

Wie bestimmend ist die Hautfarbe für Sie?
Sie spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle. Als Akademiker aus der Mittelklasse erlebe ich den Rassismus zwar anders als Schwarze aus der Arbeiterklasse. Doch selbst die Obamas werden davon nicht verschont.

Hat der Rassismus in den USA zugenommen, oder ist er einfach offensichtlicher geworden?
Er wurde wieder schlimmer. Die Stadt New York zahlt jedes Jahr rund hundert Millionen US-Dollar für Entschädigungen wegen polizeilicher Gewalt. Die Leidtragenden sind meist Schwarze. Eine Recherche des «Guardian» zeigt, dass in den letzten zehn Jahren 7000 Menschen von US-Polizisten getötet wurden.

Die Polizeigewalt gibt es schon lange. Warum gehen erst jetzt so viele Leute auf die Strasse?
Die Leute haben angefangen, die Ereignisse zu verknüpfen, und erkennen nun die strukturelle Gewalt hinter den Übergriffen in Ferguson und Baltimore. Die Wut ist gross geworden.

Wie reagiert das afroamerikanische Establishment auf diese Wut?
Die schwarze Elite identifiziert sich wenig mit uns. Allenfalls unterstützt sie NGOs. Aber diese versuchen in erster Linie, die Demonstrierenden von der Strasse zu holen.

Hat Barack Obama die Schwarzen gestärkt?
Seine Wahl hat gezeigt, dass es für Schwarze möglich ist, in jede Position vorzudringen. Er stand für grosse Veränderungen. Doch er ist durch und durch marktorientiert: Statt die Armen zu retten, rettete er die Banken. Statt sich zu fragen, wie alle Studenten eine solide, unentgeltliche Ausbildung erhalten könnten, will er sie besser darüber informieren, wie sie zu einem Ausbildungskredit kommen.

Schwarze sind auch auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt.
Das ist offensichtlich. Es ist zwar nicht mehr legal, den Leuten wegen ihrer Hautfarbe eine Wohnung zu verweigern. Heute passiert das aber über das Vorstrafenregister: Wer eine Wohnung mieten, einen Schulkredit beantragen oder einen Arbeitsvertrag unterschreiben will, muss ankreuzen, ob er je verurteilt worden ist. Wenn ja, hat er kaum eine Chance. Ins Gefängnis kommen in den USA vor allem die Armen, die etwa Bussen nicht bezahlen können. Das sind oft die Schwarzen. Sie werden so kriminalisiert.

Ihr Kampf ist also auch ein Klassenkampf?
Hautfarbe und Klasse gehen meist Hand in Hand. Die armen Schwarzen werden seit jeher in Ghettos gepfercht, wo es schlechtere Häuser, kaum Jobangebote und miserable Schulen gibt. Es ist ein Teufelskreis.

Wie kann dieser durchbrochen werden?
Die Bevölkerung muss ihre Vorurteile überwinden und die Ursachen hinter der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit erkennen. Die Arbeiterklasse muss sich besser organisieren, wir, die wir diese Ungerechtigkeit erkennen, müssen Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Bewegungen stärken und die Solidarität fördern.

Solidarität mit allen marginalisierten Gruppen?
Ja. Die Leute sollen erkennen, dass das, was sie den Schwarzen, den Frauen, den Homosexuellen antun, sich an der ganzen Bevölkerung rächt. Angehörige aller Minderheiten beteiligen sich beispielsweise an den Demonstrationen für den Mindestlohn von fünfzehn Dollar. Diese Forderung ist für alle Marginalisierten wichtig – insbesondere für die vielen schwarzen Frauen, die im Dienstleistungssektor tätig sind.

Sie engagieren sich auch in der Bewegung #BlackLivesMatter (vgl. «Apartheid, die nie zu Ende ging»). Ist diese stark genug, um so hohe Ziele zu erreichen?
Nach zehn Monaten Bewegung kennt die ganze Welt die Brutalität der US-Polizei. Das ist fantastisch. Die Bewegung ist vergleichbar mit Occupy. Auch wir stellen uns klar gegen den Neoliberalismus.

Versucht die Demokratische Partei, Anliegen der Bewegung aufzunehmen?
Nein, sie versucht, die Bewegung zu absorbieren. Wenn das gelingt, verliert #BlackLivesMatter ihre Kraft. Ich möchte eine Arbeiterpartei gründen, die in der Opposition bleiben muss: Eine unabhängige linke Partei, das brauchen wir.

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