Nr. 25/2015 vom 18.06.2015

Die renitenten Pfarrer von Saint-Laurent

Seit drei Monaten besetzen Flüchtlinge die Kirche Saint-Laurent in Lausanne. Sie demonstrieren gegen ihre Ausschaffung und das Dublin-System. Der Widerstand beginnt, Früchte zu tragen. Eine unrühmliche Rolle spielt die offizielle Kirche.

Von Sarah Schmalz

«Peng!» Einer fällt. Sinkt in die Arme einer Frau, die ihn auffängt und langsam nach unten gleiten lässt. Erschrockenheit auf den anderen Gesichtern. «Peng!» – ein weiterer imaginärer Schuss. Einer nach dem anderen wird niedergestreckt. «Trop tôt», tönt es aus dem Hintergrund. «Encore une fois!»

Nur noch die Frauen des Ensembles stehen, bevor sich die «Toten» zu einem neuen Durchlauf hochraffen. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Die fünf Männer aus Eritrea und ihre Schweizer Schauspielkolleginnen proben an diesem Tag Anfang Juni für den kurz bevorstehenden Auftritt am Festi-R in der Lausanner Altstadt.

Schichtwechsel alle zwei Stunden

Drei Monate «résistance» wurden am 6. Juni auf der Place de la Louve gefeiert: Seit Anfang März besetzen sechs Flüchtlinge – eine Frau aus Äthiopien und fünf Männer aus Eritrea – die Lausanner Kirche Saint-Laurent. Sie alle sind Flüchtlinge, die vom Dublin-Abkommen betroffen und von der Ausschaffung bedroht sind. Gegen die Entscheide des Bundesamts für Migration wehren sich die Flüchtlinge aus zwei unterschiedlichen Gründen: Vier der BesetzerInnen müssten zurück nach Italien, wo die humanitäre Lage für Flüchtlinge katastrophal ist und ein Leben auf der Strasse droht. Zwei der Flüchtlinge protestieren aus gesundheitlichen Gründen gegen eine Rückschaffung nach Holland beziehungsweise Schweden.

Mit der Besetzung der Kirche Saint-Laurent hat sich die Lausanner Bleiberechtsorganisation Collectif R gegründet, die auch den Widerstand organisiert. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von UnterstützerInnen, die rund um die Uhr in der Kirche anwesend sind. An den Wänden des Kirchgemeindehauses hängen Pläne, die von einer straffen Organisation zeugen: Alle zwei Stunden ist Schichtwechsel. Nachts schlafen zwei AktivistInnen bei den Flüchtlingen. Das Collectif bemüht sich ausserdem um möglichst viel Beschäftigung. Freiwillige unterrichten jeden Tag Französisch, manchmal werden auch Theaterworkshops angeboten.

In den Fokus der Öffentlichkeit aber sind andere geraten: Die zwei Pfarrer der reformierten Kirche Saint-Laurent. Sie, die die BesetzerInnen aufgenommen haben, stehen unter massivem Druck der offiziellen Kirche.

Eine schmale Gasse führt vom Kirchgemeindehaus und den Theater probenden Flüchtlingen hinunter zur Place de la Louve, wo der Lokalheld K am Festivaltag ein erstes Konzert auf der kleinen Bühne gibt. Auch Pastor Daniel Fatzer, einer der beiden Pfarrer der Kirche Saint-Laurent, ist auf ein kühles Bier vorbeigekommen. Den roten Schlips locker über sein weisses Hemd gebunden, die grauen Haare so verwuschelt, als würde er ständig gedankenschwer in ihnen wühlen – Fatzer wirkt so, dass ihn ein Regisseur wohl sofort für die Rolle des intellektuellen Streuners besetzen würde.

Die Rolle, die die Offiziellen der reformierten Kirche in Lausanne dem Pfarrer und seinem abwesenden Kollegen zugeteilt haben, ist die der Reformer. Inzwischen aber treiben es die beiden den Oberen doch etwas zu bunt. Doch der Zwist zwischen den Saint-Laurent-Pfarrern und der Kirchenobrigkeit existiert nicht erst seit der Kirchenbesetzung. «Haben Sie das Bild gesehen?», fragt Fatzer. Er meint das Konterfei Martin Luther Kings, das als grosses Banner über dem Eingang der altehrwürdigen Kirche prangt. «Zwei Jahre haben wir dafür gekämpft, dass es hängen bleiben darf. Zwei Jahre.»

Saint-Laurent ist eine von drei reformierten Kirchen in Lausanne, die nicht einer Kirchgemeinde, sondern direkt dem kantonalen Synodalrat unterstehen: Wie in vielen Schweizer Kantonen wollen die Reformierten auch in Lausanne in einigen Stadtkirchen eine offenere, experimentellere Form von Kirche wagen. Wie weit diese Öffnung allerdings gehen soll, darüber herrscht Uneinigkeit.

Fatzer und sein Kollege lassen bei ihren Gottesdiensten das Hauptportal offen stehen. «So kann jeder rein und raus, wie er will. Zu uns kommen viele Familien, und mit Kindern dauert bekanntlich alles etwas länger – auch am Sonntagmorgen.» Saint-Laurent ist fürwahr keine leise Kirche. Während der Gottesdienste spielen die Kinder auf dem roten Teppich in der Mitte. Nach der Predigt gehen Mikrofone durch die Bankreihen. Auf die Diskussionen folgt ein gemeinsames Essen im Gemeindesaal. Oft gesellen sich die Flüchtlinge dazu, die hier, im Untergeschoss der Kirche, in einer mit Tüchern abgegrenzten Ecke ihre Zelte aufgeschlagen haben.

Leitfigur Martin Luther King

«Mir gefällt diese Lebendigkeit», sagt Fatzer, «vraiment.» Dann schweigt er und nimmt einen bedächtigen Schluck aus seinem Bierglas. Die Pfarrer von Staint-Laurent sind vorsichtig geworden – kein Wunder. Was die beiden Pfarrer nicht aussprechen, sagt Xavier Paillard, Präsident des Lausanner Conseil synodal, offen: Die Fronten seien verhärtet. «Details will ich nicht ausbreiten, aber wir haben den Pfarrern von Saint-Laurent mit der Kündigung gedroht.»

Dass die FlüchtlingsaktivistInnen an die Kirche Saint-Laurent gelangt sind, ist kein Zufall. «Martin Luther King ist ja quasi der Vater des zivilen Ungehorsams», sagt am Festtag die Studentin Sophie, die sich für das Collectif Droit de rester engagiert. Als die Idee einer Kirchenbesetzung entstand, habe man es zuerst auf offiziellem Weg versucht. «Wir wandten uns an die kantonale Kirche – ohne Erfolg.» Also standen die AktivistInnen eines Tages mit Sack und Pack vor der Tür der progressiven Kirche. Ihre Forderungen sind klar: ein Moratorium für Ausschaffungen nach Italien sowie eine sorgfältigere Prüfung aller Dublin-Dossiers. «Wir sind immer öfter mit Menschen konfrontiert, die ob ihrer unlösbaren Situation verzweifeln», sagt Sophie. «Deshalb wollten wir ein klares Zeichen setzen.»

Es ist das Zeichen eines asylpolitischen Widerstands, der in der Waadt Tradition hat. Man erinnere sich etwa an die Besetzung eines Lausanner Kirchgemeindehauses durch Flüchtlinge im Jahr 2004, mit der erwirkt werden konnte, dass der Bund bei 145 von 523 abgewiesenen AsylbewerberInnen auf eine Ausschaffung verzichtete. Legalisiert wurden damals vor allem Familien mit Kindern, alleinstehende Frauen und Überlebende des Massakers von Srebrenica. Die offizielle reformierte Waadtländer Kirche setzte sich an vorderster Front für die Flüchtlinge ein.

«Die Zusammenarbeit mit den Aktivistinnen und Aktivisten war damals super», sagt Xavier Paillard vom Lausanner Synodalrat. Doch inzwischen sei das Verhältnis getrübt: Die BleiberechtsaktivistInnen hätten sich mehrmals uneinsichtig gezeigt. So etwa, als sie bei einer Aktion im Jahr 2012 ohne Absprache in eine Kirche eingezogen seien. Die erste Umsiedlung hätten die AktivistInnen dann zwar akzeptiert. «Doch als es auch in der zweiten Kirche Nutzungskonflikte gab, weigerten sie sich trotz der angebotenen Alternative, diese zu verlassen.» Bei der aktuellen Besetzung in der Kirche Saint-Laurent hätten die AktivistInnen den Synodalrat zwar tatsächlich kontaktiert, sagt Paillard. «Doch nachdem wir ihnen im Oktober nicht sofort eine Lösung anbieten konnten, brachen sie den Kontakt mit uns ab.»

Zwar bestreitet Paillard, dass die Kündigungsandrohung wegen der Flüchtlinge an die beiden Pfarrer ging: «Das ist noch kein Thema.» Dass er gegen die Besetzung ist, daraus macht Paillard jedoch keinen Hehl. Hinter der Tradition des Kirchenasyls stehe der Schutzgedanke, sagt er. Hier aber würden sechs Menschen für ein politisches Anliegen instrumentalisiert. «Bei der Aktion der 523 wurde ganz konkret dafür gekämpft, dass diese Menschen bleiben dürfen – aus der Überzeugung heraus, dass ihre Asylentscheide falsch waren.» Mit den Flüchtlingen in der Saint-Laurent-Kirche hingegen bekämpften die AktivistInnen das Dublin-System als Ganzes. Und benutzten dafür die BesetzerInnen – womit sie diesen falsche Hoffnungen auf eine Anerkennung geben würden.

Das Festival auf der Place de la Louve ist für die Flüchtlinge eine der wenigen Gelegenheiten, die Kirche Saint-Laurent ohne Angst vor einer Verhaftung zu verlassen: Die vielen BesucherInnen bieten Schutz. Auch die einzige Frau unter den BesetzerInnen hat sich an diesem Samstagabend unter das Volk auf der Place gemischt, um den Auftritt ihrer Mitbewohner nicht zu verpassen. Doch instrumentalisiert? Nein, so wirkt sie, die in ihrer Heimat Äthiopien ein Kommunikationsunternehmen führte und gegen die diktatorische Regierung opponierte, keineswegs: «Auf der Strasse hatte ich ständig Angst, in der Kirche fühle ich mich sicher.»

Bleiben, solange es nötig ist

Ihren echten Namen will die Äthiopierin nicht in der Zeitung lesen. Sie nennt sich Dinknesh, «wie die älteste Frau der Welt, deren Skelett in Äthiopien gefunden wurde». Dinknesh leidet an starken Depressionen, ihre Flucht hat sie traumatisiert. Sie hat Gewalt erlebt, wurde in Kenia verhaftet. Nach Europa kam sie mit einem holländischen Visum – in die Schweiz, weil sie an deren humanistische Tradition glaubte. Und tatsächlich stiess sie hier auf Menschlichkeit – bis zu dem Moment, als der Negativentscheid eintraf. «Ich hatte hier sofort Medikamente erhalten und eine gute Betreuung. Die Menschen in der Schweiz sind nicht das Problem. Das Problem ist das Gesetz», sagt sie. «Ich hasse das Gesetz. Deshalb bin ich hier in der Kirche.»

«Die Flüchtlinge von Saint-Laurent sind aufgeklärt», sagt Studentin Sophie. «Wir haben ausführlich mit ihnen besprochen, was wir hier machen. Sie kennen die Rechtslage und wussten beim Einzug in der Kirche, was auf sie zukommt. Und damit auch, dass sie diese kaum mehr verlassen können.»

In der Westschweiz hat die Besetzung inzwischen für einiges Aufsehen gesorgt. Der bisher grösste Erfolg ist eine Petition des Lausanner Kantonsparlaments, das die Kantonsregierung dazu auffordert, sich in Bern für die Anliegen der Flüchtlinge einzusetzen. «Eine Petition ist ein schwaches Instrument», räumt Francis Kay vom Collectif ein. «Doch dass es in Lausanne eine Mehrheit gegen das geltende System gibt, motiviert uns weiterzumachen.» Wie lange noch? «So lange, wie es nötig ist», sagt Sophie.

Nachtrag vom 27. August 2015

Ermüdender Kampf

Gut fünf Monate dauert die Besetzung der Kirche St. Laurent in Lausanne mittlerweile an. Die Bleiberecht-Organisation Collectif R will mit der Aktion eine nationale Debatte über das Dublin-System anreissen, das für viele Flüchtlinge eine Rückkehr ins italienische Elend bedeutet. Noch immer leben fünf Männer aus Äthiopien im Pfarrsaal. Die einzige Frau, die im März mit eingezogen war, musste St. Laurent aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Zwei der sechs Flüchtlinge haben inzwischen aufgrund ihrer Aufenthaltsdauer in der Schweiz ein reguläres Asylverfahren erhalten. Die anderen warten auf den Entscheid über ihre Wiedererwägungsgesuche. Je länger die Besetzung dauert, desto herausfordernder wird sie für das Kollektiv. «Gerade in den Sommerferien war es schwierig, die 24-Stunden-Betreuung zu organisieren», sagt Aktivist Francis Kay. Nach dieser anstrengenden Phase soll der Protest nun neu aufleben: Am Dienstag dieser Woche organisierte das Collectif R eine weitere Kundgebung in der Lausanner Innenstadt. In der Waadt hat der Protest von St. Laurent auch politisch hohe Wellen geschlagen: Das Kantonsparlament setzt sich für ein Bleiberecht ein. Nationale Aufmerksamkeit zu bekommen, sei schwieriger, sagt Kay. Positive Asylentscheide für die sechs Flüchtlinge wären für ihn «ein kleiner Erfolg». Wie es andernfalls weitergehen soll, ist unklar. Die Bereitschaft, Widerstand zu leisten, sei jedenfalls weiterhin gross. Gegebenenfalls auch ausserhalb der Kirche.
Sarah Schmalz

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