Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Ein Frauenverein kommt auf Gemüse

Renens vor den Toren Lausannes ist eine der linksten und multikulturellsten Gemeinden der Schweiz. Der Verein Femmes Solidaires Sans Frontières unterstützt und vernetzt hier Frauen in allen Lebenslagen – und Gemüseabos vertreibt er auch noch.

Von Bettina Dyttrich

Auf der Place du Marché in Renens treffen sich alle, und hier funktioniert die soziale Durchmischung. Foto: Giorgio Hösli

«Ich fühle mich erniedrigt und verraten.» Louises Stimme ist heiser. Sie gibt sich Mühe, nicht zu weinen. Grund genug hätte sie: Zehn Tage lang hat sie für ein befreundetes Ehepaar gearbeitet. Rund um die Uhr hat sie den alten Mann betreut, während seine viel jüngere Frau auf Reisen war. Sie hat für ihn gekocht, ihn zum Arzt gefahren. Dreissig Franken pro Stunde, das war die Abmachung. Aber als die Patronne zurückkam, wollte sie nichts davon wissen. Sie verdächtigte Louise sogar: Die habe ein Techtelmechtel mit ihrem Mann angefangen! Die Frau, die vorher so gut zu ihr war, die sie «Schwester» nannte – Louise kann es immer noch nicht fassen.

Im Kreis sitzen noch zwölf andere Frauen. Zwei von ihnen haben Notizbücher auf den Knien: Christine Hertig und Tanja Romano. Sie leiten die Runde. «Hat jemand von euch etwas Ähnliches erlebt?», fragt Tanja. «Wie habt ihr euch geholfen?» Caterina beginnt zu erzählen: von einem Mann, der sie ausnutzte und bedrohte, und wie sie es schaffte, ihn loszuwerden. Still hören die anderen zu.

Caterina und Louise, die in Wirklichkeit anders heissen, nehmen am monatlichen Gesprächsabend des Vereins Femmes Solidaires Sans Frontières – Solidarische Frauen ohne Grenzen – teil. Wir sind in Renens, der proletarisch geprägten Vorstadt von Lausanne, in einem kleinen, gemütlichen Vereinslokal. Der brasilianische Arzt Adalberto Barreto hat die Methode der «gemeinschaftlichen Therapie» in den achtziger Jahren entwickelt. Die Regeln sind einfach: Die Teilnehmerinnen, die etwas auf dem Herzen haben, erzählen am Anfang kurz, worüber sie sprechen wollen. Dann entscheidet die Gruppe, welches Thema sie genauer diskutiert. Alle reden in der ersten Person und geben einander keine Ratschläge, sondern erzählen einfach ihre Erfahrungen.

Aus der Favela in die Schweiz

Christine Hertig ist eine resolute Seniorin mit grossen Perlenohrringen und einer rauchigen Stimme. «Barreto hat zuerst Medizin studiert, dann noch Theologie», erzählt sie. «Aber die Kirche erfüllte seine Bedürfnisse nicht. Er ging ein Jahr als Psychiater nach Deutschland – auch die Psychiatrie erfüllte seine Bedürfnisse nicht.» In den Favelas von Fortaleza im Nordosten Brasiliens habe er schliesslich die Grundlagen für seine Methode gefunden.

Mit frechen Sprüchen gelingt es Christine, die Atmosphäre aufzulockern, ohne dass es bemüht wirkt. In Brasilien sei das genauso, sagt sie: «Dort fängt manchmal plötzlich jemand an, ein lustiges Lied zu singen, und alle lachen los. Ich bin beeindruckt von der Solidarität und der menschlichen Wärme, die ich dort in den Gesprächsgruppen erlebt habe.»

Seit vier Jahren leitet Christine Gruppen für die Femmes Solidaires. «Wir können über alles reden: Konflikte mit der Schwiegertochter, Streit mit dem Nachbarn Probleme mit der SVP … Wunderbar, die Verbindungen, die dabei entstehen. Zwei, die sich vorher nicht kannten, haben ein Wochenende lang zusammen getrommelt!»

Am Ende stehen alle auf und halten sich an den Händen. Louise bedankt sich bei den Frauen. Ein grosses Gewicht sei von ihr abgefallen. «Wir sind deine Unterstützungsfamilie!», ruft ihr eine Frau zu.

Die Gesprächsgruppe ist nur eines von verschiedenen Angeboten der Femmes Solidaires Sans Frontières. Der Verein organisiert auch informelle Treffen, Filmabende und Veranstaltungen zu den verschiedensten Themen, vom Mietrecht bis zum Aufmöbeln alter Kleider. Und er bietet Gemüseabos an – eine in der Schweiz einmalige Kombination von sozialem Projekt und solidarischer Landwirtschaft.

Renens ist auch ein einmaliger Ort: die einzige Gemeinde der Schweiz, in der die linksradikale Parti ouvrier et populaire (POP) im Gemeinderat die Mehrheit hat und in der Exekutive die Bürgermeisterin stellt. Die Kleinstadt, die heute mehr als 20 000 Personen zählt und längst mit Lausanne zusammengewachsen ist, entstand Ende des 19. Jahrhunderts quasi aus dem Nichts rund um einen neuen Rangierbahnhof. Industriebetriebe siedelten sich an – und mit ihnen Menschen aus der ganzen Welt. Heute hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung keinen Schweizer Pass.

Auf der Place du Marché, zwischen Migros und Coop, treffen sie sich alle: Eine verschleierte Frau mit Sonnenbrille wäscht die Hände am Brunnen, ältere Damen, auf Rollatoren gestützt, kommen vom Einkauf, asiatische Kinder füllen kichernd einen Ballon mit Wasser; ein dunkelhäutiger Hipster mit Anzug und Goldkette schlendert über den Platz, eine überdrehte Gruppe Teenies zieht herum, bleiche alte Männer sitzen halb schlafend im Schatten. Der Platz ist mit Sitzgelegenheiten, Sonnendach, Bäumen, einigen Spielgeräten und einem Brunnen einfach, aber praktisch ausgestattet – hier funktioniert die viel geforderte soziale Durchmischung.

Anne-Lise Tombez, eine der Gründerinnen der Femmes Solidaires, war fast vierzig Jahre lang als Sozialarbeiterin tätig und spezialisierte sich auf Familienplanung. Anfang der neunziger Jahre begann sie, Französischkurse für Migrantinnen zu organisieren. «Viele Frauen, die den Kurs abgeschlossen hatten, fanden, sie würden sich gerne weiterhin unter Frauen austauschen. So entstanden die Femmes Solidaires. Wir luden Gäste ein, die zum Beispiel darüber informierten, wo man günstig Ferien machen kann. Gesundheit und Partnerschaft waren auch sehr beliebte Themen.»

Anfangs trafen sie sich in einem Jugendklub, später im Lokal der italienischen Linkspartei Rifondazione Comunista. «Dort hingen Pirelli-Kalender mit nackten Frauen, die haben wir immer umgedreht …», erinnert sich Tombez. Heute hat der Verein ein eigenes kleines Lokal im Zentrum von Renens gemietet und wird von der Gemeinde unterstützt. Zu den regelmässigen BesucherInnen des Lokals gehört auch ein Mann. «Solidarische Männer sind willkommen. Es kamen auch schon welche, die auf Frauensuche waren. Die haben wir rausgeschmissen.»

«Pillen brauche ich nicht mehr»

Auf die Idee der Gemüseabos kamen die Femmes Solidaires an einer Veranstaltung, die sie selbst organisiert hatten: «Vor zehn Jahren luden wir die Gärtner der Vertragslandwirtschaftsgenossenschaft Jardins de Cocagne aus Genf ein, denn wir fanden, man muss wissen, was man isst. Sie erzählten uns von ihren Abenteuern. Wir fanden es toll.»

Besonders begeistert war Pilar Arce. Die Historikerin, die als junge Frau aus Spanien nach Renens kam, um einen Spanier von hier zu heiraten, erzählt: «Unsere erste Idee war, dass die Frauen selber zu gärtnern anfangen. Aber das war schwierig zu organisieren, im Sommer sind viele in den Ferien. Und es gibt ja noch bäuerliche Landwirtschaft in der Region, warum sollen wir ihr Konkurrenz machen?»

Darum fragten die Femmes Solidaires die bäuerliche Gewerkschaft Uniterre, die ihr Büro in Lausanne hat, nach einem geeigneten Gemüsebetrieb in der Region. So fanden sie den jungen Bauern Jean-Pierre Henny in Boussens, zehn Kilometer entfernt.

2006 brachte Jean-Pierre Hennys Vater die ersten Gemüsekisten nach Renens – das erste regionale Vertragslandwirtschaftsprojekt im Raum Lausanne war geboren. Anders als die sechs anderen, die inzwischen entstanden sind, ist es sehr klein geblieben. «Wir bieten das bescheidenste Abo der Romandie», sagt Pilar Arce: Alle zwei Wochen versorgt es zwischen zwanzig und dreissig Haushalte mit Gemüse.

Hennys Produkte seien aussergewöhnlich, sagt sie: «Viele Gemüse kannte ich gar nicht. Die verschiedenen Kohlarten und all die Wurzelgemüse. Wenn sie im Korb sind, fühle ich mich verpflichtet, sie auszuprobieren. Das macht mir viel Spass. Und das hat so viele Vitamine! Den Hustensirup und die ganzen Pillen, die ich früher jeden Winter kaufen musste, brauche ich nicht mehr.»

Doch es geht ihr nicht nur um das gute Gemüse: «Die Bauern in der Dritten Welt sollen nicht unsere Nahrung produzieren müssen. Natürlich wäre das viel billiger, aber die Umwelt und die Menschen zahlen den Preis. Bald gibt es wieder Frühkartoffeln aus Ägypten – dort würden sie den Boden doch für die eigene Ernährung brauchen!»

Pilar und sie seien beide auf Bauernhöfen aufgewachsen, sagt Anne-Lise Tombez. «Darum sind wir sensibilisiert für diese Themen.»

An einem Abend im Mai laden die Femmes Solidaires zu einer Veranstaltung über das Gärtnern auf dem Balkon – ein lockerer Austausch über Gemüsesorten, Mondkalender und den Umgang mit NachbarInnen, denen das Giesskannenwasser auf den Kopf tropft. Lebhaft wird das Gespräch, als es um Gluten und Lebensmittelallergien geht. «Wir könnten einen ganzen Abend über Lebensmittel und Gesundheit reden», meint Anne-Lise Tombez. «Ja, und am Schluss bringt man sich um!», ruft Christine Hertig und lacht sarkastisch.

Auch Uniterre-Sekretär Nicolas Bezençon ist an diesem Abend dabei und bringt agrarpolitische Themen ins Gespräch ein. «Man spricht zwar von landlosen Bauern in Brasilien oder Afrika, aber selten von landlosen Bauern in der Schweiz. Dabei ist es hier für einen jungen Bauern fast unmöglich, einen Hof zu kaufen, wenn er keine bäuerlichen Verwandten hat!»

Endlich mehr Zeit fürs Gemüse

Da hat Jean-Pierre Henny Glück. Er konnte 7,5 Hektaren von seinem Vater übernehmen. Wenig für einen Ackerbauern, aber seit Henny Gemüse für die Femmes Solidaires anbaut, hat er immer mehr zu tun – neben seiner Vollzeitstelle als Mechaniker. Jetzt möchte er auch noch die Direktvermarktung ausbauen: Mitte Mai hat er zum ersten Mal einen Marktstand in Boussens aufgestellt. «Es ist gut gelaufen. Die Leute freuen sich, dass es wieder so etwas gibt im Dorf.» Er plant weitere Marktstände in den Nachbardörfern.

Ob er Biogemüse verkaufe? Diesen Wunsch hat er in den letzten Jahren so oft gehört, dass er beschloss umzustellen. Anfang 2015 hat er damit begonnen. «Meine grösste Sorge ist das Jäten. Das gibt jetzt viel mehr zu tun. Die Femmes Solidaires haben angeboten, an Samstagen helfen zu kommen, das nehme ich gerne an.»

Jetzt, wo die Landwirtschaft dank Gemüseabo, Marktstand und Biozertifizierung langsam etwas einbringt, möchte Jean-Pierre Henny seinen Mechanikerjob auf fünfzig Prozent reduzieren. Damit er mehr Zeit für sein Gemüse hat. Und vielleicht wieder einmal einen freien Sonntag. So etwas kennt er seit Jahren nicht mehr.

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