Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Integration: Alle an die Arbeit!

Von Noëmi Landolt

Bisweilen hat man den Eindruck, dass es im Wahlkampf nichts Wichtigeres gibt, als über eritreische Flüchtlinge mutzumassen, die allenfalls noch in die Schweiz kommen könnten. Wer jedoch an einer realistischen, zukunftsfähigen Asylpolitik interessiert ist, sollte sich vielmehr mit den Menschen befassen, die bereits hier sind. Rund 28 500 EritreerInnen leben heute in der Schweiz, und sie werden das Land in den nächsten Jahren kaum verlassen. Gemeinhin gelten sie als schlecht integriert.

Es fängt alles an mit der fehlenden Integration in den Arbeitsmarkt: Im Jahr 2012 bezogen laut dem Staatssekretariat für Migration rund neunzig Prozent der erwerbsfähigen EritreerInnen, die seit weniger als sieben Jahren in der Schweiz sind, Sozialhilfe. Das ist eine hohe Zahl. Diese Zahl ist jedoch vergleichbar mit der Sozialhilfequote von Flüchtlingen aus anderen Ländern. Denn insbesondere Asylsuchenden und vorläufig aufgenommenen Personen (dies betrifft zusammengenommen immerhin rund 12 000 EritreerInnen in der Schweiz) werden diverse Hindernisse in den Weg gelegt, um eine Arbeits- oder Lehrstelle zu finden.

Für Asylsuchende gilt zunächst ein dreimonatiges Arbeitsverbot. Für sie sowie für vorläufig Aufgenommene muss eine Firma ein Gesuch um eine Arbeitsbewilligung stellen, die wiederum mit einer Gebühr belegt ist. Gearbeitet werden darf nur im Wohnkanton. Die Aufenthaltsbewilligung von vorläufig Aufgenommenen muss zudem alle zwölf Monate verlängert werden – für viele Unternehmen ist das ein zu grosser Unsicherheitsfaktor und bürokratischer Aufwand. Die Gleichung «Kein Job – kein Geld – keine Wohnung» bedeutet für eritreische Flüchtlinge häufig auch: kein Familiennachzug.

Die Caritas verweist in ihrem äusserst lesenswerten Positionspapier «Besserer Schutz durch mehr Rechte» auf das sogenannte «Integrationsparadox»: Aufgrund der Bedingungen, die ihr prekärer Aufenthaltsstatus mit sich bringt, ist für viele Flüchtlinge eine gesellschaftliche Integration praktisch unmöglich. Diese ist jedoch Voraussetzung, um einen gesicherten Aufenthalt erlangen zu können, der einen in die Zukunft schauen lässt.

Viele Kantone nehmen den Integrationsauftrag nicht wirklich wahr. Sie vermitteln beispielsweise Praktika, in deren Rahmen eritreische Flüchtlinge Gratisarbeit leisten und in Gastrobetrieben Teller waschen oder als Putzhilfen Böden schrubben. Diese «Praktika» sind bei der späteren Stellensuche allerdings kaum von Nutzen.

Doch auch anerkannte Flüchtlinge, die eine Stelle haben, befinden sich oft weiterhin in prekären Lebenslagen: Da ihre Ausbildung und ihre Arbeitserfahrung in der Schweiz nicht anerkannt werden, arbeiten die meisten in unsicheren Verhältnissen für Tiefstlöhne und können sich ebenfalls keine Wohnung leisten. Sie bleiben über Jahre in Durchgangszentren oder engen, veralteten Sozialwohnungen.

Integrationsbemühungen dürfen sich jedoch nicht alleine auf den Arbeitsmarkt beschränken. Das bedeutet etwa, Krippenplätze zur Verfügung zu stellen und den raschen Schuleinstieg von Kindern zu ermöglichen, denn viele EritreerInnen leben hier als junge Familie mit kleinen Kindern, die hauptsächlich von Frauen betreut werden.

Ebenso wichtig ist eine angemessene psychologische Begleitung. Gemäss einer Studie der Asylorganisation Zürich (AOZ) sind EritreerInnen noch häufiger als andere Flüchtlinge aufgrund von Erlebnissen im Herkunftsland oder auf der Flucht traumatisiert. Hinzu kommen Sorge und Ungewissheit um zurückgebliebene Angehörige sowie den eigenen unsicheren Aufenthaltsstatus. Diese psychischen Belastungen stehen bei der Arbeits- und Wohnungssuche wie auch beim Lernen einer Landessprache im Weg.

Schwierigkeiten bei der Integration bereiten also nicht die EritreerInnen, sondern vielmehr die Gesetze und fadenscheinige «Integrationsmassnahmen», die auf Menschen ausgerichtet sind, die das Land bald wieder verlassen sollen. Die Erfahrungen aus den neunziger Jahren mit den Flüchtlingen aus Exjugoslawien zeigen: Das entspricht nicht der Realität.

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