Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Nichts wie weg von hier

Weil das Auffanglager der griechischen Insel Kos überfüllt ist, kampieren Hunderte Flüchtlinge im Park. Einheimische wie Ankommende sind mit der Situation heillos überfordert.

Von Theodora Mavropoulos, Kos-Stadt (Text und Foto)

Im ehemaligen Hotel Captain Elias auf Kos gab es einst 25 Gästezimmer, dann sollte es 200 Flüchtlingen Platz bieten. Momentan leben bis zu 700 Personen darin.

Mofeed und Asma sitzen auf der Erde vor ihrem kleinen Einpersonenzelt. Zahlreiche solcher Notunterkünfte reihen sich hier auf den öffentlichen Grünflächen von Kos-Stadt aneinander, wo Hunderte Flüchtlinge kampieren. Müll liegt auf dem Boden, es gibt weder Toiletten noch Duschen. Aus den Parkecken riecht es nach Kot und Urin. Trinkwasser und Nahrungsmittel sind rar. Eine lachende TouristInnengruppe zieht vorbei. Miniröcke, Sonnencremeduft, leicht verbrannte Haut. Ein paar Meter weiter legt eine Luxusjacht am Hafen von Kos an. Musik schallt aus den Boxen der Cocktailbars. Zwei Welten prallen aufeinander.

Mofeed und Asma sind seit knapp einer Woche hier. Das junge Ehepaar aus Syrien hat einen weiten Weg hinter sich: Nach zwei Tagen Fussmarsch überquerten die beiden die Grenze zur Türkei, schlugen sich nach Bodrum durch. Mit einem kleinen Gummiboot kamen sie dann frühmorgens, solange es noch dunkel war, mit vier anderen SyrerInnen die knapp sieben Kilometer von der türkischen Küste übers Meer nach Kos, in die EU. Dafür zahlten sie, wie die meisten hier, pro Kopf 1200 Euro. Ein florierendes Geschäft für Schleuserbanden. Doch das ist den Flüchtlingen egal: «Wir sind vor den politischen Auseinandersetzungen, den Bomben und Massakern geflüchtet», erzählt der 25-jährige Mofeed. «Es ging einfach nicht mehr.» Die 23-jährige Asma nickt.

Asma ist im vierten Monat schwanger. Unter ihrem langen Gewand zeichnet sich leicht ihr Babybauch ab. Die Augen der jungen Frau leuchten auf – ja, vielleicht ein Junge, Hauptsache gesund. Asma trägt den Gesichtsschleier locker, sodass man ihr Lächeln kurz sehen kann. Vor einem Jahr hat das Paar geheiratet.

«Unser Leben in Syrien war ganz normal. Ich habe studiert, bin mit Freunden ausgegangen», erzählt Mofeed. Dann begann der Aufstand. Die anfangs friedlichen Proteste wurden vom Assad-Regime niedergeschlagen, es fielen Bomben. Er habe Freunde verloren. Bis zu seinem Hochschulabschluss kämpfte er sich täglich durch das Grauen. Als das Militär ihn einziehen wollte, seien sie geflohen, sagt er. Bis Asma und Mofeed ihre provisorische Aufenthaltsgenehmigung bekommen – SyrerInnen werden vorläufig für sechs Monate akzeptiert –, müssen sie hier im Camp ausharren.

Direkt nebenan ist die Polizeistation von Kos. Täglich bildet sich eine Traube von Flüchtlingen vor den Toren, um einen Blick auf die Namenslisten zu werfen, die hier aushängen. Diejenigen, deren Namen dort stehen, werden als Nächste auf ihre Identität hin kontrolliert. Erst wenn diese bestätigt ist, können sie ihre vorläufigen Papiere abholen. Im Innenhof der Polizeistation wird gerade eine Gruppe überprüft. ÜbersetzerInnen unterstützen die Polizisten bei der Arbeit. Auf den Bänken um den Hof und auf dem Boden haben sich Frauen, Männer und Kinder niedergelassen. Ein Mann, dem ein Unterschenkel fehlt, sitzt auf einem Stück Pappe auf dem Boden, seine Krücke liegt neben ihm.

Im ersten Stock befindet sich das Büro von Georgios Giorgakakos, dem Direktor des Polizeipräsidiums. Der kräftige Mann mit dem freundlichen Lächeln sitzt an seinem grossen Schreibtisch. Weil die Anzahl der Flüchtlinge enorm gestiegen sei, dauere die Prozedur für die Neuankömmlinge jetzt immer länger, seufzt er. Er sucht im Computer nach der Liste mit den Ankünften. Im Juli seien täglich um die 300 Flüchtlinge auf Kos angekommen. Diese Zahl habe sich im August verdoppelt. Vorher hatte Kos nicht einmal 35 000 EinwohnerInnen.

«Die Menschen hier, Einheimische und Flüchtlinge, sind völlig überfordert», berichtet der grauhaarige Polizeidirektor und schliesst die Liste mit einem lauten Klick seiner Maustaste. Die Lage in den Camps sei unmenschlich, gibt er zu. «Die Infrastruktur ist dafür nicht ausgelegt.» Zwar habe er genug MitarbeiterInnen. «Aber wir brauchen spezielle Apparate für Dokumente, um die Papiere schneller ausstellen zu können», erklärt er die Verzögerung. Es gebe nur zwei solche Maschinen. Eine wird ausschliesslich für die SyrerInnen genutzt – Kriegsflüchtlinge werden gegenüber den anderen bevorzugt behandelt.

Die Syriza-Regierung habe die Bürokratie zum Glück etwas gelockert: Es müssen nicht mehr so viele unterschiedliche Dokumente eingeholt werden, was das Arbeiten erleichtert. «Natürlich wollen wir helfen», betont der Polizeidirektor. Er selbst helfe mit bei der Identifizierung der Ankömmlinge, «damit wir auch nur zehn Leuten mehr ermöglichen, von hier wegzukommen».

In der Hotelruine

Das einzige richtige Auffanglager der Insel ist das verlassene Hotel Captain Elias – eine Ruine, in der die Flüchtlinge auf ausrangierten Matratzen eine vorläufige Bleibe finden. Auch Toiletten und fliessend Wasser gibt es dort. Doch das Hotel ist längst überfüllt. Vor dem Eingang der Ruine steht Vangelis Orfanidakis, Koordinator der Ärzte ohne Grenzen auf Kos. Er läuft auf und ab, telefoniert mit einem der Ärzte, die am Morgen hier Erste Hilfe leisten und am Nachmittag mit ihrem Krankenwagen in das Zeltcamp neben der Polizeistation fahren. Orfanidakis steckt sein Smartphone zurück in die Tasche seiner Weste. Hier im Flüchtlingslager gehe es noch einigermassen, sagt Orfanidakis. Er zeigt auf die Wassertanks und die Toilettenkabinen am Rand der Ruine.

Das ehemalige Hotel Captain Ilias hat 25 Zimmer, in denen eigentlich höchstens für 200 Menschen Platz ist. Momentan leben hier 600 bis 700 Flüchtlinge. Mehr gehe wirklich nicht, betont der Koordinator. Daher suchten die Neuankömmlinge in den Parks und auf den Rasenflächen einen Schlafplatz.

Die Organisation leistet neben erster ärztlicher Versorgung auch psychologische Hilfe und überweist Flüchtlinge bei ernsteren Krankheiten ins örtliche Krankenhaus, wo sie dann kostenlos behandelt werden. Die hygienischen Verhältnisse auf Kos seien mittlerweile dramatisch, so Orfanidakis. Die öffentlichen Toiletten werden den Flüchtlingen, die keinen Platz mehr im Camp Elias fanden, nicht zur Verfügung gestellt. Sie müssen ihre Notdurft im öffentlichen Raum verrichten. Das sei besonders für die Frauen unerträglich. Die Gemeinde Kos biete hier keinerlei Unterstützung. «Wir haben auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene um Unterstützung gebeten», sagt Orfanidakis. Bisher ohne Erfolg. Zwar helfen einige EinwohnerInnen den Flüchtlingen mit Kleidung, anderen Sachspenden oder Nahrung und Wasser. Die Unterstützung reicht jedoch bei weitem nicht aus.

Sorge, dass TouristInnen ausbleiben

Auf der Insel macht sich derweil auch Unmut gegen die Flüchtlinge breit. «Das Zentrum von Kos ist in einem schlimmen Zustand, und so haben die Leute, die hier mit Tourismus ihr Geld verdienen, grosse Probleme», berichtet Georgios Chalkidos, Präfekt der Inseln Kos und Nisyros. Er sitzt im Büro neben dem des Polizeidirektors. Der schmal gebaute Mann lächelt erschöpft, während er erzählt. In diesem Jahr seien die TouristInnen noch nach Kos gekommen, weil sie bereits gebucht hätten. Nun befürchtet er, dass sie nächstes Jahr ausbleiben, weil Kos überall in den Nachrichten vorkommt. Die Insel lebe aber allein vom Tourismus. Alle hier seien mittlerweile erschöpft.

Hinter der Polizeistation steht ein Mann in seinem Kiosk. Auf dem Tresen vor der Kasse hat er Räucherstäbchen angezündet. Sein Kiosk befindet sich direkt vor einem Park, aus dem es stark nach Fäkalien stinkt. Natürlich vertreibe das potenzielle KundInnen, sie machten einen weiten Bogen um diese Stellen.

Um die Ecke steht ein Tavernenbesitzer vor seiner Gaststätte und versucht, TouristInnen an die Tische zu lotsen. Das Geschäft laufe schlechter als sonst. Wie Tiere benähmen sich die Flüchtlinge, sagt er wütend und serviert einem Touristenpaar das Essen. Die beiden hatten schon gebucht – und sich über die Situation vor Ort informiert. «Aber so schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt», sagt die Frau aus Deutschland leise.

«Der Bürgermeister weigert sich»

Dann schallt ein Sprechchor von der Strasse schräg gegenüber, die am Wasser gelegen ist: «We want to leave» – wir wollen gehen! Etwa achtzig Flüchtlinge haben sich zu einer spontanen Demonstration zusammengetan, halten zwei Pappschilder mit dem Slogan ihres Sprechchors hoch. Auch Mofeed ist dabei. Hierbleiben? Nein. Zusammen mit seiner Frau will er nichts lieber als weg von hier. Vermutlich bekommen sie ihre Papiere in den nächsten Tagen. Sicher ist es aber nicht. Europa solle endlich eingreifen, sagt er.

Das fordert auch Tasia Christodoulopoulou, stellvertretende Ministerin für Migration. Die Syriza-Politikerin sitzt in ihrem Athener Büro. «Die EU hat zum ersten Mal anerkannt, dass das Problem nicht mehr nur einzelne Länder, sondern ganz Europa betrifft.» Das sei ein erster Schritt, so Christodoulopoulou. Bisher habe man Griechenland mit der Situation komplett alleingelassen. Nun habe die EU wenigstens einmal 8000 Flüchtlinge auf unterschiedliche Länder verteilt. 460 Millionen Euro habe man in Griechenland für fünf Jahre zur Verfügung – zu wenig, um anständig Hilfe leisten zu können.

Immerhin plane die EU weitere Hilfen. «Es sollen Teams mit den dringend benötigten Maschinen auf die Inseln geschickt werden, um die Papiere der Flüchtlinge schneller ausstellen zu können», berichtet Christodoulopoulou. Auch zusätzliche ÜbersetzerInnen sollen geschickt werden.

Die Zustände auf Kos seien dem Bürgermeister zuzuschreiben, betont die Politikerin. Er weigere sich zu helfen, lasse nicht einmal den Müll wegräumen, der sich an den Plätzen ansammelt, wo die Flüchtlinge hausen. «Damit will er den Einheimischen zeigen, dass die Flüchtlinge an der Situation schuld sind», sagt Christodoulopoulou. Der Bürgermeister weigere sich auch, Koordinationsteams zu bilden, wie es auf der Insel Lesbos gemacht wird. Dort ging die Initiative vom örtlichen Bürgermeister aus – er helfe und stelle den Flüchtlingen Plätze zur Verfügung. Und obwohl dort noch mehr Flüchtlinge ankommen als auf Kos, sei die Situation erträglicher.

Jubel am Strand

Es ist früh am Morgen. Leise Paddelschläge sind zu hören. Ein kleines gelbes Gummiboot mit sechs Männern erreicht den langen Strand von Kos, von dem aus die Türkei zu sehen ist. Aufgeregt und erschöpft springen die jungen Männer – alle zwischen 23 und 26 Jahre alt – aus dem Boot, streifen ihre orangen Rettungswesten ab. Sie werfen sie in den Sand, umarmen sich, lachen, schlagen sich immer wieder gegenseitig auf die Schulter.

Die Männer holen ihre Smartphones aus ihren Hosentaschen, reissen die Plastikfolien auf, in die sie sie zum Schutz vor dem Wasser verpackt hatten. «Mama, ich bin angekommen», ruft der eine ins Telefon. Der andere tippt in seine Nachrichten-App und informiert seine Familie über die sichere Ankunft. Ein weiterer zeigt das Bild seines kleinen Sohnes – bald will er ihn nachholen. Jeder der Männer hat einen Hochschulabschluss, will ein Leben in Sicherheit beginnen, Karriere machen. Sie spielen ein kurzes Video ihrer Überfahrt von der Türkei nach Griechenland ab. Wieder Lachen. Sie glauben, sie haben es geschafft. Sie haben keine Ahnung, was sie in den Camps und in der Zeit danach erwartet.

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