Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Stirbt das Bergell in Schönheit?

Am Wochenende erhält das Bergell den Wakkerpreis. Wer sich für die Kunst der Giacomettis begeistert, wer Granitkletterei, Wanderungen und museale Dörfer sucht, findet es in diesem wildromantischen Tal. Aber ein Preis, Ruhm und Schönheit allein sichern die Zukunft der überalterten Talschaft nicht. Sechs Begegnungen.

Von Andreas Fagetti (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Bruno Vetsch findet den Wakkerpreis eine schöne Sache. Aber der knorrige Mann mit der feinen Stimme ist skeptisch. Das Schweizer Radio, das Fernsehen, die grossen Blätter bis hin zur «Zeit» befassen sich mit dem kleinen italienischsprachigen Südtal. Ein unbezahlbarer Marketingerfolg, gewiss. Neue Hymnen auf die Schönheit der Gegend. Über das Bergell gibt es einen grossen Schrank voll mit guter Literatur. Aber die tiefsitzenden Probleme des Tals schaffen weder die Bücher noch die mediale Aufmerksamkeit noch der Preis aus der Welt. Von den offiziell 1500 EinwohnerInnen, schätzt der Gemeindearbeiter, lebt eine Hälfte nicht das ganze Jahr im Tal. Und die andere Hälfte, das sind vor allem ältere und alte Menschen. Das Bergell vergreist. Setzt sich die Entvölkerung fort und spitzt sich die Überalterung weiter zu, fürchtet der 57-Jährige den schleichenden Tod der Dörfer und des sozialen Lebens. Die Dorfkerne sind bereits entvölkert.

Die Einheimischen bauen ausserhalb der musealen Dorfzentren Einfamilienhäuser, die Gemeinde gibt günstiges Bauland ab. Und manche TouristInnen glauben dann, das sei das Werk von Fremden, die keinen Sinn für die Schönheit der Dörfer hätten. Bruno Vetsch wohnt mit seiner Frau am Dorfeingang von Bondo zur Miete in einem zauberhaften Haus – allerdings in einem mit modernem Standard. Die Mauern sind so dick wie die einer mittelalterlichen Festung, das Dach tonnenschwer, bedeckt mit den typischen Gneisplatten. Vetsch, ein kritischer Geist, sitzt am Küchentisch und denkt laut nach. Er möchte nicht in einem Freilichtmuseum leben. «Bezahlt uns der Bund irgendwann dafür, dass wir für die Touristen so tun, als wären wir immer noch Bergbauern?» In Bondo könnte man tatsächlich glauben, die Zeit sei vor Jahrhunderten stehen geblieben. Flaniert man durch die schattigen Gassen, ist es still. Bloss das Rauschen der Bondasca dringt ans Ohr. Keine Kinderstimmen, kein Hund, der bellt. Nichts. Die meisten Häuser sind nicht ganzjährig bewohnt. Leben wie in der Vergangenheit – das ist etwas für zivilisationsmüde StädterInnen, die mal zwei Wochen Pause vom Komfort und ihren hellen Wohnungen benötigen.

Der Zweitwohnungsanteil im Bergell beträgt fünfzig Prozent. In Soglio, dem bekanntesten Postkartensujet des Tals, sind es inzwischen sechzig. Aber anders als im Engadin und im bauwütigen Maloja sind es nicht reiche Leute aus Deutschland, Italien oder dem Unterland, die sich ein neu gebautes Ferienrefugium halten. Die Zweitwohnungssitze sind meist alte Häuser im Besitz der Erben von Ausgewanderten.

Das Auswanderungstal

Das karge Tal konnte eine wachsende Bevölkerung noch nie ernähren. Auswandern gehört seit Jahrhunderten zum Bergell. Dafür stehen die berühmten Zuckerbäcker, die es in Grossbritannien, Italien, Russland, Dänemark oder Polen zu Reichtum gebracht hatten. Manche kehrten zurück, brachten neue Ideen, eiferten dem Adel nach und stellten ihren Erfolg durch den Bau stattlicher Palazzi zur Schau. Heute wandern die Menschen ab und bleiben für immer weg. Die Jugendlichen gehen nach der Schule zur Ausbildung ins Engadin, nach Chur oder in eine Universitätsstadt. Und selbst wenn jemand eine Rückkehr ins Auge fassen sollte – die beruflichen Möglichkeiten sind nicht berauschend. Das weiss auch Bruno Vetsch. Er ist geblieben, damals, als er in den siebziger Jahren über seine Zukunft entscheiden musste und sein Versuch, nach Südamerika auszureissen, bereits gescheitert war. Zunächst verdingte er sich als Dachdecker, dann war er Bauer und Schafzüchter. Schliesslich, als er eine Familie gründete und einen existenzsichernden Lohn brauchte, wurde er Gemeindearbeiter. Seine Frau, eine Unterländerin, kam als Krankenschwester ins kleine Spital des Tals. Und blieb der Liebe wegen. Die drei Kinder des Paars leben nicht mehr hier. Dennoch wünscht sich Bruno Vetsch, dass die Bergeller Betriebe dem Nachwuchs mehr Lehrstellen anbieten und BergellerInnen zu Schweizer Löhnen einstellen. Denn in vielen Betrieben arbeiten fast ausschliesslich GrenzgängerInnen. «Ich habe nichts gegen Grenzgänger. Wie auch, uns trennt eine Grenze, sonst nichts. Bloss das Verhältnis müsste sich wieder etwas zugunsten der Schweizer verschieben. Sonst gibt es für Bergellerinnen und Bergeller keine Zukunft.» Im Val Bregaglia können AusländerInnen übrigens auf Gemeindeebene an der Urne mitbestimmen. Bruno Vetsch pflegt Kontakte über die Grenze hinweg, seine Söhne spielten in Chiavenna Eishockey. Und er schüttelt den Kopf über jene negativ verlaufene Abstimmung, die eine schulische Zusammenarbeit vorgesehen hätte mit Villa di Chiavenna, dem ersten Dorf nach der Grenze, wo mehr Menschen leben als im ganzen Bergell. Er ist ein Befürworter der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Vetsch sieht die Entwicklung des Bergells kritisch. Auch der Tourismus oder die Vision von einem Centro Giacometti werde nichts am Problem ändern. Aber davon später.

Die Gemeinde als grösster Arbeitgeber

Betrachtet man bloss die Gegenwart, scheint im wohlhabenden Tal alles in bester Ordnung. Noch liegt die Zukunft in weiter Ferne. Die Zeit ist auch am Bergell nicht spurlos vorbeigegangen. Längst zwängen sich keine Lastwagen und Autos mehr durch die engen Strassen der Dörfer. Abgesehen von Casaccia wird jedes an der Talstrasse gelegene Dorf umfahren. Es gibt keine von Abgasen geschwärzten Hausmauern mehr, keine verstopften Strassen, auch keine Erschütterungen und keinen Motorenlärm mehr in der guten Stube. Die Häuser sind aufgehübscht, die Lebensqualität in den Dorfkernen ist gestiegen – nun, da sie kaum mehr jemand bewohnt. Es gibt ein Altersheim, ein Spital, Vereine, eine Spitex, ein Talmuseum, Galerien, die Villa Garbald: gemessen an der EinwohnerInnenzahl ein reich anmutendes kulturelles Leben. Allein in diesem Jahr sind zehn Ausstellungen zu sehen. In Coltura, einem Ortsteil von Stampa, pflastern Arbeiter die Gassen neu. Die Gemeinde hat Geld. Das Tal bietet 700 Arbeitsplätze, etwa die Hälfte haben GrenzgängerInnen inne. Die Gemeinde Bregaglia ist mit über 100 Arbeitsplätzen der grösste Arbeitgeber. Und sonst? Handwerksbetriebe, Autogaragen und Tankstellen, über 20 Bauernbetriebe und etwa ebenso viele Hotels.

Wer bezahlt das alles?

Anna Giacometti, eine Nachfahrin des berühmten Künstlerclans, bittet in ihr modern umgebautes, helles Bergeller Haus in Stampa. Ihre Söhne, Studenten, grüssen freundlich. Sie ist ein Beispiel gelungener Rückkehr. Als junge Frau arbeitete sie unter anderem auf der Schweizer Botschaft in Lissabon und auf dem Konsulat in Mailand, ehe sie ins Bergell zurückkehrte, einen Abstecher in die Landwirtschaft machte und eine Familie gründete. «Ich finde, hier kann man glücklich werden, wenn man will. Ich glaube an die Zukunft des Tals. Bloss die vielen leer stehenden Häuser in Stampa stimmen mich traurig – und die Stimmen, die das Tal schlechtreden», sagt sie. Im Garten, mit Blick auf den Piz Duan, erklärt die Gemeindepräsidentin das Tal. 2010 fusionierten die fünf Gemeinden Castasegna, Soglio, Bondo, Stampa und Vicosoprano zur Gemeinde Bregaglia. Keine Selbstverständlichkeit in einem Tal, wo jede Gemeinde eifersüchtig über ihre Eigenständigkeit wachte. Die Fusion hat dem Bergell neue Impulse gegeben. Flächenmässig ist die neue Gemeinde eine Riesin, über beinahe 300 Quadratkilometer erstreckt sie sich bis weit hinein ins Oberengadin. Die Gemeinde besitzt Palazzi, Häuser, Wohnungen. Nicht nur die Dorfstrassen, auch Landwirtschafts- und Forststrassen in den unwegsamen Bergen und 180 Kilometer Wanderwege müssen unterhalten werden, die Abwasserreinigung wird saniert. Casaccia beispielsweise war lange nicht an eine Kläranlage angeschlossen, die Abwässer flossen direkt in die Orlegna. Und die Gemeinde investiert auch in die Vermarktung des Tals. Sie unterhält ein Tourismusbüro mit drei Angestellten. Wie geht das mit bloss 1500 EinwohnerInnen in einer der steuergünstigeren Gemeinden in Graubünden? Woher kommen die Mittel?

Vor allem die kleinen, finanzschwachen Gemeinden hatten über Jahrzehnte kaum mehr investiert. Jetzt, nach der Fusion, ist der Investitionsbedarf hoch – 20 Millionen Franken. Bis zur Fusion bezogen die Leute im Tal Wasser und Strom fast zum Nulltarif. Dann führte die Gemeinde Gebühren ein. Sie erschienen den Leuten extrem hoch. Noch heute geben sie zu reden. Die Gemeinde ist solide finanziert – auch dank jährlich über zwei Millionen Franken Wasserzinsen, die sie von der Stadt Zürich erhält. Zürich gewinnt einen Teil des Stroms aus Bergeller Wasserkraft.

Die goldenen Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Bergell goldene Jahre. In den fünfziger Jahren kamen mit dem Bau des Albigna-Staudamms gut bezahlte Arbeitsplätze und mit ihnen eine Angestelltenkultur ins Tal, wie man sie hier nicht kannte. In Castasegna und in Vicosoprano entstanden moderne Siedlungen, konzipiert vom Architekten Bruno Giacometti, dem jüngsten Bruder des berühmten Alberto. Die Geburtenrate war mit 25 Geburten pro Jahr mehr als doppelt so hoch wie heute. Damals waren die Schulzimmer voll. Es gab drei Sekundarschulen. Die Bergeller Hotellerie florierte. Die Zeiten allerdings, als TouristInnen auf dem Weg ins Engadin oder nach Italien im Tal einen Zwischenstopp einlegten und konsumierten, sind vorbei. Heute preschen sie nonstop durchs Bergell. Auch die Zeiten, als Skifahren in war und die TeilnehmerInnen des Engadiner Skimarathons früher anreisten und einige Tage in den Bergeller Hotels verbrachten – vorbei.

Das alles weiss Gian Andrea Walther. Er kennt die Geschichte des Tals. Er wirkt nicht wie ein Mann, der bald siebzig wird. Der pensionierte Sekundarlehrer sitzt im Garten des Restaurants Fanconi in Spino. Er erinnert sich an seine Anfänge als Lehrer im Tal, Ende der sechziger Jahre: «Da war Sauerstoff im Tal, junge Familien, die sich hier niedergelassen hatten und blieben.» Seit seiner Pensionierung betreut Walther das Castelmur in Stampa, wo sich das Talarchiv befindet. Ihn kann man etwa fragen: «Hatte das Tal mal eine eigene Zeitung?» Er überlegt nicht lange: «Ja, ein florentinischer Priester hat sie Ende des 19. Jahrhunderts einige Jahre lang herausgegeben, ‹Il Mera› hiess sie.» Die Zukunft des Tals sieht Gian Andrea Walther gelassen: «Es wird nicht aussterben, es werden womöglich einfach weniger Menschen hier leben.» Als sich die goldenen Jahre dem Ende zuneigten, ging es den Leuten immer noch gut. «Man hat sich an diesen Zustand gewöhnt – und dem Niedergang zugeschaut. Es fehlen Ideen, Impulse wie damals, als ausgewanderte Bergeller aus der grossen Welt heimkehrten und nicht nur Geld, sondern auch neue Ideen mitbrachten. Vielleicht bringen die Diskussionen im Tal einen Neuanfang, eine Weiterentwicklung. Nur sehe ich das noch nicht.» Man habe zu lange den goldenen Zeiten der sechziger und siebziger Jahre nachgetrauert und bloss geklagt. Nischen seien die Zukunft des Bergells.

Und grosse Würfe wie die Vision von einem Centro Giacometti in Stampa, die sich von der Vermarktung des grossen Künstlernamens mehr TouristInnen verspricht? Walther glaubt nicht an das Projekt. Es sei zu gross gedacht für das kleine Tal.

Ein umtriebiger Rückkehrer

Wie seine Schwester Anna ist Marco Giacometti ein Spross der Linie von Augusto Giacometti, einem der bekannten Maler des Künstlerclans aus Stampa. Augusto war der Vetter von Albertos Vater, dem Postimpressionisten Giovanni. Die Vettern waren sich nicht grün und gingen sich aus dem Weg. Aber das sind alte Geschichten. Jetzt geht es um die Zukunft des Tals, um einen neuen Impuls. Der Name Giacometti soll KulturtouristInnen in grosser Zahl ins Tal locken, die Hotelübernachtungen mehren. Eigentlich hätte das Centro bereits im nächsten Jahr, dem Gedenkjahr zum 50. Todestag von Alberto Giacometti, eröffnet werden sollen. 2012 sprach die Gemeindeversammlung einen Kredit von zwei Millionen Franken – unter der Bedingung, dass der Trägerverein den Rest mit Sponsorengeldern finanzieren würde. Dieser Rest ist gross: gegen achtzehn Millionen Franken. Geplant sind eine Daueraustellung, ein Seminarraum und ein Bistro. Ausserdem soll ein Erlebnisweg vorbei an Orten führen, wo die Staffeleien der Künstler standen. Und ungenutzte Ställe im Dorf sollen zu multimedialen Ausstellungsräumen umgebaut werden. Die Schätzungen gehen von 25 000 BesucherInnen pro Jahr aus.

In der italienisch-engadinischen Zange

Noch sind die grossen Pläne nicht realisiert. Die Sponsorengelder kamen nicht rechtzeitig zusammen. Aber Marco Giacometti, der den Reporter im Garten seines Elternhauses empfängt, gibt nicht auf. Für ihn ist es bloss eine Frage der Zeit. Schliesslich glaube selbst der Kanton an diese Investition ins Tal. Marco Giacometti ist ausgebildeter Veterinär, kennt die Welt. Er arbeitete in Basel, in Bern, in Wien. Vor über einem Jahrzehnt kehrte er ins Tal zurück. Heute verdient er sein Geld als Sekundarlehrer in Stampa. Im vergangenen Jahr hat er den schönen Bildband «Die Giacomettis. Eine Künstlerdynastie» herausgegeben. Er ist ganz offensichtlich eine moderne Ausgabe jener Persönlichkeiten, die weggehen und mit neuen Ideen ins Tal zurückkehren und es beleben – auch wenn sein Engagement nicht bei allen gut ankommt. Aufgeben ist für ihn keine Option. «Die Künstlerdynastie der Giacomettis gibt es nur im Bergell. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Darauf müssen wir setzen – und uns selbstverständlich auch mit allen anderen kulturellen Initiativen im Tal vernetzen.»

Touristisch steckt das Bergell in der Klemme. Lange war die italienische Nachbarschaft touristisches Brachland. Das hat sich geändert. Die Hotels und Restaurants sind gut und preisgünstig. Ein Kaffee kostet dreimal weniger als in der Schweiz. Und das Engadin hat den TouristInnen alles zu bieten, was das Herz begehrt. Ausserdem lässt sich dort in der Winter- und der Sommersaison Geld verdienen. Nicht so das Bergell. Hier beginnt die Saison im besten Fall im April – und endet im Spätherbst. Die Investitionsbedingungen sind entsprechend schlecht. Das ist ein objektiver Nachteil gegenüber dem Engadin. Aber die Gemeinde Bregaglia hat investiert und finanziert ein Tourismusbüro mit drei Angestellten. Die stellen Broschüren bereit, koordinieren die touristischen Aktivitäten im Tal, bieten eine Internetplattform für die Vermietung von Ferienwohnungen und machen Werbung – auch in Zusammenarbeit mit Engadin Tourismus. Und das Büro hat ein Kastanienfestival ins Leben gerufen, das gut ankommt.

Michael Kircher ist der Tourismusverantwortliche. Aufgewachsen ist er in einem Hotel in Maloja und hat dann die Tourismusfachschule in Samedan absolviert. Inzwischen lebt er mit seiner jungen Familie in Bondo. Er hat vor dem Dorfeingang ein Einfamilienhaus gebaut.

Mit einem «Impulsprogramm» will das Tourismusbüro der Hotellerie unter die Arme greifen. Ausserdem konnten sich die Hotels freiwillig von externen ExpertInnen beurteilen lassen, um herauszufinden, wo Verbesserungspotenzial liegt. Vierzehn von zwanzig Betrieben haben mitgemacht. Mehr will und darf Kircher nicht verraten. Eine grosse Kiste werde nächstes Jahr das Gedenkjahr für Alberto Giacometti. «Da möchten wir, dass das ganze Tal an einem Strick zieht. Es ist allerdings nicht ganz einfach, immer alle Interessen unter einen Hut zu bringen.»

Mehr Licht ins Dunkel

Wenn jemand die Zukunft des Tals verkörpert, obwohl er die sechzig bereits überschritten hat, dann ist es Armando Ruinelli. Er hat geschafft, was noch nicht vielen im Tal gelingt: Er lebt im Tal, aber er lebt nicht nur vom Tal. Der Architekt hat sich längst über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Er sitzt in Stiftungsräten kultureller Einrichtungen, wirkt als Lehrbeauftragter, in Fachgremien in Italien und Österreich. Und Ruinelli ist ein vielfach preisgekrönter Architekt, der nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im Ausland Bauten realisiert. Er hat in Soglio fünf Arbeitsplätze geschaffen. Sein Atelier liegt in einer Seitengasse im verwinkelten Dorf, angebaut an sein Haus. Auf einem Tisch steht das Modell des Ateliers der bekannten Basler Künstlerin Miriam Cahn. Der Bau steht bereits, direkt an der Talstrasse in Stampa.

Wie könnte man die entvölkerten Dorfkerne wieder beleben, attraktiv machen für Familien? Die alten BergellerInnen arbeiteten draussen. Ihre Wohnbedürfnisse seien andere gewesen, sagt Ruinelli. «Wenn ich an meinem Arbeitsplatz sitze, möchte ich etwas Licht – und nicht eine Hauswand als Ausblick.» Armando Ruinelli hat sein Wohnhaus umgebaut. Dort, wo die Familie tagsüber lebt, soll es hell sein. Den Wohnbereich hat er also in die oberen Stockwerke verlegt, die Schlafräume befinden sich unten. Es gehe darum, Platz zu schaffen in den sehr dicht bebauten Dorfkernen, indem etwa ungenutzte Ställe, die keine Funktion mehr haben, mit der nötigen Sensibilität da und dort abgebaut würden, damit etwas Licht werde in den dunklen Gassen. Allerdings ist für Ruinelli auch klar: «Bauen und Umbauen im Bergell ist kein lohnendes Investment. Das muss man akzeptieren.» Und was könnte das Tal noch beleben? Auch er ist kein Freund der Idee eines grossen Giacometti-Zentrums. «Das Segantini-Museum in St. Moritz hat eine Frequenz von 20 000 Besuchern im Jahr. Und im Bergell sollen es 25 000 sein?» Das Zentrum werde nicht einmal aussergewöhnlichen Exponate ausstellen können. Ruinelli glaubt wie Gian Andrea Walther an Nischen. «Luxusprodukte im besten Sinn müsste man im Bergell produzieren – und vielleicht können wir auch Leute anziehen, die ihrer Arbeit ortsunabhängig nachgehen können – und sich vielleicht vom Bergell inspiriert fühlen.»

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