Nr. 35/2015 vom 27.08.2015

Erinnerung an die eigene Fluchtgeschichte

Serbien reagiert auf die vielen Flüchtlinge anders als Mazedonien: Sie werden nicht als Problem, sondern als humanitäre Herausforderung wahrgenommen.

Von Dirk Auer, Belgrad

Es waren dramatische Szenen, die sich vergangene Woche im griechisch-mazedonischen Grenzgebiet abspielten. Die mazedonische Regierung hatte die Grenze abgeriegelt, um Tausende Flüchtlinge an der Einreise zu hindern. Dabei setzte die Polizei Schlagstöcke, Tränengas und Blendgranaten ein. Als es einigen Hundert völlig erschöpften und teilweise dehydrierten Flüchtlingen trotzdem gelang, die Grenzabsperrung zu durchbrechen, ordnete die Regierung unversehens den Abzug der Einsatzkräfte an.

Eine Strategie, mit der Skopje den steigenden Flüchtlingszahlen begegnen will, ist nur schwer zu erkennen. Als Reaktion auf zahlreiche tödliche Unfälle war zunächst hektisch ein neues Asylgesetz verabschiedet worden, das den Flüchtlingen die kostenlose Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in Richtung Serbien erlaubte. Die Folge waren völlig überfüllte Züge und unhaltbare Zustände auf den Bahnhöfen. Eine daraufhin anberaumte militärische Lösung scheiterte; seither ist die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien wieder offen, die Flüchtlinge können passieren. So erreichten allein in der Nacht von Samstag auf Sonntag mehr als 7000 Menschen die südserbische Stadt Presevo.

Anders als Mazedonien hat Serbien schnell auf die Notlage reagiert. Bereits am Sonntag wurde ein neues Aufnahmelager für rund 4000 Personen errichtet. Bemerkenswert ist, wie gelassen die serbische Bevölkerung auf den Flüchtlingsansturm reagiert. In Belgrad etwa halten sich seit Juni täglich gut tausend Flüchtlinge in einem Park mitten in der Stadt auf. Sie liegen auf Decken oder Pappkartons, schlafen oder dösen, bis es mit dem Bus oder Zug weiter an die ungarische Grenze geht. Am Anfang wurde der wilde Rastplatz einfach geduldet. Doch zunehmend vermüllte die Gegend, und es stank, weil die Flüchtlinge keinen Ort hatten, um ihre Notdurft zu verrichten. Daraufhin begannen sich spontane Bürgerinitiativen um die Menschen zu kümmern. Freiwillige verteilten Kleider, Wasser und Hygieneartikel. Und schliesslich schaltete sich auch die Politik ein.

Versprechen im Park

Der Staat werde den MigrantInnen helfen, kündigte Premier Aleksandar Vucic an, als er die Flüchtlinge im Park persönlich aufsuchte. Sie seien willkommen in Serbien. Er werde sich an keiner Kampagne beteiligen, die gegen Flüchtlinge gerichtet sei. Schliesslich hätten SerbInnen vor zwanzig Jahren ähnliches Leid erlebt.

Tatsächlich fällt die derzeitige Krise in eine Zeit, in der alle serbischen Medien die Bilder des August 1995 in Erinnerung rufen: Damals hatte die kroatische Armee mit einer militärischen Grossoffensive das Krajina-Gebiet zurückerobert. Über 200 000 SerbInnen waren daraufhin auf der Flucht. Weitere Flüchtlinge kamen nach Kriegsende aus Bosnien, vier Jahre später aus dem Kosovo. Die Bilder der damaligen Flüchtlingskolonnen haben sich tief im serbischen Gedächtnis eingenistet.

Mobile Toiletten statt Zäune

Aufgrund dieser jüngeren Geschichte ist es kein Zufall, dass Serbien die steigenden Flüchtlingszahlen vor allem als humanitäre Herausforderung betrachtet und nicht in erster Linie als Problem der Grenzsicherung. Während Ungarn und Bulgarien Zäune bauen, stellt Belgrad mobile Toiletten und einen Tankwagen mit Frischwasser bereit. Kürzlich wurde zudem ein Informationszentrum für Asylsuchende eingerichtet: Flüchtlinge können dort juristische Hilfe erhalten, es gibt Computer und kostenfreies WLAN.

Selbst die sonst mit nationalistischen Ausfällen nicht gerade sparsame Boulevardpresse hält sich zurück. Als der Bürgermeister aus der nordserbischen Grenzstadt Kanjiza gegen die Flüchtlinge pöbelte, verlieh ihm die Zeitung «Kurir» den Titel «Schwachkopf des Jahres» – und wies darauf hin, dass seine Familie selbst Asyl im damaligen Jugoslawien erhalten hatte, nachdem sie 1956 aus Ungarn hatte fliehen müssen.

Zugleich dient der Umgang mit den Flüchtlingen dem gewieften Taktiker Aleksandar Vucic dazu, das EU-Beitrittsland Serbien als Land mit europäischen Werten und als verlässlichen Stabilitätsfaktor in der Region zu präsentieren. Einen Grenzzaun mitten durch Europa wie in Ungarn? Gefängnisartige Lager wie in Bulgarien? Das werde es in Serbien nicht geben, betonen unisono die PolitikerInnen der Regierungsparteien – wohl wissend, dass Serbien mit seiner hohen Arbeitslosigkeit und seinem de facto inexistenten Sozialsystem ohnehin nicht das Zielland der Flüchtlinge ist.

Und doch geht vereinzelt die Furcht um, dass der Westbalkan in Zukunft vielleicht doch das Auffangbecken für die vielen Flüchtlinge auf dem Weg nach Westeuropa werden könnte, wenn Ungarn seinen Grenzzaun fertiggestellt hat. Aussenminister Ivica Dacic rechnet jedoch damit, dass sie dann den Weg über Bulgarien und Kroatien nehmen, Serbien also weiterhin nur ein Transitland bleibt und deshalb auch keine weiteren Asylzentren nötig sind. MigrantInnen, so der Minister, wüssten, welche Wege sie nehmen müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

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