Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Schwedische Rezepte

Das schwedische Asylsystem gilt als das liberalste in Europa. Woran liegt das? Und was macht das skandinavische Land besser als die anderen? Eine Reise in Stockholmer Vororte und die Provinz.

Von Anna Jikhareva, Stockholm

Die riesige, runde Uhr zeigt halb fünf am Nachmittag. Am Bahnhof Stockholm T-Centralen herrscht reges Treiben, PendlerInnen eilen durch die Unterführungen zwischen U-Bahn und Fernzügen. Auf Plattform 19a hat sich rund ein Dutzend Menschen versammelt: Jugendliche in knallig pinken Warnwesten, MitarbeiterInnen des «Migrationsverket», der schwedischen Migrationsbehörde, und des Roten Kreuzes. Gleich wird ein Zug aus Malmö, der drittgrössten Stadt Schwedens und nahe der dänischen Grenze gelegen, eintreffen. Drei junge Männer halten ein Plakat hoch. «Welcome to Sweden» steht in krakeliger Schrift darauf.

In den letzten Wochen haben sich immer mehr Flüchtlinge auf den Weg in den Norden des Kontinents gemacht. Laut offiziellen Angaben kamen zuletzt 3200 von ihnen pro Woche über Malmö und Göteborg ins Land. Inzwischen rechnen die Behörden mit wöchentlich über 6000 Asylsuchenden – und haben entsprechend reagiert: Sie stellten Hunderte zusätzliche Betten bereit. «Wir haben keine Grenzkontrollen zwischen Schweden und Dänemark – und alle, die hier ankommen, sind herzlich eingeladen, ihr Asylgesuch einzureichen», liess der Leiter der Migrationsbehörde verlauten. Auch die Stockholmer Pendlerzeitung «Metro» hiess die Ankommenden willkommen: Auf der Titelseite prangte zuletzt eine schwedische Flagge mit der Aufschrift «Välkomna till Sverige!»

Kaum ein europäisches Land nimmt so viele Flüchtlinge auf wie Schweden. 82 000 waren es im vergangenen Jahr, pro Kopf der Bevölkerung mehr als in jedem anderen Schengenland. Auf tausend EinwohnerInnen kamen damit 7,8 Asylsuchende. Zum Vergleich: In der Schweiz, vergleichbar in Bevölkerungszahl wie Bruttoinlandsprodukt, waren es im gleichen Zeitraum 2,7. Schon früh hatte die Regierung erklärt, alle syrischen Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen und ihnen den Familiennachzug zu erleichtern. Zusammen mit den EritreerInnen bilden sie unter den Asylsuchenden die grösste Gruppe. Für 2015 hatten die Behörden ihre Prognosen zuerst nach unten korrigiert, inzwischen rechnen sie wieder mit höheren Flüchtlingszahlen.

Im Stockholmer Hauptbahnhof fährt der Zug ein. Gespannte Blicke richten sich auf die Türen. Eine syrische Familie mit drei kleinen Kindern steigt aus – und wird gleich von den engagierten HelferInnen umringt. Wenn sie es wünschen, werde man sie ins nächstgelegene Aufnahmezentrum bringen, wo sie ein Asylgesuch stellen könnten, erklärt ein junger Mann auf Arabisch. Vor dem Bahnhofsgebäude verteilen Freiwillige derweil Essen und Wasser und sammeln Spenden. Das Geld sei für alle, die nicht in Schweden blieben und weiter nach Finnland wollten, erzählt eine Helferin. «Die Einwohner Stockholms unterstützen uns sehr, bringen Essen und Kleidung vorbei.» Auch eine andere Art Hilfe wartet am Bahnhofsplatz: Zwei blonde SchwedInnen verteilen Müsliriegel, jedeR – ob Flüchtling oder EinheimischeR – bekommt zwei. Praktische Solidarität trifft auf die schwedische Werbeindustrie.

Das schwedische Asylsystem wird immer wieder mit Lob überschüttet. Es gilt als das liberalste in Europa. Doch wer den schwedischen Sonderweg begreifen will, ist hier am Stockholmer Hauptbahnhof falsch. Die Antworten finden sich nicht in den grossen Städten. Wer die Schauplätze der Flüchtlingspolitik sucht, muss stattdessen in die Vororte.

«Bloss nicht zurück nach Afghanistan»

Für viele Asylsuchende fängt das neue Leben in Schweden in einem roten Backsteingebäude mitten in einem grauen Industriegebiet beim Stockholmer Flughafen an. Draussen Autowerkstätten, Parkplätze, das Dröhnen der Flugzeuge. Im Erstaufnahmezentrum Märsta ist dieser Tage viel los, täglich kommen Dutzende Flüchtlinge an. Zu Beginn bekommt jedeR eine blaue Willkommenstasche: karierte Bettwäsche und Handtücher, Zahnpasta, Windeln für die Kinder.

Die meisten bleiben nur einen oder zwei Tage. Sind sie einmal registriert, können die Ankömmlinge – im Gegensatz zur Praxis in der Schweiz – ihren Wohnort selbst aussuchen. Einige kommen bei Freunden oder Verwandten unter. Doch viele sind auf die Unterkünfte der Behörden angewiesen. Dann teilt ein Computersystem den Flüchtlingen freie Plätze in Asylzentren im ganzen Land zu. Weil das Land nicht föderalistisch organisiert ist, kann eine relativ gerechte Verteilung garantiert werden. Dies läuft jedoch nicht immer reibungslos: Bisher können Gemeinden selbst entscheiden, ob sie Flüchtlinge aufnehmen – und eine Aufnahme entsprechend ablehnen. Im Moment wird jedoch darüber verhandelt, Gemeinden zu einer Aufnahme zu verpflichten.

Im Erstaufnahmezentrum von Märsta ist vor drei Tagen auch Elyas Ahmad angekommen. Der 25-Jährige hatte in der afghanischen Armee gedient und war deshalb bei den Taliban in Ungnade gefallen. Nach der beschwerlichen Flucht ist Elyas froh, in Schweden angekommen zu sein. In Ungarn nahmen die Behörden seine Fingerabdrücke, er fürchtet deshalb, dorthin zurückgeschafft zu werden. Welche Pläne hat Elyas jetzt, da er in Sicherheit ist? «Ich will leben!», sagt er schüchtern. Und: «Es ist mir egal, wo. Hauptsache, ich muss nicht zurück nach Afghanistan.»

Im Warteraum des Aufnahmezentrums hängt eine riesige Schwedenkarte. Neugierig betrachtet ein junger Mann seine neue Heimat. Weiss er schon, wohin es geht? Er schaut auf einen Zettel, auf dem «Haparanda» steht. Knapp 5000 EinwohnerInnen hat der Ort, der über tausend Kilometer nördlich von Stockholm entfernt an der finnischen Grenze liegt. Am Abend wird ein Nachtbus die Flüchtlinge dorthin bringen.

Einst Luxushotel, nun Asylunterkunft

Antworten zur Asylpolitik finden sich auch in der Provinz. Beinahe zwei Stunden dauert die Fahrt von Stockholm nach Skebobruk. Endlose Wiesen und Felder säumen den Weg, erst nach einer Stunde taucht die erste Siedlung auf. Etwas abseits der Strasse stehen dort rote Holzhäuser, dahinter Felder, so weit das Auge reicht. Dann wieder idyllische Einöde. In der 290-EinwohnerInnen-Gemeinde Skebobruk nordöstlich der Hauptstadt sind in einem ehemaligen Luxushotel 97 Asylsuchende untergebracht. Damit sind die Betten auf dem weitläufigen Anwesen beinahe vollständig belegt. Idyllisch an einem kleinen See gelegen, wirkt das Flüchtlingsheim wie aus einem Tourismusprospekt. Zehn Jahre lang sorgte Besitzerin Annika Björklund in ihrem Hotel für das Wohl von Geschäftsreisenden und Hochzeitsgästen. «Irgendwann lief das Geschäft nicht mehr, wir mussten uns nach Alternativen umsehen», erzählt Björklund. Dann sei ihr die Idee gekommen, das Hotel dem Migrationsamt zur Verfügung zu stellen. Seit zwei Jahren betreibt die 54-Jährige die Unterkunft nun als «Flüchtlingshotel» mit Vollpension.

Eigentlich sollen Flüchtlinge überwiegend in regulären Wohnungen unterkommen. Doch weil bezahlbarer Wohnraum knapp geworden ist, mietet die Migrationsbehörde Unterkünfte bei Unternehmen und Privatpersonen an. Das können Ferienparks oder Campingplätze sein. Oder leer stehende Hotels wie das Skebo Manor.

«Natürlich geht es mir ums Geschäft», gibt Betreiberin Björklund offenherzig zu. Pro Kopf und Tag zahlt der Staat 229 schwedische Kronen, umgerechnet 27 Franken. Weil das Asylzentrum immer voll belegt ist, ist das auf das Jahr berechnet fast eine Million Franken – ein überaus profitables Geschäft. Vor einigen Jahren hatte in der Schweiz – und zuletzt auch in Österreich – die ORS AG, eine Firma, die Asylzentren betreibt, für Negativschlagzeilen gesorgt. Auch in Schweden gibt es immer häufiger Kritik: Profitorientierte Firmen hätten statt des Wohls der Flüchtlinge vor allem den Gewinn im Blick, heisst es. Ein Vorwurf, den Hotelbesitzerin Björklund entschieden von sich weist. Dass sich die Asylsuchenden bei ihr wohlfühlen, sei ihr sehr wichtig, beteuert sie. «Das Hotel ist mein Weg, den Flüchtlingen einen Neustart in Schweden zu ermöglichen.»

«Ich werde es überall schaffen!»

Nawwar Aloulabi versucht einen Neustart im «Skebo Manor». Der Zwanzigjährige ist vor neun Monaten aus Syrien nach Schweden gekommen, auch seine Mutter und zwei Brüder sind hier. Seitdem wartet er auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Was für Pläne hat er, wenn er als Flüchtling anerkannt ist? «Ich will hier wieder zur Uni gehen», sagt Nawwar. Er sei nicht nach Schweden gekommen, um vom Staat Geld zu bekommen.

In seiner Heimatstadt Damaskus hatte der aufgeweckte junge Mann Jura und Businessmanagement studiert. Irgendwann entschloss sich die Familie, das Land zu verlassen. «Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich in Syrien geblieben und hätte mein Studium beendet.» 28 Tage habe die Flucht gedauert, mit Boot, Bus, Lastwagen und Taxi ging es über die damals noch wenig frequentierte Westbalkanroute. Umgerechnet 5000 Euro habe er den Schleppern bezahlt. Obwohl er in ungarischer Ausschaffungshaft sass und mehrmals von der Polizei aufgegriffen wurde, erzählt Nawwar von seiner Reise, als sei sie ein Spaziergang gewesen. Weil der Staat den Asylsuchenden erst nach ihrer Anerkennung einen Sprachkurs finanziert, hat der Syrer sich Bücher besorgt und angefangen, die Sprache seiner neuen Heimat zu lernen. Inzwischen spreche er passables Schwedisch, sagt er. «Ich weiss, ich werde es überall schaffen!»

Lange Zeit der Ungewissheit

So optimistisch klingen nicht alle im «Skebo Manor». Das lange Asylverfahren macht vielen hier zu schaffen, so auch Hussam Jamil. Seine Familie hat der Syrer im nordirakischen Erbil zurückgelassen. Dorthin seien sie zuerst geflohen, erzählt er. Dann, als der Islamische Staat bereits kurz vor Mossul stand, entschloss sich Jamil abermals zur Flucht. «Weil wir nicht an ein baldiges Ende des Kriegs in Syrien glauben, haben wir uns um eine dauerhafte Lösung bemüht», sagt er. Also fiel die Wahl auf Schweden. Nun ist Jamil hier in der schwedischen Provinz. Elf Monate habe er auf seine Aufenthaltsgenehmigung gewartet, während sich die Lage im Nahen Osten verschlimmerte und die Angst um seine Familie wuchs. Jetzt kann der Vierzigjährige endlich seine Frau und die drei kleinen Kinder zu sich holen. Diese momentan so lange Zeit der Ungewissheit ist wohl die grösste Schwäche des schwedischen Systems.

Ulrik Ashuvud weiss um dieses Problem. Der hagere Mann, Mitte vierzig vielleicht, arbeitet in der Migrationsbehörde in Stockholm. Auch das schmucklose Bürogebäude im Vorort Solna ist ein bedeutender Schauplatz schwedischer Asylpolitik. Hier entscheidet sich die Zukunft vieler. Ashuvud arbeitet schon seit Jahren für den schwedischen Staat, früher bekämpfte er das organisierte Verbrechen. Jetzt kämpfe er für die Menschenrechte, sagt er stolz.

Natürlich sei er nicht glücklich über die langen Wartezeiten. Aber seine Behörde sitze die Probleme sicher nicht einfach aus, sondern habe tausend zusätzliche MitarbeiterInnen eingestellt, beschwichtigt Ashuvud. Aber damit eine Veränderung sichtbar werde, brauche es Zeit. Wichtig sei vor allem, auch in Krisenzeiten ordnungsgemäss weiterzumachen. Optimistisch fügt Ashuvud hinzu: «Natürlich kann man es besser machen. Aber ich glaube, insgesamt machen wir einen guten Job.»

Dies sieht nicht nur die Behörde selbst so. Das System funktioniere hervorragend, konstatiert auch Meron Estefanos. Fast rund um die Uhr kümmert sich die eritreische Aktivistin, die vor 28 Jahren selbst als Flüchtling nach Schweden kam, in ihrer kleinen Wohnung in einem Plattenbau am Rand von Stockholm um ihre Landsleute. In Schweden ist die grösste eritreische Diaspora Europas zu Hause. Bevor die erste Frage gestellt werden kann, sprudelt es aus ihr heraus. «Weisst du, was mich an der Schweiz wirklich aufregt: Es heisst immer, die Eritreer seien nicht integrierbar. Wenn ein so grosser Teil nicht arbeitet, dann sind doch nicht die Menschen schuld. Dann läuft doch im Schweizer System etwas falsch!»

Schwedens Asylpolitik sei hingegen die beste in Europa, glaubt Estefanos. «Es ist das humanste System. Du kommst als Flüchtling hier an – und hast umgehend die gleichen Rechte wie die Einheimischen. Dafür liebe ich mein Land», so die Aktivistin.

Schwierige Integration

Tatsächlich ist das schwedische Modell wohl das humanste in Europa. Kommen mehr Menschen, reagieren die Behörden flexibel, richten neue Aufnahmezentren ein und beschäftigen mehr BeamtInnen. Dass Flüchtlinge in Zelten hausen müssen, ist hier kaum denkbar. Und human ist auch das Verhältnis zu abgewiesenen Asylsuchenden: Können sie eine Arbeitsstelle nachweisen, dürfen sie trotzdem in Schweden bleiben. Die SchwedInnen nennen dieses Modell «Spurwechsel». Dass Asyl- und Einwanderungssystem derart miteinander verwoben sind, ist in Europa einzigartig.

Grundlegende Kritik an der schwedischen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik äussert kaum jemand. Zwar könne man vieles besser machen. Doch ja, das System sei eigentlich gut, sagen die meisten. Kaum einer spricht offen über die Herausforderungen, die ein Land mit 9,8 Millionen EinwohnerInnen meistern muss, wenn es eine grosse Zahl EinwanderInnen nicht nur würdig begrüssen, sondern auch in die Gesellschaft aufnehmen will.

Denn auch wenn vor dem Gesetz alle gleich sind – die praktische Integration gestaltet sich oft schwierig. Zwar finanziert der Staat Sprachkurse und bietet zwei Jahre lang Praktika sowie Hilfe bei der Jobsuche an. Auch ist es den Asylsuchenden – anders als in vielen anderen Ländern – praktisch vom ersten Tag an gestattet zu arbeiten. Die Realität sieht jedoch oft anders aus: Viele Zugewanderte ziehen in Gebiete, in denen bereits Landsleute leben. Die Konzentrierung der MigrantInnen auf wenige Orte senkt die Jobchancen des Einzelnen. Mit dem Niedergang der schwedischen Industrie ist auch der Niedriglohnsektor weitgehend verschwunden. Für viele Flüchtlinge stellt die Jobsuche deshalb die wohl grösste Herausforderung dar. Es dauert oft mehrere Jahre, bis ein anerkannter Flüchtling Arbeit findet. Und das gilt nicht nur für Geringqualifizierte – auch syrische Ingenieure und irakische Ärztinnen haben es nicht leicht, einen Job zu finden.

Die oftmals schwierigen Lebensumstände können auch zu Konflikten führen, wie die Unruhen in einem überwiegend von MigrantInnen bewohnten Vorort von Stockholm im Jahr 2013 zeigten. Nachdem Polizisten einen bewaffneten Mann erschossen hatten, brannten in Husby tagelang Autos, flogen Steine. Die Stadt erlebte eine bis dahin ungekannte Welle der Gewalt.

Genauso kompliziert wie die Jobsuche ist für die Eingewanderten oft der Kontakt zu Einheimischen. «Jeder hier wird dir sagen: ‹Willkommen in Schweden.› Aber keiner wird dich bitten, von dir und deinen Traditionen zu erzählen», sagt Nawwar Aloulabi im «Skebo Manor». Hinzu kommt: Wegen des knappen Wohnraums bleiben viele Flüchtlinge auch nach ihrer offiziellen Anerkennung in den Asylzentren – und damit weiterhin am Rand der Gesellschaft.

«Das Wichtigste sind regelmässige Begegnungen mit den Einheimischen», sagt auch Hotelbesitzerin Annika Björklund. Sie erzählt von einer Gruppe RentnerInnen, die jede Woche zum Mittagessen kommt, um mit den Flüchtlingen Schwedisch zu sprechen. Bald sollen zum ersten Mal auch Schwedischkurse stattfinden. Doch auch wenn, wie Björklund sagt, die EinwohnerInnen von Skebobruk überwiegend positiv auf die neuen BewohnerInnen reagiert hätten: Hier, neunzig Kilometer von Stockholm entfernt, dürfte es mit den Begegnungen schwierig werden. Und der schwedische Staat sorgt zwar zuverlässig für warmes Essen und ein Dach über dem Kopf – um neue Freundschaften bemüht er sich nicht. Immerhin: Während des Besuchs im «Skebo Manor» stecken drei ältere Damen den Kopf durch die Eingangstür. Sie seien aus dem Nachbardorf, erzählen sie, nachdem sie sich hereingewagt haben. Die Gruppe tastet sich zögerlich heran, eine Dame spricht ein paar Minuten mit einem syrischen Jugendlichen. Zufrieden verlassen die drei die Unterkunft. Manchmal ist das mit den Begegnungen dann doch nicht so schwer.

Rechtspopulismus und Solidarität

Wie kommt es, dass die SchwedInnen bei ihrer Asylpolitik so vieles richtig machen? Vielleicht liegt das am Erbe des «folkhemmet», das Synonym für den berühmten schwedischen Wohlfahrtsstaat. In dem Land, das über 200 Jahre lang von Kriegen verschont geblieben ist, zielten die jahrelang regierenden SozialdemokratInnen damit stets auf die Überwindungen der Klassenunterschiede.

Doch mit dem Niedergang der Industrie verlor auch diese Gemeinschaftsidee irgendwann an Popularität. Viele Spitäler und Altersheime wurden privatisiert, Sozialleistungen gestrichen. Irgendwann bekamen auch die Rechten Zulauf. Nun sind die rechtsextremen Sverigedemokraterna, die Schwedendemokraten, auf dem Vormarsch. Bei den Wahlen vor zwei Jahren holten sie dreizehn Prozent der Stimmen. Zurzeit liegen sie bei achtzehn Prozent, gemäss manchen Prognosen ist die Partei sogar die stärkste politische Kraft im Land. Für Aufsehen sorgte unlängst ein Plakat der Partei in der Stockholmer U-Bahn: «Sorry about the mess here in Sweden.» Die Partei entschuldigte sich bei Einheimischen wie TouristInnen für die «Unordnung». Verglichen mit so manchem SVP-Plakat, mag die Kritik subtil wirken. Vielleicht setzen in Schweden selbst die RassistInnen auf politische Korrektheit. Doch ihre Anliegen selbst sind umso radikaler: So wollen sie die Zuwanderung um neunzig Prozent senken.

Trotz des zunehmenden Erfolgs der Schwedendemokraten: Die letzte Umfrage des Eurobarometers vom Frühjahr 2015 ergab, dass 62 Prozent der SchwedInnen EinwanderInnen von ausserhalb der EU positiv sehen – so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Und in einer Umfrage der linksliberalen Boulevardzeitung «Aftonbladet» sagten zwei von drei befragten SchwedInnen Flüchtlingen Hilfe zu. Wie passt die weiter steigende Popularität der RechtspopulistInnen zur weiterhin starken Solidarität für die Flüchtlinge? Womöglich spiegelt sich darin die Polarisierung der schwedischen Gesellschaft. Vielleicht haben die SchwedInnen aber einfach besser als andere gelernt, mit Widersprüchen zu leben.

Viele von ihnen sind stolz auf die Einwanderungspolitik. Der ehemalige Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt nannte sein Land nicht unbescheiden eine «humanitäre Grossmacht». In der Vergangenheit kamen Millionen EinwanderInnen nach Schweden, in den siebziger Jahren vor allem aus Chile, später aus dem Iran, dem Irak und den Ländern Exjugoslawiens. Mit fünfzehn Prozent hat Schweden eine beinahe so hohe AusländerInnenquote wie die Schweiz. Doch es gibt einen bedeutenden Unterschied: Schweden verfolgte nie eine GastarbeiterInnenpolitik. Während man in der Schweiz weiterhin davon ausgeht, dass die Flüchtlinge und MigrantInnen nur vorübergehend im Land sind, weiss man in Schweden längst: Die meisten sind gekommen, um zu bleiben.

Diesen Eindruck bestätigt auch Svante Weyler. «In Schweden hat ein Grossteil der Bevölkerung akzeptiert, dass die Einwanderer das Land verändern werden», sagt der linke Verleger in seinem Büro in der Stockholmer Altstadt. «Aber das ist doch etwas Gutes!»

Und wie erklärt er sich den Widerspruch zwischen Willkommenskultur und dem Aufstieg der Schwedendemokraten? Weyler spricht von einem «Anständigkeitsschock». «Die Rechten mögen es politische Korrektheit nennen – ich nenne es Anstand.» Der Konsens bei einem Grossteil der Bevölkerung sei – Schwedendemokraten hin oder her –, Flüchtlinge menschenwürdig aufzunehmen. Schweden sei das vielleicht christlichste Land Europas. Die Kirchen seien zwar leer, die protestantische Ethik sei jedoch in die Institutionen übergegangen, Institutionen, die darauf ausgelegt sind, auf Krisensituationen besonnen zu reagieren.

«Mein Europa baut keine Mauern»

Während der Syrer Nawwar Aloulabi in Skebobruk auf seine Aufenthaltsgenehmigung wartet und dem Afghanen Elyas Ahmad in Märsta vor der drohenden Ausschaffung nach Ungarn bangt, haben sich im hippen Stockholmer Quartier Södermalm DemonstrantInnen versammelt. Die Jugendverbände der Parteien hatten für die Flüchtlinge eine Kundgebung organisiert. Etwa 15 000 Menschen sind dem Aufruf gefolgt. Während es in Strömen regnet und Tausende Regenschirme in den Himmel gereckt werden, hält der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven eine Rede. «Mein Europa nimmt Flüchtlinge auf, es baut keine Mauern», ruft er. Die Menge jubelt.

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