Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Der Abgrund zwischen dem Nötigen und dem Möglichen

Das Lokale neben dem Globalen, kleine Praktiken neben grossen Fragen, engagierte Debatten und viele Widersprüche: Das Genfer Klimafestival Alternatiba Léman sammelte Material für eine klimafreundliche Welt.

Von Bettina Dyttrich

Auf den ersten Blick ein grosser Karneval: das Genfer Klimafestival Alternatiba. Foto: Jean-Patrick Di Silvestro, «Le Courrier»

«Die Aufklärung lehrte uns, dass wir rationale, souveräne Individuen seien – fähig, die Konsequenzen unseres Handelns vorauszusehen», sagt Geneviève Azam, Ökonomin und Sprecherin von Attac Frankreich. «Das Klima zeigt uns: Wir beherrschen überhaupt nichts. Wir wissen nicht, was wir tun.» Ihre ÖkonomiekollegInnen hätten noch nicht einmal begriffen, dass die Wirtschaft Teil der natürlichen Stoffkreisläufe sei. Sie operierten in einem völlig abstrakten Raum.

Die Globalisierungskritikerin Azam redet auf einem Podium der Alternatiba Léman, des grossen Klimafestivals, das letztes Wochenende in Genf stattfand (vgl. «Durch den Monat mit Olivier de Marcellus»). Sie erinnert daran, wie tief wir in der Misere stecken: Das von der Uno-Klimakonferenz deklarierte Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, ist inzwischen völlig unrealistisch. Dafür müssten achtzig Prozent der heute bekannten fossilen Energiereserven im Boden bleiben. Und jenseits von zwei Grad wird es richtig hässlich.

Warum also ein Klimafestival? Geht es da wirklich ums Klima, oder macht man das vor allem für sich selbst, um nicht zu verzweifeln?

Auf den Pilz gekommen

Auf den ersten Blick ist die Alternatiba ein grosser Karneval. Pferde und Hühner stehen auf der Plaine de Plainpalais, dem wohl grössten städtischen Platz der Schweiz, ein von Kindervelos angetriebenes Karussell dreht sich, ein kleiner Junge verkauft Kastanien – er spart für einen Bienenstock. Es gibt rund 250 Infostände diverser Organisationen: von den Frackinggegnerinnen bis zum WWF, von den rebellischen Bauern der Confédération paysanne bis zur Caritas. Dazu 140 Vorträge, Diskussionen und Filme, manche öde, manche enorm klug. Überraschend und inspirierend ist etwa der Vortrag über das «unglaubliche Potenzial der Pilze». Auf der Suche nach erneuerbaren Materialien ist der französische Architekt Gil Burban auf den Pilz gekommen. Er gibt einen Überblick darüber, was alles aus und mit Pilzen gemacht werden kann: Isolationsmaterial, Möbel, Verpackungen, sogar Lampen (aus Leuchtpilzen). Vor allem aber haben Pilzgeflechte ein enormes Potenzial zur Entgiftung von Böden und Gewässern und als natürliche Pharmafabrik – die wichtigsten Antibiotika stammen schliesslich aus Bodenpilzen.

Ist das nun Landwirtschaft? Oder ist es Technik? Wie kann Technik dem Klima dienen? Grössenwahnsinnige Ideen wie Geoengineering – der Versuch, das Klima abzukühlen, indem man etwa Schwefeldioxid in die Atmosphäre befördert – sind an der Alternatiba nicht zu finden. Dafür viele kleine clevere Konzepte wie die «regionale Vertragsinformatik» der Genfer Genossenschaft Itopie: Wer hier ein Abo löst, kann Kurse über Alltagsinformatik und freie Software besuchen, zusätzlich vertreibt Itopie aufgemotzte Secondhandcomputer.

Viele Alternatiba-BesucherInnen sind hoch motiviert, komplexe gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. Etwa am Workshop über Energierationierung. Die französische Umweltsoziologin Mathilde Szuba stellt dort das Konzept handelbarer Energiekontingente, der «tradable energy quotas» (TEQs), vor: Jede Person bekommt die gleiche Menge fossiler Energie zugeteilt, die sie pro Jahr verbrauchen darf. Die zugeteilte Menge nimmt jedes Jahr ab, bis das Sparziel erreicht ist. Mitte des letzten Jahrzehnts, als das Klima breite Kreise bewegte, war sogar die britische Regierung an dieser Idee interessiert. Dann kam die Wirtschaftskrise …

Ermutigend – und frustrierend

Während sich die TEQs auf Treibstoff und Heizenergie beschränken, geht die Schweizer Energiebank noch weiter: Sie will auch den Stromverbrauch und die «graue Energie» in Konsumgütern erfassen und beschränken. Die Idee wirft viele Fragen auf: Pascal Benninger von der Energiebank schlägt vor, per App alle Fahrten jeder Person zu erfassen – droht da nicht die totale Überwachung? Wie soll die graue Energie berechnet werden, wenn sich Umweltorganisationen nicht einmal einig sind, ob Rind- oder Pouletfleisch die Umwelt mehr belastet? Und vor allem: Wer soll so etwas durchsetzen? Das Ermutigende an der Alternatiba ist, dass so viele Leute versuchen, Lösungen zu finden. Gleichzeitig wirkt die Debatte frustrierend, ja surreal, weil alle wissen, dass eine Energierationierung nie mehrheitsfähig sein wird. Zwischen dem Nötigen und dem realpolitisch Möglichen klafft ein Abgrund.

Grosse und kleine Veranstaltungen laufen an der Alternatiba parallel. Während 200 Leute diskutieren, ob alternative Ökonomie mehr als eine Nische sein kann, tauscht man sich daneben im kleinen Kreis über regionale Lebensmittelversorgung aus: Die eine möchte in Genf einen Lebensmittelladen ohne Verpackungen eröffnen, die andere bewirtschaftet bei Annecy drei Hektaren Land und sucht AbnehmerInnen für ihre Tomaten.

Selten wurde die alte Forderung «Global denken, lokal handeln» so gut eingelöst wie an diesem Festival. Und manchmal wird das Globale plötzlich mit dem Lokalen kurzgeschlossen. So, wenn Rajagopal P. V., der Sprecher der gewaltlosen indischen Armenbewegung Ekta Parishad, und ein Genfer Grenzgänger unabhängig voneinander zum gleichen Schluss kommen: Das Versprechen der (Genfer und der indischen) Regierung, vom wachsenden Business der Reichen profitierten die Armen, ist Quatsch. An der Alternatiba startet auch – endlich – eine Kampagne, die Schweizer Banken und Pensionskassen zum Ausstieg aus fossilen Investitionen aufruft (mein-geld-ist-sauber.ch).

Fazit nach zwei Tagen: Die Alternatiba ist doch mehr als eine Veranstaltung für die eigene Psychohygiene – viel mehr. Es ist das Verdienst der Genfer Umweltbewegung, dass sie Ökologie und Soziales immer eng zusammengedacht hat, treffend heisst ihr Bündnis auch Climat Justice Sociale. Hoffnung geben, wie so oft, auch die AktivistInnen, die rauere Zustände gewohnt sind, wie zum Beispiel Rajagopal. Für ihn ist klar: «Die Dinge verändern sich, wenn soziale Bewegungen stark genug sind, Veränderung zu fordern.»

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