Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Gibts in hundert Jahren noch Wald?

Es wird heisser, die Niederschläge werden unberechenbarer – im trockensten Gebiet der Schweiz erforscht ein Langzeitversuch, wie der Wald damit umgeht.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Annette Boutellier (Fotos)

Neun solche Türme stehen im Walliser Pfynwald: Andreas Rigling, Linda Feichtinger und Arthur Gessler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in den Baumkronen.

Von oben sieht alles anders aus. Zehn Meter über dem Boden, auf dem schwankenden Gerüstturm, öffnet sich ein faszinierender Blick auf ein Meer aus Baumkronen. «Man hat in der Forstwissenschaft viel zu lange nur den Baumstamm angeschaut», sagt der französische Waldökologe Michel Vennetier. Dabei geschieht vieles, was für einen Baum und einen Wald entscheidend ist, hier oben, in den Kronen. Wer selber oben steht, versteht das besser – die Gerüste helfen beim Umdenken.

Der heimliche Gärtner

Im Wallis ist der Röstigraben ein Wald. Ob der Pfynwald wegen der (Sprach-)Grenze (finis) oder wegen der Föhre (pinus) seinen Namen hat, ist bis heute nicht klar. Föhren jedenfalls wachsen hier, im trockensten Gebiet der Schweiz, dicht an dicht. Vom Gerüstturm aus sieht man verschneite Gipfel, herbstlich verfärbte Rebberge und die riesigen weissen Radarschirme, die oberhalb von Leuk den Himmel absuchen. Und man sieht die abgestorbene Föhre ganz in der Nähe, den kleinen verfärbten Zweig am nächsten Baumwipfel, in dem ein heimlicher Käfer, der Waldgärtner, sitzt und frisst. Seit elf Jahren erforscht die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Pfynwald, wie Bäume mit Trockenheit umgehen. Denn lange Trockenperioden werden zunehmen, wenn es in den nächsten Jahrzehnten wärmer wird.

Um vergleichen zu können, bewässert die WSL vier Parzellen im Pfynwald. Hier riecht es feucht und modrig, unter den Bäumen wachsen Sträucher und viel Moos, die Föhrennadeln sind dicht und dunkelgrün. Daneben, im unbewässerten Teil, bleibt das Unterholz dagegen spärlich, und mehr Licht fällt auf den Boden, denn die Baumkronen sind schütterer. «Die Föhren reagieren sofort auf Trockenheit», sagt Andreas Rigling, Leiter der Forschungseinheit Walddynamik bei der WSL. «Sie bilden weniger und kürzere Nadeln.» Noch erträgt die Föhre das Walliser Klima, aber in Zukunft wird sie wohl an vielen Orten der besser angepassten Flaumeiche Platz machen.

Wenn der Käfer namens Waldgärtner frisst, sterben die Föhrentriebe ab.

Oben in den Baumwipfeln fallen die vielen Misteln auf. Wo sie sich breitmachen, verlieren die Föhren ihre Nadeln. Die Mistel ist ein Halbparasit: Sie hat grüne Blätter und kann darum selber mit Fotosynthese Traubenzucker für ihre Ernährung bilden. Aber sie treibt ihre Wurzeln in die Zweige der Bäume und klaut ihnen das Wasser. «Nach Trockenjahren erhöht Mistelbefall die Mortalität der Bäume stark», sagt Andreas Rigling. Ein Vogel, die Misteldrossel, frisst die Früchte der Mistel und verbreitet ihre Samen mit dem Kot. «Früher zogen die meisten Drosseln im Winter in den Süden. Heute bleiben sie hier, es ist warm genug.» So profitiert die Mistel vom bequemen Vogel und damit indirekt von der Erwärmung – ein Detail, das zeigt, wie komplex die Zusammenhänge sind, die sich mit dem Klima verändern.

Käfer im Wartezimmer

Im Spätsommer haben die WSL und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) den neusten Waldbericht veröffentlicht. Fazit: Dem Schweizer Wald ging es in den letzten zehn Jahren einigermassen gut. «Von Kollegen habe ich den Vorwurf gehört, wir würden verharmlosen», sagt Andreas Rigling, der für den Bericht mitverantwortlich ist. «Aber es geht um die letzten zehn Jahre, und die waren relativ ruhig. Es gab keinen Extremsommer wie 2003 und keinen Orkan wie Lothar. Was in Zukunft passiert, ist eine andere Frage. Es sieht nicht rosig aus für den Wald.»

Wenn die Temperatur, wie es inzwischen als wahrscheinlich gilt, in diesem Jahrhundert um drei bis fünf Grad steigt, werden Sommer wie 2003 normal, und viele Baumarten geraten stark unter Druck. Die offene Wacholder-Waldsteppe, wie man sie heute schon an den felsigen Südhängen nördlich des Pfynwalds sieht, werde sich im Wallis wohl weiter ausbreiten, sagt Rigling. «Aber an den meisten Standorten wird es auch in hundert Jahren noch Wald geben – die Frage ist, wie er die Ansprüche der Menschen in Sachen Nutzholz und Schutz vor Naturgefahren erfüllen kann.»

Im Mittelland wird es der Fichte, der beliebtesten Bauholzbaumart, definitiv unwohl, auch die Buche leidet unter Trockenperioden. Dazu kommen invasive Krankheiten: Insekten und Pilze, die sich mit der Globalisierung ausbreiten, von der Wärme profitieren und auf Pflanzen treffen, die ihnen wenig entgegenzusetzen haben. Aktuell grassiert die Eschenwelke, ausgelöst durch einen Pilz unklarer Herkunft. «Praktisch alle jungen Eschen sind befallen, inzwischen sterben auch alte Bäume. Und im Wartezimmer sitzt der Asiatische Eschenprachtkäfer, der in Nordamerika bereits grossflächig Eschenbestände abtötet …»

In langen Trockenperioden steigt die Waldbrandgefahr. Im Trockenjahr 2011 brannte bei Visp ein ganzer Hang ab, 2003 oberhalb von Leuk. Dort erforscht die WSL, wie der Wald zurückkommt. Von den Türmen im Pfynwald aus sieht man das leuchtend gelbe Laub der Birken, die heute dort wachsen. «Brände in Schutzwäldern können gravierende Auswirkungen für Mensch und Infrastruktur haben. In den letzten Jahren wurde deshalb das Frühwarnsystem stark verbessert», sagt Rigling.

Vielfalt gegen Risiko

Im Mittelmeerraum könne die Kombination von mehr Trockenperioden und Bränden fatal sein, sagt Michel Vennetier. Der Wissenschaftler aus Aix-en-Provence ist zu Gast bei der WSL im Pfynwald. Er forscht in Südfrankreich in einer sehr ähnlichen Versuchsanordnung. «Im Mittelmeerraum werden Frühling und Sommer trockener, und im Herbst kommen dann alle Niederschläge auf einmal – dann bringen sie den Pflanzen aber wenig. Die mediterranen Bäume sind eigentlich an Brände angepasst, aber wenn sie schon von der Trockenheit geschwächt sind, erholen sie sich nach dem Feuer oft nicht mehr.» In hundert Jahren könnte Südfrankreich zur Halbwüste werden, ähnlich wie heute schon Teile Spaniens.

Auf Trockenstress reagierten Bäume auf der ganzen Welt gleich, sagt Michel Vennetier: «Sie bilden weniger Zweige und damit weniger Blätter oder Nadeln. Auch wenn sich die Bedingungen wieder verbessern, dauert es fünf bis zehn Jahre, bis sich der Baum ganz erholt.» Ein Ziel sei es, diese Forschung in Klimamodelle einzubeziehen, die heute noch sehr ungenau seien, was die Vegetation angehe.

Wie soll die Forstwirtschaft auf die turbulenten Entwicklungen reagieren? Andreas Rigling nennt eine Möglichkeit, den Trockenstress zu reduzieren: den Wald auslichten, damit die verbleibenden Bäume mehr Wasser zur Verfügung haben. Das klingt paradox, weil der Wald so heller wird, die Sonne stärker auf den Boden brennt. Doch die Experimente im Wallis zeigen, dass schon zehn Zentimeter unter der Oberfläche der Boden feuchter ist.

Abgesehen davon ist Vielfalt wohl die wichtigste Strategie. «Als ich vor zwanzig Jahren studierte, galt die Esche vielerorts als lukrative Alternative zur Buche», erzählt Rigling. «Dann kam die Eschenwelke … Hätte man damals grossflächig Eschen gepflanzt, wären die heute alle krank. Darum ist Vielfalt die beste Strategie. Mehr Vielfalt heisst weniger Risiko.»

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