Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

«Das zu managen, ist doch die Aufgabe Europas»

Selbst im stürmischen Herbst kommen täglich Tausende von Flüchtlingen an den Stränden von Lesbos an. Die Syriza-Regierung ist überfordert. Ohne die Hilfe Freiwilliger würde die Versorgung der Flüchtlinge zusammenbrechen.

Von Theodora Mavropoulos, Lesbos

Beständig dreht Salin das bunte Karussell, auf dem ihr dreijähriger Sohn Assid Platz genommen hat. Die alten Eisenstangen des Karussells knarren bei jeder Drehung, doch ihr Sohn strahlt über das ganze Gesicht und schaukelt mit den Beinen. Salin und ihr Sohn sind auf dem Gelände des Flüchtlingscamps «Village all together» auf der griechischen Insel Lesbos.

Salin, die ihren vollen Namen nicht nennen will, ist eine von 650 000 MigrantInnen, die nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR dieses Jahr mit dem Boot nach Lesbos kamen. Allein im Oktober kamen fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Und obwohl das stürmische Herbstwetter die Überfahrt noch gefährlicher macht, begeben sich die Menschen weiter auf den Weg nach Europa. Mehr als sechzig Prozent von ihnen stammen aus Syrien, ein Fünftel aus Afghanistan – wie Salin. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern ist sie vor den Taliban geflohen. Sie sind seit einer Woche auf Lesbos. Ihre beiden älteren Zwillinge sind auf der Überfahrt ertrunken. Das Wetter war stürmisch, das Boot zu unsicher. Sie gibt dem Karussell neuen Schwung, ihre Bewegungen wirken müde.

Das selbst organisierte Flüchtlingscamp «Village all together», auch Pikpa genannt, existiert seit 2012 auf dem Gelände eines stillgelegten Ferienlagers. Im Gegensatz zu den beiden Registrierungscamps, die vor neun beziehungsweise fünf Wochen eröffnet wurden, wird das «Village» ausschliesslich von Freiwilligen betrieben, und es finanziert sich durch Sach- und Geldspenden. Das Camp ist hauptsächlich für Familien gedacht, die auf der Flucht Angehörige verloren haben, und für Familien mit behinderten Angehörigen. Doch das Camp ist auch ein Ausgangspunkt, um die Hilfe und Versorgung der beiden staatlichen Lager zu organisieren: Moria und Kara Tepe, wobei Letzteres ausschliesslich für SyrerInnen zuständig ist. Egal ob Gesundheitsversorgung, Essen oder Kleidung: Ohne die Arbeit der Freiwilligen würde die Versorgung der Flüchtlinge auf Lesbos zusammenbrechen.

Syriza und EU ohne Taten

Gegenüber dem Spielplatz steht Effi Lazoudi auf dem Parkplatz vor dem hellgelben Hauptgebäude des Camps. «Herzlich willkommen» steht in bunten Farben auf Griechisch, Englisch, Arabisch und in Farsi auf der Wand des Hauses. Die 47-jährige Griechin mit dem violetten Kleid, das sie über der Jeanshose trägt, ist eine der OrganisatorInnen hier.

Mit zwei Helferinnen aus der Schweiz und den USA greift sie zwei Säcke voll mit Kleiderspenden, die von Einheimischen hergebracht wurden. Die drei Frauen schleppen die Spenden die Aussentreppe des Gebäudes in den ersten Stock hoch. Dort machen sie sich daran, alles nach Kleidergrösse zu sortieren. Lazoudi geht wieder hinunter, nimmt ständig Anrufe anderer HelferInnen auf ihrem Smartphone entgegen und koordiniert: Wie viele HelferInnen sollen zur Essensausgabe an den Hafen? Wer bringt Kleiderspenden in die anderen Camps? Es gibt keine feste Struktur und auch keine konstante Anzahl verfügbarer Freiwilliger, alles muss täglich neu organisiert werden.

Nachdem die linke Syriza-Regierung im Januar die Wahlen gewonnen habe, habe sie viel mehr Engagement erwartet, sagt Lazidou. Seit die Zahl der Flüchtlinge Anfang dieses Jahres markant zu steigen begann, besuchten immer wieder PolitikerInnen der griechischen Regierung die Insel, auch Ministerpräsident Alexis Tsipras. Sie versprachen, die Registrierung der Flüchtlinge zu beschleunigen und sich für menschenwürdige Zustände einzusetzen. Am 16. Oktober eröffnete die EU-Kommission den ersten «Hotspot» in Griechenland, wie die neuen Registrierungszentren in den Ankunftsländern der EU offiziell heissen. Das Camp Moria liegt etwa zehn Kilometer von der Inselhauptstadt Mytilini entfernt. Hier sollten die Flüchtlinge schnell registriert werden. Doch das Camp ist bereits heillos überlastet: Seine Kapazität reicht, um täglich 2500 Flüchtlinge zu registrieren; jeden Tag kommen jedoch rund 10 000 Menschen an.

«Die Regierung ist völlig überfordert, und das Geld, um menschenwürdige Unterkünfte für die Flüchtlinge zu bauen, reicht nicht», sagt Effi Lazoudi. Auf Druck der lokalen Bevölkerung hin sei nun wenigstens das Beförderungsgesetz geändert worden. «Bis vor ein paar Wochen mussten Flüchtlinge, die am Strand im Norden der Insel ankamen, die rund siebzig Kilometer zu den Registrierungszentren zu Fuss zurücklegen, weil es verboten war, illegale Einwanderer zu befördern.» Seit Ende September werden die Flüchtlinge mit Shuttlebussen an den Stränden abgeholt.

Ganze Cafés voller HelferInnen

Das Registrierungscamp beim Dorf Moria ist in einem ehemaligen Gefängnistrakt untergebracht. Vor den zwei grossen, von PolizistInnen bewachten Haupteingängen stehen VerkäuferInnen mit Snackwagen und verkaufen Sandwiches, Getränke, Schokolade, Obst, aber auch Schlafsäcke und Kleider. Vodafone bietet arabisch beschriftete Telefonkarten für zehn Euro an. Ein Stacheldrahtzaun umringt den Registrierungsabschnitt. Dahinter stehen Hunderte von Zelten, davor sitzen Familien auf Plastikplanen und versuchen, sich mit Feuer warm zu halten. Hier bekommt jeder Flüchtling eine Nummer – dann heisst es warten. Das kann bis zu einer Woche dauern.

Wer kein Geld für die Waren der VerkäuferInnen hat, ist ganz auf die freiwilligen HelferInnen angewiesen. «Wir sind das Mädchen für alles», sagt Markus Markmeyer. Der achtzehnjährige Saarländer sitzt in Mytilini in einem Café und wartet auf andere HelferInnen für ein kurzes Treffen der Gruppe Volunteers Coordination Lesbos. Ein inzwischen alltägliches Bild auf der ganzen Insel: Die Bars und Cafés sind voll mit Freiwilligen aus der ganzen Welt. Die meisten von ihnen sind zwischen 25 und 30 Jahren alt. Auch einige RentnerInnen sind angereist, um zu helfen.

Markmeyer hat gerade die Schule beendet. Als der hochgewachsene blonde Mann über die Situation auf Lesbos las, fuhr er kurzerhand auf die Insel, um zu helfen. «Die Koordination der einzelnen HelferInnen ist unheimlich wichtig», sagt Markmeyer. Die meisten der Freiwilligen seien nur kurzfristig hier – er selbst auch nur zwei Wochen. Der Gruppenleiter rufe täglich von neuem bei den Flüchtlingscamps an, um zu erfahren, wo gerade HelferInnen gebraucht würden. Die Gruppe steht auch in Kontakt mit grösseren Hilfswerken und den Flüchtlingscamps, um die HelferInnen zu koordinieren.

Auch das UNHCR ist auf Lesbos aktiv. «Eigentlich ist unsere Hilfe auf Katastrophengebiete spezialisiert», sagt die Sprecherin Katerina Kitidi. Doch die Zustände hier seien so schlimm, dass sie nun auch verstärkt in Griechenland arbeiteten. Kitidi steht vor dem Eingang des Camps Moria, als drei Afghanen auf sie zutreten, um nach Wasser und Decken zu fragen. Einer von ihnen sagt, seine drei Kinder hätten nur T-Shirts und würden stark frieren. Kitidi erklärt dem Mann, welche Hilfsorganisation in der Nähe sich darum kümmert. Die Nachfrage nach Decken ist gross, denn nachts wird es nun immer kälter.

Gegen sieben Uhr abends treffen zwei Autos mit einer Essensladung aus dem Camp Pikpa im Camp Moria ein. Sofort bildet sich eine Menschentraube um die Fahrzeuge. Die HelferInnen versuchen, die hungrigen Menschen dazu zu bringen, sich in zwei Reihen aufzustellen. Die Leute sind nervös, oft sind es junge Männer, die für ihre Familien Essen holen. 800 Mahlzeiten können die HelferInnen ausgeben. In der Schlange stehen aber über 1500 Menschen.

Die nächsten Boote

«Eigentlich macht es mich wütend, dass ich im staatlichen Camp, das unter der Aufsicht der Polizei steht, auch als Sicherheitsmann fungieren muss», sagt Markmeyer. Er musste helfen, die Leute bei der Essensausgabe zu beruhigen, um Rangeleien zu verhindern. Die Kapazitäten der Polizei reichten dafür nicht aus. «Das alles zu managen, ist doch die Aufgabe der Regierung und die Aufgabe Europas. Aber man kann ja auch nicht zulassen, dass die Menschen hier einfach sterben», sagt Markmeyer, bevor er sich wieder auf den Weg zur Arbeit macht.

Am Strand von Skalas Skaminias im Norden der Insel stehen Ärzte, Rettungsschwimmerinnen und Helfer und winken zwei ankommenden, übervollen grauen Schlauchbooten Mut zu. Ein Spanier springt ins Wasser, begleitet das erste Boot mit zahlreichen Kleinkindern, Frauen und einigen Männern an Land. HelferInnen reichen Wärmedecken, trockene Kleidung und heisse Getränke. Auf dem Boden sitzt eine ältere Syrerin und weint leise. Neben ihr steht ein junger Mann, der am ganzen Leib zittert. Drei weitere Boote zeichnen sich schon am Horizont ab.

Europäische Flüchtlingspolitik

Kontrollen und Kontingente

Rechte PolitikerInnen zauderten nicht lange, die Anschläge in Paris für ihre Forderungen in der Flüchtlingspolitik zu instrumentalisieren: Er warne seit Monaten vor den Gefahren der Migration, sagte etwa der national-populistische slowakische Regierungschef Robert Fico. Die Slowakei hat die Kontrollen durch Polizei und Militär im Inland und an den Grenzen erhöht, der Regierungschef lässt Flüchtlingsheime stärker überwachen. Gabor Vona, Chef der rechtsextremen ungarischen Partei Jobbik, schrieb auf Facebook, dass die Einwanderung die Terrorgefahr erhöhe und dass nun klar sein müsse, dass Ungarn keine Quoten oder Rücknahmen von Flüchtlingen gemäss Dublin-Verordnung akzeptieren werde. Ungarn hat die Kontrollen an öffentlichen Plätzen und an den Grenzen erhöht. In Polen kündigte das Regierungsmitglied Konrad Szymanski an, das Land sei nach den Anschlägen nicht mehr imstande, sich an einer Umverteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU zu beteiligen. Am Sonntag revidierte er die Aussage aufgrund von Kritik: Polen verlange Sicherheitsgarantien, sollte es Flüchtlinge aufnehmen.

In Deutschland nahmen die KritikerInnen von Angela Merkels Flüchtlingspolitik die Anschläge zum Anlass, die Kanzlerin anzugreifen: «Paris ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen», schrieb Bayerns Finanzminister Markus Söder auf Twitter. Für diese und weitere Aussagen, die er im Interview mit der «Welt am Sonntag» machte, wurde er weitherum kritisiert. Sogar Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer distanzierte sich von Söders Aussage.

Am G20-Gipfel im türkischen Belek hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für Flüchtlingskontingente ausgesprochen. Man müsse die illegale Migration möglichst beenden und mit der Türkei über finanzielle Hilfe und über Flüchtlingskontingente zwischen der Türkei und der EU sprechen, sagte Merkel in Belek. Damit sprach sich die Kanzlerin indirekt für eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen aus. Im Februar soll in London eine internationale Konferenz zur Situation von syrischen Flüchtlingen stattfinden.

Meret Michel

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