Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

«Es kommen keine Gäste mehr – gar keine»

Am 31. Oktober stürzte ein russisches Passagierflugzeug aufgrund einer Explosion über dem Sinai ab und brachte damit die Tourismusbranche auf der Halbinsel vollends zum Stillstand. Ein Grossteil der Bevölkerung droht in der Armut zu versinken.

Sofian Philip Naceur, Scharm el-Scheich und Dahab

Scharm el-Scheich ist eigentlich das Zugpferd von Ägyptens Tourismusindustrie. Millionen von Menschen strömten Jahr für Jahr an die Südspitze der Sinaihalbinsel, meist PauschaltouristInnen aus Russland, Deutschland oder Britannien. Kilometerlange Strände, unzählige Korallenriffe, Hunderte Hotels und Resorts in allen Preisklassen lockten die vielen UrlauberInnen selbst in politisch instabilen Zeiten in die abgeschotteten Touristenoasen am Roten Meer – und brachten viel Geld ins Land. Ägypten ist hochgradig abhängig von der Branche, die Millionen Menschen beschäftigt. Sie macht rund zwölf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus, was das Land extrem krisenanfällig macht. Entsprechend ist der Absturz der russischen Passagiermaschine am 31. Oktober über dem Nordsinai ein harter Schlag für Ägyptens Tourismussektor.

Das gilt nicht nur für Scharm el-Scheich, sondern etwa auch für die neunzig Kilometer nördlich gelegene Kleinstadt Dahab, die ebenso stark vom Tourismus abhängig ist. «Weder die Bombenanschläge in Scharm 2005 noch die politische Instabilität in Ägypten nach der Revolution 2011 oder der blutige Staatsstreich 2013 haben der Branche derart geschadet wie die Flugzeugkatastrophe», sagt Ibrahim Zeid, Direktor des Blue Beach Hotel an der Strandpromenade von Dahab. Der Ort wirkt wie ausgestorben.

Dabei war der Tourismus rund um Dahab von den immer wieder aufkommenden Negativschlagzeilen über die politische Lage im Land bisher weniger betroffen als andere ägyptische Feriendestinationen. Schliesslich besetzte die Stadt bisher eine touristische Nische: Pauschal- und Rucksacktouristen, Taucherinnen und Wanderlustige, Hippies und Kulturinteressierte fanden hier, was sie suchten. Die Atmosphäre war entspannt und tolerant, sodass sich immer mehr ÄgypterInnen aus anderen Landesteilen und auch viele AusländerInnen hier niedergelassen hatten. Selbst streunenden Hunden ging es gut, die Strassenkatzen wurden gefüttert, waren fett und hatten Namen.

Dahab wird zur Geisterstadt

«Solange wir arbeiten können, haben wir alle zu essen. Doch wie sollen wir leben, wenn wir kein Einkommen mehr haben?», fragt Mohamed Soliman, ein Beduine, der an der Strandpromenade ein kleines Hotel betreibt. Das Marine Garden Camp ist leer. Zwei Angestellte sitzen vor dem abgeschlossenen Tauchzentrum des Hotels und schlagen die Zeit tot. Arbeit gibt es keine mehr, denn seit einigen Wochen sind keine TouristInnen mehr in der Stadt. Ein vereinzeltes Pärchen hier und da, aber eigentlich ist Dahab eine Geisterstadt. Die meisten Hotels sind geschlossen, viele Gebäude sind bereits verfallen.

Während Scharm von Hotelketten und grossen Touristikkonzernen dominiert wird, finden sich in Dahab vor allem kleine Familienbetriebe, die es schon seit 2005 schwer haben und inzwischen um ihre Existenz bangen. «Nach der Geschichte mit dem russischen Flugzeug können wir nur noch warten und hoffen», meint Soliman frustriert. Auch ein Ägypter, der sich Jimmy nennt, ist wenig optimistisch. «Ich werde die Angestellten entlassen müssen, und bald kann ich die Miete für mein Camp nicht mehr zahlen», sagt er, der vor rund zwanzig Jahren in Dahab strandete, inzwischen mit der ganzen Familie hier lebt und das Bishbishi Camp betreibt. Ibrahim Zeid vom Blue Beach Hotel will nicht aufgeben: «Wir müssen lückenlos aufklären, was mit dem Flugzeug passiert ist. Nur so können wir das Vertrauen in unser Land wiederherstellen.»

Neben den ansässigen BeduinInnen und den ÄgypterInnen aus anderen Landesteilen leben auch unzählige AusländerInnen in Dahab, vor allem aus Russland und Deutschland. Doch die Gemeinschaft der ausländischen BewohnerInnen bricht nach und nach auseinander, denn viele sehen mittlerweile keine Zukunft mehr auf dem Sinai, obschon etliche von ihnen kräftig investiert haben. Rund die Hälfte der mehreren Zehntausend RussInnen, die hier lebten, haben in den letzten Jahren ihre Koffer gepackt und Ägypten verlassen. Nach dem Attentat auf die russische Passagiermaschine im Oktober dürfte der Exodus der RussInnen weitergehen. «Dahab wird immer unattraktiver für Ausländer, es gibt keinerlei Planungssicherheit mehr», sagt Ralph Stocker, der eine kleine deutsche Bäckereikette im Süden des Sinai aufgebaut hat. Nun kämen nicht einmal mehr die RussInnen.

In der Tat machen TouristInnen aus Russland den Grossteil der ausländischen UrlauberInnen in ganz Ägypten aus. Kyrillische Schrift ist omnipräsent in den Ferienhochburgen am Roten Meer. Dabei leben auch die russischen BewohnerInnen Dahabs vergleichsweise isoliert, bleiben oft unter sich. Einerseits hätten sie die lokalen Geschäfte am Leben erhalten, doch ihre abgeschottete Lebensweise und ihre fremden Umgangsformen seien oft auch auf Ablehnung gestossen, sagt die aus Moskau stammende Victoria, die sich in Scharm niedergelassen hat und regelmässig nach Dahab kommt. Sie will ihren vollen Namen nicht nennen. «Das liegt vor allem an den mangelnden Sprachkenntnissen: Kaum ein Russe spricht Englisch oder Arabisch.» Aber es liege auch an der in Russland weitverbreiteten Fremdenfeindlichkeit. «Viele Menschen dort haben Angst vor jeder Person, die aus dem Süden kommt. Selbst mein Vater nannte seine usbekischen Arbeiter ‹tschurka›. Das bedeutet ‹ein Stück Holz›. Sogar einige der in Ägypten lebenden Russen nutzen dieses Wort, wenn sie über Einheimische sprechen», sagt sie.

Nikab und Bikini

Dennoch sei in Dahab ein tolerantes Umfeld entstanden. Beduinen, Ägypterinnen, Russen, Deutsche und Menschen anderer Herkunft lebten meist respektvoll nebeneinander, meint Albina, die vor sieben Jahren mit ihren vier Kindern aus der russischen Hauptstadt nach Dahab gezogen ist und ihren vollen Namen nicht preisgeben will. «Am Strand sehen wir Menschen im Nikab und im Bikini nebeneinandersitzen. Die Leute machen die Musik aus, sobald der Gebetsruf aus den Moscheen ertönt – aus Respekt», betont sie. Von der Freizügigkeit der AusländerInnen sind zwar nicht alle begeistert, doch innerhalb der Stadt wird dies zumeist toleriert.

Albina will in Dahab bleiben. «Wo soll ich sonst hingehen? Als zahlreiche Regierungen nach Ausbruch der Revolution im Januar 2011 dazu aufriefen, Ägypten aus Sicherheitsgründen zu verlassen, explodierte am Moskauer Flughafen eine Bombe, und heute haben wir die Debatte zum Thema Sicherheit nach den Pariser Anschlägen. Es ist nirgendwo sicherer als hier in Dahab», gibt sie sich überzeugt.

Ähnlich sehen das die ägyptischen TouristInnen aus Kairo oder dem Nildelta, die inzwischen vermehrt auf dem Sinai Urlaub machen. «Nach der Revolution 2011 haben Ägypter angefangen, ihr eigenes Land zu entdecken», sagt Mohamed Soliman. «Als die ausländischen Touristen plötzlich ausblieben, haben sie die Lücke gefüllt. Aber Ägypter zahlen lokale Preise, mit Ausländern verdienen wir viel mehr», so der Beduine. Zudem würden seither ständig Frauen belästigt – ein grosses Problem am Nil. Sara Mansour kommt aus Alexandria. «Ich gehe dort nicht mehr an den Strand, weil ich pausenlos belästigt und angefasst werde. Das passiert mit den Beduinen nicht, sie respektieren Fremde vorbehaltlos», sagt die junge Frau, die für ein Wochenende nach Dahab gekommen ist. Doch mittlerweile werde sie auch in Dahab belästigt – ausnahmslos von ägyptischen Urlaubern.

Die Krise von Ägyptens Tourismusbranche hängt aber auch stark mit der verfehlten Wirtschaftspolitik der Zentralregierung zusammen. Während diese auf neoliberale Reformen setzt und sich unfähig zeigt, ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, wird der Niedergang des Tourismus am Nil politische Folgen haben. Auch wenn die Regierung nun verspricht, die Sicherheit an den Flughäfen zu verbessern, ist das Vertrauen in Ägyptens Sicherheitsapparat erschüttert. TouristInnen und Einnahmen werden ausbleiben, Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Das Land muss sich auf unruhige Zeiten einstellen.

Ägypten und die Beduininnen

Terror vom IS, Willkür vom Staat

Die Nord-Süd-Gegensätze auf Ägyptens Sinaihalbinsel könnten grösser nicht sein. Der Süden galt bis vor kurzem als Urlaubsparadies, im Nordsinai nahe der Grenze zum palästinensischen Gazastreifen herrscht derweil seit Jahren ein blutiger Krieg zwischen Ägyptens Armee und bewaffneten Extremisten, die sich im Herbst 2014 dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben. Das Militärregime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi versucht seit 2013, die Extremisten mit einer massiven Militäroffensive zurückzudrängen. Dennoch weitet der IS-Ableger seinen Operationsradius weiter aus und verübt inzwischen selbst in Kairo Anschläge. Zuletzt hat sich die Gruppe damit geschmückt, den Absturz der russischen Passagiermaschine verursacht zu haben.

Die Armee hat derweil Probleme mit der Guerillataktik des IS, greift immer wieder zu Kollektivbestrafungen und verweigert sich einer Kooperation mit den im Sinai lebenden BeduinInnen, die sich trotz Abneigung gegen den Staat als PartnerInnen im Kampf gegen die Militanten anboten. So intensivierten sich zuletzt Konflikte zwischen Polizei und Einheimischen. Und die Regierung liess die Nutzung von Allradautos auf dem Sinai einschränken – in der Hoffnung, dem im Nordsinai operierenden IS zu schaden. Doch das Verbot schränkt vor allem die Bewegungsfreiheit der BeduinInnen ein.

Diese akzeptieren die Souveränität Kairos über den Sinai nur bedingt. Daher werden sie enteignet, entrechtet und als BürgerInnen zweiter Klasse behandelt. «Die Regierung lässt uns keine Luft zum Atmen», sagt ein Anführer des Mzenah-Stamms, der anonym bleiben will. «Der Staat schickt Offiziere, die die Gegend nicht kennen und sich mit uns anlegen. Sie sollten mit uns kooperieren, wenn es darum geht, die Städte abzusichern und die Menschen zu beschützen», sagt er. «Schliesslich waren wir es, die hier für Sicherheit gesorgt haben, als die Revolution das Land lahmgelegt hat.» Ein Mitglied der Tarabin, des grössten Stamms auf dem Sinai, fürchtet derweil Schlimmeres. «Der Staat bringt die Menschen hier gegen sich auf. Wenn Kairo seine Politik nicht ändert, werden früher oder später auch im Südsinai die Menschen zu den Waffen greifen.»

Sofian Philip Naceur

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