Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Der Schweizer Finanzplatz macht zu wenig

Grosse Finanzinvestoren müssen zunehmend erklären, weshalb sie weiterhin riesige Kapitalmengen in klimaschädigende Öl-, Gas- und Kohlegeschäfte stecken. Auch in der Schweiz steigt der Druck. Beim Ausstieg könnte die Bundespensionskasse Publica eine Pionierrolle übernehmen.

Von Daniel Stern

Es ist ein Montagabend im Oktober. Im Gemeindesaal der reformierten Kirche im Berner Mattenhofquartier erklärt die 42-jährige Payal Parekh, weshalb es so dringend ist, dass die Bevölkerung angesichts des Klimawandels handelt und nicht einfach auf die Klimakonferenz in Paris hofft: «So, wie es jetzt ausschaut, zielen die staatlichen Zusagen für Paris auf drei Grad Klimaerwärmung bis Ende des Jahrhunderts ab. Das Ziel muss jedoch bei höchstens zwei Grad liegen, sonst ist es sehr wahrscheinlich, dass die Folgen katastrophal werden.» Eine Katastrophe lasse sich nur verhindern, wenn ein grosser Teil der noch nicht geförderten Vorräte an Erdöl, Erdgas und Kohle im Boden bleibe.

Die indischstämmige Parekh ist ursprünglich Meeres- und Klimaforscherin und lebt in Bern. Sie organisiert für die internationale Organisation 350.org weltweit Klimakampagnen. Ein Schwerpunkt dabei ist es, Druck auf grosse Finanzinvestoren zu machen, damit diese ihr Geld aus klimaschädigenden Firmen zurückziehen – ein sogenanntes Divestment machen. Parekh unterstützt mit ihrer Arbeit auch die kleine Schweizer Aktionsgruppe Fossil-free, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Schweizer Investoren zum Divestment zu bewegen.

David gegen Goliath

Der Schweizer Finanzplatz ist eine besonders klimaschädigende Geldanlagemaschine. Zu diesem Schluss muss kommen, wer die Ende Oktober veröffentlichte Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu) liest. Das Bafu liess errechnen, wie viel grosse Schweizer Pensionskassen sowie in der Schweiz zugelassene Aktienfonds in klimaschädigende Firmen investieren. Das Resultat müsste für alle, die auf die Vorreiterrolle des Schweizer Finanzplatzes in Sachen umweltgerechte Anlagen hofften, niederschmetternd sein: «Der Finanzplatz Schweiz unterstützt mit seinen Investitionen ein globales Klimawandelszenario von vier bis sechs Grad Celsius», schreibt das Bafu. Dabei ist doch «Nachhaltigkeit» eines der Lieblingswörter der Schweizer Banken und Versicherungen. Stolz verweisen sie in ihren Jahresberichten jeweils auf den gesunkenen Energieverbrauch ihrer Bürogebäude.

An der Veranstaltung in der Berner Friedenskirche erklärt die Aktionsgruppe Fossil-free ihre Strategie. Es ist der Kampf eines Dutzends Überzeugter gegen eine Industrie, die 5,3 Billionen Franken verwaltet, rund 200 000 Menschen beschäftigt und vierzehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Schweiz erwirtschaftet.

Fossil-free hat seit ein paar Wochen die Website mein-geld-ist-sauber.ch aufgeschaltet. BesucherInnen können dort freundlich verfasste Protest-E-Mails an sieben grosse Schweizer Firmen und Institutionen senden. Bislang sind als Adressaten die Schweizer Rückversicherung Swiss Re, die beiden Grossbanken, die Suva, die Nationalbank (SNB), die Bundespensionskasse Publica sowie der AHV-Ausgleichsfonds aufgeführt. Rund 2000 E-Mails wurden bereits verschickt.

Die weltweiten Divestmentkampagnen lehnen sich an der Antiapartheidbewegung an: Es geht darum, die 200 grössten Öl-, Gas- und Kohlekonzerne zu stigmatisieren. Wer noch Aktien dieser Firmen besitzt, muss unruhig werden und sich von diesen trennen wollen. Finanztechnische Argumente, die gegen ein Divestment sprechen, gibt es laut Bafu-Studie nicht: Ein Umstieg auf klimafreundlichere Unternehmen ist «ohne grössere Folgen in Bezug auf Risiko und Diversifikation möglich», heisst es da. Es ist sogar gut möglich, dass ein Divestment vor grösseren Verlusten bewahrt. Schon länger warnen FinanzexpertInnen vor der sogenannten Carbon Bubble: Aufgeblähte Börsenkurse von Energieunternehmen drohen abzustürzen, wenn diese ihre Reserven aufgrund politischer Entscheide im Boden lassen müssen.

Laut Payal Parekh haben weltweit bereits 430 Institutionen und 2040 Einzelpersonen angekündigt, ihre Gelder nicht mehr in die fossile Industrie zu investieren. Zusammen verwalten sie 2,6 Billionen US-Dollar. Zu ihnen gehört als jüngstes Beispiel die deutsche Stadt Münster, erzählt Parekh, neben Oslo, schwedischen Pensionskassen, der englischen Staatskirche und der Universität von Kalifornien. Die Bewegung werde breiter, selbst Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon unterstütze sie. Und sie betont die Verantwortung der industrialisierten Länder: «Viele Menschen im Süden leiden heute schon unter dem Klimawandel, obwohl ihre Länder nicht zu den Verursachern gehören.»

Publica könnte Vorreiterin werden

Die Pensionskasse Publica hat nach eigenen Angaben rund vier Prozent oder 1,5 Milliarden ihres Gesamtvermögens in den umstrittenen Energiefirmen angelegt. Hier trifft Fossil-free auf offene Ohren, die Diskussion ist bereits im Gang, Ende Jahr will die Geschäftsleitung über einen allfälligen Ausstieg entscheiden. Patrick Uelfeti, stellvertretender Anlagechef der Publica, hinterfragt zwar die Kritik der Divestmentkampagne: «Ich gehe davon aus, dass viele der betroffenen Energiefirmen sich den veränderten Rahmenbedingungen anpassen werden.» Doch Publica hat auch schon eine Delegation von Fossil-free zum Gespräch empfangen. Die grösste öffentliche Pensionskasse könnte zum Einfallstor für die Divestmentkampagne werden. Kippt Publica, dann werden andere Pensionskassen weit stärker unter Druck geraten, nachzuziehen. In Zürich etwa ist eine Anfrage des grünen Gemeinderats Markus Knauss hängig, der sich an der ökologischen Kurzsichtigkeit der Pensionskasse der Stadt Zürich (siehe WOZ Nr. 35/2015) stört.

Schweigen bei der SNB

Die Schweizerische Nationalbank macht im Gegensatz zur Publica keine konkreten Angaben zu ihren Investitionen, wie ihr Sprecher Walter Meier schreibt. Die SNB hat rund siebzig Milliarden Franken in Aktien investiert. Anlagen in US-Firmen sind allerdings über die Website der US-Börsenaufsicht SEC offengelegt. Eine Durchsicht der betreffenden Liste zeigt, dass die SNB weit über eine Milliarde Franken in US-amerikanischen Öl-, Gas- und Kohlefirmen angelegt hat. Allein 180 Millionen hält die SNB an den beiden grossen Kohlekraftwerkbetreibern Duke Energy und American Electric Power.

Am grössten privaten Ölkonzern Exxon hält die SNB gar Anteile für 600 Millionen Franken. Ausgerechnet Exxon: Recherchen der Tageszeitung «Los Angeles Times» und des Internetportals «inside climate news» zeigten in den vergangenen Monaten, dass Exxon seit den siebziger Jahren aufgrund eigener Forschung über die Gefährlichkeit von CO2 für das Klima weiss. Trotzdem hat der Konzern in den darauffolgenden Jahrzehnten systematisch Lobbyorganisationen finanziert, die Skepsis bezüglich des Klimawandels streuten und staatliche Massnahmen zu verhindern versuchten. Inzwischen ermittelt deswegen die New Yorker Staatsanwaltschaft.

«Es ist nicht Aufgabe der SNB, mit ihrem Anlageverhalten ethische Massstäbe zu setzen oder eine politische Vorreiterrolle zu übernehmen», schreibt SNB-Sprecher Meier. Allerdings schliesst die SNB gemäss einem internen Reglement explizit Anlagen in Firmen aus, die «gravierende Umweltschäden verursachen». Kein Widerspruch?

Swiss Re ist selber Akteur

Auch die Swiss Re gibt bezüglich Investitionen in die Energieindustrie keine Auskunft. Dabei gehört das Thema Klimawandel für den Rückversicherungskonzern zum Kerngeschäft. Swiss-Re-Direktor David Bresch ist gar Mitglied der offiziellen Schweizer Delegation an der Klimakonferenz in Paris. Er wolle dort «Marktlösungen im Umgang mit dem Klimawandel in die Diskussion einbringen», sagt er der WOZ. Für die gesamte Versicherungswirtschaft sei entscheidend, dass sich das Klima nicht um mehr als zwei Grad erwärme, betont Bresch. «Die Auswirkungen der Klimaerwärmung lassen sich so mit gezielten präventiven Massnahmen abfedern und die Risiken somit versichern. Erwärmt sich die Erde stärker, ist mit Schäden zu rechnen, die nicht mehr versicherbar sind.»

Falls in Paris griffigere Massnahmen beschlossen werden, könnte die Swiss Re ganz direkt profitieren. Denn letztlich geht es auch um viel Geld, das von den reicheren an die ärmeren Staaten fliessen soll, damit letztere sich gegen die vermehrten Risiken wappnen können – und dann auch Versicherungen abschliessen. Umso unverständlicher ist es, dass die Swiss Re bei ihren Kapitalanlagen von rund 115 Milliarden Franken die grossen Klimakillerfirmen offenbar nicht ausschliesst. Hängt es damit zusammen, dass der Rückversicherer auch sonst mit diesen Firmen zusammenarbeitet und etwa neue Erdölförderprojekte versichert? Bresch hält sich bei solchen Fragen bedeckt: «Unser Richtlinien erlauben nicht, dass wir Auskunft über unsere Kunden geben. Wir machen nicht öffentlich, mit welchen Firmen wir zusammenarbeiten oder welche Technologien wir versichern. Wir sind aber in einem stetigen Dialog mit unseren Kunden. Das nützt oft viel.» Bresch gibt sich zuversichtlich, dass es noch rechtzeitig zu Veränderungen kommt, um das Zweigradziel zu erreichen.

Weiter gehende Ziele

Die AktivistInnen von Fossil-free planen bereits für die Zeit nach Paris. Im zweiten Schritt ihrer Kampagne sollen ab Ende Jahr alle Pensionskassen der Schweiz direkt über die Website der Kampagne angeschrieben werden können. Nächstes Jahr will sich dann auch die Klimaallianz, eine Zusammenschluss von sechzig Schweizer Umweltorganisationen, Hilfswerken und andern NGOs, an der Divestmentkampagne beteiligen.

Die kampagnenerfahrene Payal Parekh warnt allerdings vor Illusionen. Auch viele erfolgreiche Divestmentkampagnen würden nicht reichen, um den Klimawandel zu stoppen. Letztlich gehe es bei diesen Aktionen immer auch darum, mehr Menschen zu aktivieren: «Wer einmal ein Protestmail geschrieben hat, ist eher bereit, auch an einer Demonstration oder Blockadeaktion teilzunehmen.» Und nur so, glaubt sie, «kann genügend Druck auf die Staaten und Firmen erzeugt werden».

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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