Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Punk als leiser Protest

Während sich die RevolutionärInnen vom Tahrirplatz grösstenteils aus der Politik zurückgezogen haben, rebellieren die Jüngeren im Privaten. Eine Reportage über Kairos Jugend.

Von Cedric Rehman, Kairo

Kareem Shaheen sitzt mit seinen Freunden in einer Kneipe, die den Namen «Freiheit» trägt. Das arabische Wort für Freiheit, «horreya», haben die DemonstrantInnen während der Revolution 2011 auf den Strassen der Kairoer Altstadt skandiert. Jetzt sitzen diejenigen, die damals zu jung waren, um dabei zu sein, in dieser trostlosen Trinkhalle in der Nähe des Tahrirplatzes. Jungen und Mädchen trinken zusammen Bier und lachen. Die älteren Gäste schauen verschämt auf ihre Gläser. Es bekümmert sie offensichtlich noch, dass Alkohol nach islamischem Recht «haram» ist, verboten.

Shaheen ist ein Star der jungen Tätowierszene in Kairo. Gemeinsam mit einer Tätowiererin aus Italien leitet er das Studio Nowhereland im Stadtteil Zamalek. Shaheen ist erschöpft. In den Tagen zuvor hat er in Kairo die erste Tattoo Convention auf die Beine gestellt. Er ist unzufrieden, weil er mit grösserem Andrang gerechnet hatte: «Es gibt inzwischen zu viele Strassenstudios, in denen Ausländer den Ägyptern geschmacklose Tätowierungen stechen.» Dabei sei ein Tattoo eine Philosophie. «Es ist etwas Schönes, das immer bei dir ist, bei all der Hässlichkeit um uns herum. Es öffnet dich, und du zeigst, dass du dein verdammtes Recht zumindest auf der Haut trägst.»

Tätowierungen als Protest

Tätowieren ist bei der Jugend beliebt geworden: Mädchen aus dem konservativen Oberägypten kämen angereist, um sich von seiner italienischen Partnerin ein Mandala stechen zu lassen, erzählt Shaheen, Männer aus den Armenvierteln würden ihn nach Anarchiezeichen fragen. Das zeigt aus seiner Sicht, dass ein rebellischer Geist nicht nur eine Sache der städtischen Mittelschicht ist. «Natürlich sind die Eltern dagegen, aber das ist den jungen Leuten egal.» Als 2011 die Revolution ausbrach, trug Kareem Shaheen bereits ein Peacezeichen auf dem rechten Oberarm. Seine Mutter fand es schön, aber «haram»: Der Islam verbiete es, den gottgegebenen Körper zu «verunstalten», so die Mutter. Heute lebt ihr Sohn von dieser unislamischen Kunst; die Mutter sagt nichts mehr dazu. «Wir haben zwei Kulturen in Ägypten. Die Alten kapieren nichts. Am besten wäre es, wenn sie sobald wie möglich aussterben», sagt Shaheen. Seine Freunde nicken.

Als er auf die Parlamentswahlen angesprochen wird, die im Oktober begonnen hatten und in Etappen bis zum 2. Dezember abgehalten wurden, bricht es aus ihm heraus. «Das geht mich einen Scheiss an. Wir haben hier eh keine Rechte.» Shaheen drückt in deutlichen Worten aus, was sogar der gleichgeschalteten ägyptischen Presse aufgefallen ist: Nach Beginn der Abstimmung zeigten Karikaturen eine knöcherige Hand, die einen Wahlzettel in die Urne wirft. Die staatliche Tageszeitung «Al Ahram» beklagte, dass nur noch die Alten zur Wahl gingen, obschon das Durchschnittsalter der ÄgypterInnen bei knapp 25 Jahren liegt. Zudem lag die Wahlbeteiligung gerade einmal bei rund 28 Prozent.

Rapider Gesellschaftswandel

Auch die gesellschaftlichen Konventionen ändern sich rapide. Noch vor ein paar Jahren war es kaum denkbar, dass TouristInnen heute Jungen und Mädchen in der Öffentlichkeit beim Händchenhalten beobachten können. War es einst ein Tabu für Frauen, allein in einem Kaffeehaus zu sitzen und Wasserpfeife zu rauchen, ist das kein seltener Anblick mehr. Noch 2011 überwog die Zahl der Nikabträgerinnen die Anzahl derjenigen, die das Haar offen trugen – auch auf dem Tahrirplatz. Fünf Jahre später ist es umgekehrt. Inzwischen kommt es sogar vor, dass sich junge Menschen beiderlei Geschlechts eine Wohnung teilen. An einer WG-Party in der Altstadt erntet die Frage, was die Nachbarn denken oder ob die Eltern mit dieser Art des Zusammenlebens einverstanden sind, nur Schulterzucken.

Es sind nicht wie einst nur die jungen Reichen, denen die ungeschriebenen Gesetze egal sind. Zwar haben sie auf dem Land noch Geltung. Aber das junge Ägypten drängt nach Kairo. Die Metropolregion mit über sechzehn Millionen EinwohnerInnen wächst rasant und frisst sich immer tiefer in die Wüste. In den Dörfern bleiben die Alten zurück, die jungen ÄgypterInnen studieren an staatlichen Universitäten, obschon sie keine Aussicht auf einen Job haben. Glücklich ist, wer wie der Gastgeber der Party eine Stelle in einem Callcenter findet. Für das traditionelle Leben mit Ehe und Familie reicht das Gehalt nicht. Viele träumen vom Auswandern, wissen aber, dass die Chancen schlecht stehen. «Warum sollen wir uns von unseren Eltern etwas sagen lassen?», fragt ein 21-Jähriger. «Sie haben uns in diese Situation gebracht und das Land an die Wand gefahren.» Selbstverständlich werde er nicht wählen gehen.

Ibrahim Daoud (Name geändert) hat sich die wilde Mähne wieder wachsen lassen, nachdem ihm die Gefängniswärter 2013 den Kopf geschoren hatten. Damals war die Wut des heute 24-Jährigen nicht geringer als die Aversionen der heute 20-Jährigen. Nur hatte er sie auf die bärtetragenden Feinde ausgerichtet, die damals herrschenden Islamisten. Daoud und andere junge AktivistInnen hatten sich Anfang 2013 dazu entschlossen, eine Formation zu gründen, die den Tahrirplatz auch mit Gewalt verteidigen und Feinde der Revolution attackieren sollte: gegen die Polizei und die Muslimbruderschaft. Sie nahmen sich die Strategie der Militanten zum Vorbild, die sich in Genua oder Seattle bei Protesten gegen die Globalisierung Strassenschlachten mit der Polizei geliefert hatten, und nannten sich AnarchistInnen.

2013 legten die Schwarzmaskierten die Metro lahm und zündeten die Parteizentrale der Muslimbrüder an. Sie marschierten mit Trommeln auf den Tahrirplatz und erklommen die Gebäude rundherum, um die schwarze Flagge mit dem weissen Anarchiezeichen zu hissen. Heute lacht Ibrahim Daoud über die alten Zeiten. Die Gewalt sei falsch gewesen, meint er heute. «Im Gefängnis bin ich erwachsen geworden.»

Einsamer ist er jetzt in der Freiheit. Der Schwarze Block existiert nicht mehr. Viele alte Freunde sind tot, unter dem neuen Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi im Gefängnis, im Ausland, oder sie sind keine Freunde mehr: Nach der Haft hat Daoud erfahren, dass er aus der Gruppe heraus verraten worden ist. Das Misstrauen hat das Band zwischen den Tahrir-RevolutionärInnen tiefer eingerissen als die Angst vor der Haft oder dem Verschwinden. «Ich suche mir meine Freunde heute gut aus», sagt er in einem Kaffeehaus in der Kairoer Altstadt. Daoud vermutet, dass er überwacht wird. Einen Button im Andenken an einen seiner auf dem Tahrir getöteten Freunde zu tragen, ist das Einzige, was er sich derzeit an Aufmüpfigkeit noch leistet. Er wolle im kommenden Jahr sein Ingenieurstudium beenden und heiraten, sagt er.

Eine tickende Bombe

Einen seiner neuen Freunde hat er an der Universität kennengelernt. Er ist bloss vier Jahre älter als Daoud, doch zwischen ihnen verläuft der Graben der Generationen. Für die Revolution hat Muhammad Mohsen (Name geändert), der sich zu Daoud an den Tisch setzt, nichts mehr übrig. «Die wahre Freiheit liegt in uns selbst», sagt der Freund schliesslich. «Ich glaube nicht mehr an Gott.»

Mohsen nennt die ägyptische Jugend eine tickende Bombe: «Wenn sie explodiert, werden die Jungen alles niederreissen, ohne zu wissen, was an die Stelle des Alten treten soll.» Der Zynismus der jungen Leute, die alles angreifen, auch die Religion, erschreckt den ehemaligen Tahrir-Revolutionär. Damals hat der Pazifist immer dafür plädiert, Rücksicht zu nehmen auf die religiösen Gefühle der konservativen ÄgypterInnen. Der Wandel müsse alle mitnehmen, Provokation führe nur zu Abwehrreaktionen der Konservativen, sagt er. Gleichzeitig sieht der 27-jährige Maschinenbauer die Not der jüngeren Generation. Sie habe diesen Drang zur Emanzipation, laufe aber überall gegen Mauern. Ohne Hoffnung auf politische Veränderung bleibe eben nur die Rebellion im Privaten: Punk statt Protest, null Bock statt No Future. Ihn störe, dass die Reflexion auf der Strecke bleibe. «Ich habe nichts dagegen, wenn sie trinken und tanzen wollen», sagt er. «Aber das allein ist keine Freiheit.»

Muhammad Mohsen trifft sich noch regelmässig mit Gleichgesinnten. Wenn sie in einem Strassencafé sitzen, könnte der Geheimdienst am Nebentisch einen Tee schlürfen. Oder sogar am selben Tisch. Er habe Angst, sagt Mohsen. Doch den Gedanken an eine Verhaftung habe er verdrängt: «Ich weiss ohnehin, dass ich unter Folter alles sagen würde.» Verraten könnte er aber bloss noch, mit wem er Tee trinkt und über Politik spricht. Mehr sei da nicht mehr, versichert er. Zumindest was ihn selbst betrifft, scheint der Rückzug ins Private glaubhaft: Mohsen kommt im Anzug von seiner Arbeit in einem Ölunternehmen. Am Finger trägt er einen goldenen Verlobungsring.

Von einem Versagen der Revolutionäre, von der Kritik, sie seien 2011 planlos in die Revolution marschiert, hätten 2013 die frei gewählte Regierung der Muslimbrüder bekämpft, statt zu erkennen, dass die Armee ein ebenso grosser Feind sei, um dann nach 2013 vor der Repression des ehemaligen Generals Sisi davonzulaufen, will der frühere Revolutionär nichts hören. Es gebe schliesslich keinen Baukasten für eine Revolution; die Einstellung der Aktivitäten sei aus Verantwortung gegenüber dem Land erfolgt. «Sonst hätten wir Krieg riskiert.»

Warten auf den Zusammenbruch

Die Aufgabe der alten Garde vom Tahrir sei es, zu warten, bis das Regime von Präsident Sisi zusammenbreche, und dann das Schlimmste zu verhindern, so Muhammad Mohsen. Der Umbruch werde bald geschehen. Die hilflose Reaktion auf die Spekulationen über den Flugzeugabsturz auf dem Sinai beispielsweise zeigt aus seiner Sicht, wie schlecht das Regime schon dasteht (siehe WOZ Nr. 48/2015). Die geringe Beteiligung der Bevölkerung an den Parlamentswahlen von rund 28 Prozent entziehe ihm nun die Legitimation. Viele ÄgypterInnen befürchten zudem, dass Saudi-Arabien im kommenden Jahr wegen des sinkenden Ölpreises nicht mehr so tief in die Schatulle greifen wird, um das Finanzdefizit Ägyptens auszugleichen.

Vielleicht fantasiert der frühere Revolutionär eine nahende dritte Revolution auch herbei. In einem Atemzug spricht er von Umsturz und äussert dann wieder seine Furcht vor der Jugend, der nichts mehr heilig sei, die an nichts mehr glaube, auch nicht an die Revolution. Er hofft, dass es der Generation vom Tahrir gelingt, die Alten und die ganz Jungen wieder zusammenzuführen. Die erzwungene Abstinenz von der Politik hätten viele ÄgypterInnen genutzt, um sich Wissen anzueignen. «Wenn ich heute Facebook öffne, diskutieren die Leute über Einsteins Relativitätstheorie. Das hätte es vor der Revolution nicht gegeben.» Muhammad Mohsen ist überzeugt, dass niemand in Ägypten den Geist wieder in die Flasche bekommt. Er hat sich unter all den Hoffnungslosen die Hoffnung bewahrt.

Cedric Rehman schreibt seit zehn Jahren als freier Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen über die Krisenherde der Welt.

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