Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Calais hat den Leuchtturm, im «Jungle» strahlt das Blaulicht

Frankreichs Behörden wollen das Flüchtlingscamp bei Calais Schritt für Schritt verkleinern. Tränengas und die Kälte des Winters helfen ihnen dabei.

Von Tobias Müller, Calais

Hart stösst die Baggerschaufel in den gefrorenen Grund. Die Zähne greifen Plastikplanen, Zeltreste und Klamotten auf, die hier am äussersten Rand des Geländes auf dem Boden zurückgelassen wurden. Dann landet alles in einem Container, bei den anderen Überbleibseln von Behausungen, bei nassen Schlafsäcken und Brettern. Einige Dutzend BeamtInnen der Spezialeinsatzkräfte CRS sichern an diesem bitterkalten Morgen die Abbruchstelle. Mehr der Form wegen, als dass sie dazu einen Grund hätten – Proteste gibt es nicht.

Die Bagger sind angerückt, um einen Streifen von hundert Metern Breite zu räumen. Zu nah kam der «Jungle», das inoffizielle Flüchtlingscamp ausserhalb der nordfranzösischen Hafenstadt Calais, an die Autobahn heran. Sie bietet in diesem Winter eine der letzten Möglichkeiten, an Bord eines Lasters nach Britannien zu gelangen. Mehrmals haben Flüchtlinge versucht, den Verkehr lahmzulegen. Eine Verzweiflungstat, ohne jede Aussicht auf Erfolg, die meist in Krawallen mündete: Die PolizistInnen feuerten Tränengas und Gummigeschosse in den «Jungle», die Flüchtlinge warfen im Gegenzug Steine.

Ausnahmezustand im «Jungle»

Am Abend vor der Räumung befindet sich am Eingang des Camps, wo vor kurzem viele SudanesInnen ihre einfachen Zelte hatten, ein Meer aus Planen und Abfall. Hier und da wärmen sich Menschen an Feuerstellen, von denen schwarzer Rauch aufsteigt. Ein wenig weiter, wo das Gebiet der afghanischen Restaurants beginnt, sind einige Männer damit beschäftigt, von einem Holzgerüst die Teppiche zu lösen, die ihrem Verschlag als Wände gedient hatten. In der Nähe haben die Flüchtlinge einen Platz gefunden, an dem sie ihre Unterkunft wieder aufbauen wollen.

Das neue Jahr war erst ein paar Tage alt – durchbrochen von drei aufeinanderfolgenden Tränengasnächten –, als sich die Lage im Flüchtlingscamp zuspitzte. Eines Morgens tauchten VertreterInnen der Präfektur von Calais auf den schlammigen Wegen auf, begleitet von PolizistInnen, die neben den üblichen Arm- und Beinpanzern auch Maschinenpistolen trugen. Sie inspizierten das Gelände, sprachen mit Flüchtlingen und hinterliessen rosafarbene Markierungen auf dem Boden: die Räumungszone. In den nächsten Tagen wurden mithilfe von Freiwilligen rund 1500 Personen von dort evakuiert. Man konnte beobachten, wie zuweilen sechs oder acht Paar Hände so manches planenverkleidete Holzgerüst durch die Dünen trugen.

Ein Areal ist von der Betriebsamkeit ausgenommen. Am anderen Ende des «Jungle» ist in den letzten Wochen eine kleine Siedlung aus blendend weissen Containern entstanden. 125 sind es, meist stehen zwei übereinander, und mit ihren soliden Betonfundamenten und dem Kies, der zwischen ihnen aufgeschüttet wurde, bilden sie einen bemerkenswerten Kontrast zu den Wegen und Pfaden des «Jungle». Dort waren erst Pfützen entstanden, die sich dann in Wasserläufe verwandelten und inzwischen gefroren sind. In jedem der einfachen Container warten sechs Doppelstockbetten mit nagelneuen Laken und Decken auf ihre BewohnerInnen.

Am Tag, als die Präfektur Gesandte in das Flüchtlingscamp schickte, öffneten auch die Container für die ersten von insgesamt 1500 Personen ihre Tore. Wer bisher ein Zelt statt eines hölzernen Verschlags bewohnt hatte, sollte Vorrang bekommen. Auch für diejenigen, die von der Räumung betroffen waren, sollte es hier Unterschlupf geben. Doch die Flüchtlinge reagierten skeptisch: Zwar wurde der neue dunkelgrüne Zaun, der die Container umgibt, binnen Stunden in den Alltag integriert, indem man ein paar Klamotten dort aufhängte, auf dass sie irgendwann einmal trocknen. Doch da ist auch dieses Tor, das sich nur mithilfe eines elektronischen Handerkennungsverfahrens öffnet. Viele hatten Angst, dort unwissentlich ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen. Dass es nachts geschlossen wird, würde den Traum von England endgültig zu einem fernen Schatten machen.

Britannien wird unerreichbar

Abgezeichnet hatte sich diese Entwicklung schon im Herbst, als sich das Camp mit 6000 oder 7000 BewohnerInnen auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung befand. Der Fokus der Flüchtlinge verlagerte sich vom immer besser gesicherten Hafen auf den nahen Eurotunnel. Im Sommer versuchten sie es mit Massendurchbrüchen. Auch die Zahl der Todesfälle stieg: Von Jahresbeginn bis Ende Oktober 2015 bezahlten zwanzig Menschen den Versuch, nach Britannien zu gelangen, mit dem Leben.

Also fassten die Behörden den Plan, die Zahl der MigrantInnen auf 2000 zu reduzieren, 1500 im neuen Containercamp und weitere 500 im schon bestehenden Frauen- und Kinderzentrum in der Nähe. Mehrere Hundert Flüchtlinge wurden im Herbst willkürlich verhaftet, in anderen französischen Städten interniert und bald wieder freigelassen. Vermutlich kehrten die meisten nach Calais zurück – doch die Abschreckung hatte sich als Methode etabliert. Daneben gab und gibt es die Option eines Platzes in einer offiziellen Flüchtlingsunterkunft für diejenigen, die zumindest in Erwägung ziehen, in Frankreich um Asyl zu bitten. Die Strategie scheint zu wirken: Am Morgen der Räumung erzählt ein Freiwilliger, er habe allein in der letzten Woche rund 300 Flüchtlinge in Busse steigen sehen, die sich ein Leben in Frankreich vorstellen können.

Für diejenigen, die bleiben, wird Britannien hingegen noch schlechter erreichbar. Ahmed, ein schmaler Afghane mit ernstem Blick, kann davon ein Lied singen. Früher war der 24-Jährige Ingenieur. Zweieinhalb Monate am Kanal haben aus ihm einen Sachverständigen für Reizgas gemacht. An einem trüben Vormittag im Januar sitzt Ahmed in einem der afghanischen Restaurants beim Eingang des Camps und analysiert den Effekt von Tränengas – «Weinen und Jucken» – im Vergleich zu CS-Reizgas – «schlimmer, weil es auf die Atemwege geht». Letzteres sprühen PolizistInnen ihm ab und an ins Gesicht, wenn er ausserhalb des Camps, etwa in der Nähe der Autobahn, an ihnen vorbeikommt. Manchmal, erzählt ein anderer Afghane, sagen die BeamtInnen erst noch «Bonjour».

«I have a dream»

Eine Woche später. Wie in jeder Nacht strahlt der drehende Kegel des Blaulichts von der Autobahnbrücke über das Industriegebiet. Aus der Stadt scheint immer wieder das Licht des Leuchtturms herüber. Calais hat den Leuchtturm, der «Jungle» das Blaulicht. Kurz vor der Morgendämmerung nähert sich ein Lkw der Auffahrt zum Camp. Eben will er um die Kurve biegen, da öffnet sich die Tür. Zwei Gestalten werden eher herausgestossen, als dass sie herausfallen. Sie reiben sich die Beine und verschwinden hinkend im Dunkeln. In einer Seitenstrasse beziehen derweil die Mannschaftswagen Position, die die Räumung sichern sollen.

Kurz nachdem es hell geworden ist, setzen sich die Bagger am anderen Ende des Camps in Bewegung. Auf der mit Abfällen überfüllten Fläche unterhalb der Autobahnbrücke brennen schon wieder die Feuer. Ein ghanaischer Flüchtling wärmt sich die Hände. Oben auf der steilen Böschung hat jemand in schwarzen Lettern «I have a dream» auf die Steine gesprüht. Zwei CRS-Polizisten beobachten von dort die Szenerie. Der Ghanaer sagt, später würden sich die VertreterInnen der unterschiedlichen Gruppen im «Jungle» treffen. Er geht von weiteren Räumungen aus.

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