Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

AusländerInnen selbstgemacht

Die Schweiz grenzt die Hälfte aller Kinder aus. Dabei könnten sie nicht nur den Skisport voranbringen, schreibt der Jugendarbeiter Ivica Petrusic.

Von Ivica Petrusic

Ivica Petrusic (38) hat vor kurzem mit seiner Band Suma Covjek eine EP herausgebracht. Die Lieder behandeln aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen.

In der Schweiz leben nach wie vor mehr als 750 000 Menschen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind, jedoch nicht als richtige SchweizerInnen betrachtet werden. Die Schweiz hat ihnen mal vor Jahren den Namen Secondos gegeben.

Mit dem nationalen Verein Second@s Plus haben wir uns jahrelang dafür eingesetzt, dass diese Menschen von der Migrationspolitik befreit werden – weil sie eben nicht in diese Rubrik gehören. Es sind unsere Kinder, von Eltern, die ihre Wurzeln in anderen Ländern und Kulturkreisen haben. Wir haben es leider nicht geschafft und schaffen es auch heute nicht. Wir haben es weder geschafft, dass sie schneller zu richtigen (ich meine mit richtigen Papieren und so) SchweizerInnen werden können, noch dass sie sich auf lokaler oder kantonaler Ebene politisch beteiligen können, wenn sie länger als zehn Jahre in der Schweiz und in einem Kanton leben. Im Gegenteil: Sie werden immer noch bei jeder migrationspolitischen Debatte mitgedacht. Auch bei der neusten. Auch bei der Entrechtungsinitiative, über die am 28. Februar abgestimmt wird.

Zwar gibt es SVP-Politiker und Vertreter der Wirtschaft, die die Initiative abzuschwächen versuchen, indem sie behaupten, die Secondas und Secondos seien vom Ausschaffungsautomatismus ausgeschlossen. Dem ist jedoch nicht so. Kein Rechtsprofessor folgt dieser These. Bei einem Ja zur «Durchsetzungsinitiative» würden die Secondos und Secondas mit den KriminaltouristInnen in einen Topf geworfen. Punkt.

Alles fährt Ski?

Kürzlich wurde ich in meiner Rolle als kantonaler Jugendbeauftragter und Begründer der Bewegung und des Vereins Second@s Plus als Referent zu einer Fachtagung der Schweizerischen Bergbahnen eingeladen, um das Potenzial (aus wirtschaftlicher Sicht natürlich) der in der Schweiz lebenden Menschen mit Migrationshintergrund für den Bergtourismus zu beleuchten. Als wir uns die Bevölkerungszahlen anschauten, sind sie fast vom «Schtüeli gheit». «Waas? Das kann doch nicht sein!» Jedes zweite in der Schweiz lebende Kind unter fünfzehn Jahren lebt in einem Haushalt mit Migrationshintergrund (603 000 Kinder). Rund ein Viertel ist ausländischer Nationalität.

Wir konnten dann schnell das Fazit ziehen, dass wir die selbstproduzierten AusländerInnen in die Berge bringen müssen – auch weil sich kaum mehr richtige AusländerInnen, also die AusländerInnen, die tatsächlich aus dem Ausland kommen, um in der Schweiz für viel Geld Ferien zu machen, in die Schweiz trauen. Schaffen das die Bergbahnen und Tourismusorte nicht, laufen sie Gefahr, ihre Betriebe schliessen zu müssen. Doch in der Diskussion zeigte sich, dass die wenigsten dieser Menschen einen Bezug zu den Bergen und zum Skisport haben. Auch nicht die Kinder der MigrantInnen, sprich die zweite und dritte Generation.

Den Fussballsport haben wir als Integrationsfaktor akzeptiert, auch wenn wir bei der Nationalmannschaft zwischen richtigen und weniger richtigen Schweizern unterscheiden (was wir zwar nicht so richtig zugeben wollen). Die Skitradition werden wir jedoch – leider – lieber sterben lassen, als einem Schweizer namens Ivica am Lauberhorn zuzujubeln. Am Beispiel des Skisports und der fast unbewältigbaren kulturellen Schwelle für die weniger richtigen SchweizerInnen, auf die Pisten zu gelangen, zeigt sich das eigentliche Gesicht des Urschweizers, für das die SVP und ihre Entrechtungsinitiative stehen. Er ist eines der letzten Reservate für die richtigen SchweizerInnen.

Schweizerischer als SchweizerInnen

Die «Durchsetzungsinitiative» ist ein weiteres Zeichen an die gesamte Bevölkerung, dass Menschen mit zugeschriebenem «Migrationshintergrund» weniger zählen als die vermeintlich richtigen «Eidgenossen». Bei der Nachdopplung zur Ausschaffungsinitiative geht es der SVP nur vordergründig um «kriminelle Ausländer», die vom Parlament auch bereitwillig ausgeschafft worden wären. Es geht hauptsächlich um die Zementierung ihrer Definitionsmacht. Damit mündet die Integrationsforderung des Mainstreams nun in einen ultimativen Zwang zur Unterordnung. Denn sogar längst eingebürgerte Secondos und Secondas, die sich nicht selten ihr Leben lang daran aufreiben, sich brav zu assimilieren und schweizerischer zu sein als eine Eidgenossin, stossen immer und immer wieder an die gläserne Decke der Diskriminierung, in Ausbildung, Beruf, Politik, Medien, Wirtschaft – und Kultur.

Mit meiner Band Suma Covjek, bestehend aus zehn Musikern mit diversen kulturellen und musikalischen Hinter- und Vordergründen, die jedoch alle in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind, haben wir uns vor kurzem bei SRF 3 bei zwei Sendegefässen für ein Interview beworben. Das eine Gefäss nennt sich «World Music Special», das andere «CH-Special». Ratet mal, zu welchem wir eingeladen wurden. Natürlich hat es uns gefreut, als «Weltmusiker» und Weltmenschen wahrgenommen zu werden. Im Interview hat die Moderatorin gefragt, ob wir uns auch als Schweizer Band verstehen. «Natürlich», habe ich geantwortet, lediglich darauf hoffend, dass wir auch noch in die andere Sendung eingeladen werden.

Ivica Petrusic (38) hat vor kurzem mit seiner Band Suma Covjek eine EP herausgebracht. Die Lieder behandeln aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen.

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