Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Langsamer Klimawandel bei den Pensionskassen

Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnt vor einer neuen globalen Krise. Unternehmen, die den Klimawandel befeuern, drohen massive Verluste. Doch die meisten Schweizer Pensionskassen investieren munter weiter in Firmen wie Shell und BP.

Von Daniel Stern

«Wir wissen nicht, ob es eine Carbon Bubble gibt», sagt Andi Hoppler, Anlagechef der Pensionskasse der Stadt Zürich. Die Pensionskasse der Stadt Zürich (PKZH) hat rund 700 Millionen Franken oder 4,5 Prozent ihres Kapitals in Aktien und Obligationen von Firmen wie Shell, Exxon Mobil und BP investiert. Ein Investment, das laut Hoppler nicht risikoreicher ist als andere. Umweltorganisationen fordern aus ökologischen Gründen seit längerem institutionelle Anleger wie Pensionskassen auf, ihre Beteiligungen an klimaschädigenden Firmen aufzugeben. Doch Hoppler will diese Firmen nicht auf die schwarze Liste setzen. «Ansetzen muss man beim Verbrauch, nicht bei der Produktion.» Die PKZH überlege sich, ihre Investitionen in die fossile Industrie mit Direktzahlungen etwa an Aufforstungsprojekte abzugelten. Beschlossen sei aber noch nichts.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Bundesamts für Umwelt unterstützt der Finanzplatz Schweiz mit seinen Anlagen «ein Klimawandelszenario von 4 bis 6 Grad Celsius». Von den 850 Milliarden Franken, die Schweizer Pensionskassen verwalten, dürften hochgerechnet gegen 40 Milliarden direkt in Firmen aus dem Öl-, Gas- und Kohlegeschäft stecken. Weitere Milliarden sind in Unternehmen investiert, die die fossile Industrie stark stützen, etwa bestimmte Banken und Zulieferbetriebe.

Das ist nicht nur ökologisch höchst bedenklich, sondern könnte sich auch ökonomisch katastrophal für die Pensionskassen auswirken – eben wegen der ominösen «Carbon Bubble»: Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz rät FondsmanagerInnen dringend, ihre Gelder aus allen Unternehmen zurückzuziehen, die mit fossiler Energie geschäften. Spätestens nach der Klimakonferenz in Paris müsse klar geworden sein, dass die Öl-, Gas- und Kohlefirmen längst nicht alle bekannten Vorkommen werden ausbeuten können. Das führe unweigerlich zu hohen Abschreibungen. «Der Markt hat das nur noch nicht realisiert.» Stiglitz glaubt, dass der Wert der betroffenen Unternehmen dramatisch einbrechen könnte. «Das kann plötzlich sehr schnell gehen.»

Die derzeitigen Unternehmensmeldungen bestätigen diese Prognose: Der Ölpreis ist so tief, dass viele Firmen nur mit Verlusten Öl fördern können. Die Ratingagenturen und die Finanzpresse warnten in den letzten Wochen vor grossen Zahlungsausfällen. BP etwa machte 2015 sechs Milliarden US-Dollar Verlust, den höchsten seit zwanzig Jahren. Die Weltbank prognostiziert auch für 2016 einen tiefen Ölpreis und befürchtet deshalb langfristige Konsequenzen.

Gemeinderat in Zürich wird aktiv

Im Fall der PKZH fordern die beiden Gemeinderäte Markus Knauss (Grüne) und Marco Denoth (SP) jetzt eine Richtungsänderung. In einem Postulat, das Anfang Jahr eingereicht wurde, verlangen sie vom Stadtrat, dass dieser seinen Einfluss geltend macht, damit künftig Anlagen in fossile und atomare Energien ausgeschlossen sind. Denn die Stadt sei gemäss Gemeindeordnung verpflichtet, den Anteil der Kohlendioxidemissionen «massiv zu reduzieren» sowie aus der Atomenergie «gänzlich» auszusteigen.

Die Stadtregierung hat sich inzwischen bereit erklärt, das Postulat entgegenzunehmen; die FDP hat jedoch umgehend einen Ablehnungsantrag gestellt. Markus Knauss freuts: «Es hilft der Sache, wenn es darüber eine öffentliche Debatte gibt.»

Bei der Pensionskasse der Bundesbeschäftigten (Publica) wird gegenwärtig ebenfalls über einen Ausstieg diskutiert. Noch in diesem Monat will der Anlageausschuss einen Entscheid fällen. Die Publica legt bislang rund vier Prozent ihrer Anlagen, rund 1,5 Milliarden Franken, in der fossilen Industrie an. Darüber hinaus hat sie 2015 in ihrem «offenen Vorsorgewerk» – das sie für diejenigen betreibt, die noch nicht pensioniert sind – zwei Prozent ihres Vermögens in fossile Energierohstoffe investiert. Sie hat Rohöl, Benzin und Diesel auf einen späteren Zeitpunkt hin gekauft, nur um die gekaufte Menge dann vor Lieferung wieder zu verkaufen. Das ist ein klassisches Spekulationsgeschäft, bei dem man auf steigende Preise setzt. Weil aber die Preise massiv sanken, verlor die Publica 2015 damit 21 Prozent des investierten Kapitals.

Die Publica engagiert sich auch im neu gegründeten Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK). Zusammen mit den Pensionskassen von SBB, Post, Suva, Swisscom und des Kantons Zürich sowie dem Ausgleichsfonds der AHV will sie «problematische Unternehmen» identifizieren, bei denen sie Anlagen hält, und diese wenn nötig auf eine Ausschlussliste setzen.

23 000 E-Mails

Für einen Umdenkprozess bei den Pensionskassen engagiert sich auch die Umweltgruppe Fossil Free, die von der Klimaallianz – einem Zusammenschluss von Umweltorganisationen, Hilfswerken, Parteien und Gewerkschaften – unterstützt wird. Auf der Website www.fossil-free.ch können institutionelle Anleger direkt angemailt und zum Divestment aufgefordert werden. Über 23 000 E-Mails wurden bereits verschickt. Kampagnenleiter Christian Lüthi will nun die Adressen aller Pensionskassen der Schweiz in die Website integrieren. Ein Ziel ist es dabei, Versicherte der gleichen Pensionskasse zu vernetzen, damit sie gemeinsam Druck aufbauen können.

Andi Hoppler von der Pensionskasse der Stadt Zürich wird in nächster Zeit wohl noch öfter über ökologisches Wirtschaften und die Carbon Bubble reden müssen.

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