Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Ein Leben im Wartemodus

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch will ein afghanischer Flüchtling zurück in seine Heimat. Eine Geschichte über Verzweiflung, Freundschaft und das deutsche Asylsystem.

Von Meret Michel, Berlin

Parwiz Shafizada schreckt aus dem Schlaf hoch, Rufe hallen durch die Flüchtlingsunterkunft im Hangar 3 des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof. «Security! Security!» Shafizada blickt auf sein Handy, 10.48 Uhr – da weiss er, was passiert ist. Ahmad hatte es getan. In der Nacht war Shafizada noch bis zwei Uhr morgens bei ihm gewesen, hatte ihn mit Kartenspielen abzulenken versucht, ihn davon überzeugen wollen, sich nicht umzubringen. Vergebens.

Zehn Minuten später kniet Shafizada neben Ahmad Fahim Omarkhail, der im vorderen Teil der Halle am Boden liegt. Rundherum stehen die BewohnerInnen der Unterkunft, weinend, schreiend. Shafizada drückt in kurzen Abständen mit seinen Händen auf Omarkhails Brustkorb, während ihm die Tränen herunterlaufen. Er denkt, sein Freund sei tot. Erst als der Arzt kommt, ihm versichert, dass Omarkhail lebt, und die Ambulanz ihn ins Krankenhaus fährt, beruhigt sich Shafizada.

Geplant: eine Flüchtlingsstadt

Ahmad Fahim Omarkhail ist vor etwas mehr als einem Jahr aus dem Norden Afghanistans nach Deutschland geflohen. Die Taliban hatten seinen Bruder, den Leiter eines Bauunternehmens, in dessen Auto angehalten und ihm zwei Finger abgehackt, weil er sich weigerte, Schutzgeld zu bezahlen. «Geh weg von hier. Ich will, dass wenigstens du sicher bist», sagte die Mutter der beiden daraufhin zu ihrem zweiten Sohn.

Omarkhail ist einer von 154 000 AfghanInnen, die 2015 nach Deutschland geflohen sind – nach den SyrerInnen die zweitgrösste Gruppe. Sie flüchten aus einem zunehmend unsicheren Land, in dem die Taliban beinahe täglich Anschläge verüben und in dem der sogenannte Islamische Staat aktiv ist. Dennoch beschloss die deutsche Regierung im Oktober 2015, ihre bisherige Praxis zu ändern und abgewiesene afghanische Flüchtlinge zurückzuschaffen. «Afghanistan ist ein grosses Land», sagte Innenminister Thomas de Maizière während eines Besuchs in Kabul im Februar, als er mit der afghanischen Regierung über die Rückschaffungen verhandelte. «Dort gibt es unsichere und sichere Gebiete.» Als er danach in der deutschen Botschaft zu Mittag ass, explodierte in der Nähe des Kabuler Zoos eine Bombe, die zwanzig Menschen in den Tod riss.

Fast zeitgleich zur Entscheidung der Regierung waren in Berlin SoldatInnen damit beschäftigt, Bundeswehrzelte in den Hangars aufzustellen. Am Freitag, 23. Oktober, beschloss der Senat, im Tempelhof eine Notunterkunft einzurichten. «Sonst wären 700 Leute auf der Strasse gestanden», sagt Maria Antonia Kipp von der Betreiberfirma Tamaja. Am Montag zogen die ersten BewohnerInnen ein.

Was als Notunterkunft konzipiert war, ist heute die grösste Flüchtlingsunterkunft in Berlin. 1700 Menschen bewohnen derzeit drei von sieben Hangars. Zwischenzeitlich waren es über 2000. Für die Zukunft plant der Senat, auf dem Areal ein Aufnahmezentrum mit 7000 Plätzen zu schaffen – Berufsberatung, Gesundheitsversorgung, soziale Dienste und Sporthallen inklusive: eine Flüchtlingsstadt mitten in Berlin.

Obwohl die Leute ursprünglich für maximal zwei Wochen bleiben sollten, leben viele seit Monaten in den Hangars. Die Zelte wurden durch weisse Holzboxen ersetzt, in denen sich erst zwölf, später acht Menschen einen Raum von 25 Quadratmetern teilen. Die Zimmer haben keine Decken – damit im Brandfall der Rauch nach oben entweichen kann. Dafür ist es in den Zimmern umso lauter. Auch Türen fehlen, nur ein schwarzer Vorhang verdeckt die Sicht. Um den kalten Hallen ein bisschen Heimatgefühl einzuhauchen, haben die BewohnerInnen die Stellwände mit Bildern und Sprüchen bemalt: «Free Kurdistan», «I love Afghanistan».

Schreiben gegen die Taliban

Parwiz Shafizada sitzt mit einer Gruppe afghanischer Freunde am Boden, wenige Meter neben der Stelle, wo Omarkhail eine Woche zuvor bewusstlos am Boden lag. Hinter ihnen sitzen Menschen auf Festbänken aus Holz und starren in ihre Smartphones, Kinder sausen auf Rollschuhen vorbei, und eine Gruppe junger Männer spielt neben dem Eingang mit einem Ball. Sicherheitsbeamte sitzen an den Wänden und beobachten sie. Ende November kam es bei der Essensausgabe zu einem Streit, der in eine Massenschlägerei ausartete. Dass es in der Flüchtlingsunterkunft zu Spannungen kommt, kann nicht verwundern: «Für die Essens- und Kleiderausgabe, fürs Wäschewaschen, für alles müssen wir Schlange stehen», sagt Shafizada. Da die Duschen in den Hangars bis vor kurzem noch nicht angeschlossen waren, mussten die BewohnerInnen per Shuttlebus erst in ein einige Kilometer entferntes Schwimmbad, später zu Duschen am anderen Ende des Flughafens gefahren werden. Mittlerweile gibt es drei Zimmer mit Spielsachen für die Kinder, was freiwilligen HelferInnen zu verdanken ist. Denn das Landesamt für Gesundheit und Soziales, das die Unterkunft finanziert, bezahlt nur das Nötigste: Essen, Schlafen, Toiletten und Duschen.

Shafizada und seine Freunde spielen ein afghanisches Kartenspiel: vier Spieler, aufgeteilt in Zweierteams, eine Farbe ist Trumpf, das Team mit den meisten Stichen gewinnt die Runde. Sie lenken sich ab vom Warten, von der Ungewissheit, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. «Was sollen wir sonst machen?», sagt Shafizada. «Ausser essen, schlafen und Fussball spielen gibt es nichts zu tun.»

«Das deutsche Asylsystem versucht, die Leute zu isolieren», sagt Turgay Ulu, Aktivist und selbst aus der Türkei nach Deutschland geflohen. 2012 hatte er einen Marsch von Würzburg nach Berlin mitorganisiert, eine Protestaktion von fünfzig Flüchtlingen, um gegen die Residenzpflicht, die Unterbringung in Lagern und Rückschaffungen zu demonstrieren. Der Selbstmord eines iranischen Flüchtlings in einem Würzburger Heim hatte den Protest ausgelöst. «Die Politik will die Leute dazu bringen, freiwillig zurückzugehen», meint Ulu. Vom damaligen Kampfgeist sei heute nicht mehr viel übrig. Ulu denkt dennoch nicht ans Aufgeben. Gerade hat er eine Zeitung gegründet, «Daily Resistance», die die Situation der Geflüchteten in Deutschland beschreiben will und sie mobilisieren soll, für ihre Rechte zu kämpfen.

Im Gegensatz zu den Syrerinnen, den Irakern, Iranerinnen und Eritreern sollen Afghanen während des Asylprozesses keine Deutsch- und Integrationskurse besuchen. Sie hätten eine «schlechte Bleibeperspektive», so die Begründung – denn die Quote jener, deren Asylantrag angenommen wird, liegt bei unter fünfzig Prozent. Es gibt weniger ÜbersetzerInnen für Farsi oder Eritreisch als für Arabisch, auch das Sicherheitspersonal kann da nicht helfen. Die Gemeinschaft der Flüchtlinge ist eine Zweiklassengesellschaft.

Parwiz Shafizada besucht dennoch alle zwei Tage einen Deutschkurs. Er bezahlt ihn selbst. In Afghanistan arbeitete er als Journalist, schrieb über den Opiumhandel und die Taliban. Bis diese ihn entführten und nur unter der Bedingung freiliessen, dass er nicht mehr schreibe. Als er sich nicht daran hielt und die Taliban daraufhin seine Familie bedrohten, floh er. An den Tagen, an denen Shafizada keinen Unterricht hat, besucht er seinen Freund im Krankenhaus. «Ich habe Angst um ihn. Es ist wichtig, dass er seine Freunde um sich hat», sagt er.

Omarkhail will zurück

Elf Tage nach seinem Selbstmordversuch sitzt Ahmad Fahim Omarkhail im Aufenthaltsraum der psychiatrischen Abteilung des Vivantes-Klinikums in Berlin-Neukölln, drei U-Bahn-Stationen vom Tempelhof entfernt. Er trägt eine beige Hose, eine grüne Jacke mit Fellkapuze, seine nackten Füsse stecken in Latschen aus weissem Plüsch. Omarkhail ist 21 Jahre alt – doch mit seinem zerfurchten Gesicht und den Augenringen sieht er aus wie dreissig oder älter. «Ich hatte die Hoffnung, in Deutschland zu studieren, mir etwas aufzubauen», sagt er. Stattdessen lebte er in den Massenunterkünften, durfte nicht arbeiten, wartete auf den Asylentscheid. Er fühlte sich zunehmend isoliert. Irgendwann begannen die Depressionen, wurden immer stärker, bis er mit dem Gedanken zu spielen begann, sich umzubringen. Als er einmal mit einem Freund zusammen in Berlin auf die U-Bahn wartete, sagte Omarkhail zu diesem: «Irgendwann werfe ich mich vor den Zug.»

Der Freund brachte ihn ins Krankenhaus. Omarkhail blieb einen Monat dort. Danach ging er zurück in den Tempelhof, es ging ihm besser, aber irgendwann kehrten die Depressionen zurück. Hinzu kamen körperliche Beschwerden, Nierensteine, Magenschmerzen. Er meldete sich bei einem der beiden Farsi-Übersetzer im Camp, er müsse ins Krankenhaus. Es dauerte. Vom Krankenhaus hiess es, er müsse mindestens drei Monate warten. Er meldete sich bei einem der beiden Ärzte im Tempelhof. Auch der sagte ihm, er müsse sich gedulden. «Dann sagte der Übersetzer zu mir: ‹Iss eine Chili, dann geht es dir besser.›» Omarkhail war verzweifelt, als er dem Übersetzer antwortete: «Wenn ihr mich nicht ins Krankenhaus bringt, werdet ihr sehen, was ich mache.»

Shafizada wusste, dass es seinem Freund nicht gut ging. Bevor er in jener Nacht, als er Omarkhail abzulenken versuchte, schlafen ging, beauftragte er einen Freund, diesem überallhin zu folgen. Dieser tat es, bis ihm Omarkhail um zehn Uhr morgens sagte, er solle aufhören. Er würde sich nichts antun. Der Freund ging schlafen. Um 10.45 Uhr fanden die BewohnerInnen Omarkhail und riefen die Security. Zu den Einzelheiten des Falls wollen wegen der ärztlichen Schweigepflicht weder die Betreiberfirma noch die zuständigen Ärzte Stellung nehmen.

Als Omarkhail im Krankenhaus wieder aufwachte, war er erleichtert. «Ich dachte: Gott sei Dank, ich bin am Leben. Ich dachte an meine Mutter und dass ich ihr das nicht antun kann.» Erzählt hat er ihr nichts. Doch er hat eine Entscheidung gefällt: Er will zurück nach Afghanistan. «Lieber sterbe ich in meiner Heimat, als dass ich in Deutschland verelende», sagt er. Vor drei Tagen, als er nicht schlafen konnte, hat er eine Videobotschaft aufgenommen und auf Facebook gepostet. «Ich wollte allen Afghanen sagen, dass sie nicht nach Deutschland kommen sollen. Der Weg ist gefährlich, Menschen sterben, Kinder werden missbraucht. Und Deutschland ist anders, als sie erwarten. Es gibt kaum die Möglichkeit auf ein besseres Leben.»

Nach dem Besuch im Spital geht Shafizada oft mit einem Freund in eine nahe gelegene Bar, ins Syndikat. «Wenn es uns zu viel wird im Tempelhof, kommen wir hierher», sagt Shafizada. Anders als Omarkhail denkt er nicht daran, nach Afghanistan zurückzukehren. «Wäre es dort für mich sicher, ginge ich freiwillig», sagt er. «Aber das ist es nicht, solange die Taliban aktiv sind.» Er will im Tempelhof mit ein paar Leuten eine Cricketmannschaft gründen. Und endlich richtig Deutsch lernen. Doch er muss warten, bis Omarkhail in Afghanistan ist, im Moment macht er sich zu viele Sorgen. «Wenn Ahmad zurück ist, kann ich anfangen, mir hier ein Leben aufzubauen.»

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