Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

«Es ist eine Utopie, dass wir frei und kreativ alle am glücklichsten wären»

Mit «Work-Life-Bullshit» hat Thomas Vašek ein positives Buch über Arbeit geschrieben. Er plädiert dafür, dass wir über unsere Jobs neu verhandeln – und für ein Grundeinkommen mit Bedingungen.

Interview: Sarah Schmalz

Thomas Vašek

WOZ: Herr Vašek, der Generation Y wird nachgesagt, alles zu hinterfragen: alte Strukturen, Hierarchien, Symbole. Damit werde auch der Arbeitsmarkt auf den Kopf gestellt. Was halten Sie davon?
Thomas Vašek: Ich denke, dass man mit solchen Theorien vorsichtig sein muss. Ungeklärt ist ja nur schon die Frage, was überhaupt eine Generation ist. Doch es gibt genügend Studien, die darauf hinweisen, dass die sogenannte Generation Y, also die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, zumindest einiges infrage stellt.

Was zum Beispiel?
Der essenzielle Unterschied zur Generation ihrer Eltern liegt darin, dass die sogenannte Generation Y nicht mehr bereit ist, einen Belohnungsaufschub in Kauf zu nehmen. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man arbeitet, um sich irgendwann etwas leisten zu können – ein Häuschen im Grünen oder eine Weltreise. Der klassische kapitalistische Arbeitsethos, dass Askese irgendwann – und wenn auch erst im Paradies – belohnt wird, gilt zum Glück nicht mehr. Die jungen Arbeitnehmer sind so gut ausgebildet wie keine Generation davor. Und sie wollen Sinn und Belohnung im Hier und Jetzt, am besten sofort. Das übt schon einen gewissen Druck auf die Arbeitgeber aus.

Inwiefern?
Jüngere Angestellte verlangen ihren Chefs einiges ab. Viele wollen etwa ständiges Feedback. Das stresst Arbeitgeber, die nach alten hierarchischen Mustern funktionieren.

Sie plädieren in Ihrem Buch «Work-Life-Bullshit» gegen die antikapitalistische Forderung nach der Überwindung der Arbeit. Es brauche stattdessen mehr gute Arbeit. Was macht diese aus?
Wir neigen dazu, Arbeit danach zu beurteilen, wie hoch das Einkommen ist, das sie einbringt. Oder nach dem Prestige, das sie einem verleiht. Meiner Meinung nach liegt der eigentliche Wert der Arbeit in der Arbeit selbst. Meine These ist, dass Arbeit dann gut ist, wenn man durch sie seine Möglichkeiten entfalten kann und Befriedigung findet. Das hat natürlich eine sehr individuelle Komponente – weil nicht jeder die gleichen Vorstellungen und Fähigkeiten hat.

Gleichzeitig werden Sie sehr allgemein. Sie sagten einmal: «Lassen wir die Roboter die schlechten, die entwürdigenden Jobs machen und uns Menschen die guten, die tollen Jobs.»
Ich glaube gar nicht, dass das ein Widerspruch ist. Es gibt Arbeiten – so vermute ich zumindest –, die keinerlei inneren Wert haben, für niemanden von uns. Und das müssen gar nicht unbedingt die Berufe sein, die einem als Erstes einfallen: der eines Putzmanns etwa oder der einer Kassiererin. Ich plädiere dafür, dass wir ganz konkret hinschauen und darüber zu diskutieren beginnen, welche Mindeststandards eine Arbeit haben sollte, um weiterhin von Menschen gemacht zu werden.

Ist es zumutbar, den ganzen Tag Waren über ein Band zu schieben?
Das würde ich zumindest nicht ausschliessen. Klar, Lebensmittel zu scannen ist nicht besonders anspruchsvoll. Aber vielleicht bietet der Job andere innere Werte: etwa die Kommunikation mit den Kunden. Es wäre zwar ein grosser Aufwand, aber ich wünschte mir ganz viele Listen. Man müsste mit den Mitarbeitern einzelner Branchen erarbeiten, welche täglichen Arbeiten sie als sinnstiftend erachten und welche als überflüssig. Im Pflegebereich etwa könnte gute Arbeit heissen, Zeit zu haben für die Patienten.

Das klingt nun sehr simpel.
Ich glaube auch, dass es ziemlich simpel ist. Im Gegensatz zu den Marxisten, die Arbeit im Kapitalismus per se als entfremdend betrachteten, glaube ich, dass sie viele wichtige Funktionen erfüllt. Sie fordert uns heraus, bringt uns unter die Menschen, schafft Vertrauen in uns selbst. Ich halte es für eine Utopie, dass alle am glücklichsten wären, wenn sie sich kreativ und autonom selbst verwirklichen könnten. Vielen würde das wahrscheinlich gar nicht gelingen, hätten sie keine Verpflichtungen.

Weil uns Arbeit dazu zwingt aufzustehen?
Sie schafft wunschunabhängige Gründe dafür, ja. Arbeit schafft Struktur. Wer davon ausgeht, die absolute Freiheit sei, immer zu tun, was man will, der vertritt einen ultraliberalen Freiheitsbegriff. Spricht man nun über das bedingungslose Grundeinkommen, frage ich mich schon, was das mit den Menschen machen würde.

Sie befürchten, wir würden einfach liegen bleiben?
Ich teile sehr viele Argumente mit den Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens. Und ich bin durchaus dafür, das Modell in der einen oder anderen Form auszuprobieren – in einzelnen Städten oder Regionen. Wichtig scheint mir aber, dass das Grundeinkommen darauf ausgerichtet ist, Menschen mehr Freiheit zu verschaffen, den richtigen Job zu finden, und nicht einfach Anreize, nicht mehr zu arbeiten.

Wie könnte so ein Modell aussehen?
Ich habe das noch nicht zu Ende gedacht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man Firmen gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Angestellten ein grosszügiges Kontingent an Auszeiten zu gewähren – vielleicht zur Hälfte durch die Arbeitgeber und zur anderen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Das würde den Arbeitnehmern mehr Freiheit verschaffen. Sie könnten die Zeit nutzen, um sich weiterzubilden – oder für Familienzeit. Natürlich würde so ein Modell auch eine Machtverschiebung mit sich bringen.

Hin zum Arbeitnehmer?
Ein Chef kann immer mit Kündigung drohen. Die Arbeitnehmer hingegen haben oft Angst, ihren Job aufzugeben, weil sie dann schnell in eine prekäre Situation kämen. Das Grundeinkommen wäre eine Exitoption. Man würde die Menschen ermächtigen, sich gegen einen unbefriedigenden Job zu entscheiden, anstatt in ihm zu verharren. Diese Möglichkeit würde auf der anderen Seite vielleicht zu einer grösseren Mitverantwortung des Arbeitnehmers führen. Wer gute Arbeitsbedingungen geboten bekommt, ist auch bereit, mehr zu leisten.

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