Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Was die Unia in Las Vegas lernen will

In den USA liegt der gewerkschaftliche Organisierungsgrad viel tiefer als in der Schweiz. Dennoch lassen sich seit Jahren SekretärInnen der Gewerkschaft Unia dort ausbilden. Wieso das?

Von Daniel Stern

Tanja Walliser, Gewerkschaftssekretärin

Wer sich in den USA gewerkschaftlich organisieren möchte, kann böse Überraschungen erleben. So wurden Angestellte des Trump Hotel in Las Vegas – der Mitbesitzer dieses Hotels ist tatsächlich der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump – in den vergangenen zwei Jahren eingeschüchtert, bedroht oder entlassen. Sie hatten sich mit der Culinary Workers Union Local 226 eingelassen, einer Sektion der US-Gewerkschaft Unite Here, die im vom Glücksspiel geprägten Bundesstaat Nevada gegen 60 000 Beschäftigte organisiert hat. Union Busting, also die Abwehr von gewerkschaftlichen Aktivitäten, ist in den USA ein eigener Wirtschaftszweig. Spezialisierte Firmen helfen Unternehmen dabei, aufmüpfige Beschäftigte und GewerkschafterInnen aus dem Betrieb zu ekeln, und organisieren bei Bedarf auch StreikbrecherInnen. Es verwundert denn auch nicht, dass in der US-Privatwirtschaft nur noch sieben Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft sind.

Angesichts dieses feindlichen Umfelds haben verschiedene US-Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten ausgeklügelte Methoden beim Organizing – dem Organisieren von Beschäftigten – und für die Kampagnenarbeit gegen unbotmässige Unternehmen entwickelt. Von diesem Wissen profitiert auch die Schweizer Gewerkschaft Unia, die seit mehreren Jahren GewerkschaftssekretärInnen zu Ausbildungszwecken in die USA schickt.

Tanja Walliser (30) hat schon zwei mehrmonatige Praktika bei der Gewerkschaft Unite Here absolviert. 2013 konnte sie in Los Angeles beobachten, wie die Gewerkschaft Hotelbeschäftigte zu organisieren versuchte: «Dort ist das Untergrundarbeit», sagt sie. Gespräche mit Beschäftigten müssten im Geheimen stattfinden. Aber wie kommen GewerkschafterInnen überhaupt zu den nötigen Kontakten? «Es gibt auch in Los Angeles immer jemanden, der irgendwen in einem Betrieb kennt», sagt Walliser. So konnte in einem Fall über die Cousine einer Gewerkschafterin ein erstes Treffen vereinbart werden. Zu Beginn einer Organisierungskampage versucht die Gewerkschaft, sogenannte Schlüsselpersonen ausfindig zu machen: Beschäftigte, die nicht nur konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in einem Betrieb anstreben, sondern auch bereit sind, sich zu engagieren. Mit diesen Personen bauen die GewerkschaftsorganisatorInnen dann ein Betriebskomitee auf. Die Mitglieder des Komitees werden darin geschult, wie sie weitere KollegInnen mobilisieren können. Jedes Komiteemitglied soll im besten Fall den Kontakt zu fünf bis zehn KollegInnen halten. In den USA sind Betriebe erst dann gezwungen, mit einer Gewerkschaft zu verhandeln, wenn diese in einer Urabstimmung die Mehrheit der Beschäftigten hinter sich hat. Ziel ist es also, eine solche Abstimmung anzustreben und zu gewinnen.

Weg von der Stellvertreterlogik

Lorenz Keller, Gewerkschaftssprecher

Lorenz Keller (35) ist bei der Unia Region Zürich-Schaffhausen für Kommunikation und Politik zuständig. Auch er hat schon vor Ort die Arbeit von Unite Here studiert. Sein Fazit: «Wenn es bei uns in der Schweiz nicht vorwärtsgeht, haben wir den Impuls, es einfach durch den Gewerkschaftsapparat machen zu lassen. Wenn man wirklich auf Organizing setzt, ist das anders. Da gibt es keine Stellvertreterlogik. Wenn die Beschäftigten es nicht selber machen, passiert nichts.» Die Gewerkschaften verstehen sich mehr als InitiatorInnen und UnterstützerInnen einer Organisierung. Die konkreten Forderungen müssten aber die Beschäftigen selber stellen. Beim Organizing-Ansatz gehe es laut Keller nicht um eine aggressive Form gewerkschaftlicher Mitgliederrekrutierung, wie gelegentlich kritisiert wird, sondern um die Befähigung der Beschäftigten, für sich selber zu kämpfen.

Genau diese Selbstständigkeit der Beschäftigten ist es denn auch, was Walliser wie Keller als besonders positiven Aspekt der US-Gewerkschaftsarbeit beurteilen. «Wir müssen auch in der Schweiz von der Stellvertretergewerkschaft wegkommen hin zu einer Gewerkschaft, die von den Leuten in den Betrieben getragen wird, die dort gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen», sagt Walliser. Eine Gewerkschaft sei ohne starke Verankerung in den Betrieben zu schwach und werde so von den Unternehmen auch nicht ernst genommen.

Im Grunde also sind Organizer der Gewerkschaft Leute, die Beschäftigte darin ausbilden, sich zu wehren. «Das ist ein Handwerk, das gelernt werden muss», sagt Keller. «Wir können solche Leute nicht per Stelleninserat suchen wie vielleicht einen Grafiker. Sie müssen selber zuerst ausgebildet werden, selber erleben, wie es funktioniert.»

Tanja Walliser hat nach Los Angeles auch noch ein Praktikum in New Haven absolviert, wo sie für Unite Here DoktorandInnen der Yale-Universität organisierte. Seit fünf Jahren bei der Unia, organisiert Walliser heute Pflege- und Betreuungspersonal in Schaffhausen. Sie fasst ihren Job so zusammen: «Ich muss Leute mobilisieren, sie schulen und ihnen die Angst nehmen. Es ist das Gegenmodell des charismatischen Gewerkschaftssekretärs von früher, der die Beschäftigten hinter sich scharte.» Organisierungsarbeit heisst also auch, einen Kulturwandel innerhalb der Gewerkschaft herbeiführen. Als Beispiel einer erfolgreichen Organisierungskampagne nennt Keller den Streik der GartenbauerInnen von 2013 in Schaffhausen, bei dem Lohnerhöhungen von bis zu 900 Franken im Monat durchgesetzt wurden (siehe WOZ Nr. 28/2013).

Jede Woche Gesprächstraining

Tanja Walliser sagt, dass sie die Systematik im Ansatz der US-Gewerkschaften beeindruckt: «Als Organizer hast du eine Liste von rund dreissig Personen, mit denen du Kontakt hältst. Du schaust immer wieder, was ihre nächsten Aufgaben sind und wie sie mit ihren fünf bis zehn Leuten arbeiten, für die sie zuständig sind.» Gespräche sind zentral. Bei der Unia Zürich-Schaffhausen gibt es jeden Mittwochnachmittag Gesprächstrainings. Da würden schwierige Gespräche mit Rollenspielen eingeübt, etwa für den Fall, dass jemand sagt, er habe keine Zeit mehr, sich zu engagieren.

Als besonders erfolgreich beurteilt Keller die Organisierungsarbeit von Unite Here in Las Vegas. Dort sind inzwischen rund 50 000 Hotelangestellte Mitglied der Gewerkschaft und haben deutlich höhere Löhne und Sozialleistungen als ihre KollegInnen in unorganisierten Hotels. Die Forderung von United Here, dass auch das Putzpersonal zum Mittelstand gehören soll, sei dort oftmals erfüllt.

Auch im Trump Hotel von Las Vegas gelang es Unite Here, bei einer Betriebsabstimmung im Dezember 2015 die Mehrheit der Beschäftigten hinter sich zu bringen. Jetzt fordern die Angestellten – dank der Wahl mit deutlich besserer rechtlicher Absicherung – Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag. Vergangenen Donnerstag haben Hunderte Leute auf dem Las Vegas Boulevard demonstriert, um den Druck auf Donald Trump weiter zu erhöhen.

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