Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

All Power to the People

Vor fünfzig Jahren entstand im kalifornischen Oakland mit der Black Panther Party die wohl radikalste schwarze Protestorganisation des 20. Jahrhunderts. Wer engagiert sich heute ähnlich bedingungslos für die schwarzen Unterschichten?

Von Franziska Meister

Bobby Hutton, siebzehn Jahre alt, war unbewaffnet und hielt die Arme hoch, als er aus dem Keller stieg, wo er sich vor der Polizei versteckt hatte. Die Polizisten durchsiebten seinen Körper trotzdem mit Kugeln. Aktuell vergeht kaum ein Tag, an dem in den USA nicht ein Schwarzer von einem Polizisten erschossen wird – mindestens 346 waren es 2015, rund ein Drittel von ihnen trug keine Waffe auf sich.

Hutton starb im April 1968, nur wenige Tage nachdem Martin Luther King, legendärer Führer der Bürgerrechtsbewegung, ermordet worden war. Die Nation war in Aufruhr. Wegen King. Ein bisschen aber auch wegen Bobby Hutton, dem jüngsten Mitglied der Black Panthers und gleichzeitig ersten Todesopfer aus den Reihen der linksradikalen Organisation, die nach Kings Tod an die Spitze der breiten Protestbewegung in den USA katapultiert wurde. «Revolution has come – time to pick up the gun», erschallte in den Strassen, an Universitäten und wo immer sonst für Black Power, gegen den Vietnamkrieg und vor allem gegen die USA als imperialistisches White-Supremacy-System mobilisiert wurde: Die Revolution ist da – greift alle zur Waffe!

Achtzehn Monate zuvor, im Oktober 1966, hatten Huey Newton und Bobby Seale in Oakland, Kalifornien, die Black Panther Party for Self-Defense (BPP) gegründet. Selbstverteidigung war zu Beginn zentraler Teil des Programms: Die Panthers suchten die schwarze Bevölkerung vor Polizeibrutalität zu schützen, indem sie sich demonstrativ mit über die Jacke geschnalltem Patronengürtel und Schrotflinte bewaffneten – und so auf Patrouille gingen. Wo immer sie Polizisten in den Strassen des Ghettos im Einsatz fanden, hielten sie an und luden ihre Waffen beim Aussteigen möglichst geräuschvoll, während sich Newton mit gezücktem Gesetzbuch näherte und alle Umstehenden mit lauter Stimme über ihre Rechte gegenüber der Polizei aufklärte. Die Taktik stellte sich als ebenso effektvoll wie kurzlebig heraus: Im Mai 1967 beschloss die kalifornische Legislative, das öffentliche Tragen von Waffen zu verbieten.

Am Tag der Parlamentsdebatte betrat eine Panthers-Delegation von 24 Männern und 6 Frauen – uniformiert mit schwarzer Lederjacke, Béret und Sonnenbrille und mit Gewehren bewaffnet – das State Capitol in Sacramento, um vor dem Parlament eine Protestschrift zu verlesen. Panik brach aus. Schliesslich verlas Bobby Seale das «Executive Mandate Number One», das zur Bewaffnung aller Black Communitys aufrief, draussen auf den Stufen des Capitol, umringt vom strammstehenden BPP-Kontingent und einer Traube ReporterInnen.

Bilder dieser sorgfältig orchestrierten Performance gingen rund um die Welt und machten die Black Panthers auf nationaler Ebene schlagartig bekannt. Und berüchtigt: Bis heute hält sich hartnäckig das damals von offizieller Seite und vielen Medien begonnene Narrativ einer gewaltbereiten, kriminellen Gruppierung, die umgekehrten Rassismus predigt. Dabei hat die historische Forschung längst ein viel differenzierteres Bild der Panthers gezeichnet. «Die BPP bleibt eine der am meisten missverstandenen Organisationen des 20. Jahrhunderts», bilanzierte der Historiker Yohuru Williams kürzlich in «The Nation».

Das ist insofern fatal, als die schwarzen urbanen Unterschichten, zu deren Anwalt sich die Black Panthers mit beachtlichem Erfolg machten, heute als Verlierer der Geschichte dastehen. Ihre sozialen und ökonomischen Lebensumstände haben sich seit den sechziger Jahren sogar noch verschlechtert. An den strukturellen Ursachen dafür hat sich wenig geändert – weshalb es umso wichtiger ist, die historische Hinterlassenschaft der BPP auf ihr Potenzial für eine Verbesserung der aktuellen Lebensumstände der schwarzen Unterschichten hin zu durchleuchten.

Selbstbestimmung im Ghetto

Der Aufruf zur bewaffneten Selbstverteidigung gegen die Polizei war nur einer von zehn Punkten des Parteiprogramms, das Newton und Seale im Oktober 1966 entworfen hatten. Immer wieder verglichen sie das Ghetto mit einer internen Kolonie, die vom imperialistischen weissen Amerika unterdrückt wurde – mithilfe der Polizei als Besatzungsarmee, die die schwarze Bevölkerung mit Gewalt im Zaum hielt: Das war für sie der Inbegriff von White Supremacy, weisser Überlegenheit. Selbstbestimmung für die Ghettobevölkerung stand deshalb im Zentrum des Parteiprogramms. Die Panthers forderten ein Ende der Ausbeutung durch weisse Geschäftsleute und Slumlords, Arbeitsplätze im Ghetto sowie Schulen, die endlich mit rassistischen Stereotypen aufräumten.

Nachdem sich die BPP bis im Herbst 1968 auf nationaler Ebene etabliert hatte, lancierte Bobby Seale mit dem Frühstücksprogramm für Kinder das erste einer Reihe sogenannter Community Service Programs. Im Sommer 1969 erhielten bereits mehr als 10 000 Kinder in über 35 Städten jeden Morgen vor der Schule gratis ein warmes Frühstück. Eine organisatorische Herkulesaufgabe für die lokalen BPP-Mitglieder: Erst musste eine Lokalität gefunden werden, die über eine Küche und genügend Essplätze verfügte und in Schulnähe lag. Um Milch, Eier, Speck, Brot, Müesli und Orangensaft zu organisieren, klapperten die Panthers immer wieder lokale Lebensmittelgeschäfte ab und lancierten Spendenaufrufe – aber die tägliche Versorgung von zwischen 50 und 350 Kindern pro Lokalität blieb eine kontinuierliche Herausforderung. Nicht nur, weil oft noch mehrere Autos gebraucht wurden, um Lebensmittel abzuholen und Kinder in entferntere Schulen zu transportieren, sondern auch, weil die Polizei die Community-Service-Programme der Panthers systematisch sabotierte: Sie verhaftete BPP-Mitglieder aus vorgeschobenen Gründen, konfiszierte und zerstörte Lebensmittelvorräte, schüchterte Pfarrer und andere Privatpersonen ein, die den Panthers ihre Infrastruktur zur Verfügung stellten, oder stürmte mit gezückten Waffen ein Frühstückslokal, um die Kinder zu verängstigen und künftig fernzuhalten.

Aber die Panthers liessen sich nicht beirren, im Gegenteil: Viele junge Frauen und Männer an der Parteibasis engagierten sich rund um die Uhr für die immer zahlreicheren Community-Service-Programme. Die BPP versorgte sie im Gegenzug mit Essen und einem Dach über dem Kopf in einer der zahlreichen Panther-WGs. In vielen Städten kamen im Verlauf von 1969 neue Programme hinzu: Liberation Schools, in denen Kinder über ihre Geschichte, Herkunft und Kultur unterrichtet wurden und an Exkursionen in die Community teilnahmen, um sich vor Ort mit aktuellen Problemen auseinanderzusetzen. In Free Health Clinics konnten sich Kranke kostenlos untersuchen und behandeln lassen von Ärzten und Krankenschwestern aus umliegenden Spitälern, die in ihrer Freizeit in den BPP-Gesundheitszentren aushalfen. Lokale Panther-Chapters offerierten je nach Bedarf weitere Programme wie kostenlose Rechtsberatung oder unterstützten alleinerziehende Mütter, die von der Sozialfürsorge schikaniert wurden, und organisierten Proteste und Boykotte gegen Slumlords und Ladenbesitzer, die die Ghettobevölkerung mit überteuerter Ware und horrenden Zinsen ausnahmen. In mehreren Städten chauffierten die Panthers ausserdem regelmässig Angehörige von Inhaftierten mit Bussen in die weit entfernt gelegenen Gefängnisse.

Manche dieser Programme hätten ohne die tatkräftige Unterstützung der Bevölkerung aus der Nachbarschaft nie so gut funktioniert. «Mir gab nur schon das Abwaschen einen Kick», erinnert sich eine Mutter aus Oakland, die im lokalen Frühstücksprogramm mithalf, in einem späteren Interview. «Es war so toll, Teil davon zu sein, so erhebend.» Die Black Panthers waren dank ihrer Community-Service-Programme tief in der lokalen Bevölkerung verwurzelt und konnten nicht zuletzt auf deren Schutz zählen. In Baltimore etwa versuchte die Polizei zwei Wochen lang vergeblich, das BPP-Hauptquartier zu stürmen – NachbarInnen hatten einen Verteidigungsring um das Gebäude gebildet, standen rund um die Uhr Wache und versorgten die eingeschlossenen Panthers mit Lebensmitteln. «Früher brauchte es zwei Bullen, um einen unbewaffneten Panther zu schikanieren, der die Parteizeitung verkauft», bemerkte der BPP-Erziehungsminister Raymond Masai Hewitt im Dezember 1969 gegenüber der «Washington Post». «Heute braucht es zehn: zwei fürs Schikanieren und acht, die auf die Bevölkerung aufpassen.»

Institutionellen Rassismus anklagen

Die Parteizeitung «The Black Panther» erschien seit April 1967 – erst unregelmässig, ab Januar 1968 im Wochenrhythmus – und bildete das Rückgrat der BPP und ihrer Aktivitäten. Black Panthers, die ihre Zeitung lauthals in den Strassen und auf dem Universitätscampus zum Verkauf anpriesen, gehörten in grösseren US-Städten Ende der sechziger Jahre zum Alltagsbild. Die zwanzigseitige Zeitung konnte auch abonniert werden, Exemplare fanden ihren Weg regelmässig bis nach Europa und auch in die Schweiz. Nach innen funktionierte die Zeitung als Organisations-, Koordinations- und Austauschplattform: Die Parteileitung kündigte neue strategische Direktiven, Richtlinien, Programme und nationale Anlässe an, während lokale BPP-Ableger über den Stand ihrer Community-Service-Programme berichteten, über politische Aktionen und darüber, wie sie in der Nachbarschaft konkrete Probleme hatten lösen können.

Vor allem aber diente die Zeitung der BPP als Mittel zur «politischen Bildung», wie sie es nannte. AdressatInnen waren neben den eigenen Parteimitgliedern und der Black Community auch die breitere weisse Öffentlichkeit, die kaum je in Kontakt mit der schwarzen Ghettobevölkerung kam. Der «Black Panther» verbreitete eine dezidiert schwarze Perspektive, «keine Geschichten, wie sie vom Unterdrücker diktiert, sondern wie sie vom andern Ende des Gewehrlaufs aus gesehen werden», aus dem «innerstädtischen Dschungel Babylons». Berichte über die Community-Service-Programme wurden in einen breiteren Kontext gestellt, um den strukturellen Rassismus offizieller Institutionen wie der Spitäler, Schulen, der Wohlfahrt oder des sozialen Wohnungsbaus offenzulegen. «Mütter erhalten von der Sozialfürsorge nicht einmal genug Geld, um für ihre Kinder Schuhe und Schulmaterial zu kaufen, damit diese überhaupt in die Schule dürfen», schrieben die Harlem Panthers im September 1969. Die öffentlichen Schulen wurden im «Black Panther» immer wieder als «mentale Konditionierungszentren» gebrandmarkt, die schwarzen Kindern einimpften, sie seien faul, minderwertig und selber schuld an ihren miesen Lebensumständen.

In einer besonders spektakulären Aktion im März 1969 besetzten Panthers aus der Bronx gemeinsam mit puerto-ricanischen AktivistInnen ein Spital. «Wir klagen das Lincoln Hospital des institutionellen Rassismus an», schrieben sie im «Black Panther»: 85 Prozent der öffentlichen Gelder zur Behandlung von psychisch Kranken seien in der Spitaladministration versickert, und schwarze Frauen, die bereits mehrere Kinder geboren hätten, seien zwangssterilisiert worden, ohne dass man sie zuvor über Verhütungsmöglichkeiten aufgeklärt habe.

Von zentraler Bedeutung war die BPP-Zeitung auch, wenn es darum ging, die Diskriminierung innerhalb des US-Rechtssystems und seiner Institutionen offenzulegen und dabei gleichzeitig Unterstützung zu mobilisieren. Ab Herbst 1968 nahmen die staatlichen Repressionsmassnahmen gegen die Black Panther Party nämlich zunehmend aggressive Züge an – namentlich seitens der Bundespolizei. FBI-Chef J. Edgar Hoover erklärte die Panthers zur grössten Bedrohung für die nationale Sicherheit und fokussierte die Aktivitäten seines geheimen, gegen Schwarze gerichteten Counter Intelligence Program (Cointelpro) auf die BPP. Das FBI infiltrierte die Panthers mit Spitzeln und Agents Provocateurs, hetzte sie gegen andere schwarze Gruppierungen auf und säte intern Misstrauen und Zwietracht mit gezielten Falschinformationen. Mittels Anklagen, die sich im Nachhinein praktisch alle als fabriziert herausstellten, verwickelte das Justizsystem zahlreiche Panthers aus der nationalen und lokalen Führungsriege in langwierige Gerichtsverfahren und schreckte selbst vor organisiertem Mord nicht zurück, wie im Fall von Fred Hampton und Mark Clark in Chicago.

Die BPP versuchte, im «Black Panther» mit allen argumentativen Mitteln und verfügbaren Fakten gegen diese systematische Kriminalisierung anzugehen, und vermochte zunächst breite Unterstützung weit über die verschiedenen Protestbewegungen hinaus zu mobilisieren. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnten die Panthers die Regierung tatsächlich in ihren Grundfesten erschüttern.

Vereint gegen White Supremacy

Zwei Strategien erwiesen sich dabei als zentral: die Beharrlichkeit, mit der die Panthers Rasse – verstanden als soziales Konstrukt, das Weisse gegenüber Schwarzen in sämtlichen Lebensbereichen systematisch privilegiert – zum Thema machten, und die gleichzeitig verfolgte Bündnispolitik quer über alle Rassengrenzen hinweg.

Die Black Panthers liessen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie eine radikal schwarze Organisation sind, die Verkörperung von Black Power im Kampf um soziale Gerechtigkeit sozusagen. Dabei schlugen sie durchaus klassenkämpferische Töne an. Auf der rhetorischen wie auf der praktischen Ebene setzten sie alles daran, den strukturellen Rassismus innerhalb der USA sichtbar zu machen, als illegitim zu brandmarken und mit ihren Community-Service-Programmen alternative Institutionen aufzubauen. Reformen oder gar eine Integration in die bestehende US-Gesellschaft, wie sie die Bürgerrechtsbewegung angestrebt hatte, lehnten sie ab. «Integration heisst, eine weisse Schule zu besuchen, in einer weissen Nachbarschaft zu wohnen, in eine weisse Kirche zu gehen», wurde Bobby Seale nicht müde zu betonen. «Und das bedeutet nichts anderes, als dass Schwarze nur gleichberechtigt sein können, wenn sie weiss werden. Womit automatisch davon ausgegangen wird, Schwarze seien minderwertig und Weisse überlegen.»

Gleichzeitig grenzten sich die Panthers vehement von anderen Black-Power-Gruppierungen ab, die einen kulturellen Nationalismus predigten und Schwarzsein zum essenziellen Kriterium erhoben: Wer einen Afro und ein Dashikihemd trage und Suaheli lerne, fordere damit noch lange nicht das vorherrschende White-Supremacy-System heraus. «Wir haben nichts gegen Weisse», betonte Huey Newton im Nachgang der Aktion im kalifornischen State Capitol. «Ich hasse niemanden aufgrund seiner Hautfarbe. Ich hasse die Unterdrückung, der wir täglich durch die Polizei ausgesetzt sind, die uns attackiert, misshandelt und ermordet – und das seit 400 Jahren.»

Für die Panthers war klar: Weisse werden nicht als RassistInnen geboren, sie werden von den USA als White-Supremacy- System dazu gemacht. Um den Rassismus in der US-Gesellschaft zu überwinden, musste dieses System überwunden werden. Mit dieser Überzeugung und ihrem tatkräftigen Engagement in den schwarzen Ghettos hatten sie sich 1968 nicht nur an die Spitze der schwarzen Protestbewegung gesetzt. Ihre Anklage gegen die USA als imperiale Macht, deren Armee die Bevölkerung Vietnams und anderer Länder des Südens ebenso unterdrückte, wie es die Polizei in den Ghettos als interne Kolonien tat, stiess auch in der breiteren Protest- und insbesondere in der Antikriegsbewegung auf grossen Widerhall. Darauf bauten die Panthers in ihrer Bündnispolitik einerseits innerhalb der neuen Linken: Nationale ebenso wie lokale BPP-Kaderleute traten landesweit und sogar international in Kanada, Europa, Algerien oder Japan an Demonstrationen und Rallyes auf, um für ihren Kampf gegen die USA als rassistisches System Unterstützung zu finden.

Andererseits schmiedeten sie Allianzen mit lokalen Gruppierungen aus den chinesischen und Latino-Communitys – Gruppierungen, von denen sich viele bewusst in ihrem Aussehen und Engagement an die Panthers anlehnten. Sogar lokale Gangs in den Ghettos von Chicago, Philadelphia oder Los Angeles vermochten die Panthers politisch zu organisieren und teilweise in ihre Community-Service-Programme einzubinden. An nationalen Konferenzen wie der viertägigen United Front Against Fascism im Juli 1969 koordinierten die Panthers so eine Vielzahl an radikalen, mehrheitlich nichtweissen Gruppierungen gegen die Regierung. Und im Herbst 1970 unternahmen sie mit einer Revolutionary People’s Constitutional Convention, an der auch VertreterInnen der Women’s Liberation und Gay-Rights-Bewegungen teilnahmen, nichts weniger als den Versuch, die US-Verfassung neu zu schreiben und so der jahrhundertelangen Diskriminierung zumindest symbolisch ein Ende zu setzen.

Ein Versuch, der letztlich misslang. Die Black Panther Party scheiterte nicht nur an einer Koalition, die so heterogen geworden war, dass der Fokus auf die Überwindung des strukturellen Rassismus für die schwarzen Unterschichten verloren gegangen war. Sie zerbrach auch an der massiven Unterdrückung, die Polizei, Gerichte und vor allem Hoovers Cointelpro gegen sie in Stellung gebracht hatten.

Und heute?

Wenn er etwas bereue, so David Hilliard, langjähriger Chief of Staff der Black Panthers, gegenüber der Autorin, dann sei dies der Entscheid gewesen, Anfang 1972 alle BPP-Chapters landesweit zu schliessen und die Kräfte in Oakland zu bündeln. Denn die Community-Service-Programme der Panthers florierten noch immer in über 65 Städten landesweit. «Wir hätten einfach weitermachen sollen.»

Heute fehlt eine Organisation wie die Black Panthers, die sich mit ähnlichem Engagement für eine Verbesserung der Lebensumstände im Ghetto einsetzen und dafür auch die schwarze Bevölkerung mobilisieren könnte. Dabei lebt aktuell namentlich in grossen Städten wie Chicago oder Philadelphia jedeR dritte Schwarze unterhalb der Armutsgrenze – wie schon vor fünfzig Jahren. Bloss dringt das heute kaum mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein.

Denn während in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre US-AmerikanerInnen aus allen Schichten und Ethnien den Mut fanden, Themen rund um Rasse und Rassismus offen zu diskutieren, verbietet die Ideologie der Colorblindness heute genau das. Indem sie behauptet, dass Hautfarbe keine Rolle mehr spiele, weil alle dieselben Chancen hätten und sie nur nutzen müssten, zementiert sie in Wahrheit rassistische Stereotype und macht Weisse blind für das Leiden der schwarzen Unterschichten. Denn sie verdeckt, dass Rassismus nach wie vor strukturell verankert ist, auch wenn er offen zur Schau getragen heute kaum noch vorkommt.

Wenn sich eine soziale Bewegung, die Rasse und Rassismus erneut öffentlich aufs Tapet bringen will, den Namen Black Lives Matter gibt, dann zeigt dies vor allem eines: Die Ideologie der Colorblindness ist für Schwarze zur existenziellen Bedrohung geworden und muss verschwinden. Die Black Panthers wiesen bereits vor fünfzig Jahren darauf hin: Struktureller Rassismus ist gleichbedeutend mit struktureller Gewalt. Das demonstrieren die Polizei und das Justizsystem in den USA heute fast täglich (siehe WOZ Nr. 28/2016 und WOZ Nr. 39/2016). Vieles wird in naher Zukunft davon abhängen, ob es Black Lives Matter gelingt, eine breitere Öffentlichkeit und eine solidarische Basis zu schaffen, um dem strukturellen Rassismus in all seinen Ausprägungen den Kampf anzusagen.

Von Franziska Meister erscheint im Frühling 2017 im Transcript-Verlag ein Buch über die Black Panther Party (in englischer Sprache).

Parteigeschichte

Disziplin wichtiger als Grösse

Die Black Panther Party (BPP) verstand sich als streng hierarchische Kaderpartei mit militärischen Rängen: Die nationale Führungsriege in Oakland inszenierte sich bewusst provokativ als alternative Regierung mit Ministerien für Verteidigung, Information, Bildung und so weiter. Um dem Justizsystem möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, erliess sie 1969 zahlreiche Verhaltensregeln und warf Mitglieder, die sich nicht daran hielten, aus der Organisation. Disziplin war wichtiger als Grösse: Die BPP zählte nie mehr als rund 5000 Mitglieder. Ausserdem fokussierte sie mit den Community-Service-Programmen ihre Aktivitäten wieder stärker auf die schwarze Ghettobevölkerung. Damit gewannen Frauen immer mehr Einfluss und Verantwortung – auch weil Polizei und Justiz systematisch die lokale und nationale männliche Führungsriege inhaftierten und in langwierige Gerichtsprozesse verwickelten (die im Nachhinein alle mit einem Freispruch endeten).

Die eskalierende Unterdrückungswelle seitens der Regierung brachte den Panthers Unterstützung weit über die neue Linke hinaus. Solidaritätsbewegungen bildeten sich in Europa und Japan. In Algier bauten geflohene Panthers einen internationalen BPP-Ableger auf und nahmen von dort aus paradiplomatische Beziehungen mit US-feindlichen Ländern wie Nordvietnam, Nordkorea und China auf.

Parteiintern hingegen war man sich ab der Mitte des Jahres 1970 zunehmend uneins über den weiteren Kurs. Befeuert von FBI-Aktivitäten – zu diesem Zeitpunkt war rund jeder zehnte Panther ein FBI-Spitzel –, kam es Anfang 1971 zum Bruch und in der Folge zu einer Serie an innerparteilichen Gewaltakten, die einen Exodus zahlreicher Mitglieder zur Folge hatte. Ab 1972 wirkte die Black Panther Party noch zehn Jahre lang als kleine lokalpolitische Partei in Oakland weiter.

Franziska Meister

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