Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Wie ein grosses, perverses Spiel

Plötzlich war die libysche Küstenwache da. Dann sank das Gummiboot der MigrantInnen. Auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 2 half WOZ-Redaktorin Noëmi Landolt bei der Bergung der Überlebenden. Ihr Bericht von einer Nacht am Rand Europas.

Von Noëmi Landolt (text) und Christian Ditsch (Fotos), Mittelmeer

Freitag, 21. Oktober, 03.12 Uhr: Angriff der libyschen Küstenwache auf ein Flüchtlingsboot. Im Vordergrund: SeenotretterInnen von Sea-Watch. Foto: Christian Ditsch

Samstag, 22. Oktober, 18.53 Uhr

In den letzten drei Tagen insgesamt viereinhalb Stunden geschlafen. Die Nacht mit der libyschen Küstenwache, ein wahr gewordener Albtraum, scheint mir schon ewig her zu sein, aber vergessen werde ich sie nie. Kurz nach Mitternacht, am frühen Freitagmorgen, erhalten wir den Auftrag, zu einem in Seenot geratenen «migrant boat» mit 150 Personen 14,5 Meilen nördlich der libyschen Küste, also ausserhalb des libyschen Hoheitsgebiets, zu fahren. Ein Tanker sei in der Nähe, habe aber keine Möglichkeit, das Boot zu bergen.

Waffen, Schläge, Panik

Um halb drei Uhr kommen wir beim Boot an, im Dunkeln leuchten die Lichter des Tankers Okyroe. Wir lassen wie immer unsere beiden Festrumpfschlauchboote (RIBs) ins Wasser für den ersten Kontakt und das Verteilen der Schwimmwesten, den Scheinwerfer unseres Mutterschiffs immer aufs Boot der MigrantInnen gerichtet, als plötzlich ein Patrouillenschiff der libyschen Küstenwache auftaucht. Darauf stehen vielleicht sechzehn junge, uniformierte und zum Teil bewaffnete Männer; aufgestellt wie auf einem Playmobilschiff, perfekt inszeniert, jeder hat seinen Platz. Ihr Auftritt ist lächerlich und bedrohlich zugleich. Verständigen können wir uns nicht, wir sprechen kein Arabisch, sie kein Englisch. Immer wieder brüllen sie: «Go out!» Wir wissen nicht, was sie damit meinen, haben aber den Eindruck, dass sie wollen, dass wir die MigrantInnen mitnehmen, out, weg von Libyen.

Freitag, 21. Oktober, 03.39 Uhr, Mittelmeer: Seenotretterinnen der «Sea-Watch» bergen einen ertrunkenen Mann. Foto: Christian Ditsch

Doch dann drängen sie mit einem gefährlichen Manöver eines unserer RIBs vom Flüchtlingsboot ab, einer ihrer Männer springt mit einem Seil an Bord, schlägt auf die Flüchtlinge ein und beschimpft sie. Wir hören die Leute schreien. In ihrer Panik springen vier Menschen vom Boot ins dunkle Wasser. Leute auf einem unserer RIBs ziehen sie ins Boot und bringen sie zur «Sea-Watch 2». Wir helfen den vier jungen Männern an Bord, die zittern vor Kälte oder Angst oder beidem, setzen sie auf das Achterdeck, wickeln sie mit Wärmefolien ein. Derweil schaltet das libysche Patrouillenboot seine Lichter aus und verschwindet in der Dunkelheit. Ich höre Ingo, unseren Head of Mission, per Megafon brüllen: «Boat is sinking! Men overboard! Men overboard!» Ich höre Menschen schreien, will nicht hinsehen und bleibe bei den jungen Männern, ich bringe ihnen gerade zwei Tassen mit Tee, die Schreie sind ganz nah an meinem Ohr, ich weiss nicht, wo die Tassen hingekommen sind, jedenfalls helfe ich plötzlich mit, einen jungen Mann an Bord zu ziehen, nass und mit entblössten Genitalien, ich möchte ihm die Hose hochziehen, doch die Hölle ist schon losgebrochen. Immer mehr nasse, teils ganz nackte Körper fallen neben mir schreiend, wimmernd, zitternd auf den Boden. Ich stürze zur Reling, werfe mit den anderen unzählige Schwimmwesten über Bord, gegen den Wind. Sie kommen nie dort an, wo ich hinziele. Irgendwann ist das sinkende Boot so nahe, dass wir ihre Hände greifen können. Ein schmächtiger Jugendlicher neben mir, gerade erst selbst an Bord geklettert, zieht mit einer unglaublichen Kraft einen nach dem anderen aufs Deck. Ich greife nach Händen, Beinen, Hosenbünden, schlüpfrigen Armen, die mir entgleiten, und plötzlich sind sie doch oben.

Wieder Rufe aus dem Dunkeln

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemanden habe ertrinken sehen in jener Nacht. Das kann fast nicht sein, denn wir haben zwischen zwanzig und dreissig Menschen verloren. Your mind plays tricks on you. Ich kann mich erinnern, dass im sinkenden Boot zwei Körper mit dem Gesicht nach unten und mit entblösstem Unterkörper trieben. Ich kann mich erinnern an den grossen, kräftigen Mann, der mit hängenden Armen im Boot stand. Stumm, mit weit aufgerissenen Augen schaute er zu uns hoch, während das Boot sank. Irgendwann hatten wir auch ihn an der Hand, zogen ihn aufs Deck. Viele von ihnen rissen sich sofort die Kleider vom Leib, die Mischung aus Benzin und Meerwasser verätzte ihnen die Haut. Die beiden RIBs suchten die Umgebung ab, bargen weitere Menschen aus dem Wasser, darunter auch vier Tote. 124 konnte die Crew retten.

Ich weiss nicht, wie viel Zeit vergangen ist, um all die Leute an Bord zu holen. Wir verteilen Rettungsdecken und Wasserflaschen, duschen ihnen mit Schläuchen das ätzende Benzin vom Körper. Manche der Flüchtlinge helfen uns dabei, viele schlafen bald ein, das Rascheln der Rettungsdecken im Wind. Wir fahren nach Norden.

Während des Morgens tauchen immer wieder neue Gummiboote auf, insgesamt acht an der Zahl. Wir nehmen weitere Personen an Bord, unser Schiff füllt sich, mindestens 200 Leute. Bei Sonnenuntergang verlassen die letzten fünf unser Schiff Richtung Tanker, nachdem sie sich von ihrem toten Bruder, der im Medic Room aufgebahrt liegt, verabschiedet haben.

Um halb zwölf gehe ich ins Bett. Drei Stunden später werden wir wieder alle geweckt. Wieder Rufe aus dem Dunkeln, wieder ein Gummiboot mit 150 Menschen. Darunter viele Frauen und einige Kinder. Die Bergung verläuft problemlos. Doch noch während wir dieses erste Boot bergen, tauchen am Horizont weitere Boote auf: sechs, sieben … Es hört nicht auf. Bis zu 3000 Leute treiben in Gummibooten. Wir haben zu wenig Platz, um alle an Bord zu nehmen. Während Stunden dümpeln die Boote um uns rum.

Die Ereignisse verheddern sich in meinem Kopf. Was war gestern? Was war heute? Als Kind hatte ich ein Nintendo-Spiel, in dem man mit einem Ruderboot Fallschirmspringer auffangen musste. Mit der Zeit kommen immer mehr Fallschirme immer schneller vom Himmel, bis irgendwann zu viele ins Wasser fallen, Game over. Mir kommt es vor, als befänden wir uns ebenfalls in einem grossen, perversen Spiel. In einer riesigen Arena aus Wasser, in deren Mitte ein grosses Tankschiff liegt und wo aus allen Himmelsrichtungen neue Player auftauchen: Flüchtlingsboote, Militär- und Frontex-Schiffe, Speedboote, Hubschrauber. Doch was wird hier überhaupt gespielt?

Seit Anfang vergangener Woche begleitet WOZ-Redaktorin Noëmi Landolt die Crew der «Sea-Watch 2» bei ihren Rettungseinsätzen für in Seenot geratene MigrantInnen. Ihren Blog lesen Sie unter www.woz.ch/mittelmeer.

Libyens Küstenwache

Ein umstrittener EU-Partner

Die libysche Küstenwache bestätigte am Samstag das Aufeinandertreffen mit dem Sea-Watch-Rettungsschiff. Es habe allerdings in libyschem Territorialgewässer stattgefunden, sagte ihr Sprecher gemäss der Nachrichtenagentur Reuters. Er dementierte ausserdem, dass es sich beim Vorfall um einen Angriff auf das Flüchtlingsboot gehandelt habe. Demgegenüber legte der Verein Sea-Watch am Dienstag erste Beweise für den Tathergang vor. Sie enthalten unter anderem die Logfiles der Satellitenverbindung der «Sea-Watch 2», die den Ort des Vorfalls klar belegen. Auf die bereits vorliegenden Fotos sollen zudem bald die ausgewerteten Bilder der Überwachungskamera folgen. Sea-Watch fordert eine Aufklärung des Vorfalls durch die verantwortlichen Behörden.

Das dürfte allerdings schwierig werden: Im Bürgerkriegsland Libyen hat die von der EU und der Uno anerkannte Einheitsregierung nur die westliche Hälfte des Landes unter Kontrolle. Dort hat sie grosse Mühe, die staatlichen Institutionen gegenüber den Eigeninteressen unzähliger Milizen aufzubauen. Ihre Küstenwache verfügt über insgesamt acht Schiffe, die in Tripolis, Misrata und Zuwara stationiert sind. Eine zentrale Kommandostruktur besteht aber offenbar nicht. Davon zeugen zahlreiche Vorfälle, in denen sich die Küstenwache gegenüber Flüchtlingsbooten sehr unterschiedlich verhielt: Manchmal beteiligten sich ihre Schiffe aktiv an Rettungseinsätzen, andernorts traten sie als Aggressor auf.

In ihrem Bestreben, Flüchtlinge von der Überfahrt nach Europa abzuhalten, will die EU aber trotz der brüchigen Machtverhältnisse verstärkt mit der libyschen Küstenwache zusammenarbeiten: Erst am Montag ist ein neues Ausbildungsprogramm angelaufen, in dessen Rahmen die EU künftig Hunderte Mitglieder der libyschen Küstenwache einer Schulung unterziehen will.

Raphael Albisser

Nachtrag vom 17. November 2016

Verletzte Menschenrechte? Das ist der EU egal

Die deutsche Organisation Sea-Watch hat nach eigenen Angaben gegen mehrere Mitglieder der libyschen Küstenwache Anzeige erstattet. Am 21. Oktober hatten bewaffnete Küstenwächter während eines Einsatzes des Rettungsschiffs Sea-Watch 2 in internationalen Gewässern ein voll besetztes Flüchtlingsboot attackiert, MigrantInnen mit Schlagstöcken geschlagen und so den Rettungseinsatz behindert. Das brutale Vorgehen löste eine Massenpanik aus, in deren Folge mehrere Flüchtlinge ertranken. Ein Sprecher der libyschen Küstenwache hatte das Aufeinandertreffen mit der «Sea-Watch 2» bestätigt. Er gab jedoch an, die beiden Schiffe hätten sich in libyschen Gewässern befunden, und er dementierte alle Vorwürfe.

Die Angreifer zur Verantwortung zu ziehen, dürfte für Sea-Watch schwierig werden. Die Schiffe der Küstenwache operieren ohne klare Kommandostruktur und sind auch in Landesteilen stationiert, in denen die von der EU anerkannte Regierung des Landes beschränkten Einfluss hat. Dennoch arbeitet die EU seit Ende Oktober offiziell mit der Küstenwache zusammen. Im Rahmen der Militäroperation «Eunavfor Med» werden Ausbildungsprogramme organisiert. Laut Sea-Watch lässt sich nicht ausschliessen, dass auch die Angreifer selbst Teil des von der EU trainierten Teams gewesen sind.

In diesem Jahr sind knapp 165 000 Flüchtlinge über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute nach Europa gekommen. Beinahe 4000 Menschen kamen auf der gefährlichen Überfahrt ums Leben. Um Flüchtlinge von Europa fernzuhalten, sieht die EU über Menschenrechtsverletzungen in Libyen hinweg. Denn wer dort im Gefängnis landet, dem drohen Folter, Misshandlungen und sexuelle Übergriffe.

Anna Jikhareva

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