Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

«Übrig sind nur die Romantiker»

Vor drei Jahren sind Millionen TürkInnen gegen ihre Regierung auf die Strasse gegangen. Was tun diese Menschen heute? Drei Gezi-AktivistInnen erzählen.

Von Meret Michel, Istanbul

In den Strassen rund um den Taksimplatz täuscht der Alltag bereits wieder darüber hinweg, dass in der Türkei keine gewöhnlichen Zeiten herrschen. Die Wolken hängen tief über den Dächern Istanbuls, Nieselregen wechselt sich mit Schauern ab, die PassantInnen eilen den Häuserwänden der schmalen Gassen entlang. Im nahe gelegenen Gezipark sitzen vereinzelte Teenagerpärchen auf den Bänken, Kaffeeverkäufer laufen zwischen ihnen umher. Man muss nahe herangehen, um die Veränderung zu bemerken: Die Stämme der Bäume tragen jetzt Nummern.

Demonstrieren verboten

Über 100 000 Staatsangestellte wurden seit dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli entlassen, viele verhaftet. Berichte über Folter in den Gefängnissen machen die Runde. Ist es da nicht unsinnig, sich um Bäume zu sorgen? 2013 jedoch war die Sorge um diese Bäume der Funke dafür, dass schliesslich 3,5 Millionen Menschen im ganzen Land gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf die Strasse gingen. Drei Jahre später ist von den Gezi-Protesten kaum mehr als eine entfernte Erinnerung geblieben. Die DemonstrantInnen von damals sind heute die stillen VerliererInnen.

Selcük Sis sitzt auf dem Sofa in seiner Wohnung in Tarlabasi, wenige Gehminuten vom Taksimplatz entfernt, und zündet sich eine Zigarette an. Seinen richtigen Nachnamen behält er lieber für sich. Von draussen dringt Baulärm ins Zimmer. Die Baustelle, die man von seinem Fenster aus sieht, ist die Polizeistation, die gerade umgebaut wird.

«Es gab eine Zeit, da haben wir gegen die Polizei gekämpft», sagt Sis. Er nimmt sein Handy hervor und blättert durch die Bilder von damals: Polizeiautos, Menschen, die vor dem Tränengas und den Wasserwerfern weglaufen, Feuerwerkspetarden. Immer wenn er konnte, war der heute 31-Jährige auf der Strasse und hat protestiert. Für jemanden wie ihn, der schon vor den Gezi-Protesten politisch aktiv war, war das keine Frage. Wenn er von dieser Zeit erzählt, spricht er meistens über die Strassenschlachten mit der Polizei. «Wenn es richtig gewalttätig wurde, sind nur die radikalen Gruppen übrig geblieben.» Die traurige Bilanz nach den wochenlangen Protesten: acht Tote und über 8000 Verletzte. «Dennoch», sagt Sis, «das waren die guten Zeiten.»

Er steht auf, um zur Arbeit zu gehen. Zwar befindet sich das Restaurant, wo er derzeit als Kellner jobbt, nur einen kurzen Fussmarsch entfernt im Beyogluviertel. Seinen Personalausweis steckt Sis trotzdem ein, wer weiss, ob ihn die Polizei heute wieder kontrolliert. Seit dem Putsch – und seitdem der Ausnahmezustand verhängt wurde – sind Ausweiskontrollen in Beyoglu Alltag. «Mit Verweis auf die Sicherheit hat die Regierung sämtliche Demonstrationen verboten», sagt Sis. «Es sei denn, es sind ihre eigenen Leute, die auf die Strasse gehen.»

Nach dem 15. Juli konnte Sis wochenlang jeden Tag bis tief in die Nacht die Rufe der Erdogan-AnhängerInnen hören. Noch in der Nacht vor dem Putsch war er mit FreundInnen zu Hause, sie tranken Bier und hörten zum Spass ein altes Militärlied aus den Zeiten des Osmanischen Reichs: «Yelkenler Bicilecek». «Junge Männer, wenn ihr die Zeichen eurer Vorfahren aufnehmt und losgeht – eure Leute werden euch folgen», sangen sie den Text mit und machten sich dabei über jene lustig, die solche Texte ernst nehmen.

Sie konnten nicht wissen, dass sie das gleiche Lied einen Tag später auf den Strassen vor ihrem Haus aus den Autofenstern hören würden. «Wie Hooligans nach einem Länderspiel – und die Polizei hat nur zugeschaut», sagt Sis. «Aber was können wir tun? Wir müssen unser Leben weiterleben. Trotzdem dürfen wir diesen Leuten nicht einfach das Feld überlassen.»

Istanbuls neoliberaler Umbau

Als Präsident Erdogan in der Putschnacht per Facetime seine AnhängerInnen dazu aufrief, im Namen der Demokratie und zum Schutz der Regierung auf die Strasse zu gehen, konnte er sich einen Seitenhieb auf die Gezi-Leute nicht verkneifen: Die Zeit sei gekommen, den Wiederaufbau der historischen Topcu-Kaserne auf dem Areal des Geziparks endlich voranzutreiben, erklärte Erdogan.

«Die Provokation war an uns gerichtet», sagt Mücella Yapici, die Vorsteherin der ArchitektInnengewerkschaft Mimarlar Odasi und Mitbegründerin der Gruppe Taksim-Solidarität, die um den Erhalt des Geziparks kämpft. «Der Wiederaufbau der Topcu-Kaserne anstelle des Geziparks ist für Erdogan zentral», so Yapici. 1909 hatten sultantreue Armeeeinheiten hier einen erfolglosen Putsch gegen das Regime der säkularen Jungtürken gestartet. So wurde die später abgerissene Kaserne für die IslamistInnen zum Symbol einer historischen Niederlage. «Der Plan, die Kaserne in Form eines Einkaufszentrums wieder aufzubauen, war illegal», sagt die Gewerkschafterin. «Wir hatten schon 2012 dagegen geklagt – und recht bekommen. Den Präsidenten hat das offenbar nicht gekümmert.»

Yapici, eine kleine, ältere Frau, sitzt in ihrem Büro in Kabatas in der Nähe des Bosporus und nimmt einen Schluck Tee. Wenn sie von den ersten Tagen der Gezi-Proteste erzählt, klingt es, als hätte sie sich erst gestern den Baggern entgegengestellt: «Jemand hatte uns gesagt, dass in jener Nacht die Bauarbeiten im Gezipark beginnen würden», sagt sie. «Wir sind also hin und haben die Arbeiter gefragt: ‹Wisst ihr, dass ihr etwas Illegales tut?› Das hat sie vorläufig davon abgehalten, die Bäume auszureissen.» Danach ging alles schnell: Innerhalb zweier Tage weitete sich die Aktion zu einer Solidaritätsdemonstration von einigen Tausend aus, dann wurde daraus ein Protest von Millionen Menschen in Istanbul und Dutzenden anderen Städten.

Die ArchitektInnengewerkschaft kämpft seit Jahren gegen den neoliberalen Umbau der Stadt, den die Regierung Erdogan vorantreibt. «Istanbul sollte eine internationale Metropole werden. Das hat die damalige Regierung nach dem Militärputsch von 1980 beschlossen, aber nie umgesetzt», sagt Yapici. Erst Erdogan habe sich darangemacht, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Einkaufszentren, Hochhäuser und Baustellen prägen seither die Silhouette vom Goldenen Horn im Süden bis in den Norden der Stadt. «Im Klartext bedeutet es, die Stadt, die Quartiere, die Gebäude an die internationale Finanzelite zu verscherbeln», sagt Yapici.

«Uns wird niemand helfen»

Doch die Topcu-Kaserne im Gezipark ist mehr als ein ökonomisches Projekt. Es ist ein politisches. Der angrenzende Taksimplatz war schon ein umkämpfter Ort, bevor Erdogan plante, ihn in seinem Sinn umzugestalten. Die türkische ArbeiterInnenbewegung stritt jahrzehntelang dafür, hier am 1. Mai demonstrieren zu dürfen. Die Frauenkundgebungen am 8. März starteten von hier, ebenso wie die Pride, die Demonstration der LGBT-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender).

Während der Gezi-Proteste waren hier alle vereint, die von der Regierung als Feinde angesehen werden: linke Aktivisten, Kurdinnen und Kemalisten, Anarchisten, Sozialistinnen, LGBT-Leute und Fussballfans – mehr als die Hälfte davon Frauen. Sie alle kämpften gegen die symbolische Eroberung des Taksimplatzes durch Erdogan – doch vor allem war die Gezi-Bewegung eine soziale Explosion. Die Protestierenden machten dem Druck Luft, den sie von der Regierung immer mehr spürten.

Was wird geschehen, sollte Erdogan seine Drohung wahr machen und im Gezipark erneut die Bagger auffahren lassen? «Wenn ich das wüsste», sagt Yapici. «Ich werde bestimmt dort sein. Aber heutzutage kann ich das von niemandem sonst erwarten.» Um zu veranschaulichen, was sie meint, sagt sie: «Ich fürchte, dieses Mal wird uns die Polizei nicht mit Tränengas und Gummischrot bekämpfen, sondern scharf schiessen.»

Angst habe sie nicht, sagt die Gewerkschafterin. Aber sie rechne jeden Tag damit, dass die Polizei zu ihr nach Hause komme und sie mitnehme. Vor zwei Jahren sei sie bereits vor Gericht gewesen, weil sie zu illegalen Protesten aufgerufen habe. «Dabei war nichts Illegales daran», sagt sie. Sie wurde freigesprochen – aber darauf könne sie sich heute nicht mehr verlassen. Erst vor einem Monat wurden mutmassliche Mitglieder der Hackergruppe Redhack verhaftet und während zwölf Tagen im Gefängnis gefoltert – obwohl auch sie bereits vor zwei Jahren vor Gericht freigesprochen worden waren.

«Ich habe versucht, mit Abgeordneten des Europaparlaments über die zunehmend prekäre Situation in der Türkei zu sprechen», sagt Yapici. Über den Krieg, den die Regierung im Osten des Landes gegen die KurdInnen führe und bei dem viele ZivilistInnen stürben, über die Leute, die, ohne etwas verbrochen zu haben, verhaftet und im Gefängnis gefoltert würden. «Dieses Land ist keine Demokratie mehr. Es ist eine Diktatur. Doch die Antwort der Abgeordneten lautete stets: ‹Wir können nichts tun. Wir haben eine Flüchtlingskrise.› Für mich bedeutet das: Uns wird niemand helfen. Wir sind allein.»

Gezi als Utopie

Cem Köklükaya sitzt bei schummrigem Licht in seiner Bar Barba, nippt an einem Bier und blickt in die Ferne hinter dem Schnapsregal an der Wand. Mit zwei Freunden betreibt er diese Bar, im Juli haben sie zudem ein Restaurant aufgemacht. Wenn Köklükaya über Beyoglu zu sprechen beginnt, wird er nostalgisch. «Beyoglu war für mich immer ein mystischer Ort. Wir alle träumten davon, als wir jung waren», sagt er. Das Quartier im Stadtzentrum war immer schon ein sehr durchmischtes Viertel. Viele MigrantInnen aus Osteuropa, aus Griechenland, viele NichtmuslimInnen. Kneipen, kleine Konzertlokale, Theater und Kinos prägten schon zu osmanischen Zeiten das Viertel. Noch vor wenigen Jahren, sagt Köklükaya, sei Beyoglu ein Anziehungspunkt für viele Künstlerinnen und Musiker aus dem Ausland gewesen. Aber seit ein paar Jahren, ja eigentlich seit den Gezi-Protesten, habe sich hier vieles geändert.

Vielleicht ist es die Enttäuschung darüber, dass drei Jahre nach den Demonstrationen alles nur noch schlimmer geworden ist. Die Regierung erstickt mittlerweile jeglichen politischen Aktivismus, sobald er nur ansatzweise sichtbar wird. Viele jener Leute, die damals politisiert wurden, haben sich mittlerweile ins Private zurückgezogen, sie machen Karriere oder haben Familie. Man trifft sie heute eher in den Bars von Beyoglu als bei Demonstrationen.

Noch während der Proteste haben Köklükaya und seine Freunde «Barba» kurzfristig in eine improvisierte Krankenstation umfunktioniert. «Während Gezi gab es keine Gewalt hier, alle haben sich gegenseitig geholfen. Es war wie eine Utopie», sagt Köklükaya. Doch heute würden viele IstanbulerInnen das Viertel aus Angst vor Terroranschlägen meiden. Europäische TouristInnen kämen ohnehin kaum mehr, dafür vermehrt reiche AraberInnen aus dem Golf, die lieber Tee statt den türkischen Nationalschnaps Raki trinken würden.

«Das Publikum verändert auch das Bild des Viertels. Wenn ich durch Beyoglu laufe, komme ich mir mittlerweile vor wie in einer Freilichtshoppingmall. Überall gibt es teure Läden und Souvenirshops, während die Theater geschlossen werden.» Und die politische Situation ist für viele – für Künstlerinnen ebenso wie für politische Aktivisten – mittlerweile so erdrückend, dass viele darüber nachdenken, Istanbul zu verlassen. «Ich kenne keinen, der nicht zumindest den Plan hat, wegzugehen», sagt Köklükaya. «Übrig geblieben sind nur die Romantiker. Wir geben Beyoglu jedoch nicht auf.»

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