Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

«Die flüchtenden Menschen dürfen nicht nur in der Opferrolle dargestellt werden»

Weniger Stereotypisierung, mehr subversive Strategien des Widerstands: Das wünscht sich die Literaturwissenschaftlerin und Pädagogin Hajnalka Nagy für die Kinder- und Jugendbücher, die die Themen Flucht und Migration behandeln.

Interview: Silvia Süess

Illustration aus «Die Flucht». Von Francesca Sanna. Deutsche Ausgabe © 2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/Schweiz

WOZ: Frau Nagy, die Themen Migration und Flucht sind schon seit längerer Zeit in den Jugend- und Kinderbüchern angekommen, doch momentan scheint es einen richtigen Hype zu geben: Diesen Herbst erscheinen allein im deutschsprachigen Raum rund hundert Bücher zu diesen Themen. Warum so viele?
Hajnalka Nagy: Natürlich ist dieser Hype bedingt durch die gesellschaftliche und politische Situation. In den letzten Jahren hat die Zahl der flüchtenden Menschen nach Westeuropa drastisch zugenommen, darauf reagiert die hiesige Literatur – und auch der Literaturbetrieb. Da darf man nicht blauäugig glauben, dass der Literaturmarkt kein ökonomisches Interesse hat. Doch leider findet man kaum einzigartige Bücher zu dem Thema. Es gibt ein sehr gleichförmiges Schema, dem die meisten Bücher folgen.

Welches?
Die Bücher sind wie Etappenromane mit drei Stationen konzipiert. Am Anfang steht der Heimatort, der bedroht wird und verlassen werden muss. Als zweite Station kommt die Flucht. Hier müssen die Protagonistinnen und Protagonisten verschiedene Posten durchlaufen, die mehr oder weniger bedrohlich sind und stets mit Verlust-, Schmerz- und Gewalterfahrungen verbunden sind. Es gibt viele realistische Fluchtgeschichten, die die harte Realität, wie sie die flüchtenden Menschen während ihrer Reise erleben, unbeschönigt und ziemlich detailreich schildern.

Und dann folgt das Ankommen am Zielort als dritte Station?
Genau, wobei dies eigentlich nie ein richtiges Ankommen sein kann, denn die Geflüchteten kommen in Flüchtlingslagern oder Auffanglagern unter, wo sie über Jahre in Provisorien und in Unsicherheit leben, wo sie mit fremdenfeindlichen Ansichten konfrontiert werden und mit der unmenschlichen Maschinerie der Bürokratie. Hinzu kommt die Sprache des Aufnahmelands, die sie nicht verstehen und zuerst erlernen müssen. Ungefähr so ist das Schema.

Hajnalka Nagy

Und was kritisieren Sie nun an diesem Schema?
Die meisten Bücher wollen durch die Schilderung dieser Schicksale Betroffenheit hervorrufen. Aber gerade deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die die Flucht selber nicht erlebt haben, könnten sich mehr auf die politischen Verhältnisse im Aufnahmeland konzentrieren und diese genauer beleuchten. Es gäbe ganz viele Fragen, denen in den Büchern nachgegangen werden könnte.

Welche denn?
Unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen geschieht die Ankunft? Welches sind in der Öffentlichkeit die Diskurse über Flucht und Migration? Anhand welcher Kategorien wird über Identität oder über Nation diskutiert? Inwieweit beeinflussen diese Kategorien, die in uns sehr stark präsent sind und unsere Sicht auf die ankommenden Menschen prägen, die Politik? Und inwieweit prägen diese Kategorien auch die Literatur, die teilweise von deutschen Autorinnen und Autoren geschrieben wird? Ich wünsche mir, dass diese das Konstrukt der traditionellen Kategorie von Nation oder der Idee einer homogenen Kultur mehr hinterfragen.

Können Sie das genauer ausführen?
Es wird – nicht nur, aber leider auch in der Kinder- und Jugendliteratur – immer so getan, als würden die Menschen, die nach Westeuropa kommen, in homogene Gesellschaften einreisen. Das ist ja nicht der Fall. Diese Gesellschaften sind heterogen, transkulturell, mehrsprachig. Hier tappt die Literatur in die Falle der Politik, die immer wieder den Versuch der Homogenisierung und der Renationalisierung macht. Und im Grunde tut die grosse Erzählung von «Europa» auch nichts anderes als das Konstruieren von Identität unter Ausschluss des «Fremden» und der «anderen». Doch ein reines Europäertum gibt es genauso wenig wie reine Nationen. Eine kritische Auseinandersetzung oder schon nur eine kritische Haltung dazu fehlt mir in den meisten Büchern genauso wie die Frage, wie man kulturelle Differenzen und die Irritation des vermeintlich Fremden aushält oder damit umgeht.

Wie könnte die Literatur denn konkret aussehen?
Die Literatur könnte subversive Strategien des Widerstands aufzeigen: Wo sind die Handlungsmöglichkeiten von flüchtenden Menschen selbst? Warum sind diese Handlungsmöglichkeiten so eingeengt? Und wo sind die Handlungsmöglichkeiten der Leserinnen und Leser? Diese sollten nicht einfach das gelesene Buch zur Seite legen und finden: «Ach, das ist ja alles so schrecklich und traurig» – und das war es dann. Denn Literatur soll Menschen wachrütteln. Oder um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen: «Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht, uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.» Literatur soll irritieren. Und diese Irritationspunkte finde ich leider sehr selten.

Europa wird in den Büchern als homogene Kultur präsentiert, aber auch die flüchtenden Menschen werden häufig stereotyp dargestellt.
Die Probleme in den migrierten Familien werden in der Tat oft kulturalisiert. Sie werden als migrantische Probleme gezeigt. Die Autoren unterschlagen es häufig, diese in einen komplexen sozialen Kontext einzubauen.

Sind solche Kinderbücher überhaupt fördernd, um die Geschichte von flüchtenden Menschen zu verstehen?
Natürlich besteht die Gefahr, dass sie stereotype Bilder vermitteln und Klischees zementieren. Das Schwierige ist allerdings, dass diese Stereotype sehr unterschwellig und subtil vermittelt werden.

Können Sie die Problematik an ein, zwei Beispielen von neueren Büchern erläutern?
Im sehr schön gezeichneten, 2016 erschienenen Bilderbuch «Am Tag, als Saída zu uns kam» geht es um die Geschichte der Sprachfindung des Mädchens Saída aus Marokko. Auf dem Weg zur neuen Sprache wird sie von der Ich-Erzählerin, einem einheimischen Mädchen, begleitet. Beim gemeinsamen Sprachenlernen lernen sie auch den Respekt vor der Andersartigkeit und Verschiedenheit der Sprachen kennen. Die aktive Rolle dabei übernimmt jedoch das einheimische Mädchen, das sich auf die Suche nach Saídas Wörtern begibt, um ihr Schweigen zu brechen. Saída bleibt lange ein stummes Opfer, das seine Sprachlosigkeit und Trauer allein nicht überwinden kann. Das ist ein Muster, das vor allem für die Bücher der achtziger und neunziger Jahre typisch war.

Wie haben sich dieses Muster und die Stereotypisierung in den letzten Jahren verändert?
In den siebziger Jahren wurde die Migration in den Kinderbüchern im deutschsprachigen Raum vermehrt ein Thema – durch die Ankunft der sogenannten Gastarbeiter. Von den siebziger bis in die neunziger Jahre waren die Kinder mit Migrationshintergrund in diesen Büchern stereotyp und klischeehaft gezeichnet. Ausserdem wurden die Bücher zu Beginn ausschliesslich von deutschen Autoren geschrieben. Erst Mitte der achtziger Jahre begannen Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, zum Beispiel Rafik Schami, Yüksel Pazarkaya oder später Ghazi Abdel-Qadir und Alev Tekinay. Diese haben natürlich einen ganz anderen Zugang zum Thema, zeichnen die Figuren nicht so klischiert und schreiben nicht immer über Identitätskrisen und Orientierungsversuche, sondern präsentieren auch Modelle des gelungenen Zusammenlebens.

Und wie hat es sich seit den achtziger Jahren weiterentwickelt?
Bereits ab Mitte der neunziger Jahre zeichnet sich eine Änderung in der Literatur von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund ab. In Zoran Drvenkars «Niemand so stark wie wir» und «Im Regen stehen», aber auch in Nasrin Sieges «Shirin» ist das Transkulturelle ein natürlicher Bestandteil der Identität, und die Figuren wie auch ihre Lebenssituation sind komplex gezeichnet. In Drvenkars Büchern wird die Migration nicht als problemverursachend beschrieben. Hier ist es ganz natürlich, dass die Jungs mehrere Sprachen sprechen, mehrkulturell sind – aber im Mittelpunkt steht ihr Aufwachsen in Deutschland. Auch mit dem Multikultiidyll wird gebrochen, ein gutes Beispiel ist «Arabboy» von Güner Balci, in dem es um die Entstehung von Parallelgesellschaften und um eine misslungene Integration geht.

Hat diese neue Art, Geschichten zu erzählen, auch damit zu tun, dass diese nun von Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation erzählt werden?
Es gibt in der Literatur von Autoren und Autorinnen mit Migrationshintergrund ganz klar einen Unterschied zwischen dem Geschichtenerzählen der ersten und jenem der zweiten und dritten Generation. Weil Letztere ein anderes Verhältnis zum Herkunftsland der Eltern, aber auch einen anderen Blick auf das Ankunftsland ihrer Eltern, das ihr Geburtsland ist, haben. Und diese mehrfachen Bindungen, dieses An-mehreren-Orten-heimisch-Sein, können sie natürlich besser repräsentieren.

Was soll ein gelungener Jugendroman über Flucht und Migration heute beinhalten?
Die flüchtenden Menschen dürfen nicht nur in der Opferrolle dargestellt werden. Denn diese Figuren sind selber fähig, politische, soziale und kulturelle Verhältnisse in ihrem Land und im Aufnahmeland zu reflektieren und Machtgefälle kritisch zu hinterfragen. Ein sehr gelungenes Buch für mich ist «Yoruba-Mädchen, tanzend …» von der nigerianischen Schriftstellerin Simi Bedford. Es ist im deutschsprachigen Raum nicht sehr bekannt und schon bald zwanzig Jahre alt. Die Autorin erzählt von einem Mädchen aus gutem Haus in Lagos, das in ein Internat nach London geschickt wird. Dort bekommt es verschiedene Zuschreibungen wie «die Wilde», «die Negerin» – doch sie inszeniert sich selber geschickt und wendet sich systematisch gegen diese Zuschreibungen und Stereotypisierung.

Und haben Sie auch ein neueres Beispiel?
Im unlängst erschienenen «Als mein Vater ein Busch wurde» von der niederländischen Autorin Joke van Leeuwen entwickelt sich das geflüchtete Mädchen Toda zu einer mehrsprachigen Akteurin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und nicht länger in ihrer Opferrolle verbleibt. Dabei zeichnet sie sehr sensibel die Hierarchie der Sprachen nach: Obwohl sie alle Wörter und Höflichkeitsformeln erlernt, bemühen sich die Einheimischen nicht einmal, ihren vollständigen Namen auszusprechen. Durch verschiedene sprachliche Strategien gelingt es ihr aber, die Sprache als Machtmittel zu entlarven und durch die neue Sprache sich selbst zu ermächtigen.

«Die Flucht»

Zauberhaft und bedrohlich

Der furchterregende Mann überragt die Bäume. Er beugt sich zu drei kleinen Gestalten hinunter, die im Dunkeln zu ihm nach oben schauen. Sein roter Bart füllt fast die halbe Buchseite. Mit seinem langen, dünnen Zeigefinger zeigt er auf die andere Seite des Buchs, die vollständig im selben Rot wie der Bart eingefärbt ist. In einer Ecke sitzt ein eingeschüchtert dreinschauender Fuchs, darüber steht: «Doch OJE! ‹Ihr dürft nicht über die Grenze! Geht zurück!›, brüllt ein wütender Wächter. Doch wo sollen wir denn hingehen? Ausserdem sind wir todmüde.»

«Die Flucht» heisst Francesca Sannas wunderschönes und tieftrauriges Bilderbuch. Darin erzählt die in Zürich lebende sardische Autorin und Illustratorin aus der Sicht eines Kinds vom Ausbruch des Kriegs und der Flucht mit seinem Geschwister und der Mutter. Das Buch kommt mit sehr wenig Text aus, oft reicht für eine Doppelseite ein einziger Satz. Denn das eigentliche erzählerische Element sind die Bilder. Diese sind zauberhaft und bedrohlich zugleich – und so vielschichtig, dass man das Buch immer und immer wieder durchblättern muss und dabei jedes Mal Neues entdeckt. Sanna arbeitet mit grossflächigen, in matten Farben gehaltenen Bildern, auf denen die Figuren wie ausgeschnitten und aufeinandergeklebt wirken. Aus den meist dunklen Flächen tauchen plötzlich bedrohliche Gestalten auf: Schwarze Fratzen formen sich zwischen riesigen grünen Blättern, unter denen sich die Familie vor den rotbärtigen Wächtern versteckt. Hinter Baumstämmen leuchten rote Augen, schwarze Hände greifen aus dem Wald nach der Mutter. Doch die visuelle Ebene ist nicht nur unheimlich. Gegen Ende werden die Bilder wieder heller – wie schon zu Beginn. Ob die geflüchtete Familie im neuen Leben gut ankommt, bleibt aber offen.

Silvia Süess

«33 Bogen und ein Teehaus»

Direkt und ungeschönt

Ihr Vater erklärte ihr, dass sie Glück hätten: «Fast alle Flüchtlinge müssen sich auf eine lebensgefährliche Reise begeben, wenn sie nach Europa wollen. Aber wir setzen uns ins Flugzeug und steigen am Ziel aus.»

Zu diesem Zeitpunkt lebte die Ich-Erzählerin, ein neugieriges Mädchen, mit ihrer Familie in Istanbul, wohin sie 1985 aus der iranischen Stadt Isfahan geflüchtet waren. Nach dem Sturz des Schahs, der Machtübernahme durch Ajatollah Chomeini sowie dem Krieg gegen den Irak wurde der Alltag für die Arztfamilie unerträglich. Die ständige Angst, ihre Söhne würden als Kindersoldaten eingezogen, lässt sie schliesslich in die Türkei flüchten. «Was danach kommt, weiss niemand», informiert der Vater vor der Reise die Familie. «Wir müssen alles aufgeben.»

Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt im Jugendbuch «33 Bogen und ein Teehaus» ihre eigene Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte einer zerstörten glücklichen Kindheit und einer langen Reise ins Ungewisse, auf der die Flüchtenden stets unerwünscht sind. Die Autorin schreibt aus der Sicht des Mädchens, das sie damals war, direkt und ungeschönt. Wir erfahren von den langweiligen Stunden im deutschen Flüchtlingsheim, wo die Decken mit Blut- und Urinflecken übersät und zerrissen waren und die Geflüchteten dauernd angeschrien wurden. Vom schwindelerregenden Glücksgefühl, als das Mädchen ein Zweimarkstück fand und sich damit zwei kleine Schlumpffiguren kaufte. Von der Freude, endlich in die Schule gehen zu dürfen, und vom Schock, sprachlos geworden zu sein.

Eindrücklich beschreibt Zaeri-Esfahani in «33 Bogen und ein Teehaus», wie ihre gebildete, wohlhabende und angesehene Familie durch ihre Odyssee in den Westen alles verliert und mit wie vielen Entbehrungen und Demütigungen dieser Weg ins neue Leben verbunden war.

Silvia Süess

«Das Schicksal der Sterne»

Geteilte Erfahrung

In europäischen Debatten über Flucht geht häufig vergessen, dass Europa vor nicht allzu langer Zeit selbst Ausgangspunkt von Migration war. Zum Beispiel Schlesien: Die Region östlich der Oder-Neisse-Linie wurde nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht Polen zugesprochen, die dort lebenden Deutschen wurden vertrieben. Aus der schlesischen Stadt Waldenburg, heute Walbrzych, stammt Karl, eine der beiden Hauptfiguren in Daniel Höras Jugendroman «Das Schicksal der Sterne». Mit Mutter und Schwester versuchte der damals Fünfzehnjährige im Elend der Nachkriegszeit, Berlin zu erreichen. Auf dem Weg nach Westen erlebte er Hunger und Durst, wurde als «Polake» beschimpft, sah tote oder sterbende Menschen am Strassenrand. Es sind Bilder und Erfahrungen, die Karl bis ans Ende seines Lebens begleiten werden.

Als der mittlerweile über achtzigjährige Karl in Berlin Adib kennenlernt, ist dieser seinerseits fünfzehn Jahre alt. Nach der Ermordung des Vaters durch die Taliban floh Adib mit seiner Familie aus Afghanistan. Auch er kam auf der Flucht über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan mit dem Tod in Berührung. Die Geschichten der beiden Jugendlichen Karl und Adib werden in «Das Schicksal der Sterne» parallel erzählt, eingängig und ohne zu beschönigen. In der Gegenwart erwächst aus der geteilten Erfahrung von existenzieller Not – und einer gemeinsamen Leidenschaft für Astronomie – ein stilles Verständnis zwischen dem alt gewordenen Karl und Adib. Karl macht dabei eine Entwicklung durch: von anfänglicher Ablehnung zu Hilfsbereitschaft. Die weiteren Romanfiguren hingegen sind teilweise in ein Gut-Böse-Schema eingeordnet, das ihnen wenig Raum für Entwicklungen lässt. Dieser vereinfachenden Konturierung einiger Personen steht ein feines Gespür für die beiden Protagonisten und ihre Ambivalenzen gegenüber.

Rahel Locher

«Der Traum von Olympia»

Nuancierte Schattierungen

Samia rennt. Sie rennt, um ihren Peinigern von der islamistischen Miliz al-Schabab zu entkommen, sie rennt, um das Elend ihres Alltags zu vergessen, und sie rennt, um ihren Traum zu verwirklichen: Sie möchte nach London an die Olympischen Spiele. Siebzehnjährig nahm sie 2008 als Vertreterin der somalischen Delegation an den Spielen in Beijing teil. Beim 200-Meter-Lauf kam sie zwar erst zehn Sekunden nach den anderen Läuferinnen ins Ziel. Doch Samia ist überzeugt: Mit intensivem Training, richtiger Ernährung und professionellem Coaching reicht es für mehr.

In Schwarzweissbildern mit vielen Grautönen zeichnet der deutsche Comiczeichner Reinhard Kleist in der Graphic Novel «Der Traum von Olympia» die wahre Geschichte der somalischen Sportlerin nach. Um ihren Traum zu verwirklichen, begab sie sich 2012 auf eine gefährliche Reise via Äthiopien, Sudan und Libyen in Richtung Europa. Kurz vor der Küste Maltas ertrank sie. Kleist hat Samias Geschichte genau recherchiert. Er hat mit ihrer in Helsinki lebenden Schwester sowie mit Freunden und Bekannten gesprochen und somalische Flüchtlinge getroffen, die ihm ihre Fluchtgeschichte erzählt haben. Aus all diesen Erzählungen rekonstruiert er Samias Flucht in ausdrucksstarken Bildern, die ihre Kraft aus den nuancierten Schattierungen gewinnen. Da ist der qualvolle, stundenlange Marsch durch die Wüste, die Fahrt im Laster, da sind die finsteren Männer, die die Flüchtlinge ausbeuten, und da ist die immer dünner werdende Samia, deren Schatten im Gesicht dunkler und dunkler werden. Die erschütternden Zeichnungen ergänzt Kleist durch kurze Facebook-Einträge, die Samias Gedanken und Beweggründe wiedergeben. Dadurch erhält man als LeserIn eine fast schon persönliche Nähe zu ihr – was das Buch zu einer aufwühlenden Lektüre macht.

Silvia Süess

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