Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

«So beginnt die Konstruktion menschlicher Bomben»

Der marokkanische Autor Mahi Binebine kämpft unermüdlich gegen die Armut seines Landes. Einen Teil seiner Einkünfte als bildender Künstler und als Romanschriftsteller setzt er für soziale Veränderungen ein.

Interview: Astrid Kaminski

Mahi Binebine: «Ein Staat, der eine stinkende Hölle mit 400 000 Menschen ohne jede Infrastruktur entstehen lässt, ist monströs.» Foto: Laurent Moulager, www.hipstoresk.com

WOZ: Mahi Binebine, Sie sind der Autor der kleinen Leute Marokkos, aber Ihre Vita klingt nach Bourgeoisie. Wie hat sich Ihr schriftstellerisches Interesse entwickelt?
Mahi Binebine: Ich kenne die Verhältnisse, aus denen die Menschen kommen, über die ich schreibe. Mein Vater hat uns verlassen, als ich drei Jahre alt war. Wir waren sieben Kinder, und wir lebten im hintersten Winkel der Medina von Marrakesch. Meine Mutter hat sich tagein, tagaus damit herumgeschlagen, uns einen Weg aus dem Elend zu ermöglichen. Mit vierzig Jahren hat sie ihre Ausbildung begonnen und uns vorgemacht, dass man es schaffen kann. Bis zur Chefsekretärin eines Ministeriums hat sie es gebracht. Eine wahre Mutter Courage! Ich habe dann ein Stipendium bekommen, in Paris Mathematik studiert und mein Geld als Lehrer verdient. Die grosse Bourgeoisie ist das ja nicht gerade! Als ich später nach New York gegangen bin und meine Karriere, vor allem als Maler, ein bisschen explodiert ist, als ich dann 1997 im Guggenheim ausgestellt wurde und die Galerienwelt ihre Türen für mich öffnete, ja. Ab da war ich ein bisschen weniger arm.

Das ist der Unterschied: Ihre Helden bleiben arm.
Aber ich lasse ihnen immer eine Tür offen.

König Mohammed VI. von Marokko wird der König der Armen genannt. Warum?
Nach Hassan II. war alles, was man tat, eine Wohltat. Sogar wenn man nichts tat. Aber im Ernst: Der König hat einiges zum Guten gewendet. Das Wichtigste ist, dass er die Entstehung einer Zivilgesellschaft ermöglicht hat. Bei Hassan II. reichte ein Treffen von drei Personen, um wegen Verschwörung festgenommen zu werden. Dagegen gibt es jetzt eine Zivilgesellschaft, die ausgezeichnet funktioniert. So gut sogar, dass der König anfängt, sich zu sehr auf sie zu verlassen.

Bei den derzeitigen Protesten gegen Behördenwillkür und die grassierende Korruption, die auf den grausamen Tod eines Fischhändlers folgten, gibt es viele Stimmen, die sagen, dass die Politik das Volk erniedrige.
In diesem Fall vermischen sich Fakten und Gefühle. Mouhcine Fikri war anders als Bouazizi, der in Tunesien den Arabischen Frühling auslöste, kein kleiner Strassenhändler. Er war ein Fischhändler, der – im Besitz eines Kühlfahrzeugs – illegal am Hafen von Fischern Schwertfische, also eine geschützte Art, kaufte und an Restaurants weiterverkaufte. Dies zu verhindern, ist Aufgabe entsprechender Autoritäten. Sie müssen sich dabei aber selbstverständlich an die Regeln für eine Beschlagnahmung halten, das heisst, die körperliche Unversehrtheit des Händlers gewährleisten und im Folgenden die Ware an den ausgewiesenen Orten vernichten. Es handelt sich bei dieser Tragödie also um eine dramatische Häufung beruflicher Regelbrüche und gleichzeitig um den Auslöser einer geballten Ladung Wut über Machtmissbrauch, Korruption, Ungerechtigkeit und Straffreiheit, die, auch wenn das Land Richtung Demokratisierung tendiert, weiterhin gravierend fortbestehen.

In Ihrem jüngsten Buch, «Der Himmel gibt, der Himmel nimmt», werden für die jährliche Thronfeier Strassenkinder und Bettler von den Strassen Marrakeschs gesammelt und während der Feierlichkeiten interniert. Ziel ist es, das Strassenbild zu verschönern. Das ist, soweit ich weiss, keine Fiktion, sondern Realität.
Fraglos, das ist Realität. Wenn der König kommt, nimmt die Stadt helvetische Züge an. Es gibt dazu einen Witz: Ein Polizist, der zu viel Sonne abbekam, will sich unter einem Baum ausruhen. Er legt die Hand an den Baum, und der Baum sagt: «Hey, Kollege, siehst du nicht, dass ich auch im Einsatz bin? Ich stehe hier nicht einfach so rum!»

Über vierzig Prozent Analphabetismus, die Lebensbedingungen in Marokko bewegen sich im globalen Vergleich im letzten Drittel: Was macht der Staat dagegen?
Das grosse Problem Marokkos ist der Bildungssektor. In diesem Bereich wurde nichts, aber auch gar nichts unternommen. Hassan II. hat die Bildung gekappt, um die Leute klein zu halten. Mohammed VI. hat sich gesagt, es bringe nichts, in Bildung zu investieren, wenn die Leute dann später auf der Strasse stünden. Also hat er in die Wirtschaft investiert, der Rest sollte folgen. Die Folge aber ist, dass wir jetzt eine tolle Fassadenmoderne haben.

In Ihren Romanen entwickeln Sie Themen, die sich erst Jahre später in der globalen Wahrnehmung zum sozialen Problem auswachsen. In «Kannibalen» von 1999 war es die Migration über das Mittelmeer, in «Die Engel von Sidi Moumen» von 2009 der islamistische Terrorismus. Die Observation der Armut scheint Ihr Kompass zu sein.
Die Autoren des Südens – ein Phänomen, das sich in ganz Afrika beobachten lässt – leiden an einer Art Don-Quichotte-Komplex, sie wollen das Unrecht rächen. Wir wollen Leuten, die nichts zu sagen haben, eine Stimme geben. Und es ist schlicht so, dass die meisten Probleme unserer Zeit mit Armut und Bildungsrückstand zu tun haben. Als Nächstes erwartet uns das Problem des Wassers. Ich weiss nicht, wie ich einen Roman darüber schreiben werde, aber er muss kommen. In fünfzehn Jahren werden wir in Marokko kein Wasser mehr haben. Kaum jemand macht sich darüber Gedanken. Mich macht das verrückt. Ähnlich war es damals, als ich «Kannibalen» schrieb. Die Bewegungen von Süd nach Nord waren offensichtlich. Man konnte das Problem des neuen Jahrhunderts aufziehen sehen. Aber niemand sprach zu jener Zeit von illegaler Migration. Heute schnellt die Zahl der Übersetzungen in andere Sprachen nur so nach oben.

Was war der konkrete Anlass, «Kannibalen» zu schreiben?
1997, als ich in den USA war, las ich einen kleinen Artikel in der französischen Tageszeitung «Libération», in dem es hiess, dass es in der Meerenge von Gibraltar drei Tote pro Tag gibt. Drei Tote pro Tag – stellen Sie sich vor, wie viele das sind! An guten Tagen können wir Spanien von Marokko aus sehen, es sieht so nah aus. Die Leute denken, dass man sofort da ist. Sie unterschätzen die Strömungen. Ich ging also nach Tanger, um zu verstehen, was das für Menschen sind, die ein solches Risiko eingehen, und warum sie es tun. Ich traf Malier, Algerier, Marokkaner. Die meisten tun es, weil sie arm sind, manche aber auch, weil ihnen die Träume ausgegangen sind. Sie hoffen, sie woanders wiederzufinden. Ich hätte einen Essay darüber schreiben können, aber dann entschied ich mich für die effizienteste Form, den Roman. Bei einem Roman öffnet der Leser im besten Fall sein Herz.

Zu Ihrer Arbeitsweise gehört oft eine reporterhafte Recherche. Für den Terrorismusroman sassen Sie in den Hütten der Familien vonAttentätern.
Ja, das ist die Voraussetzung dafür, herauszufinden, was die Message ist. «Die Engel von Sidi Moumem» bezieht sich auf die Selbstmordattentate von Casablanca im Jahr 2003. Als ich hörte, dass die Terroristen alle aus demselben Viertel kamen, wollte ich erst einmal verstehen, warum. Also habe ich mich ins Auto gesetzt und bin hingefahren. Nach Sidi Moumen zu kommen, war in dieser Zeit nicht leicht. Die Leute waren sehr misstrauisch. Durch einen befreundeten Journalisten habe ich es geschafft. Mehr als zehn Tage habe ich dort verbracht, bei Brüdern und Cousins von Attentätern. Und ich musste feststellen, dass diese Kinder Ähnlichkeiten mit mir hatten. Das waren keine Monster, das waren Kinder wie jene, mit denen ich in Marrakesch Fussball gespielt hatte.

«Das Monster ist der Staat», das haben Sie kürzlich bei den Maghrebtagen der Friedrich-Ebert-Stiftung gesagt.
Genau so ist es. Ein Staat, der eine stinkende Hölle mit 400 000 Menschen entstehen lässt, ohne jede Infrastruktur, ohne fliessend Wasser, Kanalisation, ohne Zugang zur Schulbildung, ist monströs. Ein gefundenes Fressen für Islamisten. Sie sagen den Kindern: «Die Hölle kennt ihr schon, wir zeigen euch das Paradies.» Sie beginnen damit, diesen jungen Menschen, die im Abfall wühlen, Krätze haben, meist Drogen nehmen, Würde zu verleihen: ihnen saubere Kleider, einen kleinen Job zu verschaffen. Sie haben Netzwerke, sie haben Geld. So beginnt die Konstruktion der zukünftigen menschlichen Bomben. Etwa zwei Jahre brauchen sie, um einsatzbereit zu sein. Auch ich wäre, wenn ich die Schule nicht gehabt hätte, eine leichte Beute für diese Seelenhändler geworden. So wurde mir durch die Milieustudie klar, dass diese Mörder Opfer sind, dass dies meine Message sein würde. Ein schwieriges Anliegen: die Rechtfertigung dessen, was nicht zu rechtfertigen ist. Diese Kinder haben 45 Menschen ermordet. Keiner will hören, dass sie Opfer sind. Ich musste den Roman mittendrin zwei Jahre lang zur Seite legen, um das schreiben zu können. Dann habe ich eine Lösung gefunden …

Wie entscheiden Sie, ob Sie Ihren Tag dem Schreiben oder der bildenden Kunst widmen?
Oh, ich habe ein militärisches Tagesprogramm. Ich frühstücke mit meiner Tochter, ab acht Uhr sitze ich am Schreibtisch, um zwölf esse ich mit meiner Tochter zu Mittag, von vierzehn bis neunzehn Uhr bin ich in meinem Studio. So geht es jeden Tag, mein ganzes Leben lang. Ich bin ein Funktionär meiner selbst. Nur die Kulturzentren (vgl. «Kultur gegen Radikalisierung» im Anschluss an diesen Text) bringen mich nun durcheinander. Sie verschlingen momentan fünfzig Prozent meiner Zeit.

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