Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

«Wer nicht fit war, kam nicht rein»

In den achtziger Jahren kamen die ersten portugiesischen GastarbeiterInnen ins Oberengadin. Viele sind geblieben, mittlerweile sind ihre Kinder hier aufgewachsen. Diese jüngere Generation will – anders als die ältere – auch in Zukunft hier bleiben.

Von Jan Jirát (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Auf dem Platz des FC Lusitanos in Samedan: Trainerin Diana Antunes will sich nach der Lehre einbürgern lassen, Skiverkäufer Max Almeida will nach der Pensionierung zurück nach Portugal.

Als Max Almeida vor 32 Jahren erstmals nach Pontresina kam, wusste er nicht, wie sich Schnee anfühlt. Heute ist er sicher einer der kompetentesten Skiverkäufer im Oberengadin – und das Skifahren ist zu seiner grossen Leidenschaft geworden. Auf dem Weg zur Mittagspause im Dorfcafé grüsst der 49-jährige Almeida jeden Autofahrer und jede Passantin mit Namen. An der Strassenkreuzung passt ihn ein italienischer Handwerker ab. Der sagt, er habe in Südtirol ein Paar Ski für 600 Euro gesehen, die hier im Sportgeschäft über 1000 Franken kosten würden. «Wie ist das, che cazzo, möglich?» Almeida lacht und erklärt dann auf Italienisch, dass man den Einfuhrzoll sowie die Kosten für die Beratung nicht vergessen dürfe. «Die Schweiz ist ein teures Pflaster, das weisst du so gut wie ich.»

Almeida war achtzehn, als ihm sein Bruder in Pontresina einen Job als Hilfskonditor verschaffte. Er war damals, Mitte der achtziger Jahre, einer von etwa zwanzig PortugiesInnen in Pontresina. Heute leben hier rund 400 Landsleute, fast ein Fünftel der Bevölkerung. Und über ein Drittel der SchülerInnen im Dorf hat portugiesische Wurzeln.

Die erste Zeit in der Schweiz war hart für Almeida. Damals galt noch das Saisonnierstatut, eine Regelung, die es den hiesigen Firmen ermöglichte, ausländische ArbeiterInnen temporär für ein paar Monate zu beschäftigen. Es war nicht vorgesehen, dass sie sich langfristig niederliessen. «Arbeiten, essen, schlafen – das war unser Programm», sagt Almeida, «unsere Familien mussten ja zu Hause bleiben.» Bis heute erinnert er sich mit Grauen an die Gesundheitskontrollen bei jedem einzelnen Grenzübertritt. «Wer nicht fit war, erhielt keine Bewilligung.» Und nie konnte man sicher sein, ob es in der nächsten Saison wieder Jobs geben würde.

Viersprachig aufgewachsen

Auf dem Fussballplatz in Samedan trainieren die Junioren des FC Lusitanos zum letzten Mal vor der Winterpause draussen. In jeder Platzhälfte kickt ein Team, im Mittelkreis schieben sich ein paar Väter den Ball zu, die Mütter, in giftgrüne Decken gehüllt, schauen vom Spielfeldrand zu. Plötzlich ein Pfiff. Sofort versammeln sich die zwölfjährigen Junioren um Diana Antunes, ihre Trainerin. Die Neunzehnjährige erklärt die nächste Übung. Kurz darauf lässt sie zwei Jungs mit einer einfachen Körpertäuschung ins Leere laufen. Lachend hilft sie ihnen wieder auf die Beine.

«Ich spiele Fussball beim FC Lusitanos, seit ich drei Jahre alt bin. Oft war ich das einzige Mädchen in der Mannschaft», sagt Antunes. Den Verein gründeten portugiesische Gastarbeiter Anfang der neunziger Jahre. Das Klubhaus in der Gewerbezone Samedans ist der wichtigste Treffpunkt der portugiesischen Community in der Hochebene, wichtiger noch als die Kirche.

Antunes ist in La Punt Chamues-ch aufgewachsen, nur wenige Kilometer vom Fussballplatz entfernt. Zu Hause sprach sie Portugiesisch, im Schulzimmer Rätoromanisch und Deutsch, auf dem Pausenplatz und in der Freizeit oft Italienisch, das hier ebenfalls verbreitet ist. «Wenn ich träume, dann auf Portugiesisch oder Rätoromanisch», sagt sie. Es seien ihre zwei wichtigsten Sprachen – die zwar verwandt sind, sich aber doch beträchtlich unterscheiden, wie Antunes bestätigt.

Schon immer war es ihr wichtig, ihren eigenen Weg zu gehen. «Meine Familie stammt aus armen Verhältnissen, meine Grosseltern und auch meine Eltern mussten früh arbeiten gehen, ohne abgeschlossene Ausbildung», erzählt Antunes. In ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit bei ihren NachbarInnen, während die Mutter Hotelzimmer reinigte und der Vater Gemüse verkaufte. «Ich will ein unabhängigeres Leben.»

Ein Städtchen zieht um

Max Almeida hat sich die Gitarre umgehängt. Gleich beginnt die Probe des Kirchenchors vom Club Português da Engadina, der auch Sprachkurse anbietet. Im Kellerzimmer der katholischen Kirche steht sein Bruder Duarte zu seiner Linken, seine Schwägerin Maria zu seiner Rechten, in den Händen ein Gesangbuch. «Alleluja!» Drei Männer- und sechs Frauenstimmen. Die Lieder so inbrünstig vorgetragen, dass sie an diesem Novemberabend eher nach Revolution als nach Kirche klingen.

Oft reicht ein Stichwort, und alle wissen, worum es geht. Es wird gelacht und gefeixt – auf Portugiesisch. Die Chorprobe ist eine Art Familientreffen, fast alle Anwesenden stammen aus demselben Flecken im nördlichen portugiesischen Hinterland rund um das Städtchen Tarouca. «Die ersten Gastarbeiter hier oben waren aus dieser Gegend. Mit der Zeit haben sie ihre Verwandten und Bekannten nachgezogen», sagt Max Almeida. Die Familie von Diana Antunes kennt er selbstverständlich bestens. In wenigen Tagen steht das Sankt-Martins-Fest vor der Tür, ein wichtiger Feiertag. «Da werden wir uns alle treffen, um Kastanien zu essen und Wein zu trinken, wie das bei uns Tradition ist.»

Ein Kirchenchor, ein Fussballteam, ein Klubhaus – es hat sich viel getan, seit die ersten portugiesischen GastarbeiterInnen ins Oberengadin kamen. Ihre arbeitsrechtliche Situation hat sich deutlich verbessert, massgeblich dank der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU. Trotzdem hat es drei Jahrzehnte gedauert, ehe Max Almeida beschlossen hat, sich einbürgern zu lassen. In diesem Frühjahr hat die BürgerInnengemeinde von Pontresina der Familie Almeida das Bürgerrecht gewährt.

«Es war ein langer Prozess, sich wirklich zugehörig zu fühlen. Aber ich zahle seit Jahrzehnten Steuern hier, meine Kinder sind hier zur Schule gegangen. Da darf ich doch mitentscheiden, was hier passiert», sagt Almeida. Bis zu seiner Pensionierung will er sicher im Dorf bleiben. «Danach gehe ich wohl zurück. Aber nur für die Sommermonate. Den Winter will ich in Pontresina verbringen», sagt Almeida, «auf Skiern.»

Disco statt Klubhaus

Ein letztes Mal versammelt Diana Antunes ihre Mannschaft um sich. Das Training ist zu Ende. Per Handschlag verabschiedet sie sich von ihren Spielern. Einem Jungen leiht sie kurz ihr Handy aus, damit er seine Eltern zum Abholen bestellen kann. Antunes ist zufrieden mit ihren ersten drei Monaten als Trainerin. Das Team liegt auf dem fünften Tabellenrang. Wichtiger sei aber etwas anderes: «Mein Ziel ist es, dass alle spielen und Spass daran haben.»

Gerne würde Antunes nach der Trainingseinheit ins Klubheim, wie die Väter ihrer Junioren, um dort noch ein wenig Champions League zu schauen. Doch sie muss am nächsten Tag um 4.30 Uhr aus den Federn, um nach Chur in die Schule zu gehen. Im nächsten Sommer wird sie ihre Lehre als Dentalassistentin abschliessen, später möchte sie die Matura nachholen und studieren.

Mit Ausnahme des Fussballs und gelegentlicher Kirchenbesuche spielt sich das Leben von Antunes weitgehend ausserhalb der portugiesischen Community ab. «In meinem Freundeskreis ist meine Herkunft kein Thema», sagt sie. Portugal besucht sie zweimal im Jahr in der Ferienzeit. Aber dort leben? Das kann sie sich – im Gegensatz zu ihren Eltern – nicht vorstellen. «Ich bleibe hier. Das wissen meine Eltern.» Sobald ihre Lehre abgeschlossen und der Prüfungsstress vorbei ist, will sie sich einbürgern lassen.

Sankt Martin wird sie im nahen Südtirol mit ihren FreundInnen in einer Disco feiern. Max Almeida sieht sie trotzdem bald wieder. Spätestens wenn Benfica Lissabon, der Lieblingsverein der beiden, das nächste Mal in der Champions League spielt.

PortugiesInnen im Kanton Graubünden

Nur wenige Einbürgerungsgesuche

Derzeit leben 9542 PortugiesInnen in Graubünden, davon 2100 im Oberengadin. Sie sind die grösste AusländerInnengruppe im Kanton. Die Zuwanderung der portugiesischen GastarbeiterInnen setzte in den achtziger Jahren ein und hält bis heute an. 1990 lebten 855 PortugiesInnen in Graubünden, ein Jahrzehnt später waren es bereits 2555. Besonders ausgeprägt war die Einwanderung aus Portugal gerade in den letzten fünfzehn Jahren. Das hängt einerseits mit dem wirtschaftlichen Aufschwung hierzulande zusammen, andererseits mit der Einführung der Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU sowie der Abschaffung des Saisonnierstatuts im Jahr 2002.

Gemäss dem Amt für Wirtschaft und Tourismus liegt die Zahl der PortugiesInnen mit doppelter Staatsbürgerschaft kantonsweit nur gerade bei etwa 400. Eine tiefe Einbürgerungsquote zeigt sich auch im Oberengadin, wo in den vergangenen zehn Jahren gerade einmal 35 Einbürgerungsgesuche gestellt worden sind. Auffallend ist, dass über die Hälfte der Gesuche aus den letzten beiden Jahren stammt, es ist also ein deutlicher Anstieg erkennbar – und zwar im ganzen Kanton.

Um eingebürgert zu werden, muss man gewisse Voraussetzungen erfüllen. Die gesuchstellende Person muss eine der drei Kantonssprachen – Deutsch, Rätoromanisch oder Italienisch – sprechen und eine gewisse Anzahl an Jahren in ein und derselben Gemeinde gelebt haben. Im Minimum vier Jahre, meistens aber liegt die Grenze zwischen sechs und zehn Jahren. Ausserdem darf kein Strafregistereintrag vorliegen. Auf Gemeindeebene entscheidet die BürgerInnengemeinde über das Gesuch. Grundlage dafür ist ein sogenanntes Einbürgerungsgespräch, das aus staatspolitischen, historischen und volkskundlichen Fragen zum Bund, zum Kanton und zur Gemeinde besteht.

Jan Jirát

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text «Wer nicht fit war, kam nicht rein» aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr