Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Im Sadomasokeller des ultranahen Ostens

So nah und doch so weit: Wie ich schon in jungen Jahren mit österreichischer Kultur traktiert wurde – und dank solcher Früherziehung lernte, dass man mit Sarkasmus jeden reaktionären Frohsinn vergiften kann.

Von Florian Keller

Hinein ins Loch: Vergnügungsbahn im Wiener Prater. Foto: Frank Robert, Anzenberger

«fort, mops, fort!» Sie nennen es Konkrete Poesie, aber für uns wars damals einfach ein prima Kindervers, bis hin zu der freudig unappetitlichen Pointe: «ottos mops kotzt.» Und es war bei weitem nicht nur Ernst Jandl. Ich will meinen Eltern gar keinen Vorwurf machen, es ist einfach ein Fakt: Schon in sehr jungen Jahren, noch bevor ich mir dessen bewusst war, wurde ich mit österreichischer Literatur traktiert. Mein Vater zitierte auch lieber Thomas Bernhard und H. C. Artmann als, sagen wir, Max Frisch und Jeremias Ogottogotthelf. Und offen gestanden, so eine kabarettistische Früherziehung mit Georg Kreisler auf Heavy Rotation ist schon nicht zu verachten.

Von Kreisler hab ich gelernt, wie man mit Sarkasmus jeden reaktionären Frohsinn vergiften kann. Seine kleine Marschmusik mit dem Titel «Schützen wir» ist ja bis heute der beste Protestsong zum staatlichen Gewaltmonopol: «Oder sagen wir, ein Student / Geht spazieren vorm Parlament / Ja, was denkt sich der dabei / Schützen wir die Polizei!» Warum wird das eigentlich nie gespielt bei Reclaim the Streets? Und wer ausser Kreisler kann anhand einer Blähung in drei Minuten das Wesen der parlamentarischen Demokratie erklären? Wie die Axt im Haus den Zimmermann, so ersetzt «Der Furz» auf dem Plattenteller ganze Staatskundestunden. Sogar den heute epidemischen Facebook-Troll hat Kreisler schon karikiert, zu einer Zeit, als Mark Zuckerberg noch nicht einmal ein Furz in den Sternen war: «Mir gfallts. Aber i bin dagegen!»

Brötchenkauf mit Schwierigkeiten

Erst viel später hab ich kapiert, dass dieser singende Klavierspieler mit der blendend schlechten Laune erstens Wiener und zweitens Jude war (oder auch umgekehrt). Er war also in doppelter Hinsicht nicht unbedingt repräsentativ für die Kultur seines Landes, das wir in der Kindheit sonst nur aus Deppenwitzen kannten. Aber von Kreisler führte schon bald eine mehr oder weniger direkte Linie in die Hitparade, nämlich zu den auch gerne mal makabren Schlagern der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV). Als wir Buben an unserem ersten Klassenfez eine Playbackshow aufzogen, stand ich mit «Heisse Nächte in Palermo» am Mikrofon (Bildbeweis nur gegen Entgelt erhältlich), und «Fata Morgana» von EAV war einer der ersten Popsongs, an die ich mich überhaupt erinnern kann. Im Refrain dann diese unvergessliche Zeile, die mir die Basis für dialektisches Denken legte, dies in einem Alter, da wir den Namen «Hegel» höchstens von «De schnällscht Zürihegel» kannten: «So nah und doch so weit.» Genau so verhält es sich bis heute mit dem Verhältnis zwischen Österreich und der Schweiz.

So weit: Das wurde mir wieder mal so richtig bewusst vor zwei Jahren, als ich in Graz in einer Bäckerei stand und mir alles, was ich in der Auslage sah, erst erklären lassen musste. Das Gebäck war zwar säuberlich angeschrieben, aber nicht in einem Deutsch, wie ich es kannte. Die Wörter waren mir völlig unverständlich. Da willst du in der Steiermark nur mal schnell ein Brötchen kaufen, aber zwischen dir und dem steirischen Brötchenvokabular tut sich ein kultureller Abgrund auf.

Stinkgemütlich im Untergrund

Und das mit der Fata Morgana gilt ja auch umgekehrt: So weit und doch so nah. In manchem ist uns der ultranahe Osten, der gleich hinter dem Fürstentum beginnt, viel ähnlicher, als wir meinen. Zum Beispiel: In der Schweiz haben wir unser Réduit, drüben in Österreich haben sie ihre Keller. Wobei diese nationale Topologie kulturell dann wieder ziemlich gegensätzlich besetzt ist: Uns dient das Réduit dazu, das Böse auszusperren, sie nutzen den Keller, um das Böse auszuleben (vgl. Fritzl, Priklopil und andere).

Von Ulrich Seidl gibts einen schönen Dokumentarfilm über diese Obsession seiner Landsleute. Der Film heisst «Im Keller», und wir lernen darin einen alten Österreicher kennen, der seinen privaten Keller zu einer stinkgemütlichen kleinen Nazigedenkstätte hergerichtet hat, samt grossformatigem Hitler-Gemälde und einer ganzen Reihe zackiger Memorabilien aus dem «Dritten Reich». So ähnlich hätte das Seidl auch bei uns in der Schweiz drehen können. Er hätte einfach beim Walliser Staatsrat Oskar Freysinger (SVP) läuten müssen, um mal kurz nachzuschauen, ob in dessen unterirdischem Arbeitszimmer immer noch die deutsche Reichskriegsflagge an der Decke hängt. So etwas verbindet. Aber gut, dieser Freysinger ist schliesslich der Sohn eines Österreichers.

(Hier könnte man jetzt einen Abschnitt über den Sissi-Kult einfügen, aber Monarchie hat mich nie interessiert, also lassen wir das. Und die einzige Kaiserin, die ich dem Land heute wünschen würde, trägt Damenbart: Sie heisst Conchita Wurst.)

Kreisen ums schwarze Loch

Ein Grossteil der österreichischen Literatur, so hat Elfriede Jelinek einmal gesagt, kreise um das «schwarze Loch» namens Adolf Hitler. Man sollte das nicht so eng sehen: Ein Grossteil nicht nur der Literatur, sondern der österreichischen Kultur überhaupt kreist um dieses Loch, die Wiener Sängerknaben und Wanda vielleicht mal ausgenommen. Die Kunst arbeitet sich ab am verheerenden Erbe eines verhinderten Künstlers. Und im Hintergrund die hypothetische Frage: Wie wäre die Geschichte im 20. Jahrhundert verlaufen, wenn dieser junge Maler aus Braunau nicht zweimal abgewiesen worden wäre bei der Aufnahmeprüfung für die Wiener Kunstakademie?

Traum und Trauma: Ein Wiener Jude, Sigmund Freud, hat uns gelehrt, Träume zu deuten und das Unbewusste zu verstehen, ein anderer Österreicher hat später einen ganzen Kontinent bei vollem Bewusstsein in einen realen Albtraum gestürzt. Aber da ist noch ein dritter, ohne den sich die österreichische Kultur bis heute nicht verstehen lässt: Leopold von Sacher-Masoch, der uns gelehrt hat, wie man aus Schmerz und Demütigung Lust empfindet.

Da hätten wirs: Österreich, das Land wie auch seine Kunst, ist ein masochistisches Experiment am kollektiven Organismus. Oder wie es im Refrain einer Textcollage von Elfriede Jelinek so bodenlos prägnant heisst: «Bitte helfen Sie mir, ich liebe Österreich.»

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