Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

«Dann ist der Witz der Ernst»

Seit bald zehn Jahren macht sich das Satirikerduo Stermann & Grissemann in seiner Wochenschau «Willkommen Österreich» über alles lustig, was Österreich beschäftigt. Ein Besuch im Studio.

Von Silvia Süess, Wien

«Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebungsentscheidung»: Christoph Grissemann und Dirk Stermann bei «Willkommen Österreich». Foto: Hans Leitner, ORF

«In China gibts jetzt einen neuen Freundschaftsgruss unter Männern: Möge dein Orgasmus so lange dauern wie ein österreichischer Wahlkampf!» – Das Publikum im Wiener Studio von «Willkommen Österreich» klatscht und johlt. Seit bald zehn Jahren wird hier am Montagabend die Satiresendung aufgezeichnet und am nächsten Abend auf ORF ausgestrahlt. Vorne steht der Schauspieler und Kabarettist Christoph Grissemann, mit einem schwarzen Nikab verhüllt – «eine Promi-Burka, damit ich nicht den gierigen Blicken der Frauen ausgesetzt bin» –, und spuckt Pointe um Pointe aus. Sein Kollege Dirk Stermann neben ihm trägt einen Kittel und ein T-Shirt mit der Aufschrift «Bundespräsidentenwahlen 2016–2020. Ich war dabei» und nimmt die Sprüche seines Partners stirnrunzelnd zur Kenntnis.

Es ist Ende September 2016. Am 2. Oktober hätte in Österreich die Wiederholung der Bundespräsidentschaftswahlen stattfinden sollen. Die Partei des ultrarechten FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer hatte dessen knappe Niederlage gegen den Grünen Alexander Van der Bellen vom Mai erfolgreich angefochten. Doch da der Leim der Wahlcouverts nicht richtig klebte, musste der Wahlwiederholungstermin vom 2. Oktober auf den 4. Dezember verschoben werden. Das «Klebergate» ist eine herrliche Steilvorlage für die 330. Show der beiden Satiriker, die in den nächsten zwei Stunden zu Hochform auflaufen und schon mal das Unwort des Jahres 2016 küren: «Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebungsentscheidung.»

Wie ein Kind mit ADHS

Doch bevor sie loslegen können, gibts für das Publikum ein paar Instruktionen vom tätowierten Aufnahmeleiter mit Schnauz und Hawaiihemd: «Handy ausschalten. Kaugummis machen im Fernsehen keinen schlanken Fuss, also bitte raus damit, aber nicht unter die Sitze kleben.» Viele der mehrheitlich jungen BesucherInnen kennen die Regeln, da sie nicht zum ersten Mal im Studio sind. Dann wird kurz das Klatschen geübt, während vier Kameras auf das Publikum gerichtet sind. «Geil», meint der Aufnahmeleiter, und Grissemann sagt: «Ihr seid das beste Publikum, das je hier war. Ich sag das immer, aber heute stimmt es.» Georgi, der Sänger der Russenpolkaband Russalka, die bei jeder Show im Studio dabei ist, macht ein paar Lockerungsübungen mit uns: «Aufstehen, strecken, nach links, nach rechts», kommandiert er mit seiner tiefen, brüchigen Stimme. Dann geht es nach einer kurzen technischen Panne los.

Grissemann und Stermann sind ein perfekt eingespieltes Team. Sie kennen sich ihr halbes Leben, stehen seit Jahren auch in Theaterproduktionen gemeinsam auf der Bühne und erreichten mit ihrer Radioshow «Salon Helga» bereits in den neunziger Jahren Kultstatus, den sie mit ihrer «Deutschen Kochschau» (Untertitel: «Wie uns das Fernsehen zu Nazis macht») zementierten. Ihr Humor ist bösartig, zynisch, deftig, fäkal und anzüglich. Die Rollen zwischen den beiden sind klar verteilt: Der kleinere Österreicher Grissemann ist der Ruhelose, Fiese. Wie ein Kind mit ADHS tigert er durch den Raum, grinsend und unberechenbar, jeden Moment bereit, aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Der Deutsche Stermann spielt den Part des kultivierten, ruhigen Traumschwiegersohns, den kaum etwas aus der Fassung bringt. Stoisch lächelnd blickt er mit treuen Hundeaugen in die Kamera, doch auch er kann ganz schön zynisch werden. Die Sendung besteht aus «Gags, Gags, Gags» – wie das Grissemann stets zu Beginn der Sendung ankündigt. Diese speisen sich aus dem Geschehen der vergangenen Woche. Da werden politische Ereignisse satirisch kommentiert, peinliche und absurde österreichische Medienberichte genüsslich vorgeführt und österreichische Promis persifliert. Grossartig ist Grissemann in der Rolle des kreidefressenden Norbert Hofer, der zu einer Homestory in seinem «Reich» empfängt. Die ZuschauerInnen jubeln, als die Aufnahmen eingeblendet werden – Hofer-WählerInnen sitzen hier keine. Am Ende jeder Sendung begrüssen die beiden prominente Gäste aus Österreich oder Deutschland, selten auch aus der Schweiz. Zu Besuch waren unter anderen Josef Hader, Helene Fischer, Stefanie Sargnagel, Christian Kracht, Wolf Haas, Conchita Wurst oder Charlotte Roche.

Von der Realität überholt

Seit 2012 ist auch die Kabarettgruppe Maschek ein fixer Bestandteil der Sendung. Peter Hörmanseder und Robert Stachel verfolgen schweigend am Rand der Bühne vor ihrem Laptop das Geschehen bis zu ihrem Auftritt. Ihr Konzept ist so schlicht wie genial: Sie drehen den Menschen wortwörtlich die Worte im Mund um, indem sie Nachrichtenbeiträge, Ansprachen von PolitikerInnen oder Reportagen mit ihrem eigenen Text synchronisieren. Dadurch erhalten die Beiträge völlig neue Inhalte – aktuell, politisch und sehr zynisch. Bei Maschek unterhalten sich Angela Merkel und Barack Obama im bayerischen Krün bei Bier, Brezen und Wurst über die Trennung von Brad Pitt und Angelina Jolie. «Barack, du und ich, wir waren ja auch ein Traumpaar», näselt Merkel, «Barangela quasi.» Aus Anlass des «Klebergate» lässt Maschek den Chef des Bundeskriminalamts während einer Presskonferenz vermelden: «Österreich ist seit vielen Monaten in der Geiselhaft der Bundespräsidentschaftswahlen.» Der ganze Medienzirkus wird ad absurdum geführt mit realen Bildern, die mit falschem Text unterlegt werden. Das Unheimliche daran ist, dass Mascheks Konzept von der Realität überholt wird. Der Ton in der Politik ist «maschekesk» geworden. Reden von PolitikerInnen wie Donald Trump, Frauke Petry oder Heinz-Christian Strache tönen mittlerweile, als ob sie von Maschek synchronisiert worden wären. Was macht man als Satiriker, wenn die Realität einen überholt? «Dann musst du als Satiriker ernst werden», sagt Robert Stachel nach der Sendung beim Bier an der Bar. «Humor hat immer mit der Umdrehung der Realität zu tun. Jeder Witz arbeitet mit dem Bruch der Ordnung. Wenn die Ordnung Satire ist, dann ist der Witz der Ernst.»

Stachel kommt selber aus dem Journalismus, hat nach seinem Studium der Publizistik und Politikwissenschaften bei einem Piratenradiosender gearbeitet und den Community-Fernsehsender Okto mit aufgebaut. Für ihn hat die Arbeit eines Satirikers viel mit Journalismus zu tun: «Wir befinden uns auf der Kommentar- oder Meinungsseite und können Themen setzen.» Satiriker seien enttäuschte Idealisten. «Genau das macht den Humor aus: Du musst ja Idealist sein, um dich über einen Missstand zu empören.» Ist demnach die lange Tradition des politischen Kabaretts und der Satire in Österreich darauf zurückzuführen, dass es in diesem Land so viele enttäuschte IdealistInnen gibt? Ein weiteres Bier geht über den Tresen, Stachel holt zur Erklärung aus: «Ja sicher, und auch, weil die Missstände im Land so gross sind. Dies hat auch mit unserer Vergangenheit zu tun: Die jahrhundertelangen Monarchien, die lange verschwiegene Nazivergangenheit, die politische Nähe zum Balkan mit seiner Anfälligkeit für den starken Mann – diese historischen Hintergründe prägen die Politik sowie den Humor hierzulande. Und dann haben wir den Katholizismus, der für unseren Humor sehr wichtig ist: Die Protestanten nehmen sich ja sehr ernst. Wir jedoch nicht, denn wir sind in einem System gross geworden, wo wir unsere Sünden einfach beichten gehen können. Deswegen dürfen wir auch viel derbere Witze machen als sie. Daraus speist sich schliesslich der berühmte Wiener Schmäh: Dieser ist eine ständige Humorbereitschaft. Hinter jeder Ecke könnte ein Schmäh lauern. Der Wiener Schmäh kann entwaffnen, aber auch sehr derb sein. Und das Sexuelle und Fäkale gehören hier einfach dazu. Der Wiener an sich ist ja sonst kein fortschrittlicher Mensch, aber im Wiener Schmäh traut er sich sehr viel, geht sehr weit. Man sagt hier bei uns: ‹Lieber einen Freund verlieren als eine Pointe auslassen›.»

Im rauchigen Dunkel

Als die Bar schliesst, ziehen wir weiter in die Stadt. Am Ende sitzen wir im Café Anzengruber. An diesem berüchtigten Wiener Treffpunkt von Literaten, Journalistinnen und Künstlern werden die Gäste nicht vor die Tür gestellt, sondern die ganze Nacht bedient. Zwar wird das Licht gelöscht und die Haupttür verschlossen, aber die Gäste kommen und gehen durch die Seitentür. Die Aschenbecher auf den Tischen füllen sich, im rauchigen Dunkel vor Bier, Grappa, Radler, Gspritzten und einem Gulasch fallen Sätze wie: «Also, eigentlich mag ich den Deutschen die AfD ja gönnen: Da haben sie sich jahrelang über unsere rechten Politiker lustig gemacht, und nun haben sie den ganzen Salat selber.» – «Mir ist mittlerweile eigentlich wurscht, wer zum Bundespräsidenten gewählt wird.» – «Natürlich hoffe ich, dass Hofer nicht gewinnt, aber seien wir ehrlich: International gesehen wird das kaum Bedeutung haben, wer gewählt wird. Da müssen wir uns viel mehr um Trump sorgen.»

Damals, Ende September, wussten wir noch nicht, wie gross unsere Sorgen tatsächlich noch werden würden.

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