Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Im Ring geht es nicht darum zu überzeugen, sondern darum zu begeistern.

Die heutigen Rechten sind nicht Boxer, sondern Wrestler. Wie ein über sechzig Jahre alter Aufsatz des französischen Philosophen Roland Barthes helfen kann, das aktuelle Intellektuellen-Bashing zu kontern.

Von Remo Grolimund

Die aktuelle Rechte kämpfe wie ein Boxer mit Glaskinn: ein Bully im Austeilen, ein Baby im Nehmen. Zu diesem Schluss kam der scheidende «Tages-Anzeiger»-Redaktor Constantin Seibt in seiner Analyse des erfolgreichen Rechtspopulismus in den USA, Europa und der Schweiz. In vielem hat Seibt recht. In einem Punkt aber liegt er falsch: Die aktuelle Rechte kämpft nicht wie ein Boxer. Sie kämpft wie ein Catcher, ein Wrestler. Und genau das erklärt einen Teil ihres gegenwärtigen Erfolgs.

Nach Donald Trumps Wahlsieg ist es Mode geworden, den Intellektuellen ihre vermeintliche Volksferne vorzuhalten. Dieser Vorwurf hätte beim 1980 verstorbenen französischen Philosophen und Zeichenleser Roland Barthes nicht verfangen. Barthes war ein Intellektueller, der wie kaum ein anderer vor ihm durch seine lustvolle Auseinandersetzung mit der «niederen», populären Kultur bekannt wurde. In seiner Freizeit besuchte er gerne Catch-Matches: in zweitklassigen Pariser Sälen abgehaltene Schaukämpfe, bei «denen das Publikum spontan in die schauspielhafte Natur des Kampfes einstimmt, wie es das Publikum eines Vorstadtkinos tut». Seine vor mehr als sechzig Jahren erstmals erschienene Essaysammlung «Mythen des Alltags», die sich dem Entschlüsseln alltäglicher Phänomene widmete, eröffnete er mit einem Aufsatz über die Zeichensprache des Catchens. Sein Titel: «Le monde où l’on catche».

Das Gefühl einer Eindeutigkeit

Die «Welt des Catchens» wurde im Vorfeld der US-Wahlen in verschiedenen Magazinen als Schablone herangezogen, um das Phänomen Trump zu verstehen. Und tatsächlich klingt in Barthes’ Aufsatz die vom Wrestlingring auf die politische Bühne verpflanzte postfaktische Welt an, in der wir uns heute wiederfinden: «Das Publikum schert sich keinen Deut darum, ob der Kampf getrickst ist oder nicht, und es hat Recht: Nicht darauf, was es glaubt, kommt es ihm an, sondern darauf, was es sieht.» Der Catcher ist, anders als der Boxer, nicht der Sportlerehre verpflichtet, die Constantin Seibt auf die Politik übertragen wohl Haltung nennen würde. Das Glaskinn gehört zum Spiel, der Catcher hat den Schmerz des Menschen «mit der ganzen Verstärkung der tragischen Masken» mimetisch darzustellen. Im Wrestlingmatch bedeuten Regeln, anders als im Boxkampf, keineswegs einen vom Schiedsrichter streng durchgesetzten Zwang. «Da das Böse das natürliche Klima des Catchens bildet, hat der regelgemässe, sozusagen höfliche Kampf den Wert einer Ausnahme; das Publikum wundert sich darüber und begrüsst ihn beiläufig als eine unzeitgemässe und leicht sentimentale Rückkehr zur sportlichen Tradition.»

Im modernen Wrestling können deshalb gerade die sprichwörtlichen Bad Guys auf die begeistertste Anhängerschaft überhaupt zählen. Ein erfolgreicher Catcher braucht nicht nur Muskelpakete, Showtalent und athletisches Geschick. Vor allem verkörpert er eine gute Geschichte. Und er verkörpert sie ganz, klar und unmissverständlich. «Ein Catcher kann verärgern oder abstossen, nie wird er enttäuschen, denn er erfüllt über eine fortschreitende Verfestigung der Zeichen stets bis zum Schluss, was das Publikum von ihm erwartet.» Was der Catcher dem Publikum dabei vorspielt, ist gemäss Barthes eine ideale Verständlichkeit der Dinge, eine Euphorie, in der die Menschen für eine Weile aus der grundlegenden Uneindeutigkeit und Unverständlichkeit des Alltags herausgehoben seien: «Das populäre Bild der vollkommenen Erfassbarkeit der Welt, ohne Hindernis, ohne Verlust, ohne Widerspruch.» Der Catcher vermittelt seinem Publikum wenigstens für die Dauer eines Matches das Gefühl einer Eindeutigkeit und Ganzheit. Ein Gefühl, das uns in der Moderne, und erst recht in der Postmoderne, abhandengekommen ist.

Der widerlichste Schweinehund

Die heutigen Intellektuellen hätten das Interesse verloren für die wahren Sorgen und Ängste des «einfachen Bürgers», oder einfach des «Bürgers», des «Volks» oder der «schweigenden Mehrheit», hiess es während der letzten Monate wiederholt, etwa auch im Feuilleton der NZZ. Das ist Unfug. Wenn ein Problem besteht, dann eher dieses: dass sich die Intellektuellen nicht der gleichen (Zeichen-)Sprache bedienen wie dieses «einfache Volk». Sodass man ihr Interesse nicht mehr versteht – oder nicht mehr verstehen will. Die Postmoderne hat die Intellektuellen gelehrt, die in Wahrheit komplexe, widersprüchliche und oft schwer verständliche Welt zu dekonstruieren. Sie haben gelernt, Eindeutigkeiten zu hinterfragen, methodisch korrekt zu differenzieren. Dabei sind sie zu miserablen Catchern geworden. Sie haben verlernt, dem Publikum emotionale, symbolische Anknüpfungspunkte zu bieten. Und so geraten sie im Ring ins Hintertreffen gegen all die Kämpfer, die «das Bild des widerlichsten Schweinehunds, einer Hyäne, restlos ausfüll[en]». Laut Barthes ist dies genau das Bild des Bad Guy, das das Publikum im Frankreich der fünfziger Jahre beim Besuch eines Wrestlingmatchs suchte. Und ich würde unterstellen: Es ist auch das Bild des Bad Guy, das das Publikum der USA, Europas und der Schweiz heute sucht. Im Ring geht es nicht darum zu überzeugen, sondern darum zu begeistern. Vielleicht gelingt das in Zukunft auch wieder mit Haltung.

Roland Barthes: «Mythen des Alltags». Suhrkamp Verlag. Berlin 2012. 325 Seiten. 18 Franken.

Der Historiker Remo Grolimund forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur Umwelt- und Wissensgeschichte.

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