Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Aggregatzustand: flüssig

Liebevoller als bei A Tribe Called Quest kann Protest kaum klingen. Ihr neues Album «We Got It from Here … Thank You 4 Your Service» ist Optimismus des Willens in Rapform.

Von David Hunziker

Die dringlichste Popmusik dieses Jahres hat sich auf die wichtigsten Themen der menschlichen Existenz konzentriert: die Politik oder den Tod. Anfang oder Ende. Kämpfen oder gehen. David Bowie und Leonard Cohen haben schauerlich-schöne Musik über das Sterben geschrieben, gleich bevor sie es getan haben. Und Alben wie «Lemonade» von Beyoncé oder «Let Them Eat Chaos» von Kate Tempest waren Schreie nach einer besseren Welt. «We Got It from Here … Thank You 4 Your Service», die neue Platte der Raplegenden A Tribe Called Quest, macht gleich beides auf einmal: Sie ist ebenso eine Verneigung vor dem im Frühling verstorbenen Bandmitglied Malik «Phife Dawg» Taylor wie ein bissiges Protestalbum über ein taumelndes Amerika.

Mit dem Zeitpunkt ihrer Intervention haben es A Tribe Called Quest besonders genau genommen: «We Got It from Here» erschien drei Tage nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Dieser kommt gleich im ersten Song vor, als Oompa Loompa. Das Sample aus dem Filmsoundtrack «Willy Wonka & the Chocolate Factory» von 1971 wurde dem schon vor Monaten produzierten Album wohl nachträglich angehängt. Als Hommage an den kürzlich verstorbenen Gene Wilder, der Wonka in dem Film spielte – und eben als schelmische Trump-Referenz: Die kleinen, grantigen Arbeiter aus der Schokoladenfabrik sind bekannt für ihre orange Haut.

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Was auch eingeschoben ist in «The Space Program», wie der furiose Auftakt zum Album heisst: Neil Armstrongs grosser Satz vom Mond mit dem kleinen und dem grossen Schritt – nur verdreht. Die Menschheit kommt nicht vom Fleck. Kein Wunder, wechselt an dieser Stelle der Ton von schelmisch zu lakonisch. Es geht darum, wer in diesem triumphalen Ausruf eben nie mitgemeint war: «There ain’t a space program for niggas / Yeah, you stuck here nigga», lauten zwei der besten Zeilen des Albums. Wenn man sich auf die leeren Plätze im Raumschiff konzentriert, wird der Weltraum plötzlich zur Metapher für diskriminierende Ausgrenzung.

«We Got It from Here» richtet sich an diejenigen, die auf der Erde bleiben müssen. Im Chor der Protesthymne «We the People» werden sie aufgezählt: Schwarze, Mexikanerinnen, Arme, Musliminnen, Schwule. All diejenigen, die Trump nicht gewählt haben und die seine Politik treffen wird. Doch statt Opfer zu beklagen oder auf den Gegner einzudreschen, wie es die Rapper YG & Nipsey Hussle auf ihrem im April veröffentlichten «Fuck Donald Trump» taten, suchen A Tribe Called Quest immer wieder nach ihrer bevorzugten Haltung: dem Optimismus des Willens. «Auf zu den Sternen!», fordert die gesampelte Falsettfanfare in «The Space Program».

Wobei die Antwort eh nicht dort draussen zu finden sei, wie es in «Movin’ Backwards» heisst, sondern hier unten auf dem Boden. Und da haben A Tribe Called Quest eine klare Vorstellung, in welche Richtung die Reise gehen soll: «It’s time to go left, and not right.»

Unheimlich aktuell

Nachdem Q-Tip, Phife, Jarobi White und DJ Ali Shaheed Muhammad im November 2015 mit einem Auftritt in der «Tonight Show» von Jimmy Fallon das 25-Jahre-Jubiläum ihres Debütalbums gefeiert hatten, beschlossen sie, nach achtzehn Jahren Pause die Öffentlichkeit mit einem letzten Album zu überraschen. Auch die Pariser Terroranschläge, die sich am selben Abend ereigneten, haben die Entscheidung offenbar beeinflusst. Als hätten A Tribe Called Quest gewusst, dass wir sie noch einmal brauchen.

Weder Phifes Tod noch die Wahl Trumps – die Ereignisse, denen das Album seine unheimliche Aktualität verdankt – waren da schon abzusehen. Dennoch klingt es prophetisch, wenn an einer Stelle von einem medialen Smog die Rede ist, in dessen Schutz dubiose Typen mit falschen Narrativen gedeihen. Und obwohl die New Yorker Rapper, die sich seit der Schulzeit kennen und Anfang der neunziger Jahre mit herausragenden Werken Hip-Hop-Geschichte geschrieben haben, hier musikalisch keine neuen Wege beschreiten, klingen sie erstaunlich frisch und zeitgemäss.

Das liegt einerseits an Q-Tips meisterhafter Produktion: den zugleich wild und präzise kombinierten, oft jazzigen, manchmal psychedelischen Samples, die A Tribe Called Quest berühmt gemacht haben. Sogar Elton John hat einen gesampelten Auftritt und klingt dabei sogar noch besser als vergangene Woche live im Zürcher Hallenstadion: Im Stück mit dem seltsamen Titel «Solid Wall of Sound» findet ein wunderbar verschrobenes Zusammentreffen seines Klavierloops mit dem aggressiven Bassstakkato von Busta Rhymes statt. Aggregatzustand: nicht «solid», sondern flüssig.

Der Kampf geht weiter

Zum andern überzeugt die jugendlich wirkende Verspieltheit, mit der hier Wortwitz und unterschiedlichste Flows ineinander verzahnt werden – von einer bunten Truppe von Rappern, der sich auch der langjährige Begleiter Consequence, Kendrick Lamar oder André 3000 von Outkast angeschlossen haben. Und mittendrin immer wieder Phife, der zahlreiche Aufnahmen hinterlassen hat. A Tribe Called Quest feiern ihn und noch einmal sich selbst, um darauf das Zepter an die nächste, von ihnen beeinflusste Generation zu übergeben. In «Dis Generation» erhalten diese «Wächter des Flows» auch Namen: Lamar, Joey Bada$$, Earl Sweatshirt und J. Cole.

Im Sinn dieser Stabsübergabe ist der Albumtitel zu verstehen. Das Veröffentlichungsdatum, der 11. November, ist in den USA nämlich auch der Veteranentag, an dem man den abtretenden Soldaten für ihren Kriegsdienst dankt. Nur dass diese Schlacht hier Hip-Hop heisst – oder eben Black Power. Es scheint, als wäre die im Titel ausgesprochene Würdigung der nächsten Generation von Rappern und Aktivistinnen direkt in den Mund gelegt: Wir werdens schon richten, wenn ihr weg seid … und danke für euren Dienst.

Wobei das mit der nächsten Generation ja übertrieben ist, wenn man bedenkt, dass dazu auch Kanye West gehört, der gerade mal sieben Jahre jünger ist als Q-Tip. Auf seinem ersten Album, «The College Dropout», hat West sich einst selber in diese Linie gestellt: «Die Fans wollen das Feeling von A Tribe Called Quest», heisst es dort, «aber alles, was ihnen bleibt, ist dieser Typ namens West.» Das klingt jetzt irgendwie witzig, wenn man an die mediale Überpräsenz des Rappers denkt. Auf «We Got It from Here» hat West nun seinen ersten und einzigen Auftritt bei A Tribe Called Quest, aber nur für zwei Refrains. Dann zieht er wieder seine eigene Show ab.

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