Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Erdogan-Fans sind gut organisiert

An einer Veranstaltung mit dem türkischen Investigativjournalisten Can Dündar an der Universität Zürich provozierten vergangene Woche Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Von Andreas Fagetti

«Gefängnisse sind der Ort, wo Journalisten und Schriftsteller derzeit am ruhigsten arbeiten können in der Türkei», sagte Can Dündar am Donnerstag vergangener Woche an der Uni Zürich. Das Zitat liesse sich zuspitzen, denn wer Erdogan offen kritisiert, sieht sich inzwischen auch ausserhalb der Türkei mit gut organisierten AnhängerInnen konfrontiert. So war es auch in der Aula der Uni Zürich. Dündar unterhielt sich mit SRG-Generaldirektor Roger de Weck über die Lage in der Türkei. Den Anlass organisiert hatte die Right Livelihood Award Foundation, die den alternativen Nobelpreis vergibt.

Intervention vom Balkon

Das Gespräch selbst verlief ruhig. Doch im Lauf der Veranstaltung tauchten auf dem Balkon der Aula eine Handvoll Erdogan-Anhänger auf. Sie filmten und fotografierten die ZuhörerInnen. Einer von ihnen rief provozierend vom Balkon, er wolle «eine Frage stellen». Da die Veranstalter keine Fragerunde eingeplant hatten, lehnten sie sein Ansinnen ab. Laut OhrenzeugInnen habe derjenige daraufhin Can Dündar als «Verräter» bezeichnet, weil dieser militärische Geheimnisse preisgegeben habe. Dündar hatte aufgedeckt, dass der türkische Geheimdienst Waffen an islamistische Milizen in Syrien geliefert hatte, darunter an den IS. Wie sich im Nachhinein herausstellte, handelte es sich bei dem Zwischenrufer um den Journalisten Mehmet Cek.

Auf dem Balkon kam es daraufhin zu einem Handgemenge. Offenbar bugsierten junge Kurden Mehmet Cek schliesslich vom Balkon. Vor der Aula ging die Auseinandersetzung weiter. Auch Murat Sahin, Präsident des schweizerischen Ablegers der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), soll Can Dündar mit Vorwürfen konfrontiert haben. Die UETD gilt als verlängerter Arm der AKP und Erdogans in Europa. Die «SonntagsZeitung» beleuchtete bereits Ende Juli Sahins Rolle und die der UETD in einem längeren Artikel. Der Unternehmer pflegt enge Kontakte zu Erdogans Umfeld. Ein Informant sagte der WOZ, Sahin sei mit einem der Erdogan-Söhne eng befreundet. Die WOZ wollte mit Murat Sahin über den Vorfall sprechen. Die Anfrage blieb unbeantwortet.

Morddrohungen auf Facebook

Nachdem die Veranstalter und Securitas-Leute Can Dündar nach draussen begleitet hatten, löste sich der Tumult auf. Damit aber ist die Geschichte nicht zu Ende. Türkische Fernsehsender strahlten die Filmaufnahmen von der Auseinandersetzung inzwischen wiederholt aus, türkische Zeitungen berichteten darüber. Ömer Özgül* taucht darin als Hauptfigur auf. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, da er Repressionen befürchtet. Der linke Türke hatte sich laut eigenen Angaben beim Tumult vor Can Dündar gestellt. Und ist nun wegen der Aufnahmen ein Mann von zweifelhafter Berühmtheit. Auf Facebook wird ihm mit Mord gedroht. «Die Erdogan-Anhänger wollen uns linke Türken und die kurdische Bewegung zu Gewaltakten provozieren. Und so unseren Ruf in Europa zerstören. Gewalt ist für uns aber keine Option.»

Mehmet Cek, ein alevitischer Kurde, sass nach dem Militärputsch von 1980 als Kommunist acht Jahre im Gefängnis. Nach eigenen Angaben lebt er seit 1990 in der Schweiz. Er sagt der WOZ: «Ich wollte an der Veranstaltung auf die andere Seite aufmerksam machen. Can Dündar hat militärische Geheimnisse verraten. Das ist in allen Ländern dieser Welt strafbar.» Cek arbeitet für türkische Fernsehstationen und Zeitungen. Er berichtete auch über den Vorfall an der Uni. Am vergangenen Sonntag sollen laut einem Bericht der «Turkishpress» PKK-Sympathisanten versucht haben, Ceks Wohnungstür aufzubrechen und seine Familie zu bedrohen. Gemäss der Kantonspolizei Luzern stellt es sich weit weniger dramatisch dar. Ein Mann habe an der Wohnungstür geklingelt. Dann sei er wieder verschwunden.

 * Name von der Redaktion geändert.

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