Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Der Rummelplatz des Wahnsinns

Ece Temelkuran über die Tragödie als Farce

Von Ece Temelkuran

7. Dezember: Die neue Pisa-Studie offenbart die Tragödie des türkischen Bildungssystems. Im Leseverständnis belegt die Türkei neben Mexiko den letzten Platz. Will man ein einfach zu regierendes Land, braucht man Leute, die entweder gar nicht lesen können oder nicht verstehen, was sie lesen. Wenn man eine postfaktische Gesellschaft möchte, ist dies der sicherste Weg. Ich erinnere mich an die symbolträchtige Trauerfeier für alle, die ihr Leben beim gescheiterten Putschversuch am 15. Juli verloren. «Möge Gott uns vor dem Übel der Gebildeten schützen», sagte der Imam damals. Und alle anwesenden Mitglieder der Regierung, inklusive des Präsidenten, antworteten mit «Amen».

9. Dezember: Die im vierten Monat schwangere Ebru Tireli wurde in der anatolischen Stadt Manisa attackiert, als sie im Park trainierte. «Es ist beschämend, dass ich betonen musste, dass mein Mantel vor dem Angriff zugeknöpft war», sagte sie, als sie unter Tränen ihre Geschichte erzählte. «Du wirst nie wieder hier trainieren», habe der Angreifer sie angebrüllt, berichtete Tireli. Selbstverständlich befindet sich der Angreifer auf freiem Fuss.

Der US-Spielwarenhersteller Hasbro preist derweil seine Produkte in der Türkei in der Neujahrswerbung mit spöttischen Anspielungen auf Vergewaltigungen an – dies in einem Land, in dem Missbrauch inzwischen zum grossen sozialen Problem geworden ist. Einmal zur Normalität geworden, kann eine Tragödie viele verschiedene Facetten annehmen.

10. Dezember: Während die Regierung den Verfassungsentwurf zum Präsidialsystem ins Parlament einbringt, explodieren mitten in Istanbul zwei Bomben. Direkt im Anschluss – noch vor der Nachrichtensperre, die üblicherweise zehn Minuten nach einem Anschlag verhängt wird – twittert ein Berater des Präsidenten über das wunderbare kommende Präsidialsystem. Dies ist der 31. Terroranschlag in anderthalb Jahren. Jedes Mal geht danach die gleiche Routine los: Die Attacken werden verurteilt, Rufe nach nationaler Einheit ertönen. «Das Leben geht weiter», sagen die einen. «Seit es der Türkei gut geht, verüben die Neider Anschläge», meinen die anderen. Danach werden alle, die die Vorfälle zu hinterfragen wagen, als VerräterInnen gebrandmarkt.

«Eine Tragödie wiederholt sich als Farce», hat Karl Marx einmal sinngemäss gesagt. Was wird aus einer Tragödie, wenn sie sich jeden Tag wiederholt?

«Wenn Allah es so will, werdet ihr alle Märtyrer sein», sagte einer der Minister zu den Polizeioffizieren auf der Trauerfeier für ihre toten Kollegen. Wenn die Lobpreisung des Todes zur Normalität wird, verkommt die Tragödie zu einem Rummelplatz des Wahnsinns.

Wie sich herausgestellt hat, werden die Familien der vor zwei Wochen bei einem Brand in einem Wohnheim ums Leben gekommenen Kinder keine Beschwerde gegen die islamische Sekte einreichen, der die Einrichtung gehört. Die ihnen von der Anwaltskammer zugeteilten Gratisanwälte erklärten, die Familien weigerten sich, sich zu beschweren, weil die Flammen von Allah gekommen seien. Also keine Tragödie.

11. Dezember: Die Kuriosität der Woche: Offenbar haben die auf den Anschlag erfolgten Reaktionen in den sozialen Medien die Regierung eingeschüchtert. So haben die Verantwortlichen eine Social-Media-Polizei gegründet, um alle festzunageln, die «die Attacken verteidigen». Das könnte heissen, dass jede Reaktion, die den Trollen der Regierung nicht passt, als Verteidigung des Terrors ausgelegt wird. Sofort haben die Trolle und sogenannte JournalistInnen regierungsnaher Medien ihre neue Tätigkeit als InformantInnen aufgenommen. Inmitten des mobilisierten Hasses wird die menschliche Tragödie der Anschläge unsichtbar.

12. Dezember: Das Parlamentsoberhaupt hat die kurdischen Mitglieder aufgerufen, Bilder der inhaftierten Abgeordneten von ihren Schreibtischen im Parlamentsgebäude zu entfernen. Genau so bringt man die Tragödie zum Verschwinden.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul. An dieser Stelle führt sie bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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