Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Der Ausverkauf der Ölindustrie

Wo einst der Reichtum des Landes gefördert wurde, wird heute alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Der Übergang von der Überlebenswirtschaft zur organisierten Kriminalität ist dabei fliessend.

Von Toni Keppeler, Maracaibo (Text und Foto)

Ersatzteile gibt es nur gegen US-Dollars in bar, und Dollars sind nur noch selten in der Kasse: Pumpstation auf einem Deich in der Nähe von Ciudad Ojeda.

Auf dem Deich, der Ciudad Ojeda vom Maracaibo-See trennt, hat man den Reichtum Venezuelas vor sich. Dutzende Bohrtürme stehen im Wasser; grosse künstliche Inseln mit Tanks und einem Gewirr aus Rohren; kleine Plattformen mit Ölpumpen, die aus der Ferne aussehen wie niedliche Steckenpferde, die träge vor sich hinnicken. Manche stehen auch still. Es ist schwül und heiss, über vierzig Grad im Schatten. Die Luft riecht brackig und ein bisschen verfault. Im Wasser schwimmen schwarze Ölklumpen. Niemand badet.

Gut 1500 Meter unter dem Wasserspiegel des Sees lagert eines der grössten Ölvorkommen Venezuelas. Auf der anderen Seite des Deichs, landeinwärts, muss man nicht so tief bohren. Zum Teil liegen die Ölblasen hier nur 800 Meter unter der Erde. Es wurde schon so viel gefördert, dass Teile von Ciudad Ojeda und das darum herum liegende Ölfeld Lagunillas um mehrere Meter abgesackt sind. Der versalzte und verschmutzte Maracaibo-See mit seinem schmalen Zugang zum Karibischen Meer liegt exakt auf Meereshöhe, die tieferen Gegenden der 200 000-EinwohnerInnen-Stadt und die meisten Förderanlagen sind bis zu sieben Meter unter null. Eben deshalb musste der Deich gebaut werden.

Seit gut zehn Jahren wird er nicht mehr gepflegt. Noch hält er, aber an manchen Stellen zeigen sich erste Risse. Wenn er bricht, werden Ciudad Ojeda und das Ölfeld Lagunillas im Maracaibo-See versinken.

Das Ölfeld vergammelt

«Es gibt keine Investitionen mehr», sagt Pedro Gamboa. Bis vor ein paar Wochen noch hat er auf dem Ölfeld gearbeitet. Nicht beim staatlichen Konzern PDVSA, sondern bei einer Vertragsfirma, die für die Wartung von grossen Tankanlagen zuständig war. Die rosten schon lange vor sich hin. «Kein Geld», sagt Gamboa. Zuletzt habe man eine havarierte Anlage ausgeschlachtet, um mit den so gewonnenen Ersatzteilen eine andere zu reparieren.

Gamboa kennt fast alle, die auf dem Ölfeld arbeiten. Die meisten glauben, er gehöre noch dazu, und erzählen von den neusten Ausfällen. Etwa von den Booten, die zum Schichtwechsel die Arbeiter hinaus auf die Plattformen im See bringen. Nur noch ein einziges davon sei einsatzfähig. «Alle anderen taugen nur noch als Ersatzteillager.» Dieses Boot brauche nun einen ganzen Tag, um die Belegschaft über die Bohrinseln zu verteilen, und einen weiteren, um sie wieder einzusammeln. Von einer Siebentageschicht gehen so zwei für den Transport verloren.

An Land, im Ölfeld Lagunillas, funktionieren nur noch zwei der vier Bohrtürme. Für die anderen beiden fehlen seit Monaten wichtige Ersatzteile. «Die kommen aus den USA», weiss Gamboa. «Die Firma liefert nur gegen Dollars in bar», und Dollars gebe es nur noch selten in der Kasse der PDVSA. Die Unterkünfte der Arbeiter, einst Vorzeigesiedlungen mit Restaurants, Kinos und Sportplätzen, stehen leer und verfallen. Ein paar wurden von Wohnungslosen besetzt. Die Arbeiter, die hier früher während ihrer Schicht wohnten, waren eine gut bezahlte Elite mit vielen Privilegien. Heute gehen sie jeden Abend nach Hause. Kantinen gibt es schon lange nicht mehr; wer essen will, muss selbst etwas mitbringen. Viele verzichten darauf, denn Lebensmittel sind sündhaft teuer. «Nimmt man den Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt als Referenz, verdient man auf dem Ölfeld heute kaum mehr zwei Dollar am Tag», sagt Gamboa.

Am Anfang war Sabotage

Der Niedergang der Ölindustrie Venezuelas begann 2002. Im Dezember jenes Jahres riefen der rechte Gewerkschaftsbund CTV und UnternehmerInnenverbände zu einem Generalstreik gegen die linke Regierung des damaligen Präsidenten Hugo Chávez auf. In der Ölindustrie gab es gezielte Sabotage. Die Produktion wurde auf null heruntergefahren, die Steuerungssysteme zerstört. Es dauerte bis zum April 2003, bis wieder Öl gefördert werden konnte. Chávez reagierte mit Massenentlassungen. 18 000 IngenieurInnen, Vorarbeiter und Managerinnen, die der Sabotage verdächtigt wurden, mussten gehen. Sie wurden durch Neueinstellungen ersetzt, bei denen Loyalität gegenüber der Regierung wichtiger war als eventuell vorhandenes Fachwissen. Die Ölindustrie, weiss Gamboa, «hat sich von diesem Verlust an Know-how nie wieder erholt». Die Fördermenge Venezuelas ist seither von 3,5 Millionen auf 2,3 Millionen Fass pro Tag gesunken.

Im Erlös fiel das zunächst nicht auf, weil die langsam sinkende Produktionsmenge durch steigende Weltmarktpreise mehr als ausgeglichen wurde. Investiert aber wurde schon damals kaum. Chávez verwendete die Gewinne der Erdölindustrie für seine Sozialprogramme: Wohnungsbau, medizinische Versorgung der Armen, subventionierte Lebensmittel, Aus- und Weiterbildung. Dieser grösste Sozialtransfer der Geschichte Venezuelas schluckte in den Jahren 2001 bis 2015 über 250 Milliarden US-Dollar. Chávez setzte nur aufs Öl, alle anderen Wirtschaftszweige wurden vernachlässigt. Über 95 Prozent der Devisen des Landes stammen seither aus Ölverkäufen, über 80 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden.

Seit der Ölpreis auf dem Weltmarkt auf bis zu ein Drittel der Spitzenpreise eingebrochen ist, gibt es nichts mehr zu verteilen. Die Erlöse aus dem Ölgeschäft reichen mit Ach und Krach, um den Schuldendienst des Landes zu bedienen. Oft kann sich der staatliche Ölkonzern nicht einmal mehr die 50 000 Fass US-amerikanisches Leichtöl leisten, die täglich nötig sind, um das schwere Öl Venezuelas in den eigenen Raffinerien aufzubereiten. Denn auch dieses Leichtöl gibt es nur gegen Bares. So liegen, wenn gerade keine US-Währung zur Hand ist, die Tanker aus dem Norden zwei Wochen lang vor dem Hafen von Maracaibo – und fahren dann ungelöscht wieder davon.

Im Gegensatz zu den Dollars gibt es die heimische Währung Bolivar gleich bündelweise. Die grösste Einheit ist der Schein zu hundert Bolivares. Nach dem Wechselkurs des Schwarzmarkts sind das gerade einmal rund zwei Rappen. Selbst das Einkaufen von Brötchen wird so zu einem langwierigen Prozess: Man zählt die Scheine in die Hand des Verkäufers, der sie seinerseits noch einmal zählt. Immerhin hat die Regierung angekündigt, noch vor Weihnachten Scheine zu 20 000 Bolivares einzuführen. Das wäre dann ein bisschen mehr als vier Franken.

500 Prozent Inflation

Mit am besten verdient wird weiterhin in der Ölindustrie, wo die Löhne alle paar Monate erhöht werden. Die Geldentwertung aber eilt diesen Zuschlägen weit voraus. Die Regierung veröffentlicht dazu keine Zahlen. Die Weltbank schätzt, dass die Inflationsrate in diesem Jahr bei um die 500 Prozent liegt. Für das kommende Jahr erwartet sie 1500 Prozent. Auch nominell gute Monatslöhne haben angesichts dieser Preissteigerung eine reale Kaufkraft von wenig mehr als zwanzig Franken.

Immerhin gibt es wieder etwas zu kaufen. Die langen Warteschlangen vor fast leeren Supermärkten sieht man kaum mehr in Maracaibo und Umgebung. Die Grenze zu Kolumbien ist gerade zwei Autostunden entfernt. Von dort kommen so gut wie alle Lebensmittel, die meisten illegal als Schmuggelware. Die kolumbianischen Waren aber sind mit üblichen Löhnen praktisch unerschwinglich. Maismehl etwa – das Grundnahrungsmittel schlechthin – ist in Maracaibo fünfmal so teuer wie noch vor einem Jahr und im Landesvergleich doch verhältnismässig günstig: Auf dem Weg in die 700 Kilometer östlich davon gelegene Hauptstadt Caracas wird das Angebot immer schmaler, der Preis schwillt aufs Dreifache an. Die meisten können sich nur über Wasser halten, wenn sie sich selbst am Schwarzhandel beteiligen und aufkaufen, was immer sie bekommen können, nur um es dann teurer weiterzuverkaufen. Die Inflation wird dadurch noch mehr angeheizt, und über legale Verkaufskanäle ist kaum mehr etwas zu haben.

Medikamente etwa findet man nur selten in Apotheken. Man sucht sie besser auf dem Mercado de Pulgas, einem grossen Gebrauchtwarenmarkt am Rand eines Industriegebiets in Maracaibo, in dem die meisten Fabriken wegen Rohstoffmangel längst geschlossen sind. Dort gibt es selbst Arznei, die in Spitälern längst ausgegangen ist; für die Krebstherapie zum Beispiel. Der Preis aber liegt bis zu hundertmal über dem, der auf der Packung aufgedruckt ist.

Der Übergang vom Schwarzhandel als Überlebensstrategie zur organisierten Kriminalität ist dabei fliessend. Täglich gibt es bewaffnete Raubüberfälle auf dem Mercado de Pulgas. Draussen in den Vororten erpressen Banden mit bis zu 200 Mitgliedern Schutzgeld und beherrschen ganze Stadtviertel. Caracas hat mit gut 120 Morden pro 100 000 EinwohnerInnen in diesem Jahr die langjährigen Spitzenreiter San Pedro Sula (Honduras) und San Salvador (El Salvador) auf der Liste der gefährlichsten Städte der Welt hinter sich gelassen. Maracaibo, mit knapp zwei Millionen EinwohnerInnen die zweitgrösste Stadt des Landes, gilt im Vergleich zur Hauptstadt noch immer als relativ ruhig. Aber auch hier traut sich nach Einbruch der Dunkelheit so gut wie niemand mehr auf die Strasse.

Nur auf den Überlandstrassen in Richtung Kolumbien herrscht dann Verkehr. Da fahren ganze Kolonnen von Tanklastern, die das in Venezuela weiterhin hoch subventionierte Benzin illegal ins Nachbarland bringen. «Auch sonst verschwindet alles, was in einer Nacht abgebaut werden kann», erzählt ein Arbeiter auf dem Ölfeld Lagunillas, «die Motoren der Ölpumpen, Kabel, selbst Pipelines.» Die Militärs an den vielen Strassenkontrollen, sagt er, drückten beide Augen zu und verdienten als Dank ein bisschen mit am Ausverkauf dessen, was einst der Reichtum Venezuelas war.

Neuwahlen?

Streit um die Abwahl Maduros

Lange hat Präsident Nicolás Maduro die Wirtschaftskrise in Venezuela verleugnet. Aussenministerin Delcy Rodríguez behauptete gar, es gebe im Land dreimal so viele Lebensmittel, wie für die Versorgung der dreissig Millionen EinwohnerInnen nötig seien. Auch die im Tisch der Demokratischen Einheit (MUD) zusammengefasste Opposition hat nur einen Plan gegen die Krise: Die Regierung der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas (PSUV) müsse weg.

Sie versuchte dies über ein sogenanntes Abwahlreferendum, mit dem ein Präsident abgesetzt werden kann. Der in der Verfassung verankerte Mechanismus erfordert zunächst die Unterschriften von einem Prozent der Wahlberechtigten, um das Referendum beantragen zu können. In einem zweiten Schritt müssen sich dann zwanzig Prozent der Wahlberechtigten für die Volksabstimmung aussprechen. Erst dann kann sie stattfinden.

Zwar hat die Opposition Ende Oktober auch diese zweite Hürde locker genommen. Drei Provinzgerichte aber legten den Prozess vorerst auf Eis, weil es bei der Stimmensammlung in ihren Distrikten zu Unregelmässigkeiten gekommen sein soll. Ein Abwahlreferendum ist damit sinnlos geworden: Wenn es weniger als zwei Jahre vor dem Amtsende Maduros am 10. Januar 2019 stattfindet, muss der im Fall einer Niederlage zwar gehen. Es gibt dann aber keine vorgezogene Neuwahl; stattdessen übernimmt der Vizepräsident.

Immerhin verhandeln Regierung und Opposition unter der Vermittlung des Vatikans seit Ende Oktober über einen möglichen Ausweg aus der Krise – bislang jedoch ohne jegliches Ergebnis.

Toni Keppeler

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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