Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Regionale Vielfalt statt luxuriöser Einheitsbrei

Lukrative Kunstmessen wie die Art Basel florieren weltweit mit immer neuen Ablegern. Gefahr für die Kunst droht dabei weniger von den Messen selbst als von den Standardisierungs- und Kontrollmechanismen des Kunstmarkts.

Von Ingo Arend

Kenner oder Käufer? Im März 2016 steht ein Besucher der Art Basel in Hongkong vor Anish Kapoors Skulptur «Random Triangle Mirror». Foto: Anthony Wallace, AFP / Getty Images

Zombie-Abstraktionen und tumbe Malerei. Christian Viveros-Fauné, der Kritiker des Onlinemagazins «artnet», war entsetzt. Beim Gang über die jedes Jahr Anfang Dezember öffnende Art Basel Miami Beach entdeckte er vor ein paar Jahren nur Kunst, die «schön, glitzernd und substanzlos» war. «Leicht wie Luft» müssten die Arbeiten sein, die den Megareichen gefallen, die sich dort tummeln. Ihre kritische Kraft habe die dort angebotene Kunst in den «Mülleimer der Geschichte» befördert, so grell und effekthascherisch, wie sie sich gebe.

Wer das sagenumwobene Event schon einmal besucht hat, wird die Beschreibung nicht völlig abwegig finden. Trotzdem ist die Dependance der Art Basel im subtropischen Miami eine Ausnahme. Wurde sie doch eigens erfunden, um den frei flottierenden Mehrwert des panamerikanischen Geldadels abzuschöpfen. Der versteckt sich gern auf privaten, öffentlich nicht zugänglichen, infrarotüberwachten Luxusinseln in der Biscayne Bay zwischen South Beach und Miami. Die rund 500 EinwohnerInnen des knapp einen Quadratkilometer grossen Fisher Island beispielsweise, Heimat von mehreren Dutzend Superreichen von Boris Becker über Madonna bis Arnold Schwarzenegger, bringen es auf das höchste Pro-Kopf-Einkommen der USA. Auf Star Island, schräg gegenüber, wohnte einst Mafiaboss Al Capone.

Schon bei der deutschen Art Karlsruhe, einer viel weniger bekannten, aber überaus erfolgreichen Kunstmesse, geht es um weniger astronomische Summen als im Convention Center von Miami. Den bedächtigen SammlerInnen im reichen Dreiländereck zwischen Deutschland, der Schweiz und Frankreich wird eher transatlantische Hausmannskost geboten. Hier gelten die klassische Moderne und solides Skulpturhandwerk noch etwas. Kunstmessen sind also nicht per se die Geburtsstätte einer besonders gefahrlosen und angepassten Kunst des 21. Jahrhunderts.

Selbstinszenierung der Geldelite

Aber sie sind Spiegel einer rapiden Globalisierung und Monetarisierung. Der Kölner Kunstmarkt, die erste internationale Kunstmesse, startete 1967 noch als Versuch einer Demokratisierung der Kunst: Die kulturellen Schranken, die ein breites Publikum von der zeitgenössischen Kunst trennten, sollten abgebaut werden. Unvergessen das Bild, als Joseph Beuys, Klaus Staeck und Wolf Vostell mit der Aktion «Wir betreten den Kunstmarkt» an die Türen des damals exklusiven Events klopften. Spätestens drei Jahre später, 1970 mit der ersten Art Basel, wurde aus dem neuen Instrument Kunstmarkt langsam, aber sicher ein Vehikel der Kommerzialisierung. «Königin der Kunstmessen» ist die Art Basel in erster Linie wegen ihrer Marktwirkung.

Heute versuchen weltweit rund 180 Kunstmessen, zukunftsträchtige Märkte zu erschliessen. Und der fatale Trend, dass ein Begriff wie der «Wert der Kunst» und das Dollarzeichen fast synonym geworden sind, hat auch etwas mit diesem Ausgreifen rund um den Globus zu tun. Doch dass Kunstmessen die Kunst «zerstört» hätten, wie Viveros-Fauné konstatierte, kann nur glauben, wer Kunst für eine ökonomiefreie Zone hält, die vom Geld gleichsam überwältigt wurde.

Dass dieser Mahlstrom nivellierend wirkt, liegt auf der Hand. Immer mehr fungieren Kunstmessen als Bühnen der Selbstinszenierung einer lokalen (Geld-)Elite nach westlichem Vorbild, Playground einer globalen Celebrity-Kultur und Brutstätte der berüchtigten «Art Fair Art» – Kunstmessekunst als Genre. Andererseits ist ein Event wie die – mit kaum 20 000 BesucherInnen klitzekleine – Art Beirut in dem von fünfzehn Jahren Bürgerkrieg verheerten Libanon auch eine Möglichkeit, eine mehr als lokale Öffentlichkeit für die neu erwachte Kunstszene anzulocken, die neugierig auf die Welt ist und KäuferInnen braucht, um zu überleben.

Für die «extreme Gegenwart»

Dass sogar Luxus und Kritik Hand in Hand gehen können, zeigt ein anderes glitzerverdächtiges Beispiel. Spötter halten die 2007 gegründete Art Dubai zwar für eine Art private Kunstshoppingmall von Sheikha Latifa, der Frau des örtlichen Potentaten al-Maktum, und ihrer Freundinnen. Doch auf kaum einer Messe wird so viel und demonstrativ politische Kunst gezeigt wie in der Hauptstadt der kunstbesoffenen Emirate.

Die Exponate im Luxushotel Madinat Jumeirah, Juwelenlounge inklusive, sind zwar auch sehr teuer. Doch sie belegen das Ringen um eine eigene Bildsprache, die Wiederentdeckung der arabischen Moderne. Die Art Dubai hat sich auch zu einem der wichtigsten internationalen Präsentationsorte der zeitgenössischen iranischen Kunst entwickelt. Und das Global Art Forum der Messe ist eines der spannendsten Diskursforen für eine neue Politik des 21. Jahrhunderts. Vergangenes Jahr präsentierte der kanadische Autor Douglas Coupland dort unter dem Motto «The Age of Earthquakes» seinen Versuch, Marshall McLuhans legendäre Analyse «The medium is the message» für die «extreme Gegenwart» fortzuschreiben.

In den gut zehn Jahren ihres Bestehens ist die Art Dubai, ähnlich wie die Biennale im benachbarten Scheichtum Schardscha, zu einem kulturellen Entwicklungsmotor der Region geworden: Ein Galeriezentrum entwickelte sich ebenso wie Residencies, Zeitschriften, unabhängige Kunsträume und eine Art örtlicher Diskurs. Für die angeblich tödliches Verderben bringenden Kunstmessen gilt also dasselbe wie für Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Gefahr droht hier weniger von der Ausbreitung des Markts als von dessen Tendenz zu Standardisierung und Kontrolle. In diesem Frühjahr hat nämlich die MCH Group als Trägergesellschaft der Art Basel angekündigt, ein «neues Portfolio führender regionaler Kunstmessen» zu etablieren. Eine lokale Messe in Hongkong hatte sie schon 2013 in ihren Ableger Art Basel Hongkong verwandelt – das südostasiatische Pendant zur Art Basel Miami (vgl. «Im Labor der Kunstglobalisierung»). In diesem Herbst übernahm sie zusätzlich die indische Kunstmesse in Neu-Delhi.

Derzeit verhandelt sie angeblich mit der Art Brussels, die die engagierte Katerina Gregos in vier Jahren zu dem ungewöhnlichen Hybrid einer «politisch und sozial engagierten» Messe emporkuratiert hat. Ein Auge hat die MCH Group auch auf die Istanbuler Art International des britischen Messepioniers Sandy Angus geworfen und – neustes Gerücht – auf die Art Dubai. Die MCH Group, die sich im Untertitel «internationales Live Marketing Unternehmen» nennt, beteuert zwar, die neuen Messen sollten von «autonomen Teams» geleitet werden. Die Gefahr eines Monopols und kultureller Uniformierung – zwei globale Flaggschiffe, umschwirrt von einem Schwarm regionaler Beiboote – liegt dennoch auf der Hand. Einheitsware verdrängt die Vielfalt kleiner, vor Ort entstandener Labels. Das wäre womöglich viel eher der Tod der Kunst, wenn für ihre Messen das Motto gälte: «Eine für alle».

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