Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Es gibt auch Gründe, sich zu freuen

Pst! 2017 ist das Jahr, in dem wir der kleingeistigen Enge entfliehen und nach den Sternen am Wüstenfirmament greifen – oder nach kleinen grünen Klumpen; in dem uns schnauzbärtige Politmaulwürfe nostalgisch stimmen und wir die Revolution nach hundert Jahren neu proben.

«The Americans»

Vorwärts in die Vergangenheit

Es soll ja Leute geben, die sich nach dem Kalten Krieg zurücksehnen: Reagan statt Trump, Breschnew statt Putin. Doch uns treibt nicht Nostalgie zurück in die achtziger Jahre, sondern die TV-Serie «The Americans» über zwei sowjetische AgentInnen, die, getarnt als uramerikanische Familie, seit vielen Jahren im Feindesland ihren harten Spionagejob verrichten. Ihre Kinder glauben, sie arbeiten in einem Reisebüro. Für ihren wahren Boss, das KGB, sind sie die vorderste Front im Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus.

Präzis, brutal und zärtlich, als Mörderin oder Verführer, unter Einsatz vieler Perücken, Brillen und Theaterschnäuze und eventuell sogar gegen die ursprüngliche Absicht des Erfinders der Serie, eines ehemaligen CIA-Agenten, schleichen sie sich seit vier Jahren immer wieder neu in die Herzen von uns ZuschauerInnen. Die eisigen Kämpfe des Kalten Kriegs mitsamt seinen Hitzewallungen, ebenso wie die zermürbende Arbeit bei ständiger Angst, aufzufliegen, werden ausgetragen auf dem Schauplatz einer einst im Dienst der Sache arrangierten Ehe, aus der längst viel mehr geworden ist. Natürlich schöpfen die heranwachsenden Kinder irgendwann Verdacht. Doch niemals wird hier das Politische vom Privaten verschlungen, auch beim FBI-Agenten nicht, der schräg gegenüber wohnt. Im dezent assortierten Dekor der achtziger Jahre rüsten sich die beiden Geheimdienste zum Showdown. Ab Frühjahr 2017 läuft die zweitletzte Staffel von «The Americans»: Startschuss für einen langen Abschied mit viel Herzblutvergiessen.

Daniela Janser

«The Americans» von Joe Weisberg. Mit Keri Russell und Matthew Rhys. USA, FX, seit 2013.

Kino Klassika

Das Eisenstein-Projekt

Sergei M. Eisensteins Montagetheorie aus den 1920er Jahren liest sich noch heute höchst vergnüglich (während das Betrachten von Filmen wie «Oktober» von 1928 mitunter geistige Höchstleistungen abverlangt). Womit, wenn nicht mit Eisenstein, sollten hundert Jahre Russische Revolution gefeiert werden?

Die Stiftung Kino Klassika in London, gegründet 2012 mit dem Ziel, das russische Filmschaffen im Westen besser zugänglich zu machen, lässt Eisenstein in ihrem ersten grossen Projekt wieder aufleben. Nach einer wissenschaftlichen Konferenz, Ausstellungen mit bislang unveröffentlichten Skizzen – darunter erotische Zeichnungen – und Vorführungen neu restaurierter Fassungen von «Que viva México!» und «Alexander Newski» folgt 2017 der Höhepunkt: Im Februar erscheint «Works on Paper», das Eisensteins grafisches Werk erstmals umfassend versammelt. Am 26. Oktober lässt sich die Russische Revolution in abstrakter Montage nochmals durchleben – in einem vom London Symphony Orchestra begleiteten Screening von «Oktober».

Bereits ab Februar feiert Kino Klassika mit einer Filmreihe unter dem Titel «A World to Win» in Anlehnung an Karl Marx’ berühmtes Diktum hundert Jahre Russische Revolution. Eröffnet wird das Programm mit Eisensteins «Panzerkreuzer Potemkin». Apropos: Kino Klassika ist von der Schauspielerin Justine Waddell gegründet worden, die es zusammen mit drei weiteren Frauen auch leitet. Und weil wir nicht alle nach London pilgern können, wollen die Frauen ihre Projekte nun in andere Lande tragen. Also auf, KuratorInnen des Kontinents, klopft an die Türen der Stiftung und holt Eisenstein zu uns: partnership@kinoklassikafoundation.org.

Franziska Meister

Olga Grjasnowa

Klein, nicht kleingeistig

Ein illegales Autorennen in Baku, ein Nervenzusammenbruch im Taxi in Tel Aviv, Sex in der Toilette eines Berliner Kaffees, ein Joint in einem Taxi in Ramallah – die Figuren in Olga Grjasnowas Romanen rasen durch die Welt, sind überall zu Hause, sprechen mehrere Sprachen, sind furchtlos, intelligent und willensstark. Und doch sind sie nie ganz Teil der Gesellschaft, in der sie leben. Denn sie passen nicht in diese Welt, in der überall die nationale Einheit beschworen und eine vermeintliche kulturelle Homogenität zelebriert wird.

Mit «Der Russe ist einer, der Birken liebt» (2012) und «Die juristische Unschärfe einer Ehe» (2014) hat die in Baku geborene und in Deutschland lebende Autorin zwei aufsehenerregende Bücher geschrieben, in der die globale Welt klein ist, die ProtagonistInnen jedoch nicht kleingeistig. Locker schafft sie den erzählerischen Spagat zwischen nationalen Traumata und persönlichen Krisen, zwischen historischen Ereignissen und familiären Tragödien. Auch in ihrem im März 2017 erscheinenden Buch, «Gott ist nicht schüchtern», erzählt sie eine transnationale Geschichte, in der es um Krieg, Flucht und – wie in all ihren Büchern – um Menschen geht, die neu anfangen müssen. Doch ihre ProtagonistInnen sind nie dankbare Opfer, sondern forsche Menschen, die ihr Recht, hier zu sein, einfordern.

Grjasnowas Romane sind ein wohltuender Appell fürs neue Jahr, doch endlich über das Einfamilienhausdasein und die «Schweizerdeutsch im Kindergarten»-Initiativen hinaus und in eine weitläufigere Welt hineinzuschauen.

Silvia Süess

Olga Grjasnowa: «Gott ist nicht schüchtern». Aufbau Verlag. Berlin 2017. 304 Seiten. 30 Franken.

Jeff Vandermeer

Mehr Biofantasie!

Kennzeichen unserer Zeit: Was gestern noch absurd oder grotesk wirkte, erweist sich im Rückblick als prophetisch. Halten wir uns also besser nicht mit sogenanntem Realismus auf, sondern «plangen» lieber auf den neusten Roman von Jeff VanderMeer, den wir auf diesen Seiten schon mal für seine Southern-Reach-Trilogie gefeiert haben. Schauplatz von «Borne» ist eine kaputte Stadt in der nahen Zukunft, wo man an allen Ecken noch auf Überreste einer verfallenen Biotechfirma stösst. Hier entdeckt unsere Heldin Rachel einen undefinierbaren, kleinen grünen Klumpen: Tier oder Pflanze, Gottheit oder gescheitertes Experiment? Rachel nimmt dieses organische Etwas mit nach Hause, sie hegt und pflegt es, auf dass es gedeihe, und tauft es auf den Namen Borne. Und dann ist da noch ein psychotisches Pelztier, das in der Stadt sein Unwesen treibt: ein fliegender Bär namens Mord.

Klingt abgefahren? Ist es garantiert, der Autor hat schliesslich einen Ruf als Biofantast von besonderem Rang zu verlieren. Spekulative Fiktion als Echoraum für die Fragen, die uns im Anthropozän umtreiben: Das kann momentan niemand besser als Jeff VanderMeer. Ob sich seine geheimnisvoll spriessende Prosa auch verfilmen lässt, werden wir ebenfalls noch im kommenden Jahr sehen, wenn mit «Annihilation» der erste Band seiner Southern-Reach-Trilogie ins Kino kommt. Das Personal klingt schon mal verheissungsvoll: Regie und Drehbuch von Alex Garland («Ex Machina»), in der Hauptrolle erkundet Natalie Portman als Biologin eine verwilderte Sperrzone.

Florian Keller

Jeff VanderMeer: «Borne». Erscheint im Mai auf Englisch, im Herbst auf Deutsch bei Kunstmann.

Taragalte-Festival

Bühne zwischen Dünen

Hinter dem Bergort Tafraoute hatte der Polizist die Abkürzung empfohlen. Doch plötzlich verwandelte sich die Strasse in ein Bachbett. Da standen wir nun mit unserem Mietauto und sahen den Traum vom Musikfestival in der marokkanischen Wüste geplatzt. Doch wir schafften es über die Steine und fuhren weiter durch den menschenleeren Antiatlas, bis die Oase M’Hamid auftauchte. Wir hatten das Ende der Welt gefunden! Wobei man auch dort nur bei sich selbst ankommt: Im Festivalbüro rief eine Mitarbeiterin meinen Namen – eine Primarschulkollegin, die ich seit Jahren nicht mehr getroffen hatte.

Die SehnsuchtseuropäerInnen, zu denen wir uns selbstverständlich auch zählen, bleiben am Taragalte-Festival in der Minderheit. In erster Linie bildet das Zeltlager, zu dem die Tuareg auf Dromedaren oder mit ihren Pick-ups kommen, eines der wichtigsten Treffen für MusikerInnen in der Sahara. Als Teil der «Caravane culturelle pour la paix» will man mit anderen Festivals die Musik bewahren, die vom Dschihadismus bedroht ist. Diese gilt zu Recht als höchst innovativ, wie der Auftritt von Tinariwen zeigte: Die endlosen Gitarrenloops und der mehrstimmige Gesang verbanden sich zu einem unwiderstehlichen Sog. Bei aller Schwermut bleibt dieser Blues tanzbar. Zwischen den Dünen drehten sich die Tuareg, die TouristInnen sowie die Jugend von M’Hamid im Kreis, und über allen leuchtete das Sternenzelt. Bevor es kitschig wird: Fahren Sie selbst hin, das Taragalte-Festival findet 2017 erneut statt. Nehmen Sie bloss nicht das billigste Mietauto.

Kaspar Surber

Taragalte-Festival in: M’Hamid, Marokko, 26.–29. Oktober 2017.

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