Nr. 01/2017 vom 05.01.2017

Alles für viel, viel Geld

Von Silvia Süess

«Das Kino ist weiss, bourgeois und rassistisch, das ist klar», sagte die marokkanisch-französische Regisseurin Houda Benyamina im Herbst im Gespräch mit der britischen Zeitung «The Guardian». Und klar ist auch, dass ihr Spielfilm «Divines» nichts von alldem ist.

Im Zentrum des Debütfilms der 36-jährigen Benyamina steht Dounia, gespielt von Benyaminas jüngerer Schwester Oulaya Amamra. Der Teenager lebt mit der Mutter in einer Romasiedlung in einer Banlieue von Paris. Die Mutter trinkt zu viel, verliebt sich zu leicht und ist kaum fähig, sich um ihre Tochter zu kümmern. Diese hat vor allem ein Ziel: einmal sehr viel Geld zu haben. Um dies zu erreichen, ist Dounia zu allem bereit. Das wird in der Schlüsselszene des Films klar: Im Schulunterricht soll sie in einem Rollenspiel das Verhalten einer properen Sekretärin üben. Doch dann flippt sie völlig aus. Sie speit Gift und Galle angesichts des Versuchs der Lehrerin, sie in die schlecht bezahlte Arbeitswelt zu integrieren, und schwört, dass sie einmal mehr Geld haben werde als diese.

Noch weiss Dounia nicht, wie weit sie dafür gehen und was sie aufs Spiel setzen wird, als sie bei der lokalen Drogenkönigin Rebecca (Jisca Kalvanda) anheuert und von der Benzindiebin zur Quartiersdealerin aufsteigt. «Du hast Klitoris, das mag ich», lobt Rebecca Dounia einmal. Der Film lebt vor allem vom (fast) ausschliesslich weiblichen Schauspielensemble. Neben Oulaya Amamra, deren Dounia erstaunlich vielseitig ist – von burschikos und wutentbrannt zu verletzlich und kindlich bis hin zu unglaublich sexy –, brilliert Deborah Lukumuena in der Rolle der Maimouna, der besten Freundin von Dounia. Da schaut man auch darüber hinweg, dass manche Szenen etwas gar stark inszeniert wirken und die Dramaturgie manchmal etwas holpert.

An den vergangenen Filmfestspielen in Cannes hat der Film die Goldene Kamera für das beste Erstlingswerk bekommen. Bei ihrer kraftvollen Rede an der Preisverleihung rief die Regisseurin: «Cannes gehört nun auch uns!», und bedankte sich schliesslich bei Edouard Waintrop für die Programmation ihres Films: «Auch du hast Klitoris!»

Ab 5. Januar 2017 in den Kinos.

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