Nr. 01/2017 vom 05.01.2017

«… auch die Kinder dealen manchmal»

Das Alpine Museum in Bern zeigt in der Ausstellung «Wasser unser», wie den Folgen der Klimaerwärmung mit kreativen Ansätzen begegnet werden kann – am besten schon heute.

Von Franziska Meister

Willkommen im Jahr 2051! … dem Jahr, in dem der Begriff «Hinterziehung» nicht mehr mit Steuern assoziiert wird, sondern mit Wasser. Wer nicht registriertes Wasser – Regenwasser zum Beispiel – sammelt, begibt sich in die Illegalität. Big Data ermöglicht die total transparente Wasserkonsumentin: Ein persönlicher Wasserchip misst den individuellen Verbrauch und übermittelt die Daten ohne Zeitverlust. So lässt sich auf Bildschirmen, die in der ganzen Stadt verteilt sind, live mitverfolgen, wenn die Tochter schon wieder vergessen hat, den Wasserhahn im Bad zuzudrehen. Diskussionen darüber, wer wofür wie viel Wasser verbrauchen darf, prägen die abendlichen Tischgespräche. Sogar der Schoggikonsum werde einem vermiest, berichtet der Vater, weil der Anbau von Kakaobohnen so viel Wasser benötige. «Aber wir hintergehen uns da und dort – auch die Kinder dealen manchmal.»

Es ist eine Geschichte von vielen, denen wir in der Ausstellung «Wasser unser» im Alpinen Museum in Bern lauschen können. Die Stimmen aus der Zukunft erzählen, wie sich der Klimawandel auf ihren Alltag auswirkt. Hier in der Schweiz, dem «Wasserschloss Europas». Denn im Jahr 2051, so berichten Klimaforscher, die an verschiedenen Orten der Ausstellung über Bildschirme zugeschaltet sind, werden bis zu drei Viertel der heutigen Gletscherfläche verschwunden sein. Die Sommer werden wärmer und trockener, Ackerbau im Mittelland gestaltet sich zunehmend schwierig, weil sich die Wasserläufe verändern – oder wie es der selbsternannte «Vermittler von Schwarzwasser» aus dem Jahr 2051 formuliert: «Mal hat es kein Wasser, mal hat es zu viel.» Deshalb buddelt er im Sommer Löcher, staut, legt Leitungen in eigene Tanks und verkauft das so gesammelte Wasser an gut zahlende KundInnen.

Subversiv und einfallsreich

Die KlimaforscherInnen reden von zunehmenden Nutzungskonflikten rund um die Ressource Wasser: Wer bekommt wie viel, und wer bekommt es zuerst – die Landwirtschaft, die Stromproduzenten, die Industrie, die Tourismusbranche, die Gemeinden? Wasser ist ein Menschenrecht, das hat die Uno 2010 offiziell anerkannt. Die Frage, wem das Wasser gehört und wer Zugang dazu erhält, wird künftig vor allem für Menschen im Süden existenziell, wie ein kleiner Rundgang im Zentrum der Ausstellung deutlich macht.

Und wir in der Schweiz sind zentral involviert in diese Probleme – bereits heute, das zeigt der aktuelle Wasserverbrauch hierzulande: Während pro Kopf rund 300 Liter Wasser täglich konsumiert werden, ist der Wasserverbrauch, der sich aus der Produktion von Konsumgütern ergibt, um das Vierzehnfache höher. Anders ausgedrückt: Wer eine Tasse Kaffee trinkt, konsumiert 132 Liter Wasser.

Appelle ans Gewissen bringen wenig. Genauso wie eine Wiederholung der mittlerweile sattsam bekannten Fakten zur menschgemachten Klimaerwärmung. Zum Glück sind sich die AusstellungsmacherInnen dessen bewusst. Sicher, das ExpertInnenwissen lässt sich via Touchscreens überall abholen. Auch gibt es immer wieder Tafeln mit historischen Hintergrundinformationen zu entdecken. Gefordert ist aber weniger der Intellekt der BesucherInnen – es ist ihre sinnliche, vor allem ihre auditive Wahrnehmung, die über die verschiedenen Zukunftsszenarien stimuliert wird. «Mit Sprache verhandeln wir die Welt», so die Schriftstellerin Ruth Schweikert in einem Text zur Ausstellung. «Literarische Verfahren eröffnen Spiel- und Imaginationsräume, in die hinein wir uns erfinden und entwerfen.»

Tatsächlich betritt man zu Beginn eine Art Initiationsraum, der sein Tor nur alle sechs Minuten öffnet. Im Dunkeln hebt ein mehrsprachiges Stimmenquintett zu einer von Schweikert komponierten literarischen Wasserpartitur an: ein An- und Abschwellen sich überlagernder Redewendungen, Sprichwörter und Literaturzitate rund ums Thema Wasser. In den Zukunftsszenarien der Ausstellung selbst – optisch sehr zurückhaltend, man könnte auch sagen karg inszeniert – plätschert, rauscht, tost und tröpfelt es, je nachdem, wo man sich gerade aufhält. Zahlreiche Hörstationen laden ein, sich Geschichten aus der Zukunft wie jene der Familie mit dem Wasserchip oder das Geständnis des illegalen Wassertransporteurs anzuhören.

Die Bilder und Storys aus dem Jahr 2051 sind nicht einfach düstere Visionen. Viele besitzen subversiven Witz und zeugen von Einfallsreichtum und kreativer Anpassung. Manche provozieren auch bewusst, wie etwa die Managerin vom «Schneeland», einem gigantischen Wintersport- und Vergnügungsresort auf über 3000 Metern Höhe – dem letzten Ort in der Schweiz, wo Skifahren und Schlitteln überhaupt noch möglich sind. «Schnee ist Luxus», verkündet sie frohgemut, «der Aufenthalt bei uns ist teuer.» Überreste von Schneekanonen sind nur noch im örtlichen Museum (das Teil der Ausstellung ist) vorhanden. Rückblickend, so lässt sich aus der Zukunft erkennen, dauerte die Zeit der Schweiz als Skination keine hundert Jahre. Skilager kamen erst in den 1960er Jahren auf, und wo heute noch alle spontan in «Alles fahrt Schi» einstimmen und «Schi fahrt di ganzi Nation!» trällern, wird das 2051 nur noch eine nostalgische Erinnerung von wenigen spiegeln.

«Der Berg bricht, wo er will»

Ein bisschen Drama am Berg muss aber schon sein, wenn im Alpinen Museum die Folgen der Klimaerwärmung literarisch verhandelt werden. Denn wenn die Gletscher erst einmal weg sind und der Permafrost, der das Gestein zusammenhält, langsam auftaut, kommen auch die Hänge ins Rutschen. Berge werden zu gigantischen Kieseltürmen, zu «einem einzigen Geröllhaufen», wie es der Alpine Security Manager nennt, der für die Sicherheit der Bergtouristinnen und Wanderer zuständig ist. «Der Berg bricht, wo er will», sagt er und nennt auch gleich sein Motto: «Wer gut geht, dem gehts gut.» Er und seine KollegInnen stecken mit farbigen Fähnchen die sicheren Wege ab. Doch das ist nicht einfach und kaum von Dauer, denn «manchmal sind da Bäche, wo tags zuvor nichts war».

Auf der Leinwand gegenüber, mit subjektiver Kamera gefilmt: Jemand stolpert im Nebel durch rutschiges Geröll. Auf der Tonspur ein Keuchen, die Bilder wackeln. Der Security Manager im Ohr berichtet derweil von einem Drama am Berg in einer berückend poetischen Sprache (Text: Katja Brunner).

Einigermassen melancholisch gestimmt, trifft einen die grosse Tafel um die Ecke und am Ende der Ausstellung völlig unvorbereitet: «Jetzt sind Sie dran!» Ganz ohne Didaktik gehts wohl in keinem Museum. Wir wissen es ja: Heute muss gehandelt werden. Aber dass man als Ausstellungsbesucherin gleich an den Tisch und zum Griff zu Block und Schreibstift genötigt wird, um der Nachwelt eine Botschaft zu hinterlassen? Der Zettel kommt in eine orange Boje, die im Lago della Piazza am Gotthard versenkt und erst 2051 gehoben werden soll. Eine Gratwanderung zum Kitsch. Ich lasse lieber die Worte des Security Manager in meinem Kopf nachhallen.

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