Nr. 01/2017 vom 05.01.2017

Der unermüdliche Kulturkritiker ohne Zopf

Von Brigitte Matern

Wäre er früher geboren, hätte er vermutlich die Prüfungen für den höheren Staatsdienst absolviert, dem Kaiser treu ergeben Zopf getragen und ein Leben in Wohlstand geführt. Doch als er im Jahr 1881 südlich der Stadt Schanghai zur Welt kam, wackelte der Thron bereits erheblich.

Hungersnöte und Aufstände im Innern und fortgesetzte Angriffe der europäischen Grossmächte auf die Souveränität Chinas hatten die verkrustete Monarchie vor Herausforderungen gestellt, auf die sie keine Antwort wusste. Dabei war die Diskussion über politische Alternativen, über Bürgerrechte und Landreform in der Gesellschaft längst im Gang. Denn mit den «ausländischen Teufeln» waren auch neue Ideen ins Land gekommen.

Wie gern hätte er damals im Westen studiert, doch dafür fehlte dem wissenschaftshungrigen Spross einer verarmten Beamtenfamilie das Geld. Er besuchte die Schule für Bergbau und Eisenbahnwesen in Nanjing, lernte Deutsch und Englisch und zog 1902, ein Stipendium in der Tasche, zum Medizinstudium nach Japan.

Bald fragte er sich jedoch, was all der wissenschaftliche Fortschritt seinem Land nützte, wenn sich in den Köpfen der ChinesInnen nichts änderte. Es bedurfte dringend einer neuen Moral, einer neuen Kultur! Und so studierte er Literatur und Philosophie und begann, europäische Schriftsteller (später auch marxistische Theoretiker) ins Chinesische zu übersetzen.

Ins öffentliche Bewusstsein trat er jedoch erst, als sich nach dem Sturz des Kaisers die junge Republik gründlich desavouiert hatte. Der japanfreundliche, bürgerliche Regierungskurs erzürnte die Menschen derart, dass es 1919 landauf, landab zu heftigen Protesten kam. Mit seinem «Tagebuch eines Verrückten» – einer satirischen Kurzgeschichte, verfasst «im Jargon der Fuhrleute und Bohnenmushändler» (wie Kritiker lästerten) – wurde er zu einer herausragenden Stimme der neuen Kulturbewegung, aus der 1921 die Kommunistische Partei Chinas hervorging. Unermüdlich hielt er in Geschichten und Gedichten der traditionsverhafteten Gesellschaft den Spiegel vor und warb in Essays für eine weltoffene chinesische Moderne ohne Selbstverleugnung.

Wer war der unabhängige linke Literat, der Chiang Kai-sheks Schergen entkam und kurz vor seinem Tod 1936 verfügte: «Bitte keine Grabreden. Vergesst mich, und kümmert euch um euer eigenes Leben – wenn nicht, seid ihr selbst schuld.»?

Wir fragten nach dem chinesischen Schriftsteller und Übersetzer Zhou Shuren (1881–1936), der unter dem Namen Lu Xun berühmt wurde. Er gilt als Begründer der modernen chinesischen Literatur. Sein Wunsch, kein Aufhebens um seine Person zu machen, erfüllte sich nicht: Obwohl Lu nie Mitglied der Kommunistischen Partei war, erklärte ihn Mao Zedong umgehend zu einem «Heiligen ersten Ranges» und erhob ihn während der Kulturrevolution 1966 bis 1976 zum geistigen Führer.

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