Nr. 01/2017 vom 05.01.2017

Wie man es heimzahlt (oder nicht)

Schulden als soziales Verhältnis: Der Zürcher Historiker Mischa Suter liefert mit seinem Buch «Rechtstrieb» eine Sozialgeschichte der Schulden und ihrer Vollstreckung.

Von Raul Zelik

Dass der Kapitalismus untrennbar mit Schulden verbunden ist, hat nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 gezeigt. Diese wurde bekanntlich durch ausgefallene Immobilienkredite in den USA ausgelöst und setzte sich dann als staatliche Überschuldungskrise in Südeuropa fest.

Schulden sind dabei weder von einer dubiosen «Gier» noch von einer mangelnden Weitsicht der Marktteilnehmer verursacht. Nein, dem Kapitalismus ist das Schuldenmachen notwendig eingeschrieben. Denn Investitionen sind Wetten auf die Zukunft, und da UnternehmerInnen nur selten ausreichend eigenes Kapital zur Verfügung steht, müssen sie sich fremdes leihen. Ohne Finanzwesen, Spekulation und Konkurs wäre die uns bekannte Geschichte von Welthandel, rasantem Wachstum, millionenfacher Sklaverei und technologischer Innovation nie geschrieben worden.

Zu jeder Schuld gehört ein Vermögen

Mischa Suter nimmt in seinem Buch «Rechtstrieb» allerdings nicht die grossen globalen Zusammenhänge, sondern im Gegenteil die kleinen, kapillaren Praktiken unter die Lupe. Es geht ihm um die Frage, wie im 19. Jahrhundert in der Deutschschweiz Schulden verwaltet, bearbeitet und vollstreckt wurden. Eine Sozialgeschichte also, der anzumerken ist, dass sie für den Wissenschaftsbetrieb geschrieben und als Dissertation eingereicht wurde. Dennoch kann man «Rechtstrieb» auch als NichthistorikerIn mit Gewinn lesen. Suter lässt sich nämlich nicht in der Streichholzschachtel des Wissenschaftsbetriebs einsperren, sondern befragt seinen Untersuchungsgegenstand mit einer Vielzahl unterschiedlicher theoretischer Instrumente. Dabei überprüft er – ganz nebenbei und ohne grosse Erklärung – auch die Aussagekraft dieser gesellschaftskritischen Theorien.

In diesem Sinn ist «Rechtstrieb» vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Suter fragt zunächst beschreibend, wie sich das «Verhältnis von individuellen Rechten, persönlicher Freiheit und Autoritätsstrukturen» durch Schuldvollstreckung verschiebt. Schon hier bezieht er gleichzeitig auch eine feministische Perspektive mit ein, etwa wenn er zu rekonstruieren versucht, was es für Geschlechterbeziehungen bedeutet, wenn Männer durch einen Konkurs Bürgerrechte verlieren und Frauen zu Familienvorständen werden. Suter erörtert, wie Schulden, die ja immer auch ein soziales, sprich Klassenverhältnis sind (zu jeder Schuld gehört ein Vermögen), eine bestimmte Subjektivität hervorbringen. Und in einem nächsten Schritt stellt er auf der Grundlage von Karl Marx die Fragen Michel Foucaults: Wie verläuft die Verrechtlichung des Schuldregimes, und welche Wissensproduktionen gehen damit einher? Man könnte es so formulieren: Suter untersucht, welche Machtformen im Klassenverhältnis des liberalen Kapitalismus entstehen.

Möglichkeiten zum Widerstand

Aber auch hier vollzieht er schnell einen Perspektivenwechsel: Er beschreibt nicht einfach die Instrumentarien zur Erziehung und Disziplinierung der Subjekte, sondern verweist auf die Widerstandsmöglichkeiten von Subalternen. Denn wie Lohnabhängige haben natürlich auch SchuldnerInnen Handlungsmacht. Sie können Regeln umgehen, ihr Konkurs kann die Gläubiger mit in den Abgrund reissen. Geschichte ist immer auch Widerstandsgeschichte.

Suter geht schliesslich noch einen Schritt weiter. Er verlässt den Rahmen seiner Sozialgeschichte zu Exkursen in die Literatur des 19. Jahrhunderts sowie in die anthropologische Theorie. Mit Claude Lévi-Strauss fragt er nach der Rolle von Gabe und Tausch, mit Edward P. Thompson nach der Bedeutung moralischer Ökonomie.

«Rechtstrieb» bleibt natürlich eine Arbeit aus dem Wissenschaftsbetrieb. Aber das Buch zeigt, dass der Blick auf das Konkrete auch das Verständnis grösserer Zusammenhänge erweitern kann. Suter ist es auf jeden Fall gelungen, eine Fülle gesellschaftskritischer Ansätze überzeugend zusammenzubinden. Es gibt bei ihm keinen zentralen Ansatz, um das soziale Verhältnis «Schulden» zu verstehen. Und das weist als Methode über das Buch und Suters Thema schon deutlich hinaus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Wie man es heimzahlt (oder nicht) aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr